Hermann Hesse: Siddharta

Freude sprang in seines Vaters Herz über den Sohn, den Gelehrigen, den Wissdurstigen, einen großen Weisen und Priester sah er in ihm heranwachsen, einen Fürsten unter den Brahmanen.

Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddharta, den Starken, den Schönen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den mit vollkommenem Anstand sie Begrüßenden. (S. 11f.)

Hermann Hesse schildert am Beginn seines Buches, dass Siddharta wohlbehütet im Kreis einer Familie der Brahmanen aufwächst. Brahmanen sind im indischen Kastensystem Angehörige der obersten Kaste. Die Eltern sind stolz auf ihn, ihm winkt eine aussichtsreiche Zukunft. Hesse lässt das Herz des Vaters über den wissdurstigen und gelehrigen Sohn springen und die Mutter voller Wonne seine schöne und starke Gestalt betrachten. Bei allem hat dieser Siddharta vollkommenen Anstand. Er scheint der perfekte Sohn zu sein. Alles passt, Siddharta wirkt nicht aufmüpfig, rebellisch oder pubertär sondern stellt eher das Gegenteil dar. Alle lieben ihn, allen ist er eine Freude, aber …

Siddharta hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nähren. Er hatte begonnen zu fühlen, dass die Liebe seines Vaters und die Liebe seiner Mutter, und auch die Liebe seines Freundes Govindas, nicht immer und für alle Zeiten ihn beglücken, ihn stillen, ihn sättigen, ihm genügen werde. Er hatte begonnen zu ahnen, dass sein ehrwürdiger Vater und seine anderen Lehrer, dass die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit das meiste und beste schon mitgeteilt, dass sie ihre Fülle schon in sein wartendes Gefäß gegossen hätten, und das Gefäß war nicht voll, der Geist war nicht begnügt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht gestillt. (S. 13)

Siddharta hatte damit begonnen hatte, Unzufriedenheit in sich zu nähren. Was muss geschehen, damit ein Mensch beginnt, Unzufriedenheit in sich zu nähren? Ein wunderbares Bild, das Hesse hier gestaltet, es geht mit mir durchs Leben, und Hesses Siddharta ist immer dann besonders nah, wenn ich in mir spüre, dass etwas nicht in Ordnung ist, ohne schon genau sagen zu können, was es ist. Siddharta merkt jedenfalls, dass sich etwas ändern muss und wahrscheinlich merkt er auch, dass diese Änderung nicht von außen, sondern allein von ihm ausgehen muss. Er merkt, dass das Gefäß nicht voll und der Geist nicht begnügt, die Seele nicht ruhig war, das Herz nicht gestillt. Hesse bietet uns hier ein Feuerwerk an Gründen für die Unzufriedenheit. Sie hat nicht nur eine Quelle, nein, der Geist verlangt nach mehr, er ist innerlich unruhig und sein Herz sucht nach Erfüllung. Im Grunde kennt sich Siddharta sehr gut; wir kennen nicht sein genaues Alter, aber offensichtlich hat er viel beigebracht bekommen und ist fähig zu erkennen, was für ihn stimmig und nicht stimmig ist. Man könnte also geradezu sagen: Aufzucht gelungen! Hesses Siddharta ist keine Figur, die null Bock auf nichts hat, nein, sein Siddharta will etwas aus seinem Leben machen, er sucht nach seinem eigenen und er spürt, dass er das im elterlichen Haus, das ihm sicher lieb und wichtig ist, nicht findet.

Siddharta trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast saß, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater fühlte, dass einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: „Bist du es, Siddharta? So sage, was zu sagen du gekommen bist.“

Sprach Siddharta: „Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin gekommen, dir zu sagen, dass mich verlangt, morgen dein Haus zu verlassen und zu den Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden, ist mein Verlangen. Möge mein Vater dem nicht entgegen sein.“ (S. 17)

Peng! Mit anderen Worten heißt das: Tschüss, Papa, ich gehe. Und zwar schon morgen. Du wirst das schon hinkriegen, ohne mich. Ich mache mein Ding. Das hier ist nicht mein Leben. Ich weiß, dass das für mich richtig ist. Und sag bitte jetzt aber: Alles Paletti. Adieu und goodbye!

