Advent im Hochgebirge, Teil 2

Advent 2022 – die Welt ist aus den Fugen. Die Weihnachtsmärkte sind brechend voll. Nach drei Coronawintern fallen alle Hemmungen. Die Straßen sind glühweingesättigt. Weihnachtsbeleuchtung scheint keine Energiekrise zu kennen.

Deutschland ist aus dieser unseligen Weltmeisterschaft ausgestiegen. Die Medien haben langsam Mühe, die furchtbaren Nachrichten aus der Ukraine und anderen Teilen der Welt so zu präsentieren, dass sie noch die verdiente Aufmerksamkeit bekommen. Es ist ein Zuviel an Katastrophen überall, die Gefahr des Abstumpfens ist kaum abzuwenden. Unwillkürlich kommt mir Fitzgeralds The Great Gatsby in den Sinn, der 1922 spielt und eine kippende Gesellschaft beschreibt. Die Roaring Twenties. Auch da eine Welt aus den Fugen.

Ich schaue auf Gunnarssons Buch und weiß, dass ich mit Benedikt jetzt ein Stück weitergehe, nach drinnen, wie er schreibt, ins Hochgebirge, dorthin, wo es kalt, gefährlich und einsam ist. Er geht das siebenundzwanzigste Mal diesen Weg, verlässt ganz bewusst seine Umgebung und begibt sich in eine raue Welt, die voller Ungewissheit steckt. Was treibt ihn an? Er steigt aus, er scheint einer Mission zu folgen, die sich wie ein Ritual jährlich wiederholt. Benedikt macht etwas Absurdes, etwas, was nur Menschen tun, die auf einem Grat zwischen Sinn und Wahnsinn wandeln. Er sucht verlorene Tiere, um sie nach draußen zu bringen, dorthin, wo die Zivilisation dafür sorgt, dass sie überwintern können. Ich suche nach Wörtern, die diesen Benedikt beschreiben. Naiv? Nein, das ist er nicht. Idealist? Schon eher, aber auch das trifft nicht den Kern. Abenteurer, nein, das auf keinen Fall. Ich finde noch nicht das Wort, das für ihn passt. Mutig ist er, zweifelsohne, sensibel auch, denn er braucht ein sehr feines Gespür für sein Unternehmen, das nur gelingen kann, wenn er alles genau im Blick hat, was ihn umgibt: die Natur und seine Begleiter. Benedikt steigt auf alle Fälle aus, vielleicht sehen ihn die einen als Spinner, andere bewundern ihn. Aber eines ist sicher: Benedikt ist kein Vertreter eines Mainstream, auch keiner, der den Kick braucht, der es sich beweisen muss. Aber er ist auch kein Altruist, der völlig selbstlos sein Leben dem Tierschutz widmet. Benedikt braucht diese Zeit im Hochgebirge für sich, diese wenigen Tage des Jahres, in denen er frei ist und seinen Weg justiert, mehr oder weniger ausgetretene Pfade nutzend. Benedikt braucht diese Woche für seine eigene Orientierung.

Gunnarsson macht keinen Heiligen aus seinem Benedikt. Er stellt ihn in eine Welt, die ihn oft nicht versteht und die er selbst auch nicht versteht. Der Bauer, der ihn mit Blick auf das Wetter warnt,

stand stumm und ließ ihn ziehen. Da gingen sie, die drei, und ein unsicherer, mit sich selbst, mit ihnen und der Welt unzufriedener Mann blieb zurück, sah ihnen nach und kaute Tabak.

Der Bauer versteht nicht, warum Benedikt so handelt. Und er ist mit sich und der Welt unzufrieden. Umgekehrt versteht auch Benedikt den Bauern nicht:

Vermutlich begriff Benedikt den vorsichtigen Bauern ebenso wenig.

Aber Benedikt scheint nicht unzufrieden zu sein. Zwei Sichtweisen werden hier angesprochen, diametral entgegengesetzt stehen sie hier einander gegenüber. Sie werden nicht aufgelöst. Diese Ambivalenz gibt es immer wieder in der Geschichte, vielleicht ist sie einer ihrer roten Fäden: das aushalten, was unvereinbar ist. Wir erfahren, dass Benedikt ein Knecht war, ein Dienstknecht. Das Wort macht stutzig. Was soll ein Knecht anderes tun als dienen? Ich gäbe etwas darum, wenn ich Dänisch könnte und das Original vor mir hätte. Ein Knecht dient, das ist nun einmal seine Aufgabe. Was soll mir diese Hyperbel sagen? Vielleicht ein Hinweis darauf, dass Benedikt gerade, weil er so unfrei ist, sich (s)eine Freiheit verschafft und damit beweist, das autonomes Denken auch in einer Knechtschaft möglich ist.

Den Sommer über arbeitete er gegen Lohn auf dem Hof, wo er das ganze Jahr wohnte. Im Winter besorgte er dort die Schafe gegen Kost und etwas Kleidung. Nur kurze Zeit im Frühjahr und Herbst und dann während seiner Bergwanderung vor Weihnachten war er sein eigener Herr.

Sein eigener Herr sein. Hier ist er es, der bestimmt, hier erledigt er nicht Aufträge, sondern gibt sich selbst welche. Eine Woche im Jahr ist ihm Quelle fürs ganze Jahr, und das schon lange. Wir erfahren sein Alter:

Nun, jedenfalls war er jetzt schon ein älterer Mann, vierundfünfzig, da gab es für ihn nicht mehr viele oder lange Irrwege, auf denen er sich verlaufen konnte.

Sind Vierundfünfzigjährige ältere Menschen? Ich spüre inneren Protest in mir. Damals, in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in denen die Geschichte spielt, vielleicht schon, aber heute wirklich nicht mehr. Benedikt hat in all den Jahren Erfahrung angesammelt, ist sicher weiser geworden. Aber ist er deshalb gefeit vor Irrtümern? Beileibe nicht. Das ist wohl der isländische Humor, der hier zuschlägt. Mit siebenundzwanzig geht Benedikt das erste Mal am ersten Advent ins Hochgebirge. Da ist er jung und kräftig, vielleicht noch wirklich Idealist und Abenteurer in einem. Er erinnert sich:

Siebenundzwanzig Jahre – so tief lagen seine Träume verschüttet. Jene Träume, die nur Gott und er selbst kannte. Und die Berge, in die er sie hinausgeschrien hatte in seiner Qual.

Der Satz lässt viel Spielraum, genau das, daran ist erkennbar, was gute Literatur ist. Träume – Gott – Berge – Qual. Vier Worte, die ein Leben umreißen. Ein Kampf, der nicht nach außen dringt, den nur er und Gott und die Berge kennen. Schon damals war er offensichtlich ein Mensch mit Tiefgang. Jedes Mal, wenn er die letzten bewohnten Häuser hinter sich lässt auf seiner Wanderung, nimmt er bewusst Abschied:

… der Abschied von der Zivilisation mahnt ihn immer daran, dass es einmal für immer sein könnte.

Damit ist alles gesagt. Aber Gunnarsson ist das noch nicht genug. Er webt in die Gedankenwelt Benedikts seine eigenen, weit philosophischeren Reflektionen ein und weitet dadurch die Thematik um ein Vielfaches.

Der Mensch hängt an den Seinen, an sich selbst und den Seinen bis über den Tod hinaus und bangt davor, das Leben aus den Händen zu verlieren – dies Wirklichste von allem Wirklichen, dies Erbärmlichste von allem Erbärmlichen, dies Unendlichste von allem Unendlichen; bangt vor der Einsamkeit, auf der sein Selbst beruht, die sein Selbst ist, bangt davor, ohne Mitmenschen ringsum zu sein – und vielleicht von Gott vergessen.

Hier wird es klar gesagt: Die Angst vor der Einsamkeit, die kennt jeder. Auch Benedikt. Aber die Flucht vor ihr bringt keine Lösung. Benedikt stellt sich ihr freiwillig, selbstbestimmt. Im Haus von Sigrid und Pjetur kehrt Benedikt wie jedes Jahr ein, um noch ein letztes Mal Kraft zu schöpfen vor der ungewissen Zeit, die ihm bevorsteht. Es ist ein kleines Fest, das in aller Bescheidenheit gefeiert wird. Ein Wiedersehen. In diesem Jahr gibt es eine unvorhergesehene Störung: Grimsdal und seine Männer klopfen an. Auch sie wollen in die Berge, ihre Schafe einholen. Das bewirtende Ehepaar, insbesondere die Frau, durchblickt die durchaus zweideutige Absicht dieses Besuchs. Die Männer wissen, dass Benedikt in die Berge geht, und nehmen ungefragt an, dass er ihnen helfen können wird, die Tiere zu finden. Selbst haben sie nicht rechtzeitig dafür gesorgt, dass ihre Schafe ins Trockene kommen. Benedikt ist die Absicht klar, aber er geht nicht so streng mit ihnen ins Gericht, wie das Sigrid tut. Er freut sich nicht über die neue, unvorhergesehene Mühe, wie er es nennt, aber er hadert auch nicht damit.

Ihr hättet sie schon vor mindestens einer Woche einbringen sollen“, sagte Benedikt ruhig, aber keineswegs vorwurfsvoll; er stellte es nur fest.

Und dann beginnt der Sturm draußen zu wüten, ein Sturm, der das ganze Unternehmen verzögern wird, da alle die nächsten Tage in dem Schutz der Hütte bleiben müssen. Wenn einem der Wind um die Ohren fegt, heißt es warten, bis sich alles klärt. Keine ganz leichte Botschaft für unsere aus den Fugen geratene Welt. Der Bedeutung des Wartenkönnens wird hier besondere Aufmerksamkeit gezollt.

Wir verlassen nun Sturm und spielende Grimsdals, duftendes Dörrfleisch von Sigrid und wohliges Ausruhen von Knorz im Stall und warten, bis der Sturm seinen Zenit überschritten hat.

Advent im Hochgebirge, Teil 1

Wenn ein Fest bevorsteht, machen sich die Menschen dazu bereit, jeder auf seine Weise.

Ein Satz, der sofort zum Innehalten auffordert. Der uns mitten in die Geschichte stellt und uns darauf vorbereitet, dass sich da einer aufmacht zu einem Fest. Der Titel lässt keinen Zweifel daran, um welches Fest es sich handelt: Weihnachten, ein christliches Fest, zumindest war es das vorrangig zu Zeiten, in denen Gunnarsson schrieb. Er kannte keine Season’s Greetings. Der Satz birgt auch noch ein Geheimnis: … jeder nach seiner Weise. Da ist so eine wunderbare Offenheit drin, da ist keine Enge zu spüren, keine Wertung.

