Das Buch zum virtuellen Literaturkreis

Ein Vierteljahr Lesen - Literatur in Zeiten der Isolation

Lesefreude pur! Texte aus der Weltliteratur und der Philosophie des Abendlandes, spritzig interpretiert oder aktualisiert, machen Mut, lassen durchatmen, bieten sich als Grundlage für gute Diskussionen an. Ein Vierteljahr lesen nimmt Sie mit auf eine wunderbare literarische Reise. Jetzt neu erschienen: Das Buch zum virtuellen Literaturkreis.

Ulrike Mielke:
Ein Vierteljahr lesen – Literatur in Zeiten der Isolation
Heidelberg 2020, 296 Seiten
ISBN: 9783752959406
Vertrieb über epubli
Preis: 19,50 EUR

Erhältlich in allen Buchhandlungen, online bei Internetbuchhandlungen und bei der Autorin. Direktkauf über epubli kann hier erfolgen.

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Paul Roth: Ja oder Nein

Man kann sich nicht
ein Leben lang
die Türen alle offen halten,
um keine Chance zu verpassen.


Auch wer durch keine Tür geht
und keinen Schritt nach vorne tut,
dem fallen Jahr für Jahr
die Türen, eine nach der anderen, zu.


Wer selber leben will,
der muss entscheiden:
mit JA und NEIN
im Großen und im Kleinen.


Wer sich entscheidet – wertet, wählt
und das bedeutet auch -Verzicht.
Denn jede Tür, durch die er geht,
verschließt ihm viele andere.


Man darf nicht mogeln
und so tun,
als könne man beweisen,
was hinter jener Tür geschehen wird.


Ein jedes JA –
auch überdacht, geprüft –
ist zugleich Wagnis
und verlangt ein Ziel.


Das aber ist die erste aller Fragen:
Wie heißt das Ziel,
an dem ich messe JA und NEIN?
Und: Wofür will ich leben?


Dieses Gedicht animiert dazu, das zu tun, was sich die meisten Lyriker wünschen: Den Autoren außen vor zu lassen und den Text sprechen zu lassen. Die so oft (und leider immer noch viel zu oft) gestellte Frage: Was hat sich der Autor dabei gedacht? spielt keine Rolle. Er spricht durch seinen Text, und den Text zu verstehen, das ist schon Anspruch genug. Paul Roth (1885–1964), war Journalist, viel über ihn ist nicht bekannt.

Am Ende einer langen Zeit, in der es Einschränkungen in unserem Leben gab, wie wir sie so nicht vorher gekannt hatten, muss meiner Ansicht nach ein Ergebnis stehen. Zeit für ein individuelles und vielleicht auch ein kollektives Reset. Gibt es eine Entscheidung, die in diesen Monaten für mich gereift ist?

Mit jedem hat diese Zeit etwas gemacht: Die einen kamen mit der Isolation kaum klar, andere haben die Ruhe genossen und mit ihr verbunden die Entpflichtung von Tausenden von Aufgaben, die im Alltag sonst üblich sind. Die einen sind durch eine Krankheit gegangen, die möglicherweise noch andauert oder haben Kranke begleitet, wieder andere stehen vor existenziellen Sorgen, die eine komplette Neuausrichtung erfordern. In den zurückliegenden Wochen ist ein Prozess in Gang gekommen, der noch lange andauern wird und der mich in die Entscheidung stellt. Und die Fragen, die damit verbunden sind, sehe ich in Paul Roths Gedicht klar formuliert.

Gehen wir chronologisch vor: Sich alle Türen offen halten heißt: sich nicht festlegen. Positiv ausgedrückt heißt das: offen sein für alles. Negativ ausgedrückt heißt das: nicht Fisch, nicht Fleisch sein. Ich denke, der vierte Vers gibt die Interpretationsrichtung vor: um keine Chance zu verpassen. Roth schreibt nicht: „um eine Chance wahrzunehmen“. Inhaltlich ist dadurch die Ausrichtung klar. Man ist auf der Hut, um ja alles mitzunehmen, was geboten wird. Bloß nichts ungenutzt lassen.