Ich kann mir vorstellen, dass dem Vater erst einmal die Luft wegbleibt. So eine Ansage würde wohl die meisten Eltern fassungslos machen. Siddharta will weg von all dem, mit dem er groß geworden ist, will zu den Asketen gehen, den Samanas, den Bettlern. Was ist da schiefgelaufen? Oder ist überhaupt etwas schiefgelaufen? Warum sucht der Sohn das Gegenteil dessen, was er gewohnt ist? Siddharta will hier nicht mit dem Elternhaus abrechnen, nein, er legt es nicht darauf an, im Streit zu gehen. Er will, dass die Eltern seine Suche nach dem eigenen Weg bejahen und ihn ziehen lassen. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn die Konsequenzen sind den Eltern klar: Er wird ein Leben in Armut führen, ein Leben, das hart ist, ein Leben, das er nicht hätte haben müssen. Sie sehen seine Gaben, sie wissen wahrscheinlich auch, dass diese Gaben in diesem Leben keine Entfaltung finden können und es ist daher nachvollziehbar, dass der Vater alles versucht, den Sohn umzustimmen.

Was nun folgt, gehört zu mich zu den besten Szenen eines Ringens zwischen Vater und Sohn, die ich aus der Literatur kenne. Siddharta bittet den Vater um die Erlaubnis, zu den Asketen gehen zu dürfen. Und ungesagt bittet er ihn dafür auch um seinen Segen. Die Passage zeigt, dass es hier nicht nur um autoritäres Gehabe seitens des Vaters geht. Hier geht es um den Kampf zwischen Autonomie und Tradition. Der Vater kann nicht aus dem heraus, was seine Väter ihn schon gelehrt haben und was er mit bestem Wissen und Mühen weitergegeben hat. Der Sohn will aber etwas anderes. Siddharta will nicht einfach abhauen, sondern will, dass der Vater ihn im Frieden ziehen lässt. Was verlangt Siddharta da vom Vater? Dass er freudig zustimmen solle: Ja, werde Bettler, darauf habe ich nur gewartet? Nein, das kann der Vater nicht gutheißen. Und was verlangt der Vater von Siddharta: Dass dieser weiter auf dem Weg bleibe, den er für ihn vorgesehen hat. Im Grunde verlangen beide voneinander das Unmögliche. Hesse lässt uns teilhaben an den Gedanken des Vaters:

Der Brahmane schwieg und schwieg so lange, dass im kleinen Fenster die Sterne wanderten und ihre Figur veränderten, ehe das Schweigen in der Kammer ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen der Sohn, stumm und regungslos saß auf der Matte der Vater, und die Sterne zogen am Himmel. Da sprach der Vater: „Nicht ziemt es dem Brahmanen, heftige und zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt sein Herz. Nicht möchte ich diese Bitte zum zweiten Male aus deinem Munde hören.“

Langsam erhob sich der Brahmane, Siddharta stand stumm mit gekreuzten Armen.

Worauf wartest du?“ fragte der Vater.

Sprach Siddharta: „Du weißt es.“

Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager auf und legte sich nieder.

Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddharta stehen, mit gekreuzten Armen, unverrückt. Bleich schimmerte sein helles Obergewand. Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager zurück.

Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus, sah den Mond aufgegangen. Durch die Fenster der Kammer blickte er hinein, da stand Siddharta, unverrückt, mit gekreuzten Armen, an seinen bloßen Schienbeinen spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im Herzen, suchte der Vater sein Lager auf.

Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddharta stehen im Mond, im Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu Stunde, schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverrückt Stehenden, füllte sein Herz mit Zorn, füllte sein Herz mit Unruhe, füllte sein Herz mit Zagen, füllte es mit Leid.

Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder, trat in die Kammer, sah den Jüngling stehen, der ihm groß und wie fremd erschien.