Gunnarsson nennt seinen Protagonisten Benedikt, der Name ist Programm. Benedikt, der „bene dicere“ der gut spricht, der eine Wohltat begeht. Zur Vorbereitung des Festes gehört es zu Benedikts Leben, dass er Jahr für Jahr dem gleichen Ritus folgt: Er geht im Advent ins Gebirge, um die Tiere zu retten, die beim Einsammeln im Herbst nicht aufgefunden worden sind. Das ist nun wirklich eine bärig schwere Arbeit und eine gefährliche noch dazu. Denn zu der Jahreszeit ist es im Hochgebirge einsam und das Wetter kann jeden Tag dazu führen, dass etwas passiert, was den Rückweg versperrt. Und trotzdem liegt in diesem Bild noch etwas anderes. Benedikt macht sich auf, das zu suchen, was verloren gegangen ist. Ich füge an: In seinem Leben? Er will das aufsammeln, was ihm wichtig ist. Ja, er will es retten.

Sie (Anmerkung U.M.: die Schafe) sollten nicht dort drinnen erfrieren oder verhungern, nur weil niemand sich die Mühe gab oder es wagte, sie zu suchen und heimzubringen. Auch sie waren lebendige Geschöpfe. Und er fühlte gleichsam eine Art Verantwortung für sie.

Ich halte beim Lesen inne. Für Benedikt sind die Tiere dort drinnen. D. h. in der Natur. Und der Mensch steht hier außerhalb. Eine ungewöhnliche, nachdenklich machende Betrachtung. Das Wort Verantwortung sticht heraus. Benedikt fühlt sich verantwortlich für die Tiere, die im Hochgebirge herumirren und denen der sichere Tod droht. Aber ist es nicht verantwortungslos, sich selbst in Gefahr zu bringen, um ein Schaf zu retten? Darüber macht sich Benedikt offensichtlich keine Gedanken. Wir wissen nichts von ihm, weder wie alt er ist noch wo er lebt, was sein Beruf ist, ob er Familie hat. Wir wissen nur:

Sein Ziel war also ganz einfach, sie aufzufinden und unversehrt unter Dach und Fach zu bringen, ehe das große Fest seine Weihe über die Erde und Frieden und Wohlgefallen in die Herzen der Menschen senkte, die ihr Möglichstes getan haben.

Ich weiß nichts darüber, ob Gunnarsson Christ war. Das spielt hier aber auch keine Rolle. Er nutzt das biblische Vokabular, benennt Weihe, Frieden und Wohlgefallen, diese Worte werden übertragen, treten aus dem rein christlichen Kontext heraus. Da ist auch von den Herzen der Menschen die Rede und zwar von denen, die ihr Möglichstes getan haben. Was heißt das? Wann kann ich sagen, dass ich mein Möglichstes getan habe? Wieder höre ich mit dem Lesen auf.

Benedikt geht ohne einen anderen Menschen in die Einsamkeit der Berge. Seine Begleiter sind ein Hund und ein Leithammel: Leo und Knorz. Vom Hund heißt es, er sei ein wahrer Papst. Ich muss schmunzeln. Wie stelle ich mir denn einen päpstlichen Hund vor? Die Geschichte der Päpste, auf die wir zurückblicken, ist ambivalent. Da kommen mir Worte wie Macht, Unfehlbarkeit, Pomp in den Sinn. Aber auch Verantwortungsbewusstsein, Güte und Demut. Ich bin mit Hunden groß geworden. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen von ihnen mit einem Papst zu vergleichen. Das Bild bleibt für mich verschwommen. Aber ich kann viel damit anfangen, dass die drei Weggenossen unzertrennlich werden, dass sie einander so vertraut sind, dass allein dies ihnen die Sicherheit gibt: Der eine passt auf den anderen auf, jeder hat dabei die Aufgabe, die er am besten erfüllen kann. Und dann schreibt Gunnarsson den bedeutsamen Satz:

Sie kannten einander mit jener tiefgründigen Bekanntschaft, die vielleicht nur zwischen einander fernstehenden Tierarten möglich ist, wo kein Schatten des eigenen Ichs, des eigenen Blutes, eigener Wünsche und Begierden verwirrend oder verdunkelnd dazwischen tritt.

Mir gefällt das Bild des Schattens des eigenen Ichs, die dunkle Stelle, die ich durch meine Person zurücklasse. Wann geschieht das? Diese Frage kann ich auf einen Spaziergang mitnehmen. Vielleicht finde ich Antwort. Hier jedenfalls fällt weder ein Schatten des eigenen Ichs, des eigenen Bluts oder eigener Wünsche. Die drei bilden eine paritätische Gemeinschaft, eine Gemeinschaft, die nur überlebt, wenn sie danach lebt, dass jeder auf den anderen aufpasst.

Meine Gedanken schweifen ab. Das Gedicht von Bert Brecht kommt mir wieder in den Sinn, das mein Mann und ich zu unserer Hochzeit auf der Einladungskarte stehen hatten:

Der, den ich liebe
hat mir gesagt,
dass er mich braucht.

Darum gebe ich auf mich Acht
sehe auf meinen Weg und
fürchte von jedem Regentropfen,
dass er mich erschlagen könnte.

Benedikt kannte das Gedicht nicht, aber er hätte der Aussage zugestimmt.

Gunnarsson fügt noch einen Vierten im Bunde ein: das Pferd Faxe, das aber im Stall bleibt, denn es hat offensichtlich nicht die Konstitution dafür, den beschwerlichen Weg mit zu gehen. Auch hier scheint das Bewusstsein für Verantwortung durch. Die drei trennen sich bewusst von einem, der zu ihnen gehört und den sie vermissen. Und sie werden bei all ihrem Tun auch daran denken, dass Faxe auf sie wartet und sie sehr, sehr aufpassen müssen, dass ihnen nichts zustößt.

Die drei machen sich auf, jeder nach seiner Art. Es ist kalt, die Schneedecke ist dünn. Sie gehen langsam und nehmen sich Zeit für einen Gruß an den Höfen, die am Weg liegen, halten sich dort aber nicht lange auf. Sie kennen ihr Ziel und wissen: Wir dürfen nirgends hängenbleiben, sonst erreichen wir dieses Ziel nicht. Man versorgt sie, gibt ihnen einige Schluck Mich zu trinken. Dann kommt immer wieder dieselbe besorgte Frage nach dem Wetter, meist mit Blick zum Himmel. Jedem ist klar: Was Benedikt, Leo und Knorz machen, das ist gefährlich. Man vermeidet den direkten Blick, man versucht es mit einem Scherz, der Köter werde schon den Weg finden … Benedikt reagiert klar und überzeugt:

Das können wir alle drei.

Er lässt sich nicht beirren. Er weiß, dass die Suche nur erfolgreich ist in der Gemeinschaft und er weiß auch, dass Angst oder Abschieben von Verantwortung da keinen Platz haben. Er deutet an, dass Zeit genug da sei, dass Leo das Leckerli, das ihm der Bauer gegeben hat, in Ruhe verspeisen könne und gleichzeitig erfahren wir Leser, dass dieser Benedikt keine Zeit gehabt hat, in die Kirche zu gehen. Diese fehlte ihm heute, am ersten Advent. Es gibt einen klaren Grund: Er will zu vernünftiger Stunde ankommen. Er plant mit Bedacht ein, dass die vor ihm liegenden Etappen Kraft kosten und er daher jede Stunde des Tages bewusst nutzen muss. Für die Kirche bleibt da keine Zeit. Wofür steht hier die Kirche?, frage ich mich. Benedikt macht mir nicht den Eindruck, dass er mit Kirche nichts am Hut habe, aber jetzt, für seine Mission braucht er sie nicht.

Am ersten Advent ist diese Wanderung durch das Bauernland bis an den Rand der Heide sein Kirchgang.

Mir gefällt der Gedanke ungemein, dass dieser Benedikt den Raum der Kirche erweitert. Er kennt seinen Text: Matthäi 21 hat er gelesen und er nimmt das Glockenläuten, das Rasenkirchlein und die Auslegung des Pastors in seine Gedanken auf. Für mich heißt das, er ist ihnen nah, auch wenn er anderswo ist. Jeder, der Island kennt, hat hier vielleicht eine der vielen Kirchen vor Augen, auf deren Dach Gras wächst und richtet den inneren Blick auf die meist naheliegenden Berge in der Umgebung. Benedikt geht seiner eigenen Predigt nach und findet zu seinem eigenen Gebet, wenn er die Krater in der Schneewüste um sich betrachtet. Ja, er lässt sogar die Kratermünder sprechen. Er stellt eine rhetorische Frage nach der anderen und lässt mich dadurch in einen Dialog mit mir. Die Natur um ihn ist ein großer Gottesdienst, Benedikt spürt eine Weihe über diesem Sonntag, eine herzbeklemmende Weihe. Oh nein, was ein schockierendes Bild! Warum beklemmend? Wahrscheinlich der unermesslichen unschuldsweißen Feierlichkeit geschuldet, dem stillen Ruhetagsrausch, der unfassbaren, unglaublich verheißungsvollen Stille. Gunnarsson arbeitet hier mit ungewöhnlichen Wortschöpfungen, mit starken Bildern. Benedikt nimmt wahr, detailgenau und diese Wahrnehmung spiegelt das, was für ihn diese Zeit bedeutet, die in dem großen stillen, erstaunlich fremden und doch zugleich so vertrauten Wort Advent zusammenkommt. Mir gefällt diese Beschreibung ungemein.

Im Laufe der Jahre war ihm dieses Wort fast zum Inhalt seines ganzen Lebens geworden.

Advent als Lebensinhalt. Mir wurde beigebracht, dass Advent Anfang heißt. Wenn ich richtig aufgepasst habe, heißt das doch eigentlich, dass ich jedes Jahr wieder neu anfange. Es heißt auch, dass da auch ein Ziel ist. Benedikt geht nicht „just for fun“ in die Berge. Er hat ein Ziel. Und das wird nicht vom Schatten seines Ichs bestimmt.

Schon jetzt, nach wenigen Seiten, macht er mir den Eindruck, dass ich ihn näher kennen lernen will, diesen Benedikt. Ihn und seine Begleiter. Ich freue mich auf diese Adventswanderung mit ihm.

Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge

Man muss ihn nicht kennen, diesen Gunnar Gunnarsson. Aber wenn man einmal anfängt, ihn zu lesen, besteht Suchtgefahr.

Er beginnt 1910 zu schreiben. Königssohn. Eine alte Geschichte aus Norwegen ist sein erstes Buch, aber nicht das erste, das er veröffentlicht. Er debütiert mit Die Leute auf Borg, ein mehrteiliger Roman, der ihn gleich berühmt macht. Und dann schreibt er ein Buch nach dem anderen, meist auf Dänisch. Erst spät, 1940, publiziert er sein erstes Werk in seiner Muttersprache Isländisch. Die Gesamtausgabe seines Werkes beträgt acht dicke Wälzer. Schwarze Vögel, erschienen 1929, giltbis heute als Islands Krimi Nr. 1. Schnell erscheinen deutsche Übersetzungen seiner Bücher: Advent im Hochgebirge ist hierzulande sein bekanntestes Werk.

Wer ist dieser Gunnar Gunnarsson? Warum kennen wir ihn nicht oder kaum?

Geboren wurde er 1889 in Fljótsdalur als Sohn von Bauern unweit vom Hengifoss, einem der höchsten Wasserfälle Islands. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Als er neun Jahre ist, stirbt seine Mutter, mit achtzehn Jahren geht er nach Jütland in Dänemark, lernt in der dortigen Volkshochschule Dänisch und heiratet 1912 Franzisca Jörgensen.

Er will Dichter werden. Ein Mann, ein Wunsch, ein Ziel. Daher lernt er Dänisch in extrem hoher Geschwindigkeit und sehr erfolgreich. Er will nicht nur das isländische Publikum erreichen.

1938 ziehen die Gunnarssons zurück in den Nordosten Islands, später lassen sie sich in Reykjavík nieder. Hier beginnt er, seine Werke ins Isländische zu übertragen. Den Nobelpreis, für den er insgesamt achtmal vorgeschlagen wurde, hat er nie bekommen. Aber er gilt als einer der wichtigsten Autoren Islands. Gunnar Gunnarsson stirbt 1975 im Alter von 86 Jahren.

Jón Kalman Stefánsson, einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Islands schreibt in seinem Nachwort zum Advent im Hochgebirge:

In der Literatur jedes Volkes existieren Werke, die wir ihre Gipfel, Höhepunkte oder Markensteine nennen könnten, und sie sind den Leuten so bekannt, dass man sie gar nicht mehr eigens erwähnen muss. (S. 86)

Der Advent im Hochgebirge gehört nach Stefánsson eindeutig dazu. Er verweist darauf, dass heutige isländische Leser Gunnarsson dreifach lesen können: Zum einen im Original in Dänisch, sofern sie der Sprache mächtig sind, dann in der Übersetzung von Halldór Laxness oder aber in der isländischen Ausgabe, die Gunnarsson als alter Mann selbst anfertigte. Drei Werkausgaben, keine ganz einfache Entscheidung.

Egal wie, Gunnarsson lebt in zwei Welten, der Dänemarks und der Islands. Aber Schauplatz seiner Literatur ist ausschließlich die Stille Islands. Dort befindet sich seine innere Heimat.

Der Advent im Hochgebirge führt Leserinnen und Leser mit Benedikt, seinem Hund Leo und dem Hammel Knorz zusammen. Sie werden im Laufe des Lesens zu Freunden. Allein in den USA wurden binnen kurzem 250,000 Exemplare verkauft und immer wieder wird die Vermutung geäußert, Hemingways habe sich seinen Anstoß zu Der alte Mann und das Meer von Gunnarsson geholt.

Gunnarsson geht oft von einer wahren Begebenheit aus, so auch hier. Um diesen Kern herum baut er eine wunderbare Geschichte auf. Stefánsson schreibt in seinem ausführlichen Nachwort einen bemerkenswerten Satz, der mir aus dem Herzen spricht:

Es bereitet natürlich Vergnügen, die Vorgeschichte eines Buches in Erfahrung zu bringen, die Vorbilder für seine Figuren kennenzulernen, das Ereignis, das die dichterische Einbildung derart inspirierte, dass eine eigene Welt neben der wirklichen entstand, all das ist Wissen, das Spaß macht und erfreut, und doch ist es nur nebensächlich, Tand, Beiwerk, denn worauf es ankommt, das ist die Welt im Buch, das Literarische, und nur darauf sollte man ein Buch lesen, damit steht oder fällt es, und mit nichts anderem. (S. 94)

„Ja, ja, ja“, rufe ich ihm zu. Weg mit den Kommentaren, rein ins eigene Erleben. Das ist viel schöner und auch viel ergiebiger. In diesem Sinne starten wir. Mal sehen, wohin uns dieses Experiment bringt.

Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge, übersetzt von Helmut de Boor, Stuttgart (Reclam) 2020

Literaturreise zu den Kronen der Toscana: Dante, Petrarca, Boccaccio

Die Reise auf den Spuren der „drei Kronen der Toskana“ war zum einen eine Reise in eine lang vergangene Welt, die aber enorme Wirkung noch auf unser Heute hat, zum anderen eine Reise voller sinnlicher Eindrücke – es geht durch und durch, wenn man an dem Ort sitzt, an dem Dante zu seinen Texten inspiriert wurde oder das Ambiente um sich hat, in dem der Decamerone von Boccaccio entstanden ist –. Zum dritten war es eine Reise in eine grandiose Umgebung, die uns die „dolce vita“ von greifbar macht.

In Florenz waren wir mitten in der Stadt, sogen geradezu permanent das quirlige Leben auf und spürten vielleicht gerade dadurch erst Recht den großen Unterschied zu den Zeiten, in denen die drei Dichter wirkten. Die ersten Teile des großen Puzzles „mittelalterliche Welt der drei Dichter“ kamen zusammen, unser Hotel war ein alter Palazzo, der viele Geschichten kennt und in dem sich Geschichte bildet. Einige setzten sich auf den Stein, von dem aus Dante den Bau des Doms beobachtete. In lebhafter Erinnerung bleibt die vielstimmige Einführung von Frau de Mars in das Werk Dantes, in seine „Vita nova“, in der Dante schildert, was sein Leben neu gemacht hat: die Liebe zu Beatrice.

Und dann Boccaccio: Ihn zu lesen in einem paradiesisch schönen Garten am Rande der Stadt lässt ahnen, wie es den zehn jungen Menschen gegangen sein muss, als sie von der Pest aus der Stadt flohen und der Decamerone entstand. Beim Besuch des Archivs der EU wurde zwar nicht die Zeit aufgegriffen, die wir im Fokus hatten, sehr wohl aber die Frage diskutiert: Wie erkenne ich ein Originalmanuskript? Wie sortiere ich aus, wenn ich eine Fülle an Texten habe? Wer entschied damals? Wer entscheidet heute? Was muss geschehen, damit ein Text archiviert wird?

Unsere Fahrt nach Arezzo mit dem Bus hatte immer wieder beeindruckende Haltepunkte. Nicht zuletzt den wunderbaren Park, in dem wir frisch gepresstes Olivenöl und herrlichen Wein kosteten.

Wie schön war der Nachmittag dort zu Boccaccio und den Fragen, wie wir heute solch alte Texte angehen, die zum einen schwer (Dante) und zum anderen vielleicht als zu leicht (Boccaccio) empfunden werden. Hier klang erstmals die wichtige Frage an, wodurch eigentlich gute Literatur sichtbar ist.

Arezzo hat seine Seele noch nicht an den Tourismus verkauft, dafür wirbt die Stadt. Dort wurde Petrarca geboren, hier ist die Accademia Petrarca, die wir besuchten. Petrarca, der dem Humanismus den Kick gab und den wir gerade heute, wo die Welt nach einem neuen Humanismus schreit, so dringend bräuchten. Der Petrarkismus wurde zu einer europäischen Bewegung. Petrarca blieb nicht in der Toskana, mehr als seine beiden anderen Dichterkollegen prägte er die Lyrik der Zeit. Und wir nutzen die Gelegenheit, auf der grandiosen Dachterrasse des Hotels Petrarca zu verstehen.

Fazit: Die Reise hat einige Puzzleteile zusammengefügt. Das Bild der drei Dichter ist greifbarer geworden aber sicher noch lang nicht komplett. Die Lust, sich mit ihnen zu beschäftigen und auch den Wert fürs eigene Leben zu erkennen, den die Lektüre bringt, diese Erkenntnisse werden bleiben.

Spielarten des Humors
Literarische Paradestücke

Der Humor ist der Regenschirm der Weisen (Erich Kästner)

Manchmal kommt er überraschend, manchmal versteckt, manchmal ist er schwarz und manchmal sehr subtil: Immer gilt, wo Humor ist, da atmen Menschen auf, da werden Ventile geöffnet und da sprießt Kreativität. Wohl dem, der humorvolle Menschen um sich hat und selbst auch die Gabe besitzt, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

Gerade in Zeiten, in denen einem das Wasser bis zum Hals steht, kann Humor Wunderbares leisten: Man schmunzelt. Vielleicht lacht man sogar, – und schon geht’s besser.

Die Weltliteratur ist voller wunderbarer Episoden, in denen der Humor sein ganzes Können zeigt. Bisweilen ist er auch in Geschichten, die alles andere als lustig sind, aber mit viel Humor erzählt werden. Das Buch bietet einige Paradestücke, pragmatisch, schräg oder pointiert kommentiert.

Ulrike Mielke: Spielarten des Humors – Literarische Paradestücke
Heidelberg 2022, 244 Seiten
ISBN: 978-3-756526-70-3
Preis: 19,50€

Erhältlich in allen Buchhandlungen, online bei Internetbuchhandlungen und bei der Autorin.

Einige Interessenten haben nach einer ebook-Fassung gefragt, sie ist ebenfalls über die gängigen Vertriebskanäle erhältlich, ISBN 978-3-754106-22-8, Preis 11,99€.

Dr. Ulrike Mielke

literatur@mielke-hd.de

www.mielke-hd.de

In der Rhein-Neckar-Zeitung vom 10.10.2022 finden Sie eine Besprechung des Buches von Frau Salomon.