In der zweiten Strophe wird die verstreichende Zeit angesprochen. Zeit vergeht, unabhängig von unserem Tun. Hier wird der Lebensablauf angesprochen, gegen den die Vor-Corona-Zeit so sehr gelebt hat: Werden alle Anti-Aging-Programme bleiben, die unser Leben doch sehr im Griff hatten? Ist „forever young“ wirklich die Ausrichtung, die ich mir für meine Zeit wünsche? Roth stellt fest, dass unabhängig von meinem Tun Türen zufallen, die mir früher offenstanden. Ich kann mich gut an meine erste Stunde in der Uni erinnern, in der ich mich auf den Weg zum Großen Latinum machte. Der Dozent begrüßte uns motivierend mit den Worten: „Ihre besten Jahre zum Sprachenlernen sind bereits vorbei.“ Und ich weiß auch noch, dass ich diesem Dozenten nicht gerade freundliche Gedanken zuwarf. Glücklicherweise lernte ich kurz danach einen Romanisten kennen, Fritz Paepcke, der im Alter von 80 Jahren damit begann, Ungarisch zu lernen. Und das gelang ihm sehr gut. Also: Klar, Türen fallen zu, aber andere gehen auf.

Dann verweist Roth darauf: Wer selber leben will, der muss entscheiden. Hier könnte man fragen: Was soll das selber leben heißen? Jeder lebt doch sein Leben. Implizit ist in diesem selber leben die Abgrenzung von der Fremdbestimmung, von dem, was „in“ ist, wonach „man“ sich richtet, dem, was den Ton angibt. Nicht immer ist es leicht oder überhaupt möglich, das völlig zu ignorieren. Aber wer will schon Zuschauer des eigenen Lebens sein? Passe ich mich an oder soll meine Handschrift erkennbar sein? Vielleicht haben die vergangenen Monate neue Weichen gesellt, und mir wird klar, was ich wirklich ersehne und auf was ich nicht verzichten will. Dann wäre jetzt die Gelegenheit, Ja oder Nein zu sagen.

Eine Entscheidung bedeutet auch immer Verzicht. Diese Zeile gefällt mir. Hier ist Novalis wieder drin mit seinem Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren. Wo Licht ist, da ist auch Schatten, wenn ich eine gebratene ganze Forelle esse, dann habe ich es auch mit Gräten zu tun, wenn ich an die Nordsee fahre, kann ich nicht gleichzeitig in den Bergen sein. Eine Entscheidung für etwas ist immer auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. Darum geht es hier in diesem Vers. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wer alles gleichzeitig haben will, der macht sich sein Leben schwer. Selber leben heißt, jeden Tag neuen Mut haben, zu seiner Entscheidung zu stehen und manchmal auch die Erkenntnis, dass sie falsch war. Gottlob sind wir Menschen nicht perfekt.

Und dann das Mogeln: Dafür gäbe es noch viele andere schöne Worte: Das Augen verschließen, das Schönreden, das Festhalten, koste es was es wolle, auch wenn die Umstände das nicht (mehr) zulassen. Das Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Gehen. Wie wunderbar ist es, dass niemand wirklich weiß, was kommt. Dadurch ist die Gestaltungsmöglichkeit groß, es gibt viele Wege.