Siddharta“, sprach er, „worauf wartest du?“

Du weißt es.“

Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird, Abend wird?“

Ich werde stehen und warten.“

Du wirst müde werden, Siddharta.“

Ich werde müde werden.“

Du wirst einschlafen, Siddharta.“

Ich werde nicht einschlafen.“

Du wirst sterben, Siddharta.“

Ich werde sterben.“

Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?“

Siddharta hat immer seinem Vater gehorcht.“

So willst du dein Vorhaben aufgeben?“

Siddharta wird tun, was sein Vater ihm sagen wird.“

Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, dass Siddharta in den Knien zitterte. In Siddhartas Gesicht sah er kein Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, dass Siddharta schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, dass er ihn schon jetzt verlassen habe. (S.17f.)

Hesse beschreibt die Seelenkämpfe des Vaters in dieser Nacht und denen gegenüber die Standhaftigkeit Siddhartas. Über die Gedanken Siddhartas schreibt er nichts. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen der Sohn, stumm und regungslos saß auf der Matte der Vater, und die Sterne am Himmel zogen. Der Sohn steht, geradezu in Kriegerpose, stark und entschlossen, der Vater sitzt, in sich gekehrt, beide sind stumm und entschlossen und die Zeit verstreicht. Ich sehe förmlich die Sterne wandern. Siddharta weiß, dass der Kampf mit dem Vater lang wird. Aber er will seine Zustimmung erreichen. Beide sind mächtig und ohnmächtig zugleich. Die geradezu erschütternde Ohnmacht des Vaters wird spürbar, als er bemerkt, dass der Sohn ihm groß und fremd erschien. Am Ende der Passage kommt der Vater zu der Einsicht, der Sohn habe ihn schon jetzt verlassen. Ich kann mir das Leid vorstellen, das dieser Mann durchmacht. Und ich sehe da auch eine Ohnmacht seitens des Sohnes, der weiß, was seine Entscheidung vom Vater und der Mutter abverlangt, der aber nicht feige einfach abhauen, sondern in Frieden ziehen will. Er will seine Eltern nicht verletzen und weiß, dass er es tun muss. Welch ein Konflikt.

Der Vater berührte Siddhartas Schulter.

Du wirst“, sprach er, „in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast du Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit. Findest du Enttäuschung, dann kehre wieder und lass uns wieder gemeinsam den Göttern opfern. Nun gehe und küsse deine Mutter, sage ihr, wohin du gehst. Für mich aber ist es Zeit, an den Fluß zu gehen und die ersten Waschungen vorzunehmen.“

Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus. Siddharta schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang seine Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um zu tun, wie der Vater gesagt hatte. (S. 19)

Die Nacht verstreicht. Der Sohn steht, der Vater findet keine Ruhe, geht immer wieder hin und schaut nach dem Sohn. Die Arme des Sohnes sind gekreuzt, nicht offen, sein Entschluss steht, der Vater erkennt, dass er diesen akzeptieren muss. Er lenkt ein, nicht der Sohn. Von diesem kommt am Ende kein Wort mehr gegenüber dem Vater, aber es kommt eine Verneigung, eine Geste, die Unterwürfigkeit und Respekt gleichermaßen ausdrückt. Unklar ist, ob der Vater diese überhaupt sieht oder nicht schon draußen ist, er hatte sich ja zum Gehen gewandt.

Wir lassen Siddharta seinen Weg ziehen und verlassen ihn in dem Moment, wo er sich von der Mutter verabschiedet. Uns interessiert hier nur die Sicht auf die Thematik, die in jeder Familie in mehr oder weniger starker Form existiert. Irgendwann gehen die Kinder aus dem Haus, sie gehen vielleicht andere Wege als die, die die Eltern sich für sie wünschen. Sie suchen ihr eigenes Leben und die Eltern sind damit konfrontiert, loszulassen und zu akzeptieren, dass gelungen ist, worum sie sich jahrelang bemüht haben: Das Kind zur Selbständigkeit zu erziehen, es auf eigenen Füßen seinen Weg gehen zu lassen.

