Johann Peter Hebel: Seltsamer Spazierritt

Ein Mann reitet auf einem Esel nach Haus und lässt seinen Buben zu Fuß nebenher laufen. Kommt ein Wanderer und sagt: „Das ist nicht recht, Vater, dass Ihr reitet und lasst Euren Sohn laufen. Ihr habt stärkere Glieder. Da stieg der Vater vom Esel herab und ließ den Sohn reiten. Kommt wieder ein Wandersmann und sagt: „Das ist nicht recht, Bursche, dass Du reitest und lässest Deinen Vater zu Fuß gehen. Du hast jüngere Beine.“ Da saßen beide auf und ritten eine Strecke. Kommt ein dritter Wandersmann und sagt: „Was ist das für ein Unverstand: Zwei Kerle auf einem schwachen Tiere; sollte man nicht einen Stock nehmen und Euch beide hinabjagen?“ Da stiegen beide ab und gingen selbdritt zu Fuß, rechts und links der Vater und Sohn, und in der Mitte der Esel. Kommt ein vierter Wandersmann und sagt: „Ihr seid drei kuriose Gesellen. Ist’s nicht genug, wenn zwei zu Fuß gehen? Geht’s nicht leichter, wenn einer von Euch reitet?“ Da band der Vater dem Esel die vorderen Beine zusammen, und der Sohn band ihm die hinteren Beine zusammen, zogen einen starken Baumpfahl durch, der an der Straße stand, und trugen den Esel auf der Achsel heim.

Hier ist ein beklagenswerter Mann beschrieben, der es allen recht machen will. Offensichtlich kennt er das altbewährte Sprichwort nicht, das da heißt: „Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann.“ Der Mann ist mit seinem Sohn unterwegs, wie alt letzterer ist, wissen wir nicht. Sie haben einen Esel dabei, ein Tier, das seit alters genutzt wird, um Lasten zu tragen. Hebel schildert uns humorvoll vier unterschiedliche Situationen, eine paradoxer als die anderes. Man kann die Geschichte geradezu als Parabel auf unsere Coronapolitik lesen. Versuchen wir eine Übertragung:

1. Hier herrscht Hackordnung nach dem Motto: Der Vater spricht: „Ich habe das Sagen und du, mein Sohn, hast gefälligst zu gehorchen.“ DerSohn weiß nicht, ob die väterlichen Entscheidungen sinnvoll sind, es vertraut darauf und ist folgsam. Versteht erdie Maßnahme des Vaters? Wohl kaum. Wir sehen nur: Er macht das, was der Vater sagt.

2. Hier herrscht die Umkehrung des ersten Bildes: Der Sohn reitet und der Vater geht nebenher. Von außen betrachtet ist dieses Bild schräg. Weil eine Stimme kritisch hinterfragt, was der Vater denn mache, verändert dieser flugs sein Verhalten. Auch hier wird nicht nach der Sinnhaftigkeit des Tuns gefragt. Eine Maßnahme wird rigoros ins Gegenteil verändert. Punkt.

3. Das Experiment geht weiter. Beide reiten. Der Esel muss doppelte Last tragen. Hier braucht es noch nicht einmal einen schrägen Menschenverstand, um zu schlussfolgern: Das ist absurd. Diese Absurdität gibt es leider aber nicht nur in der Literatur. Ist das Naivität? Ist das kalte Kalkulation? Hebel schweigt. Aber bei Hebel kommt ein Wanderer daher, und dessen Einwand führt prompt erneut zur Änderung des Kurses.

4. Der Esel wird getragen. Ein völlig irrsinniges Bild. Hier hat die Idiotie der Handlung den Höhepunkt erreicht. Das Lasttier wird getragen. Dieses Bild ist von allen vieren der Gipfel der Groteske und regt deshalb zum Nachdenken an.