Literarisch unterwegs in Salzburg und Bad Gastein

Eine Reise zu den Quellen der Inspiration für Literatur, Film und Musik

(4.6.-11.62022 und 19.6.-25.6.2022)

Begeisterung pur spürten beide Reisegruppen, die jeweils eine Woche auf literarischer Spurensuche in Salzburg und Bad Gastein unterwegs waren. Das Zusammenspiel von beeindruckenden Kulissen, kulturellen Hotspots, Thermen und Bergen ergibt seit jeher ein anregendes Gemisch, daher kamen und kommen gerade Literaten und Künstler sehr gern und teils auch sehr lang in diese Region.

Vom Johannesschlössel auf dem Salzburger Mönchsberg begab sich die Gruppe auf Spuren von Stefan Zweig, Georg Trakl, Thomas Bernhard und gegenwärtigen Autorinnen und Autoren unter fachkundiger und engagierter Leitung von Frau Inez Reichl de Hoogh. Ein sehr stimmungsvolles Konzert im Marmorsaal von Schloss Mirabell und eine literarische Betrachtung aus Zweigs Werken im wunderschönen Garten des Johannesschlössel rundetem die beiden Salzburger Tage ab. Aber dann kam ein spontanes Highlight dazu: Der Besuch in der Galerie von Michael Ferner, der uns zu einem Glas Sekt einlud und die Überraschung parat hatte, dass Texte aus Katharina Ferners Neuerscheinung vorgetragen wurden und Marko Govorcin für fetzige musikalische Umrahmung sorgte.

Konnten dies Eindrücke aus Salzburger überhaupt noch getoppt werden, so die Frage von einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ja, das geht in Bad Gastein. Die Gruppen wurden fürstlich im Hotel Excelsior empfangen und bewirtet und nun folgte ein Highlight dem nächsten. Elisabeth Kröll spazierte Geschichten erzählend mit uns zur Himmelwandhütte und gab bei einem weiteren Treffen Einblick in die vielen Persönlichkeiten, die Gastein seit je empfangen hat, und in die vielen Filme, die dort gedreht wurden und werden. Hans Naglmayr stellte in einem inspirierenden Vortrag den Nationalpark Hohe Tauern vor. Ich selbst führte auf der Himmelwandhütte, im Bergrestaurant des Stubnerkogl, auf der Nassfeldalm und in der hoteleigenen Kapelle durch markante Texte, die in Gastein entstanden sind: Wilhelm von Humboldts Briefe, in denen er sein Ideal von Bildung erläuterte, Nikolai Gogols „Nach dem Theater“, das ohne die Gasteiner Atmosphäre der ehemaligen Wandelhalle wohl nicht zustande gekommen wäre, Lyriker, allen voran der Minnesänger Neidhart von Reuental, Grillparzer und auch die Gedichte von Kaiserin Sissi und schließlich Hermann Burgers „Wasserfallfinsternis von Bad Gastein“, mit dem er den Bachmann Preis gewonnen hat.

Schnell war klar: Diese Reise wird erneut angeboten, vom 17.-24.6.2023. Und ich bin dankbar, dass ich mich dann erneut auf die zuverlässige und herzliche Hilfe von Angelika Schuhmacher verlassen kann, die mich in all den Reisen bereits unterstützt hat. Salzburg und Bad Gastein haben gehalten, was sie versprechen: Inspirationsquelle zu sein. Das haben die Abschlussabende der Gruppen im Excelsior grandios gezeigt. Jedem war klar, dass gerade in Bad Gastein derart viel literarisches Gold auf den Straßen liegt, dass ohne Weiteres ein Literaturfestival Gastein ins Leben gerufen werden könnte. Vielleicht ein Projekt für die Zukunft.

Johann Peter Hebel: Seltsamer Spazierritt

Ein Mann reitet auf einem Esel nach Haus und lässt seinen Buben zu Fuß nebenher laufen. Kommt ein Wanderer und sagt: „Das ist nicht recht, Vater, dass Ihr reitet und lasst Euren Sohn laufen. Ihr habt stärkere Glieder. Da stieg der Vater vom Esel herab und ließ den Sohn reiten. Kommt wieder ein Wandersmann und sagt: „Das ist nicht recht, Bursche, dass Du reitest und lässest Deinen Vater zu Fuß gehen. Du hast jüngere Beine.“ Da saßen beide auf und ritten eine Strecke. Kommt ein dritter Wandersmann und sagt: „Was ist das für ein Unverstand: Zwei Kerle auf einem schwachen Tiere; sollte man nicht einen Stock nehmen und Euch beide hinabjagen?“ Da stiegen beide ab und gingen selbdritt zu Fuß, rechts und links der Vater und Sohn, und in der Mitte der Esel. Kommt ein vierter Wandersmann und sagt: „Ihr seid drei kuriose Gesellen. Ist’s nicht genug, wenn zwei zu Fuß gehen? Geht’s nicht leichter, wenn einer von Euch reitet?“ Da band der Vater dem Esel die vorderen Beine zusammen, und der Sohn band ihm die hinteren Beine zusammen, zogen einen starken Baumpfahl durch, der an der Straße stand, und trugen den Esel auf der Achsel heim.

Hier ist ein beklagenswerter Mann beschrieben, der es allen recht machen will. Offensichtlich kennt er das altbewährte Sprichwort nicht, das da heißt: „Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.“ Der Mann ist mit seinem Sohn unterwegs, wie alt letzterer ist, wissen wir nicht. Sie haben einen Esel dabei, ein Tier, das seit alters genutzt wird, um Lasten zu tragen. Hebel schildert uns humorvoll vier unterschiedliche Situationen, eine paradoxer als die anderes. Man kann die Geschichte geradezu als Parabel auf unsere Coronapolitik lesen. Versuchen wir eine Übertragung:

1. Hier herrscht Hackordnung nach dem Motto: Der Vater spricht: „Ich habe das Sagen und du, mein Sohn, hast gefälligst zu gehorchen.“ DerSohn weiß nicht, ob die väterlichen Entscheidungen sinnvoll sind, es vertraut darauf und ist folgsam. Versteht erdie Maßnahme des Vaters? Wohl kaum. Wir sehen nur: Er macht das, was der Vater sagt.

2. Hier herrscht die Umkehrung des ersten Bildes: Der Sohn reitet und der Vater geht nebenher. Von außen betrachtet ist dieses Bild schräg. Weil eine Stimme kritisch hinterfragt, was der Vater denn mache, verändert dieser flugs sein Verhalten. Auch hier wird nicht nach der Sinnhaftigkeit des Tuns gefragt. Eine Maßnahme wird rigoros ins Gegenteil verändert. Punkt.

3. Das Experiment geht weiter. Beide reiten. Der Esel muss doppelte Last tragen. Hier braucht es noch nicht einmal einen schrägen Menschenverstand, um zu schlussfolgern: Das ist absurd. Diese Absurdität gibt es leider aber nicht nur in der Literatur. Ist das Naivität? Ist das kalte Kalkulation? Hebel schweigt. Aber bei Hebel kommt ein Wanderer daher, und dessen Einwand führt prompt erneut zur Änderung des Kurses.

4. Der Esel wird getragen. Ein völlig irrsinniges Bild. Hier hat die Idiotie der Handlung den Höhepunkt erreicht. Das Lasttier wird getragen. Dieses Bild ist von allen vieren der Gipfel der Groteske und regt deshalb zum Nachdenken an.

Die Geschichte lädt einerseits zum Schmunzeln ein. Zu komisch die Vorstellung, dass der Esel dauernd anders beladen und letztlich getragen wird. Andererseits ist der bittere Unterton nicht zu übersehen. Was ist der tiefere Sinn der Geschichte? Die Kritik der Wanderer richtet sich ja primär gegen das Verhalten des Vaters. Er ist ihr Ansprechpartner, nicht der Sohn. Und was macht der Vater? Er lenkt immer und auch prompt ein. Es kommt kein Einwand. Er bleibt stumm und nimmt die jeweilige Frage stets zum Anlass, sein Verhalten schnell zu ändern. Nirgendwo ist angemerkt, dass ihm die Sicht des anderen eigentlich nicht richtig erscheint oder dass sie ihn ärgert oder zum Widerspruch anregt. Nein, er entscheidet so rasch um, dass ein zwischenzeitliches Nachdenken schwer vorstellbar ist. Wo ist hier der denkende Mensch? Wo ist das Kant’sche „Sapere Aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, das zu Hebels Zeit so intensiv kursiert. Hebel scheint es geradezu verzweifelt zu suchen und trägt in dieser Geschichte so dick auf, dass der Eindruck entstehen muss: So blöd kann doch kein Mensch sein! Hier wird massiv kritisiert, dass eben nicht nachgedacht wird. Es wird gestochert. Das Ergebnis ist entsprechend.

Hebel nutzt in dieser Geschichte das Stilmittel der Steigerung. Wenn der Mensch nicht weiß, was zu tun ist, kann es zu den abstrusesten Wendungen kommen. Er greift nach allem, was ihm begegnet, anders ausgedrückt: Er richtet sein Fähnchen nach dem Wind. Er wählt nicht die Konfrontation, sondern lieber den Weg des geringsten Widerstandes, auch wenn er selbst dabei weit mehr auf sich nehmen muss, als eigentlich sinnvoll ist. Letztlich lädt er sich so viel auf, dass anzunehmen ist, dass das nicht lange gut gehen kann. Friedrich Nietzsche hat einen wunderbaren Text einige Jahre nach Hebel geschrieben, der in die gleiche Richtung geht: Die drei Verwandlungen. In ihnen beschreibt er den Menschen als Kamel, auf das immer noch mehr geladen werden kann. Der Mensch, der sich verbiegen lässt, der aushält, der im Grunde genommen weit mehr als menschlich Mögliches durchsteht. All das ist in dem grotesken Bild des Esels erhalten, der von Menschen getragen wird. Die Geschichte ist eine Anti-Anpassungsgeschichte. Hier tritt Hebel nicht auktorial auf, nein, er wählt das sehr moderne Mittel des Dialogs. Hebel will keine angepassten Menschen, er will Menschen, die überlegen.

Die Coronasituation, die seit Jahren andauert, hat alle diese Stationen durchaus gespiegelt: Folgsames Einhalten dessen, was der Staat sagt, auch wenn eine Maßnahme von jetzt auf gleich verändert wird. Die dritte und vierte Variante von Hebel haben derzeit ihre geradezu traurige Entsprechung: Wieso ausgerechnet jetzt die Verpflichtung zum Tragen einer Maske entfällt, leuchtet schwer ein. Und da hier keine kausale Begründung vorliegt, ist zu erwarten, dass es eventuell noch weitere, noch gesteigerte Absurditäten geben könnte. Wir werden sehen.