Wer ist hier Sieger im Kampf? Hesse berichtet aus Sicht des Vaters und lässt uns weit mehr an dessen Gefühlsleben teilnehmen als an dem Siddhartas. Ist er hier parteiisch? Nein. Hesse selbst sieht sich weit mehr als Siddharta als als Vater. Und Hesse selbst hat oft genug andere, auch die eigene Frau, im Stich gelassen, um seinen Weg zu suchen. So wortgewaltig er in seiner Dichtung war, so stumm war er selbst oft genug gegenüber den Menschen, die ihm am nächsten waren. Vielleicht, wirklich nur vielleicht, bringt Hesse hier den zarten Versuch zum Ausdruck, dass ihm wohl bewusst war, dass der andere durchaus unter seinen Entschlüssen gelitten hat. Der Vater lässt den Sohn ziehen, legt seine Hand auf dessen Schulter, bemerkt vorher, das Zittern in dessen Knien, aber die Festigkeit in dessen Blick und zeigt ihm an, dass die Tür des elterlichen Hauses offen stehe und dass der Sohn, wenn er die Seligkeit im Wald gefunden habe, zurückkommen könne, um sie ihm, dem Vater, zu lehren. Und wenn er keine Seligkeit, aber Enttäuschung fände, so solle er auch zurückkommen. Und dann geht er wahrscheinlich mit tiefer Traurigkeit im Herzen zum Fluss, um das zu tun, was er täglich tut.

Siddharta hingegen steht und wartet, weiß, dass er müde werden wird, aber nicht einschlafen wird und dass er sterben wird und das tun wird, was sein Vater ihm sagt. Warum gibt es hier keine Passage, in der Siddharta dem Vater zu verstehen gibt, dass er ihn liebt? Warum verweist er nur darauf, dass er immer seinem Vater gehorcht hat und auch jetzt das tun wird, was der Vater ihm sagt? Ja, Siddharta entscheidet sich klar gegen Anpassung und Traditionen, aber seine Radikalität wirkt auf mich auch stur. Zwingt er nicht letztlich den Vater dazu, ihm das zu sagen, was er hören will? Muss nicht der Vater kapitulieren, weil er weiß, dass sein willensstarker Sohn nicht einlenken wird?

Das Buch begleitet Siddharta auf seinem Weg, vom Vater ist nichts mehr zu hören. Von daher wissen wir nicht, was aus ihm geworden ist, wie er damit klarkommt. Und auch Siddharta denkt nur in einem Moment, als es ihm ganz schlecht geht, an das elterliche Haus zurück und geht ansonsten seinen durchaus holprigen Weg. Die Frage nach dem langfristigen Sieg bliebt also offen, in der zitierten Passage ist es aber so, dass Siddharta sein Ziel erreicht hat.

Hesses schreibt Siddharta im Alter von etwa 45 Jahren. Zwischen dem ersten und zweiten Teil liegen gut zwei Jahre Schaffenspause. Er veröffentlicht das Werk 1922. Das Buch wird zu einem der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Hesse war und ist Kult. Bei seinem Erscheinen las man das Buch anders als zu Zeiten der 68er und heute ist es wieder insbesondere bei jungen Menschen, die auf der Suche nach dem eigenen Leben sind, hoch im Kurs. Mit Siddharta hat sich Hesse nach eigener Auskunft vom indischen Denken selbst befreit, es sei ein sehr europäisches Buch, das stark vom individualistischen Denken geprägt ist. Im Grunde bietet die beleuchtete Passage auch heute noch eine ideale Vorlage, um über die Problematik von Machtstrukturen und die Bedeutung von Traditionen innerhalb der Familie zu diskutieren.