Die Geschichte lädt einerseits zum Schmunzeln ein. Zu komisch die Vorstellung, dass der Esel dauernd anders beladen und letztlich getragen wird. Andererseits ist der bittere Unterton nicht zu übersehen. Was ist der tiefere Sinn der Geschichte? Die Kritik der Wanderer richtet sich ja primär gegen das Verhalten des Vaters. Er ist ihr Ansprechpartner, nicht der Sohn. Und was macht der Vater? Er lenkt immer und auch prompt ein. Es kommt kein Einwand. Er bleibt stumm und nimmt die jeweilige Frage stets zum Anlass, sein Verhalten schnell zu ändern. Nirgendwo ist angemerkt, dass ihm die Sicht des anderen eigentlich nicht richtig erscheint oder dass sie ihn ärgert oder zum Widerspruch anregt. Nein, er entscheidet so rasch um, dass ein zwischenzeitliches Nachdenken schwer vorstellbar ist. Wo ist hier der denkende Mensch? Wo ist das Kant’sche „Sapere Aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, das zu Hebels Zeit so intensiv kursiert. Hebel scheint es geradezu verzweifelt zu suchen und trägt in dieser Geschichte so dick auf, dass der Eindruck entstehen muss: So blöd kann doch kein Mensch sein! Hier wird massiv kritisiert, dass eben nicht nachgedacht wird. Es wird gestochert. Das Ergebnis ist entsprechend.

Hebel nutzt in dieser Geschichte das Stilmittel der Steigerung. Wenn der Mensch nicht weiß, was zu tun ist, kann es zu den abstrusesten Wendungen kommen. Er greift nach allem, was ihm begegnet, anders ausgedrückt: Er richtet sein Fähnchen nach dem Wind. Er wählt nicht die Konfrontation, sondern lieber den Weg des geringsten Widerstandes, auch wenn er selbst dabei weit mehr auf sich nehmen muss, als eigentlich sinnvoll ist. Letztlich lädt er sich so viel auf, dass anzunehmen ist, dass das nicht lange gut gehen kann. Friedrich Nietzsche hat einen wunderbaren Text einige Jahre nach Hebel geschrieben, der in die gleiche Richtung geht: Die drei Verwandlungen. In ihnen beschreibt er den Menschen als Kamel, auf das immer noch mehr geladen werden kann. Der Mensch, der sich verbiegen lässt, der aushält, der im Grunde genommen weit mehr als menschlich Mögliches durchsteht. All das ist in dem grotesken Bild des Esels erhalten, der von Menschen getragen wird. Die Geschichte ist eine Anti-Anpassungsgeschichte. Hier tritt Hebel nicht auktorial auf, nein, er wählt das sehr moderne Mittel des Dialogs. Hebel will keine angepassten Menschen, er will Menschen, die überlegen.

Die Coronasituation, die seit Jahren andauert, hat alle diese Stationen durchaus gespiegelt: Folgsames Einhalten dessen, was der Staat sagt, auch wenn eine Maßnahme von jetzt auf gleich verändert wird. Die dritte und vierte Variante von Hebel haben derzeit ihre geradezu traurige Entsprechung: Wieso ausgerechnet jetzt die Verpflichtung zum Tragen einer Maske entfällt, leuchtet schwer ein. Und da hier keine kausale Begründung vorliegt, ist zu erwarten, dass es eventuell noch weitere, noch gesteigerte Absurditäten geben könnte. Wir werden sehen.

Die Geschichte liefert eine große Fülle an Interpretationsmöglichkeiten. Belassen wir es bei den hier angedachten. Möge sie Früchte tragen, in viele Gespräche münden, aktualisiert, mit neuen Inhalten gefüllt werden. In unsere Welt passen vielleicht nicht mehr die Bilder des Esels und der Wanderer, aber diese sind nur Platzhalter.