Die Geschichte liefert eine große Fülle an Interpretationsmöglichkeiten. Belassen wir es bei den hier angedachten. Möge sie Früchte tragen, in viele Gespräche münden, aktualisiert, mit neuen Inhalten gefüllt werden. In unsere Welt passen vielleicht nicht mehr die Bilder des Esels und der Wanderer, aber diese sind nur Platzhalter.

Johann Peter Hebel hat unzählige solcher Kalendergeschichten geschrieben. Kalendergeschichten gab es schon lange vor Hebel: Sie dienen als Belehrung für das Volk und erzählen Lebensweisheiten, geben Ratschläge, vermitteln Rezepte und vieles andere. Hebel erweitert diese Kalendergeschichten zur epischen Kunstform, die bis heute ­ zum Beispiel von Botho Strauß ­ bedient wird. Zu Hebels Zeiten kommt es regelrecht zu einem Boom der Geschichten dieser Gattung, die zwar einerseits volksnah, andererseits aber auch stilistisch oft sehr gekonnt aufgebaut sind. Allen gemein ist die Pointe am Schluss, die Leserinnen und Leser mitunter dazu bringt, das Ganze nochmals von vorn zu lesen, im Glauben, man habe irgendwo einen wichtigen Hinweis für die Interpretation übersehen. Alle Geschichten Hebels zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine reiche Fülle von Menschenkenntnis spiegeln, in keiner Geschichte gibt es große psychologische Erklärungen. Hebel beschreibt. Hebel wertet nicht. Und Hebel lässt sehr oft das Ende offen. Damit ist er für seine Zeit ein ungemein moderner Dichter. Nicht grundlos wird er als der Vorläufer der Kurzgeschichte gesehen.

Johann Friedrich Hebel veröffentlicht sein Schätzkästlein des rheinischen Hausfreundes 1811 bei Cotta. Fast alle Geschichten sind in den Jahren zuvor bereits in unterschiedlichen Kalendern und Zeitschriften erschienen. Heute gibt es Schmuckausgaben. Die Geschichten gehören zum Kulturgut und auch kritische Denker wie Ernst Bloch, einer der philosophischen Köpfe der Studentenrevolution der sechziger Jahre, zitiert das „Unverhoffte Wiedersehen“ aus dem Schatzkästlein als die schönste Geschichte der Welt. Hebel begeistert noch heute. Kein Schwulst, keine Einfalt, kein Besserwissen, nein, er findet einen Erzählton, der zeitlos ist, der heute noch anspricht. Die Konzentration auf Wesentliches, das schnelle Umschlagen vom Alltäglichen ins Groteske, die nie endende Hoffnung trotz schlechter Vorzeichen, all das macht Hebel zum Dauerbrenner, der nicht unmodern wird.

Johann Peter Hebel, 1760 in Basel geboren, 1826 in Schwetzingen gestorben, ist früh verwaist. Gönner ermöglichen dem gescheiten Jungen eine gute Schulausbildung. Er studiert Theologie, aber sein Wunsch, eine eigene Pfarrei führen zu können, wird nicht erfüllt. Er spielt bei der Vereinigung der lutherischen mit der reformierten Landeskirche Badens zur Evangelischen Landeskirche Badens 1821 eine wesentliche Rolle und erhält daher von der Universität Heidelberg den Ehrendoktortitel in Theologie. 1826, schwer erkrankt an Darmkrebs, nimmt er trotzdem in Heidelberg und Mannheim Schulprüfungen ab und verstirbt bei Freunden in Schwetzingen. Auf dem dortigen Friedhof ist er auch beerdigt.

Die Liste seiner Bewunderer ist lang. Immer wieder wird die Bodenständigkeit seines Werkes betont. Marcel Reich-Ranicki nimmt Hebels Schatzkästlein in den „Kanon der deutschen Literatur“ auf, das Buch gehört auch zur „ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher“. Bis heute gilt es als Fundgrube vieler Autorinnen und Autoren, von denen hier zwei genannt werden sollen: Patrick Roth und W. G. Sebald.

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Stuttgart (Reclam) 1981, S. 116f.

Katharina Johanna Ferner: Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste

An diesem Tag stürmte und schneite es unerbittlich und das Eis am Asphalt war so dick, dass man mit Schlittschuhen zur Arbeit laufen hätte können, aber Anatolij Petrowitsch hatte keine Zeit für solche Späßchen. Er musste dringend der Verlobung seiner Tochter beiwohnen ­ oder noch besser: diese verhindern. Dummerweise hatte seine Tochter von seiner Abgeneigtheit gegenüber ihrem Zukünftigen bereits Wind bekommen und Anatolija deswegen zur Verlobung vorsorglich gar nicht erst eingeladen. Aber nach ein paar Flaschen Jelzin (Anmerkung: Name eines Wodkas) redeten auch Elisawetas beste Freunde gerne und außerdem wurde Anatolij Petrowitsch von den meisten Studienanfängern als Respektperson gesehen, nachdem ihm Putin bei der letzten Schneeräumaktion persönlich die Hand geschüttelt hatte. Er war sogar im Fernsehen gewesen.

Russland brauche mehr Männer wie Tolja“, verkündete der ewige Präsident mit dröhnender Stimme, „tapfere Gehilfen, die Wind und Wetter trotzen würden und dem Volk etwas Gutes täten, also dem russischen. Die anderen können ihren eigenen Dreck zusammenkehren“, lachte Putin, wobei er den letzten Satz natürlich nicht laut sagte, sondern erst später, als er Anatolij zum Abschied noch kurz die Schulter tätschelte. (S. 9)

Der tätschelnde Putin kommt nur einmal in Katharina Ferners Debüt von 2015 vor. Aber wir lernen einen Protagonisten kennen, der unzählige Male im heutigen Russland vertreten ist. Anatolij Petrowitsch, politisch zwar nicht mit der Linie des Landes einverstanden, aber auch nicht bereit, dieser entgegenzutreten, familiär alles andere als auf der Sonnenseite des Lebens unterwegs und auch hier nicht bereit, die Gründe dafür zu suchen. Schon die Eingangsszene zeigt, mit wem wir es zu tun haben: Anatolij Petrowitsch ist ein Mensch, der vom eigentlichen Geschehen nichts mitkriegt, wenn überhaupt, dann zu spät kommt und sich immer wieder in Situationen verfangen sieht, die er nicht versteht, der aber auch nichts dafür tut, diese aufzuklären. Ein tragischer Held, der aber eines weiß: Er will möglichst ungeschoren und ohne Schwierigkeiten sein Leben leben, und dies so gut wie möglich. Dabei zieht er viel zu oft den Kürzeren, wird zum Spielball und gibt alles ab, verliert seine Autonomie. Ja, Anatolij macht sich – und das ist das Tragische ­ leider selbst zur Witzfigur. Katharina Ferner zeichnet seine Ambivalenz fein, subtil und humorvoll. Dass ihn seine Frau mit einem deutschen Diplomaten noch zu Sowjetzeiten verlassen hat, das ist für ihn Geschichte. Dass aber jetzt die Tochter in eine für ihn unangemessene Beziehung schlittert, das will er verhindern, aber er hat dabei keinen Erfolg. Anatolij meint, die Fäden in der Hand zu halten, er glaubt an seine Autorität, sein Ansehen, sein Können usw. Aber im Grunde hat er zu wenig Traute, will auch gar nicht alles verstehen, zögert allzu oft, hat Angst vor dem Machtapparat und ist dadurch ein paradigmatischer Mitläufertyp, einer, der froh ist, wenn es nicht schlimmer kommt, als es schon ist, und einer, der sich nicht vorstellen kann, dass es einmal ganz schlimm kommen kann. Hierin liegt die größte Kritik des Buches. Die Anatolijs dieser Welt sind Legion.

Anatolij gewinnt zwei Tickets für die Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in Sotschi, obwohl er genau weiß, dass er an keiner Lotterie teilgenommen hat. Freude darüber kommt nicht auf, woher diese Tickets stammen, bleibt ungeklärt und er hinterfragt das auch nicht. Er will sie nicht verfallen lassen. Daher nimmt er Michail mit, einen seiner Arbeitskollegen. Anatolij ist durchaus entsetzt, als er das Hotelzimmer sieht, das ihn dazu verdammt, mit dem Arbeitskollegen ein gemeinsames Bett zu teilen. Die ganze Situation ist grotesk: Er ist an einem Ort, an den er nicht will, mit einem Menschen, der ihm nur kollegial nahesteht, und er weiß nicht genau, was das Ganze soll. Seine durchaus erbärmliche Lage wird auf dem Bild über dem Bett gespiegelt:

Über dem Bett in einem schweren Holzrahmen hing ein Porträt des lächelnden Staatsoberhauptes, der mit nacktem Oberkörper vor einem Bären posierte. Anatolij fragte sich, ob der Bär tatsächlich echt war und wie es kam, dass er den Mann vor ihm nicht einfach gefressen hatte. Sein Kollege schüttelte angewidert den Kopf und wollte das Bild entfernen. Es war jedoch nicht möglich, das Bild auch nur irgendwie zu bewegen, weswegen die beiden sich entschlossen, es mit einem Handtuch zu verhängen, von denen im Hotel mehr als genug vorhanden waren. (S. 18f.)

Anatolij arrangiert sich mit allem, was wohl nicht zu verändern ist. Und wenn er Putins Bild schon nicht abhängen kann, dann kann er es wenigstens verhüllen. Diese Haltung ist Programm: Anatolij würde nie weitergehen, als mit Hilfe eines Handtuchs Dinge aus seinem Blickfeld zu entfernen. Zu radikalen Änderungen ist er nicht fähig. Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, zieht trotzdem den braunen Samtanzug aus Zeiten der Sowjetunion an und wird von seinem Kollegen deswegen ausgelacht. Michail ergreift die Initiative:

Er pickte ein paar bunte Hemden und eine schwarze glänzende Hose aus dem Stapel, reichte sie Anatolij und schob ihn mit den Worten: „Husch, husch, ab in die Umkleide!“ ins Badezimmer. Anatolij Petrowitsch fühlte sich zwar höchst unwohl, traute sich aber nicht zu widersprechen. (S. 20)

Diese Haltung ist Programm. Er erträgt ohne Widerspruch einen Zustand, der ihm zuwider ist. Letztlich trägt er eine viel zu enge Hose, die ihn zwar mehr als beengt, dem anderen aber gefällt.