Hermann Hesse: Siddharta, Frankfurt (suhrkamp) 2004

Franz Kafka: Auszüge aus dem Brief an den Vater

Macht und Ohnmacht in der Familie ist ein Thema, über das nicht gern gesprochen wird, das aber Biographien enorm beeinflusst. Der Über-Vater oder die Über-Mutter sind dankbare Themen der Psychologie. Wir wollen sie hier nicht vertiefen, sondern schauen auf einen Schriftsteller, dessen Werk ohne den Bezug zu seinem Leben kaum denkbar wäre: Franz Kafka. Er selbst ahnte nicht, dass er einmal zu den ganz Großen der Weltliteratur gehören sollte, als er sagte: „Niemand wird lesen, was ich hier schreibe.“ Mit dieser Einschätzung sollte er unrecht behalten. Kafka wirkt schulbildend, sein Werk wird als Katalysator einer unüberschaubaren Fülle an Deutungen angesehen. Ein Schlüssel zu Kafkas Werk ist der Brief an den Vater, auf den im Folgenden eingegangen wird.

Der Brief besteht im Original aus mehr als hundert handschriftlichen Seiten, auf denen Kafka versucht, seinen Vaterkonflikt schreibend zu bewältigen. 1919 geschrieben und nie abgeschickt, wird er posthum 1952 veröffentlicht und dient als wichtige Quelle für das Verständnis seines Werkes. Der Brief thematisiert von der ersten bis zur letzten Seite den Versuch des Sohnes, sich gegen den Vater zu behaupten, und ist gleichzeitig die Suche nach seinem eigenen Weg im Leben. Kafka beschreibt die grundverschiedene Wesensart von Vater und Sohn:

Jedenfalls waren wir so verschieden und in dieser Verschiedenheit einander so gefährlich, dass, wenn man es hätte etwa im voraus ausrechnen wollen, wie ich, das langsam sich entwickelnde Kind, und Du, der fertige Mann, sich zueinander verhalten werden, man hätte annehmen können, dass Du mich einfach niederstampfen wirst, dass nichts von mir übrigbleibt. Das ist nun nicht geschehen, das Lebendige lässt sich nicht ausrechnen, aber vielleicht ist Ärgeres geschehen. Wobei ich Dich aber immerfort bitte, nicht zu vergessen, dass ich niemals im entferntesten an eine Schuld Deinerseits glaube. Du wirktest so auf mich, wie Du wirken musstest, nur sollst Du aufhören, es für eine besondere Bosheit meinerseits zu halten, dass ich dieser Wirkung erlegen bin.

Kafka schreibt von gefährlicher Verschiedenheit zwischen sich und dem Vater, äußert die Angst, dass nichts von ihm übrigbleiben wird, dass ihn der Vater niederstampfen werde. Diese Bilder erschrecken. Ein väterliches Monster scheint da dem jungen Kafka gegenüberzustehen. Auf der einen Seite die Macht und auf der anderen Seite die Ohnmacht. Aber der zweite Teil des Abschnitts verwirrt: Da kommt geradezu Verständnis für den Vater auf: Du wirktest so auf mich, wie Du wirken musstest. Heißt das, wie es der Sitte entsprach? Das wäre durchaus denkbar. Kafka ist 1883 geboren, da war die Familienhierarchie klar festgelegt und weit von dem entfernt, was heute üblich ist. Das eigentliche Drama sieht Kafka darin, dass er der Wirkung der väterlichen Autorität unterlag und ihm das vom Vater als Boshaftigkeit ausgelegt worden ist. Heißt das, dass der Vater lieber einen Sohn gehabt hätte, der gegen ihn rebelliert hätte? Wohl kaum, aber vielleicht hätte er sich einen Sohn gewünscht, der ihm ebenbürtiger gewesen wäre und nicht so zurückgezogen und vergeistigt, wie es Kafka zeit seines Lebens war. Der Vater wollte offensichtlich aus dem Sohn einen starken jungen Mann machen und kam mit dessen hoher Sensibilität offensichtlich nicht zurecht.