Johann Peter Hebel hat unzählige solcher Kalendergeschichten geschrieben. Kalendergeschichten gab es schon lange vor Hebel: Sie dienen als Belehrung für das Volk und erzählen Lebensweisheiten, geben Ratschläge, vermitteln Rezepte und vieles andere. Hebel erweitert diese Kalendergeschichten zur epischen Kunstform, die bis heute ­ zum Beispiel von Botho Strauß ­ bedient wird. Zu Hebels Zeiten kommt es regelrecht zu einem Boom der Geschichten dieser Gattung, die zwar einerseits volksnah, andererseits aber auch stilistisch oft sehr gekonnt aufgebaut sind. Allen gemein ist die Pointe am Schluss, die Leserinnen und Leser mitunter dazu bringt, das Ganze nochmals von vorn zu lesen, im Glauben, man habe irgendwo einen wichtigen Hinweis für die Interpretation übersehen. Alle Geschichten Hebels zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine reiche Fülle von Menschenkenntnis spiegeln, in keiner Geschichte gibt es große psychologische Erklärungen. Hebel beschreibt. Hebel wertet nicht. Und Hebel lässt sehr oft das Ende offen. Damit ist er für seine Zeit ein ungemein moderner Dichter. Nicht grundlos wird er als der Vorläufer der Kurzgeschichte gesehen.

Johann Friedrich Hebel veröffentlicht sein Schätzkästlein des rheinischen Hausfreundes 1811 bei Cotta. Fast alle Geschichten sind in den Jahren zuvor bereits in unterschiedlichen Kalendern und Zeitschriften erschienen. Heute gibt es Schmuckausgaben. Die Geschichten gehören zum Kulturgut und auch kritische Denker wie Ernst Bloch, einer der philosophischen Köpfe der Studentenrevolution der sechziger Jahre, zitiert das „Unverhoffte Wiedersehen“ aus dem Schatzkästlein als die schönste Geschichte der Welt. Hebel begeistert noch heute. Kein Schwulst, keine Einfalt, kein Besserwissen, nein, er findet einen Erzählton, der zeitlos ist, der heute noch anspricht. Die Konzentration auf Wesentliches, das schnelle Umschlagen vom Alltäglichen ins Groteske, die nie endende Hoffnung trotz schlechter Vorzeichen, all das macht Hebel zum Dauerbrenner, der nicht unmodern wird.

Johann Peter Hebel, 1760 in Basel geboren, 1826 in Schwetzingen gestorben, ist früh verwaist. Gönner ermöglichen dem gescheiten Jungen eine gute Schulausbildung. Er studiert Theologie, aber sein Wunsch, eine eigene Pfarrei führen zu können, wird nicht erfüllt. Er spielt bei der Vereinigung der lutherischen mit der reformierten Landeskirche Badens zur Evangelischen Landeskirche Badens 1821 eine wesentliche Rolle und erhält daher von der Universität Heidelberg den Ehrendoktortitel in Theologie. 1826, schwer erkrankt an Darmkrebs, nimmt er trotzdem in Heidelberg und Mannheim Schulprüfungen ab und verstirbt bei Freunden in Schwetzingen. Auf dem dortigen Friedhof ist er auch beerdigt.

Die Liste seiner Bewunderer ist lang. Immer wieder wird die Bodenständigkeit seines Werkes betont. Marcel Reich-Ranicki nimmt Hebels Schatzkästlein in den „Kanon der deutschen Literatur“ auf, das Buch gehört auch zur „ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher“. Bis heute gilt es als Fundgrube vieler Autorinnen und Autoren, von denen hier zwei genannt werden sollen: Patrick Roth und W. G. Sebald.

Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes, Stuttgart (Reclam) 1981, S. 116f.

Ein Gedanke zu „Johann Peter Hebel: Seltsamer Spazierritt“

  1. Ich bin immer mal wieder auf die schönen Kalendergeschichten gestoßen und habe auch schon mal versucht das Grab von Hebel auf dem Schwetzinger Friedhod zu finden – leider ohne Erfolg. Gibt es das überhaupt noch? Weiß jemand mehr dazu?

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