Immer wieder führt Katharina Ferner ihren Helden in solch absurde Situationen. Sie werden zunehmend tragischer. Anatolij wacht am anderen Tag im Hotel nackt neben seinem Arbeitskollegen im Hotelbett auf, ohne zu wissen, wie es dazu gekommen und was vielleicht passiert ist. Er schämt sich für diese Erinnerungslücke und will bloß noch nach Hause. Um seinen Kopf frei zu bekommen, fährt er für zwei Wochen auf die Krim, ein Urlaub, getarnt als Dienstreise. Kaum dort angekommen, wird er von russischen Soldaten aufgefordert, in seinem Zimmer zu bleiben, bis die Aufregung vorbei wäre.

Welche Aufregung?“

Anatolij verstand die Welt nicht mehr. Dass er doch nur hier sitzen wolle und die Sonne genießen. Die Soldaten schüttelten den Kopf. (S. 32)

Von der Annexion kriegt er nichts mit oder will nichts mitkriegen. Natürlich versucht er sich zu informieren, aber im Hotel gibt es ausschließlich russische Fernsehsender, sein Lieblingssender ist nicht dabei.

Anatolij Petrowitsch bedauerte das, war es doch der einzige Sender gewesen, auf dem man ab und zu etwas Neues erfuhr. Jetzt blieb ihm allerdings nichts anderes übrig, als den russischen Staatssender einzuschalten, wo der Präsident eine feurige Rede hielt. Anatolij gähnte und versuchte herauszufinden, was diesmal verbrochen worden war. Er hatte natürlich von den Demonstrationen gehört, hatte der ganzen Situation aber nur wenig Bedeutung zugemessen. (S. 32)

Kein Staunen, kein Sich-Wundern, kein Hinterfragen, keine Reflexion. Anatolij will nicht länger in seinem Zimmer stillsitzen, er will raus, er will etwas erleben. Voller Tatendrang betritt er den Aufzug, dieser bringt ihn gemächlich Etage um Etage tiefer ­ und hält plötzlich abrupt an. Nichts bewegt sich mehr. Auch hier wiederum eine absurde Situation. Aufgrund von Unruhen gäbe es technische Probleme, ertönt es aus dem Lautsprecher, die ukrainische Nationalhymne bricht ab und dann folgt in Dauerschleife die russische. Anatolij wartet und wartet. Irgendwann setzt sich der Aufzug wieder in Bewegung. Kein Mensch in der Lobby, niemand im Restaurant. Und auch hier kein Sich-Wundern, kein Suchen nach Antworten. Anatolij geht zurück auf sein Zimmer und liest: Der Tag des Opritschniks. Katharina Ferner verzichtet darauf, ihre Leser darüber zu informieren, dass dies ein Buch von Vladimir Sorokin ist, einem, wenn nicht dem schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands. Aber auch diese Lektüre heißt nichts; denn Anatolij schaut von seinem Fenster aus auf die aufgebrachte Menschenmenge auf der Straße und begreift wiederum nichts:

Anatolij Petrowitsch war positiv überrascht von dem Auflauf. Er hatte zwar keine Ahnung, was dieser vor seinem unscheinbaren Hotel zu suchen hatte, freute sich aber, dass endlich etwas passierte und beschloss, sich umgehend ebenfalls in die Menge zu stürzen, um herauszufinden, was es mit dem Wirbel auf sich hatte. (S. 37)

Die Ereignisse nehmen ihren Lauf.

Was geschieht hier? Katharina Ferner schreibt keine Science Fiction. Die Annexion der Krim hatte vor der Niederschrift ihres Buches stattgefunden. Nein. Sie erzählt distanziert Episoden aus dem Leben Anatolij Petrowitsch und verdeutlicht mit leisem Unterton, wie rasch ein Mensch, der sich tunlichst unpolitisch verhält, in gefährliches Fahrwasser kommt, insbesondere in einem Regime, bei dem es auf eine weitere Leiche nicht ankommt. Nicht grundlos erscheint der Verweis am Anfang des Buches:

An die russische Regierung:

Diese Geschichten sind frei erfunden

und ausschließlich zum literarischen Genuß gedacht.

Im Vortext zitiert sie eine Passage aus Bulgakovs Meister und Margarita. Allein dieser Prätext ist die beste Interpretation ihres Romans. Bulgakovs Literatur ist alles andere als nur literarischer Genuss, Bulgakov nutzt sein literarisches Können für beißende politische Kritik.

Aus der Sicht der einfachen Menschen à la Anatolij entwickelt Katharina Ferner die groteske Komik der gesamten politischen Situation. Was von außen gut sichtbar ist, was scheinbar allen anderen offensichtlich erscheint, ist diesem Anatolij nicht greifbar. Er lebt sein Leben, als habe er gar nicht verstanden, was um ihn herum geschieht. Und ja, da ist viel schwarzer Humor im Spiel, denn die Ereignisse des Jahres 2022 führen die Konsequenzen des Handelns von Anatolij in erschreckender Weise vor Augen. Der Roman zeigt uns noch viele Facetten von Anatolij. Manchmal bleibt einem dabei das Lachen im Hals stecken, gerade dann, wenn die Maskerade allzu dick aufgetragen ist. Was ist eigentlich nötig, damit diesem Menschen endlich die Augen aufgehen? Der Anblick von gefolterten Kollegen, ja auch geliebten Menschen, scheint nicht für ein Umdenken auszureichen.

Katharina Ferner ist ein zukunftsträchtiges Buch gelungen, Alice Haring hat dazu ein treffendes Cover gestaltet: Ein Harlekin mit einem Sowjetstern auf dem Kopf, allerdings ist dieser blau. Katharina Ferner schreibt das Buch in einer Zeit, in der sie selbst Slawistik in Wien studiert. Sie, 1991 in Salzburg geboren, hat schon als Schülerin bei den Rauriser Literaturtagen die Lust zum eigenen Schreiben entdeckt und ist inzwischen eine der jungen Stimmen Österreichs, die kreativ neue Wege suchen. 2021 liest sie einen ihrer Texte beim Bachmann-Wettbewerb vor. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Salzburg, schreibt Prosa, Gedichte und Kolumnen.

Katharina Johanna Ferner: Wie Anatolij Petrowitsch Moskau den Rücken kehrte und beinahe eine Revolution auslöste, Wien (wortreich) 2015

Ephraim Kishon. Philharmonisches Hustenkonzert

Zu den begehrtesten Statussymbolen in Israel gehört ein Abonnement für die Konzerte des Philharmonischen Orchesters.

Sein Besitz gilt als Ehrensache für jeden, der in der Lage ist, seiner Frau ein Kleid zu kaufen, oder der selbst Kleider verkauft oder sich in der Export-Import-Branche betätigt oder irgendeine andere Legitimation vorweisen kann, zum Beispiel eine Erkältung.

So beginnt Kishons Hustenkonzert, geschrieben 1967. Prägnant wird beschrieben, wie der Erzähler an eines der begehrten Abonnements des Philharmonischen Orchesters gekommen ist. Begleiten wir ihn in seine Gedankenwelt während eines Konzertes:

Der dritte Abend des Konzertzyklus begann wie üblich. Die Mitglieder des Orchesters stimmten ihre Instrumente (ich frage mich immer wieder, warum sie das nicht zu Hause machen), und der Dirigent wurde mit warmem Beifall empfangen. Er konnte ihn brauchen, denn draußen war es kalt. Unvermittelt hatte der Winterfrost eingesetzt und einen jähen Temperatursturz bewirkt. Tschaikowskis »Pathétique« klang denn auch am Beginn ein wenig starr. Erst als die Streicher gegen Ende des ersten Satzes das Hauptmotiv wiederholten, kam Schwung in die Sache: Ein in der Mitte der dritten Reihe sitzender Textilindustrieller hustete. Es war ein scharfer Sforzato-Husten, gemildert durch ein gefühlvolles Tremolo, mit dem der Vortragende nicht nur seine perfekte Kehlkopftechnik bewies, sondern auch seine flexible Musikalität.

Von jetzt an steuerte der Abend immer neuen Höhepunkten zu. Die katarrhalischen Parkettreihen in der Mitte und ein Schnupfensextett auf dem Balkon, spürbar von der aufwühlenden Hustenkadenz inspiriert, fielen mit einer jubelnden Presto-Passage ein, deren Fülle – eine Ensemblewirkung von natürlichem, wenn auch etwas nasalem Timbre – nichts zu wünschen übrigließ. In dieser Episode machte besonders die auf einem Eckplatz sitzende Inhaberin eines führenden Frisiersalons auf sich aufmerksam, die ihr trompetenähnliches Instrument virtuos zu behandeln wusste und mit Hilfe ihres Taschentuchs reizvolle »Con sordino«-Wirkungen erzielte. Obwohl sie manchmal etwas blechern intonierte, verdiente die Präzision, mit der sie das Thema aufnahm, höchste Bewunderung. Ihr Gatte steuerte durch diskretes Räuspern ein kontrapunktisches Element bei, das sich dem Klangbild aufs glücklichste einfügte.

Ein gemischtes Duo, das neben uns saß, beeindruckte uns durch werkkundiges Mitgehen. Beide hielten sich mit beispielhaft konsequentem Husten an die auf ihren Knien liegende Partitur: »tam-tam« moderato sostenuto, »tim-tim« – allegro ma non troppo. Meine Frau und ich waren von den Darbietungen hingerissen und ließen uns auch durch das Orchester nicht stören, dessen disparate Bemühungen in unvorteilhaftem Kontrast zur Harmonie des Tutti-Niesens standen.

Das nächste Programmstück, ein blässlicher Sibelius, wurde durch den polyphonen Einsatz der Zuhörerschaft nachhaltig übertönt. Ich meinerseits wartete, bis das Tongedicht an einer Fermate zum Stillstand kam und die Bläser für die kommenden Strapazen tief Atem holten, erhob mich ein wenig von meinem Sitz und ließ ein sonores, ausdrucksvolles Husten hören, das meine musikalische Individualität voll zur Geltung brachte.