Kafka denkt sich in den Vater hinein und versucht, dessen geistige Oberherrschaft, wie er sie nennt, zu verstehen:

Du hattest Dich allein durch eigene Kraft so hoch hinaufgearbeitet, infolgedessen hattest Du unbeschränktes Vertrauen zu Deiner Meinung. Das war für mich als Kind nicht einmal so blendend wie später für den heranwachsenden jungen Menschen. In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt. Deine Meinung war richtig, jede andere war verrückt, überspannt, meschugge, nicht normal. Dabei war Dein Selbstvertrauen so groß, dass Du gar nicht konsequent sein musstest und doch nicht aufhörtest recht zu haben. Es konnte auch vorkommen, dass Du in einer Sache gar keine Meinung hattest und infolgedessen alle Meinungen, die hinsichtlich der Sache überhaupt möglich waren, ohne Ausnahme falsch sein mussten. Du konntest zum Beispiel auf die Tschechen schimpfen, dann auf die Deutschen, dann auf die Juden, und zwar nicht nur in Auswahl, sondern in jeder Hinsicht, und schließlich blieb niemand mehr übrig außer Dir. Du bekamst für mich das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet ist. Wenigstens schien es mir so.

Die hier beschriebenen Eigenschaften sind sicher nicht nur beim Vater Kafkas zu finden. Ich wage zu behaupten, dass es auch heute noch Menschen gibt, die das Recht für sich gepachtet haben und keine Meinung als die ihre gelten lassen. Kafka betont hier, dass er sehr wohl sieht, was sein Vater alles erarbeitet hat, aber der Hinweis „In deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt“, zeigt auch, dass alle anderen ihm gegenüber keine Chance hatten. Der Patriarch im Haus lässt keine Konkurrenten zu. Kafkas Bild des Vaters ist klar beschrieben. Und doch lässt etwas aufhorchen: Im letzten Satz des Abschnitts heißt es: Wenigstens schien es mir so. Hier frage ich mich: Warum schränkt Kafka seine unmissverständliche Beschreibung der vorigen Sätze ein? Ihm schien es so, vielleicht nur ihm? Oder ist das ein Hinweis auf einen sehr großen Minderwertigkeitskomplex, ein schwaches Selbstbewusstsein?

In den nächsten Sätzen geht es um das unerbittliche Urteil des Vaters:

Es genügte, dass ich an einem Menschen ein wenig Interesse hatte – es geschah ja infolge meines Wesens nicht sehr oft -, dass Du schon ohne jede Rücksicht auf mein Gefühl und ohne Achtung vor meinem Urteil mit Beschimpfung, Verleumdung, Entwürdigung dreinfuhrst. Unschuldige, kindliche Menschen wie zum Beispiel der jiddische Schauspieler Löwy mussten das büßen. Ohne ihn zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest Du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand. An den Schauspieler erinnere ich mich hier besonders, weil ich Deine Aussprüche über ihn damals mir mit der Bemerkung notierte: »So spricht mein Vater über meinen Freund (den er gar nicht kennt) nur deshalb, weil er mein Freund ist. Das werde ich ihm immer entgegenhalten können, wenn er mir Mangel an kindlicher Liebe und Dankbarkeit vorwerfen wird.« Unverständlich war mir immer Deine vollständige Empfindungslosigkeit dafür, was für Leid und Schande Du mit Deinen Worten und Urteilen mir zufügen konntest, es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht. Auch ich habe Dich sicher oft mit Worten gekränkt, aber dann wusste ich es immer, es schmerzte mich, aber ich konnte mich nicht beherrschen, das Wort nicht zurückhalten, ich bereute es schon, während ich es sagte. Du aber schlugst mit Deinen Worten ohne weiters los, niemand tat Dir leid, nicht währenddessen, nicht nachher, man war gegen Dich vollständig wehrlos.

Offensichtlich will der Vater die Kontakte des Sohnes steuern. Kafkas Freund, der jiddische Schauspieler, gehört nicht zu den Menschen, die der Vater mit dem Sohn sehen will. Das väterliche Urteil beeinflusst den jungen Kafka dermaßen, dass er keinerlei eigenständige Vorstellungen entwickeln kann. Er fühlt sich dem Vater grenzenlos unterlegen und sieht keine Möglichkeit, auf Augenhöhe zu ihm zu kommen, und er leidet unter der Empfindungslosigkeit des Vaters. Es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht. Was meint Kafka mit dieser Annahme? Versucht Kafka hier das Verhalten des Vaters zu entschuldigen? Wenn dem so wäre, warum kommt es nie zu einer Aussprache? Kafka gibt im Folgenden eine mögliche Erklärung:

Die Unmöglichkeit des ruhigen Verkehrs hatte noch eine weitere eigentlich sehr natürliche Folge: ich verlernte das Reden. Ich wäre ja wohl auch sonst kein großer Redner geworden, aber die gewöhnlich fließende menschliche Sprache hätte ich doch beherrscht. Du hast mir aber schon früh das Wort verboten. Deine Drohung: »kein Wort der Widerrede!« und die dazu erhobene Hand begleiten mich schon seit jeher. Ich bekam vor Dir – Du bist, sobald es um Deine Dinge geht, ein ausgezeichneter Redner – eine stockende, stotternde Art des Sprechens, auch das war Dir noch zu viel, schließlich schwieg ich, zuerst vielleicht aus Trotz, dann, weil ich vor Dir weder denken noch reden konnte. Und weil Du mein eigentlicher Erzieher warst, wirkte das überall in meinem Leben nach. Es ist überhaupt ein merkwürdiger Irrtum, wenn Du glaubst, ich hätte mich Dir nie gefügt. »Immer alles contra« ist wirklich nicht mein Lebensgrundsatz Dir gegenüber gewesen, wie Du glaubst und mir vorwirfst. Im Gegenteil: Hätte ich Dir weniger gefolgt, Du wärest sicher viel zufriedener mit mir. Vielmehr haben alle Deine Erziehungsmaßnahmen genau getroffen; keinem Griff bin ich ausgewichen; so wie ich bin, bin ich (von den Grundlagen und der Einwirkung des Lebens natürlich abgesehen) das Ergebnis Deiner Erziehung und meiner Folgsamkeit. Dass dieses Ergebnis Dir trotzdem peinlich ist, ja dass Du Dich unbewusst weigerst, es als Dein Erziehungsergebnis anzuerkennen, liegt eben daran, dass Deine Hand und mein Material einander so fremd gewesen sind. Du sagtest: »Kein Wort der Widerrede!« und wolltest damit die Dir unangenehmen Gegenkräfte in mir zum Schweigen bringen, diese Einwirkung war aber für mich zu stark, ich war zu folgsam, ich verstummte gänzlich, verkroch mich vor Dir und wagte mich erst zu regen, wenn ich so weit von Dir entfernt war, dass Deine Macht, wenigstens direkt, nicht mehr hinreichte.

Kafka verstummt gegenüber dem Vater, aber nicht gegenüber der Welt. In sein Werk fließt all das ein, was er an Ohnmacht zu Hause erfahren hat. Er schreit es geradezu in die Welt hinaus. Im Brief spricht er eine geradezu diabolische Symbiose an: Er sei das Ergebnis Deiner Erziehung und meiner Folgsamkeit. Kafka verkriecht sich, er sucht das Weite. Wer Kafkas Biographie kennt, der weiß, dass auch seine vergeblichen Heiratsversuche ein ähnliches Muster zeigen: Immer wieder sieht sich Kafka durch die Anwesenheit der Partnerinnen – sei es Felice, Julie oder Milena – derart bedroht, dass er immer neue Gründe für eine Trennung findet. Ich will hier die Rolle des Vaters keinesfalls abschwächen, aber das Naturell Kafkas ist nicht einfach gestrickt.

Am Ende des Briefes an den Vater macht Kafka einen gedanklichen Salto: Er überlegt, was der Vater an ihn, den Sohn, in einem Brief schreiben würde. Das heißt, er versetzt sich voll und ganz in die Gedankenwelt des Vaters und überlegt, was er ihm wohl antworten könnte:

Du könntest, wenn Du meine Begründung der Furcht, die ich vor Dir habe, überblickst, antworten:

…Du hast es Dir nämlich in den Kopf gesetzt, ganz und gar von mir leben zu wollen. Ich gebe zu, dass wir miteinander kämpfen, aber es gibt zweierlei Kampf. Den ritterlichen Kampf, wo sich die Kräfte selbständiger Gegner messen, jeder bleibt für sich, verliert für sich, siegt für sich. Und den Kampf des Ungeziefers, welches nicht nur sticht, sondern gleich auch zu seiner Lebenserhaltung das Blut saugt. Das ist ja der eigentliche Berufssoldat und das bist Du. Lebensuntüchtig bist Du; um es Dir aber darin bequem, sorgenlos und ohne Selbstvorwürfe einrichten zu können, beweist Du, dass ich alle Deine Lebenstüchtigkeit Dir genommen und in meine Taschen gesteckt habe…“

Darauf antworte ich, dass zunächst dieser ganze Einwurf, der sich zum Teil auch gegen Dich kehren lässt, nicht von Dir stammt, sondern eben von mir. So groß ist ja nicht einmal Dein Misstrauen gegen andere, wie mein Selbstmisstrauen, zu dem Du mich erzogen hast…

In Kafkas Werk spielen Ungeziefer und dessen Eigenschaften immer wieder eine große Rolle. Hier kommt auch ein Ungeziefer vor, und zwar ein besonders blutdürstiges, das zu seiner Lebenserhaltung den anderen braucht und ihn dabei zerstört. Dieses Motiv gibt es bei Kafka auch an anderer berühmter Stelle: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ So beginnt Kafkas Verwandlung. Der Satz gehört zu den berühmtesten Sätzen der Literaturgeschichte. Kafka soll schallend gelacht haben, als er ihn vorlas. Ausgrenzung, Fremdbestimmung, Lieblosigkeit, das sind die großen Themen nicht nur der Verwandlung sondern auch des Briefes an den Vater.

Der Brief fußt auf Realitäten aus Kafkas Leben, einige Fakten sind belegt, z. B. die harte Kindheit seines Vaters, die Probleme Kafkas mit seiner Teilhaberschaft an der Prager Asbestfabrik oder der Ausbruch seiner Schwester Ottla in die Arbeitswelt der Landwirtschaft und natürlich die gescheiterten Heiratsversuche. Auch dass sich Kafka minderwertig und angstbesetzt empfunden hat, entspricht dem, was man über ihn weiß. Aber dieses furchteinflößende, hemmungslos aburteilende, vitale Wesen Hermann Kafka, dem sich der Sohn Franz ausgeliefert sah und mit dem er ständig innerlich rang, wird von anderen, u. a. von Max Brod, dem Freund und Nachlassverwalter Kafkas, als normaler jüdischer Geschäftsmann beschrieben, der menschenfreundlich und beschwingt mit beiden Beinen in seinem Geschäft stand. Das gibt es immer wieder, dass Menschen im familiären Kontext Macht ausleben und im öffentlichen Leben das Gegenteil zeigen. Die umgekehrte Version ist auch möglich. Aus Sicht von Franz Kafka ist die Macht eindeutig auf der väterlichen Seite. So schmerzlich sich diese auch für ihn gestaltet haben mag, vielleicht ist Kafkas literarisches Schaffen dadurch erst möglich geworden. In dem Fall wäre Kafka mit seinem Vater genauso untrennbar verbunden wie mit seinem eigenen Schaffen.

Erschütternd ist, dass es der Sohn nicht vermochte, sich geistig von seinem Vater zu lösen und sein ganzes Leben auf den Vater hin definierte. Er konnte sich aus dieser regelrechten Hass-Liebe zum Vater nicht lösen. Denn er liebte ihn auch wirklich. Dieses Dilemma bietet den Schlüssel zum intensiven Erleben, ohne das Kafkas Werk unvorstellbar wäre.

Franz Kafka: Brief an den Vater, herausgegebenund kommentiert von Michael Müller, Stuttgart (Reclam) 1995

Der Eingangssatz aus der Verwandlung ist zitiert aus: Franz Kafka: Die Verwandlung, München (Anaconda Verlag), 2005

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Eine Rezension von Michael Braun erschien im Magazin 5plus, Nr. 23 (erhältlich in Buchhandlungen).

In Ubi Bene erschien eine Rezension im Heft 2020/3 aus Seite 94.

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