Ein Ja ist ein Wagnis und braucht ein Ziel. Über dieses Ziel sind oft unklare Vorstellungen vorhanden. In den vergangenen Wochen mussten wir uns an Vorgaben halten, die immer wieder neu justiert wurden. Die Zahlen vom März waren im April nicht mehr gültig, und im Mai fragten sich viele, wie viele Verlängerungen denn noch kommen würden, bis es wieder so werden wird, wie wir alle leben wollen: frei und selbstbestimmt. In unserer Familie gab es große Unklarheit darüber, welches Ziel die Politiker im Auge hatten: größtmögliche Durchseuchung oder größtmögliches Kleinhalten der Ansteckungsgefahr? Streckenweise änderte sich die Ausrichtung von einem zum anderen Tag, so schien es uns. Die Frage nach dem Ziel kann ich auch individuell stellen: Was ist das Ziel all meiner Entscheidungen? Und woran richte ich es aus? Die Diskussion dazu muss jeder selbst führen. Klar ist jedenfalls: Wenn ich nicht entscheide, dann entscheiden andere. Und ob ich das jeweils will, bezweifle ich. Hier winkt Seneca uns zu mit seiner Vorstellung vom bewussten Leben und dem Diktum: Nur die Zeit ist unser.

Paul Roth, Wir alle brauchen Gott, Wien (Echter Verlag) 1975

Wilhelm von Humboldt: Briefe an eine Freundin

Wilhelm von Humboldt initiiert die Neuorganisation des Bildungswesens und entwickelt das Humboldtsche Bildungsideal, das nach wie vor Grundlage für das Ziel einer ganzheitlichen Ausbildung in Schule und Universität ist oder zumindest sein sollte. Mit seinem Bruder Alexander zählt er zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Kulturgeschichte.

Wilhelm wird 1767 in Potsdam geboren, durch seine Eltern und Heinrich Campe auf Schloss Tegel erzogen, studiert Jura in Frankfurt/Oder, wechselt an die zur damaligen Zeit renommierteste Universität Göttingen, lernt Christoph Lichtenberg kennen und bricht nach dem Studium zu einer Bildungsreise auf, die ihn 1789 mitten in die Revolution von Paris bringt. Er heiratet Caroline von Dacheröden, über die er Goethe, Schiller und Herder kennenlernt, hat mit ihr sechs Kinder und führt unabhängig davon mit ihr eine offene Ehe. In der individuellen Entfaltung von beiden waren wechselnde Sexualpartner vorgesehen. Unter Freiherr vom Stein leitet er das Kultusministerium, ist 1815 auf dem Wiener Kongress bei der Neuordnung Europas dabei, protestiert gegen die Karlsbader Beschlüsse, erkrankt an Parkinson und – das ist der direkte Bezug zu unserem Thema – ist immer wieder zur Kur in Bad Gastein. Er stirbt 1835 in Tegel.

Bad Gastein mit seiner wunderbaren Umgebung und natürlich auch den Heilquellen war zu seiner Zeit noch nicht der mondäne Kurort, an dem sich die Welt traf und an dem Weltpolitik geschrieben wurde. Der Aufstieg dieses Bergdorfes beginnt erst mit Kaiser Wilhelm I., der hier ab 1863 regelmäßig zu Besuch ist.

Wilhelm hält sich zum Teil mehrere Wochen in Bad Gastein auf und schreibt geradezu unermüdlich. Er lässt sich inspirieren durch die Umgebung und entwickelt ein Bildungsideal, das den Menschen im Fokus haben soll, nicht fachliche Ziele. Wie wichtig wäre es, würde man jetzt in breiter Form über dieses Bildungsideal sprechen!

Wir täten es in Bad Gastein an der Himmelwandhütte im schönen Kötschachtal. Dort sähen wir uns einige der Briefe von Wilhelm von Humboldt an, die er in Gastein an seine langjährige Freundin Charlotte Diede schrieb. Er schwärmt ihr von der prächtigen Umgebung vor, unterbreitet seine wertvollen Gedanken zur Bildung und zur Bedeutung des Individuums und gibt ein beeindruckendes Zeugnis für die Briefkultur seiner Zeit. Wochen vergehen, bis ein Brief den Adressaten erreicht, und weitere Wochen, bis die Antwort kommt. Daraus ergibt sich ein stark verlangsamter Austausch, in dem sich Gedanken entfalten können. Alle Briefe beginnen mit einer klaren Ansprache (nicht dem heute üblichen und für mich entsetzlichen „Hallo“). Werte Charlotte oder Meine liebe Charlotte und sie enden mit abschließenden individuellen Wünschen, nicht nur mit der Unterschrift: Leben Sie herzlich wohl, ich bleibe mit unveränderter Freundschaft und Teilnahme der Ihrige.