Die Folgen waren elektrisierend. Der Dirigent, respektvolles Erstaunen im Blick, wandte sich um und gab dem Orchester ein Zeichen, meine Darbietung nicht zu unterbrechen. Er zog auch noch einen in der ersten Reihe sitzenden Solisten heran, einen erfolgreichen Grundstücksmakler, der das von mir angeschlagene Motiv in hämmerndem Stakkato weiterführte. Befeuert von den immer schnelleren Tempi, die der Maestro ihm andeutete, steigerte er sich zu einem trillernden Arpeggio, dessen lyrischer Wohlklang gelegentlich von einer kleinen Unreinheit gestört wurde, im ganzen aber eine höchst männliche, ja martialische Färbung aufwies.

Es ist lange her, seit das Mann-Auditorium von einer ähnlich überwältigenden Hustensymphonie erfüllt war. Auch das Orchester konnte nicht umhin, vor der unwiderstehlichen Wucht dieser Leistung zurückzuweichen und das Feld denen zu überlassen, die in der schwierigen Kunst des konzertanten Hustens solche Meisterschaft an den Tag legten. Das sorgfältig ausgewogene Programm gipfelte in einem Crescendo von unvergleichlicher Authentizität und einem machtvollen Unisono, das – frei von falschem Romantizismus und billigen Phrasierungen – alle instrumentalen Feinheiten herausarbeitete und mit höchster Bravour sämtliche Taschentücher, Zellophansäckchen, vor den Mund gehaltenen Shawls und Inhalationsapparate einsetzte.

Ein unvergesslicher Abend, der so recht den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Konzert und einem künstlerischen Ereignis erkennen ließ.

Wer kennt das nicht? Den Hustenanfall des Nachbarn im Konzert, das ständige Räuspern genau dann, wenn es still sein soll. Und wer hat sich darüber nicht schon einmal geärgert? Kishon dreht den Ärger um. Er lässt den Husten Teil des Konzertes werden und ihn in Interaktion mit dem Orchester treten. Und dabei zeichnet er mit fachterminologischer Kompetenz und klar sichtbarer Ironie ein herrliches Bild von der Gesellschaft, die das Konzert besucht. Wer kriegt hier eigentlich kein Fett ab? Alle werden durch den Kakao gezogen und das gleich in mehreren Musikstücken. Die Pointe ist, dass das Hustenkonzert nicht irgendwo stattfindet, sondern ins Mann-Auditorium verlegt wird, dem größten Konzertsaal Tel Avivs, und dass es sich nicht um irgendein Konzert handelt, sondern um den Auftritt des Israel Philharmonic Orchestra. Selbst da, wo eigentlich nur die hinkommen, die es sich leisten können und die sich zu der besseren Gesellschaft zählen, herrscht Disziplinlosigkeit. Wer hustet, sollte wissen, dass er stört und Konzerten und Theatern fernbleiben. Kishon braucht für diese Botschaft nicht den moralischen Zeigefinger, sondern lässt den Husten selbst sprechen.

Auf die Frage, ob es einen israelischen Humor gibt, antwortet Kishon in steter Regelmäßigkeit: Nein, aber ich lebe davon. Wie sieht der Humor von Kishon eigentlich aus?

Zugegeben, ich kannte lange Kishon ausschließlich mit Texten wie dem obigen. Und ja, da braucht man keine weitschweifige Interpretation, der Humor ist deutlich, er ist leicht zugänglich. Eine israelische Freundin fragte mich in den 1990er Jahren, ob ich auch den politischen Kishon kenne, einen, der weit über Pünktlichkeit ist eine Zier, Brillenputzen, Autokauf und andere Texte hinausgehe, einen, der Position beziehe und von dem tunlichst nicht alles ins Deutsche übersetzt werde. Kishon, der Patriot, Kishon, der Israel als das einzige Land der Welt bezeichnet, in dem er kein Jude ist, Kishon, der klare Verfechter der Politik Rabins. Ich sah plötzlich einen anderen Kishon und begann mich zu fragen, was da los ist. Er, den jeder kannte, kam partout nicht ins literarische Quartett, warum eigentlich nicht? Reich-Ranicki hat doch sonst sehr sorgsam Autoren ausgesucht, die den Holocaust überlebt haben. Im Fall von Kishon hält er sich bedeckt: Kishons Werk sei aus literarischen Aspekten nicht zu beurteilen. Was das genau bedeutet, darüber kann viel spekuliert werden. Vielleicht meint Reich-Ranicki, dass er nicht in die (seine) gerade gültige literarische Auffassung passt. Literarische Wertmaßstäbe ändern sich ja bekanntermaßen. Sie sind von vielen außerliterarischen Aspekten abhängig. Zum Beispiel erfährt ein Wilhelm Busch heute eine weit bessere Bewertung als zu seiner Zeit, aber keiner käme wohl auf die Idee, dies mit seiner literarischen Qualität zu begründen.

Ephraim Kishon, als Ferenc Hoffmann 1924 in Budapest geboren, stirbt 2005 in der Schweiz an einem Herzanfall. Seine Eltern sind assimilierte Juden, im Haus Hoffmann wird weder Jiddisch noch hebräisch gesprochen, man ging auf Distanz zu allem, was Galizisch war. Schon früh zeigt sich die philologische Begabung des Sohnes. Er macht ein glänzendes Abitur, darf aufgrund der „Judengesetze“ nicht studieren und absolviert eine Lehre als Goldschmied, bevor ihn die Nazis 1944 in ein Arbeitslager stecken, aus dem er flieht. Er wird jedoch wieder gefangen, überlebt Todesmärsche und übersteht letztlich nur alles, weil er mit seinen Wächtern Schach spielt und genau auslotet, wann es sinnvoll ist, dabei zu verlieren. Der größte Teil seiner Familie wird in dieser Zeit ermordet. Nach dem Krieg studiert er Kunstgeschichte in Budapest und beginnt, Satiren zu schreiben. Schnell kommt er in Ungarn zu Ehren. Sein Künstlername Kishont bedeutet „kleiner Hont“ ein Verweis auf den historischen Verwaltungsdistrikt Hont und gleichzeitig ein Protest gegen das kommunistische Ungarn, in dem es solche Distrikte nicht mehr gab. Er emigriert nach Israel, als der ungarische Erziehungsminister ihm aufträgt, ein Musical »Über die Führungsrolle des industriellen Proletariats“ zu schreiben. Er, der kein Wort Hebräisch spricht und sich auch nicht als Jude fühlt, weiß, dass nur Israel für Juden Sicherheit bedeutet und kommentiert seine Flucht dorthin mit den Worten: „Nur der Kommunismus kann ein solches Wunder vollbringen.“ Ihm ist bewusst, dass er als Jude keine große Wahl hat. Nicht die Sehnsucht, sondern die politische Überzeugung treibt ihn weg. Erst in Israel wird aus Kishont Kishon. Eine Ausreise aus Ungarn ist für Juden verboten, Kishon und seine damalige Frau lassen alles zurück und flüchten über Tschechien auf das völlig überbelegte Schiff Galiläa. Sie leben eine Zeit in einem Durchgangslager nahe Haifa, bevor sie sich in einem Kibbuz nahe Nazareth niederlassen. Dort arbeitet er als Elektriker, Knecht und Latrinenreiniger. Er weiß, dass er Hebräisch sprechen muss, wenn er ankommen will, lernt mit Schnelligkeit und veröffentlicht von 1952 an dreißig Jahre lang tägliche Kolumnen. Seine internationale Karriere beginnt 1959 mit dem Buch: Drehn Sie sich um, Frau Lot. Er gründet ein eigenes Theater, dreht Filme, lässt sich scheiden, heiratet insgesamt dreimal und steigt zu einem der bekanntesten Satiriker auf. Sein Werk wird in 37 Sprachen übersetzt und erreichte bislang eine Auflage von über 43 Millionen Exemplaren. In der Bundesrepublik Deutschland ist er besonders beliebt, was Kishon, selbst Holocaust-Überlebender, als wahre Ironie der Geschichte sieht. Erst posthum setzt eine wissenschaftliche Betrachtung von Kishons Werk ein, und dabei wird deutlich, wie wichtig er für die Wahrnehmung Israels im Nachkriegsdeutschland war. Kishon, der bewusst in Ivrit schreibt, wird in der jungen Bundesrepublik als Symbol israelischer Literatur wahrgenommen, es ist aber kaum bekannt, dass Ivrit nicht seine Muttersprache war. Kishon schreibt nichts über den Holocaust. Erst 1997 im satirischen Roman Mein Kamm setzt er sich explizit mit der Nazizeit auseinander. Die politischen Texte Kishons werden erst einmal kaum übersetzt. Warum? War Kishon nur Kishon, wenn er unterhaltsam war? An diesem Autor könnte man exemplarisch zeigen, dass Verleger, Übersetzer, Literaturkritiker, also der ganze Apparat, durchaus wesentlichen Anteil am Gesamtbild eines Autors haben können. Und allein diese Überlegung lässt viel Raum für kritisches Nachhaken.

Ephraim Kishon: Alle Satiren, übersetzt von Friedrich Torberg, München (Langen-Müller), 2014

Aristophanes: Die Frösche

Athen befindet sich im fünften Jahrhundert vor Christus in voller Blüte. Der Philosoph Sokrates lehrt auf den Straßen, Literatur und Theater florieren, Perikles baut die Akropolis, die Demokratie entfaltet sich mehr und mehr. Aber die Zeiten ändern sich, als Sparta mächtiger wird. Der attische Seebund zerbricht durch die Niederlage im Peloponnesischen Krieg 404 v. Chr. und damit ist der Abstieg Athens besiegelt. Erst ein Jahrhundert später erlebt es dann in der Zeit von Platon und Aristoteles erneut eine glanzvolle Epoche.

Aristophanes lebt in der Blütezeit des fünften Jahrhunderts vor Christus. Er ist Komödiendichter und beteiligt sich immer wieder an den Dionysien, den Festspielen zu Ehren des Gottes Dionysos, dem Gott der Freude, des Rausches und des Weines. Acht Tage werden kultische Riten praktiziert, Höhepunkt ist der Dichterwettstreit. Um die Dionysien zu organisieren, ist jeweils eine mehrmonatige Vorbereitung nötig. Wer am dichterischen Wettstreit teilnehmen würde, wird dabei erst zwei Tage im Vorfeld bekannt gegeben. Athen fiebert und alles, was Rang und Namen hat, ist auf den Beinen. Der Ablauf der Festivitäten ist streng geregelt. Nach einem Festzug am ersten Tag, nach Opferzeremonien und einem Chorwettstreit ist Tag zwei dem Wettstreit der Komödiendichter gewidmet. An den weiteren Tagen messen sich die Tragödiendichter. Einige wenige Sieger dieser Zeit sind heute noch bekannt, einer von ihnen ist Aristophanes.