Viele Briefe beginnen mit einer Lobeshymne auf Bad Gastein:

Bad Gastein, den 5. August 1827

Der Ort liegt schon den höchsten Bergen Deutschlands sehr nah. Man befindet sich selbst hier im Bade 2000 Fuß über der Meeresfläche. Das Tal ist überaus lieblich und schön …

1828: Humboldt hatte schon lange die Berliner Universität nach seinen Vorstellungen gegründet, hatte das Lehramtsexamen 1810 und dadurch den Stand des Gymnasiallehrers geschaffen und weiß, dass die Universität kein Ort der Ausbildung sein sollte, sondern ein Ort, an dem autonome Individuen zu Weltbürgern heranwachsen sollten. 1828 weilt er wieder wochenlang in Bad Gastein und bringt Charlotte sein Bildungsideal in einem Brief nahe:

Bad Gastein, den 14. September 1828

(…) Es ist immer, meiner aus langer Erfahrung geschöpften Überzeugung nach, besser, wenn das Innere nach außen, als wenn das Äußere nach innen strömt. Es scheint zwar wohl, als könne sich das Innere nur von außen her bereichern und befruchten; allein dies ist ein trügerischer Schein. Was nicht im Menschen ist, kommt auch nicht von außen in ihn hinein; was von außen in ihn eingeht, ist nichts als ein zufälliger Anhalt, an dem sich das Innere, aber immer aus seiner nur ihm angehörenden eigentümlichen Fülle entwickelt.

Was würde Humboldt heute zur Flut des schier unendlichen Inputs sagen? Er kennt kein Internet, seine Welt war mehr als analog, und doch steht die wesentliche Frage hinter seinen Überlegungen zu Bildung: Kommt Bildung von außen oder von innen? Für ihn ist es besser, wenn das Innere nach außen, als wenn das Äußere nach innen strömt. Was nicht im Menschen ist, kommt auch nicht von außen in ihn hinein. Könnte man sich vorstellen, wie die Mitglieder der Kultusministerkonferenz heute über diese Ansicht diskutieren würden? Da würde ja sehr viel von dem einstürzen, was unter dem Aspekt Chancengleichheit fällt. Oder es käme ein völlig anderes Bildungsideal heraus, das vielleicht weit humaner wäre. Humboldt animiert zum eigenständigen Denken, nicht zum Gedanken-Wiedergeben. Er ist überzeugt davon, dass man nur ein guter Handwerker, Kaufmann, Geschäftsmann oder was auch immer sein kann, wenn man ein seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Humboldt lebt in einer anderen Gesellschaft als wir heute. Aber er kämpft damals bereits gegen die Instrumentalisierung des Menschen. Für ihn im Fokus stehen Autonomie und Mündigkeit, nicht Systemrelevanz. Er ist in voller Breite der Aufklärung verpflichtet. Man kann viele verschiedene Briefe von ihm zitieren, aber immer wieder kommt er auf diese Grundlagen des Menschseins zurück.

Gut ein Jahr später schreibt er seine Vorstellungen von der Bedeutung des Individuums an Charlotte von Diede.

Bad Gastein, den 20. August 1829

(…) Ich bin in acht Tagen, also da die Entfernung doch 110 Meilen ist, nicht gerade langsam hierher gereist. Eine solche Reise hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Lesen eines geschichtlichen Buches. Wie in diesem eine Reihe von Zeiten, so durchläuft man reisend eine Reihe von Gegenden. In Absicht auf den Menschen, der doch in aller Weltbetrachtung immer der wichtigste, am meisten den Ernst und die Anstrengung der Beobachtung in Anspruch nehmende Gegenstand ist, trifft bei beiden Fällen der Umstand ein, dass der Einzelne in einer gewissen Masse verschwindet, die individuelle Existenz keinen Wert zu haben scheint gegen die Bestimmung des größeren und kleineren Ganzen, zu dem sie gehört. Dagegen fühlt nun doch der Betrachter, der Lesende oder Reisende, ganz vorzugsweise sein Ich.

Humboldt sieht den Leser als Reisenden. Ein schönes Bild. Der Leser, der so oft in der Masse verschwindet und doch ganz vorzugsweise sein „Ich“ fühlt. Hier nimmt Humboldt bereits klar das Individuum in den Blickpunkt. Und interessanterweise fallen Begriffe, die erst im 20. Jahrhundert zu intensiven Diskussionen führen werden: der Einzelne und die Masse. Hören wir weiter:

Wenn man die Welt weltlich betrachtet, so tritt vor zwei sich aufdrängenden gewaltigen Massen das Individuum ganz in den Schatten zurück oder wird vielmehr in einem großen Strom fortgerissen. (…) Was ist der Einzelne in dem Strom der Weltbegebenheiten? Er verschwindet darin nicht bloß wie ein Atom gegen eine unermeßliche, alles mit sich fortreißende Kraft, sondern auch in einem höheren, edleren Sinne. (…) Er ist also nur Werkzeug und scheint nicht einmal ein wichtiges, da, wenn der Lauf der Natur ihn hinwegrafft, er immer auf der Stelle ersetzt wird, weil es ganz widersinnig zu denken wäre, dass die große Absicht der Gottheit, mit den Weltbegebenheiten durch Schicksale schwacher einzelner auch nur um eine Minute könnte verspätet werden.

Er kritisiert unermüdlich, dass der Mensch in der Masse untergeht. Er sensibilisiert für den Wert jedes Einzelnen und kämpft für die Freiheit von Forschung und Lehre.

In der Himmelwandhütte würde jetzt eine große Diskussion losgehen über Bildungsideale und Bildungsgerechtigkeit, über den Wert von überprüfbaren Leistungen, über die Erfüllung von gesellschaftlichen Anforderungen. Die Himmelwandwirtin würde ihre mindestens 15 täglich frisch gebackenen Strudel anbieten und damit schon zeigen, dass sie Humboldt verstanden hat: Sie weiß, was sie anbietet, und sie ist stolz darauf. Sie verkauft mit Sicherheit keine Strudel, ohne zu wissen, was drin ist. Wir würden vielleicht ein Stück näher zu dem kommen, was wir heute so dringend brauchen: eine kritische Hinterfragung von Lenkung, egal in welchem Bereich.

Wilhelm von Humboldt: Briefe an eine Freundin, Leipzig (Insel Verlag) 1912 (zitiert nach Projekt Gutenberg)

Uwe Kolbe: Renegatentermine. Der individuelle Abschied von der sozialistischen Utopie

Es gibt wunderbare zeitgenössische deutsche Schriftsteller: Viele von ihnen haben einen Hintergrund in einem System, das über Jahrzehnte abgeriegelt war. Keine Reisen in westliche Länder, sehr eingeschränkte Kontakte zu westlichen Verwandten, ein dauerndes Taktieren mit Zensur. Einige Autoren sind sehr bekannt, zum Teil aber schon nicht mehr am Leben. Zu ihnen gehören Christa Wolf und Günter Kunert. Andere wie Ingo Schulz, Reinhard Jirgl und Lutz Seiler haben es in die Ränge der begehrtesten literarischen Buchpreise geschafft. Sie thematisieren in teils sehr anspruchsvoller Stilistik manchmal manieriert, manchmal nüchtern das Leben in der zerbröselnden DDR, ohne es zu erklären. Wieder andere – und zu ihnen gehören zum Beispiel aktuell Ines Greipel mit ihrem hervorragenden Buch Umkämpfte Zone, Julia Franckund Uwe Kolbe – bestechen durch eine glasklare Aufarbeitung der eigenen Biographie. Hier zeigt sich besonders: Die Menschen haben jahrzehntelang eine Sehnsucht gelebt, die sich wie eine Utopie anfühlte. Sie haben eine enorme Kreativität entfaltet, um mit der Situation der undurchdringlichen Grenze klarzukommen und es geschafft, ihre Sehnsucht nach einer anderen Welt nicht absterben zu lassen.