Bedenkt man, dass diese Festspiele mehrmals im Jahr stattfanden und stellt man sich vor, wie viele unterschiedliche Komödien und Tragödien zur Aufführung kamen, dann wird man schnell still angesichts der schmalen Zahl der heute überlieferten Stücke. Sophokles, Aischylos, Euripides, Aristophanes und noch einige wenige andere sind uns bekannt. Die weitaus größere Zahl von Dichternamen ist untergegangen. Die Gründe zu erörtern ist interessant: z. B. haben sie es nicht aufs Siegertreppchen geschafft und sind daher nicht bekannt geworden oder sie entsprachen nicht dem Zeitgeschmack oder ihre Stücke sind Opfer der vielen Bücherstürme geworden, die über die antike Welt gefegt sind oder … Es gibt multiple Gründe.

Nun aber Die Frösche von Aristophanes. Ein spannendes und durchaus auch sehr aktuelles Thema greift der Dichter in ihnen auf: Zwei berühmte Autoren, Aischylos und Euripides nehmen gegenseitig ihre Werke auseinander. Dionysios verehrt den kürzlich verstorbenen Euripides und reist daher in die Unterwelt, um ein Gespräch zwischen ihm und dem Altmeister Aischylos zu organisieren, in dem es darum gehen soll, wer der Würdigere sei. Das Treffen findet im Haus von Pluton, dem Gott der Totenwelt, statt. Pfiffig ist diese Idee, ein Gespräch zwischen zwei literarischen Koryphäen anzuregen, heute würde man vielleicht aus deutscher Sicht Wolfgang von Goethe auf Thomas Mann treffen lassen.

Aischylos und Euripides schonen sich gegenseitig nicht, sie liefern sich einen regelrechten Wettstreit mit hohem Unterhaltungswert. Was ist der beste Stil? Welche Inhalte dürfen und sollen angesprochen werden? Gibt es eine ästhetische Grenze der Kunst? Aristophanes greift Themen aus dem Leben seiner Zeit auf, berichtet über das, worüber man sich aufregt und worüber man spricht. Er zeigt uns mit den beiden Schriftstellern auf der Bühne zwei Menschen mit ihren Stärken und Schwächen, aber besonders ihre Makel machen sie sympathisch. Derber Humor paart sich mit feinsinniger Parodie.

Schauen wir uns den Beginn des Gespräches an. Die Reise von Dionysos in den Hades und die damit verbundenen Hindernisse nehmen einen guten Teil des Schauspiels ein. Entnervt durch das Geschrei der Frösche im See, der zur Unterwelt führt und deren Unterhaltung er nicht versteht, kommt Dionysos dort an. Er ist gespannt auf das Gespräch zwischen Euripides und Aischylos und ja, er hofft natürlich auch, dass der von ihm so verehrte Autor Euripides als Sieger aus ihm hervorgehen wird. Werden sich diese Dichter verstehen? Haben sie eine gemeinsame Sprache? Wird er, Dionysos, zu einem klaren Urteil kommen? Oder wird er deren Sprache ebenso wenig verstehen wie die der Frösche? Bei Pluton ist es üblich, dass der würdigste Dichter an der Tafel neben ihm Platz nehmen darf. Dort sitzt gerade Aischylos. Nun setzt Euripides alles daran, diesen von diesem Platz zu verdrängen. Wir blicken in die fünfte Szene:

Euripides: Der Ehrensitz ist mein, ich lass‘ ihn nicht;
Nicht er, ich bin der Meister der Tragödie!

Dionysos: Was schweigst du, Aischylos? Du hörst ihn doch?

Euripides: Erst tut er feierlich, so wie er stets
In seinen Stücken grandios sich spreizt!

Dionysos zu Euripides:
Hör, Menschenkind, du nimmst den Mund zu voll!

Euripides: Ich kenn‘ ihn, ich durchschaut‘ ihn längst, den Schöpfer
Der Ungeheuer, den Posaunenmund,
Unbändig reißend ohne Zaum und Zügel,
Aufsprudelnd, wortgebälkverklammerungskundig!

Aischylos: „Ha, Sohn der Göttin vom“ Gemüsemarkt,
Mir das von dir sagen lassen, du Bühnenlumpensammler,
Du Bettelbrutaushecker, Fetzenstückler!
Dein Wort soll dich verderben!

Dionysos: Aischylos,
Hör auf, erhitze dir die Galle nicht!

Aischylos: Nein, nein, entlarven will ich erst den Vater
Der Krüppelhelden, der so frech mir trotzt!

Dionysos zum Gefolge:
Ein Lamm, ihr Sklaven, bringt ein schwarzes Lamm,
Es steigt ein gräßlich Ungewitter auf!

Aischylos zu Euripides:
Du, der du Hurenmonologe schmiedest
Und in der Kunst die Blutschand‘ eingeschwärzt!

Dionysos: Halt ein, geehrter Meister Aischylos!
Und du geschlagner Mann, Euripides,
Weich aus dem Hagelwetter, sei gescheit,
Eh‘ er mit einem Kernwort dir das Hirn
Zerschlägt, daß dir der Telephos herausspritzt!

Du aber, prüfe ruhig, Aischylos,
Und laß dich prüfen! Dichtern will’s nicht ziemen,
Sich auszuschimpfen wie die Hökerweiber.
Du knatterst gleich wie Eichenholz im Feuer!

Sie schonen sich nicht. Dichtern gezieme es nicht, sich wie Hökerweiber auszuschimpfen. Aber sie greifen zu herbem Vokabular, um sich gegenseitig zu treffen: Wortgebälkverklammerungskundig soll Aischylos sein. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen und nennt Euripides einen Bettelbrutaushecker, einen Fetzenstückler, einen Krüppelhelden, der Hurenmonologe schmiedet. Political corectness? Dieses Phänomen kennt die Antike nicht. Euripides wirft Aischylos maßlose Prahlerei vor und kritisiert, dass er die Zuschauer viel zu lange auf das eigentlich Wichtige warten lässt. Aischylos kontert, dass Dichter doch die Aufgabe hätten, Menschen besser zu machen, ein Ziel, das Euripides weit verfehle, da er eher im unmoralischen Morast versumpfe.

Aischylos: (…) Schändliches soll sorgfältig verhüllen der Dichter,
Nicht ans Tageslicht ziehn und öffentlich gar aufführen: denn was für die Knaben
Der Lehrer ist, der sie bildet und lenkt, das ist für Erwachs’ne der Dichter.
Nur das Treffliche dürfen wir singen.

Euripides: Und du, wenn du Riesengebirge von Worten
Auftürmst und lauter Parnasse sprichst, heißt das wohl, das Treffliche singen?
Man muß doch menschlich auch reden!

Der vollkommen ernst gemeinte Schlagabtausch hat seine komischen Seiten, insbesondere, wenn man ihn sich auf der Bühne vorstellt. Dionysos muss irgendwann eine Entscheidung treffen, welcher der beiden Dichter der würdigere ist. Er weiß, dass er nur einen der beiden mit zurück in die Oberwelt nehmen kann. Diese Entscheidung fällt ihm nicht leicht. Er will den bevorzugen, der der Polis am meisten nutzt. Letztlich überzeugt Aischylos mit einer klareren und verständlicheren Rede. Geschickt baut Aristophanes in die Komödie auch die Themen „Wie bewerte ich Kunst?“ und „Welche Aufgabe haben Dichter?“ ein. Diese Fragen muss sich jede Zeit stellen und nach passenden Antworten suchen.

Die Frösche sind ein Paradestück der Antike, in dem der Slapstick des Anfangs immer mehr in gegenseitige Parodien der Dichter übergreift und hier dann auch die Kenntnis ihrer Stücke vorausgesetzt wird. Die Frösche leben von intertextuellen Bezügen, d. h. die beiden Dichter verweisen ständig auf einen Fundus anderer Werke. Wie reich ist das literarische Leben in ihren Köpfen! Wäre die Komödie heute entstanden, würde sie ohne Probleme als postmodernes Stück durchgehen, das aus ganz unterschiedlichen Zitaten anderer literarischer Texte zusammengesetzt ist. Viele Andeutungen in den Fröschen erschließen sich uns nicht mehr. Das Wissen um die Literatur der Zeit ist weitgehend verloren gegangen. Wenn wir die Komödie heute lesen, interessiert uns die Frage: Welcher Dichter ist es wert, gelesen zu werden? Nach welchen Kriterien gehe ich vor, wenn ich Literatur gut oder schlecht befinde? Aristophanes stellt uns wahrlich keine hoch intellektuelle Diskussion zwischen Euripides und Aischylos vor. Nein, er legt ihnen geradezu lächerliche Argumente in den Mund. Sie nutzen derbe und durchaus auch obszöne Witze und jede Menge neue Wortschöpfungen. Dadurch wird im Grunde die Fragwürdigkeit von literarischer Wertung und erst recht von Preisen komödiantisch beleuchtet.

Aristophanes hat ca. vierzig Komödien geschrieben. Die Frösche entstehen 406 v. Chr. Aristophanisch schreiben heißt mit beißendem, geistvollem Witz schreiben. Bis heute gibt es Adaptionen, besonders zu nennen ist das Musical The Frogs von Stephen Sondheim, das im Swimmingpool der Yale University in den 1970er Jahren Meryl Streep und Sigourney Weaver uraufgeführt wurde. Seit 2004 ist das Musical am Broadway zu sehen.

Aristophanes interessiert, wie sich Gesellschaft verändert. Besonders im Visier hat er all diejenigen, die sich besonders klug wähnen und im Leben komplett versagen. Vielleicht würde er heute sehr erfrischende neue Argumente in das Dauerthema „Darf Kunst alles?“ einbringen. Vielleicht wäre sein Thema heute nicht der Dichterwettstreit, sondern die Frage nach der Qualität der Inszenierung, des Regietheaters und der bewussten Veränderung literarischer Stoffe.

Aristophanes: „Die Frösche“, in: ders.: Komödien. Übersetzt von Ludwig Seeger. Wiesbaden/Berlin: Vollmer Verlag, o. J.