Uwe Kolbe gehört zu den Schriftstellern, die mir das Tor zur DDR ein Stück weit öffnen konnten. Ich kannte Die wunderbaren Jahre von Rainer Kunze, ich kannte Buridans Esel von Günter de Bruyn, ich habe Monika Maron gelesen, Johannes Bobrowski, Herta Müller, Volker Braun, Uwe Johnson, Peter Huchel und viele andere. Die Puzzleteile für ein stimmiges Bild wollten sich nicht richtig fügen. Aber bei all diesen Autoren schwingt etwas mit, was nur durch unstillbare Sehnsucht am Leben gehalten werden kann: der Wunsch, dass sich etwas verändert. Und diese Sehnsucht schafft es, Menschen über Jahrzehnte hinweg innerlich zu ernähren.

Uwe Kolbe, geboren 1957 in Ost-Berlin, hat bei Lyrik-Fans, Germanisten und Preisrednern einen guten Ruf, hat aber bislang kein breites Publikum gefunden. Er beugt sich keinen Moden und Trends. Einer seiner Förderer ist Franz Fühmann, einer, wenn nicht d e r Schriftsteller der DDR, der sich elementar für all die Schriftsteller einsetzt, die unter Schikanen der DDR-Führung leiden. Aber Fühmann kann den „jungen Wilden“ Kolbe nicht immer schützen. Kolbe gehört zur Künstlerszene des Prenzlauer Bergs, die schon früh das Ende der DDR herbeischreibt. Bereits 1981 ist er ein gefragter Lyriker, der im Aufbau-Verlag publiziert. Er weiß mit Zensur umzugehen, und er wird eine wichtige Stimme der Generation, die in eine Welt geboren wird, die Kritik nicht zulässt. Diese Welt bleibt ihm fremd, er bezeichnet sie als Stacheldrahtlandschaft. Die Funktionäre erkennen die Begabung Kolbes und wollen ihn nicht verloren geben. Man beobachtet ihn und berichtet über ihn. Teil des Konzepts ist, dass ihm manche Reisen gewährt werden. Eine dieser Reisen führt in die Schweiz und dort fasst Kolbe den elementaren Entschluss, der zu seiner Ausreise in den Westen führt. Diese wird ihm1988 gewährt.

Ich zitiere aus Renegatentermine, einem Essay aus einem Buch Kolbes, in dem Reden und Aufsätze zu finden sind, u. a. auch seine Grabrede auf Franz Fühmann. Die Texte dokumentieren Zeitgeschehen ab 1984 und bis in die Zeit nach dem Fall der Mauer. 30 Versuche, die eigene Erfahrung zu behaupten ist der selbsterklärende Untertitel des Buches.

Sein Renegatentermin ist ein mit Herzblut geschriebener Text. Ein Renegat ist ein Glaubensabtrünniger, einer, der sich von dem, was für ihn bislang galt, abwendet und erkennt, dass er einen anderen Weg gehen muss. Was muss passieren, bis ein Mensch merkt, dass etwas schiefläuft? Wie viele und welche Zeichen braucht es, bis das Fass überläuft und der Mensch sich mit allen Mitteln wehrt? Als Paradebeispiel für einen kollektiven Renegatentermin nennt Kolbe die Reaktion vieler Menschen auf die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR 1976. Kolbes Sprache ist klar. Es ist eine Sprache, die reflektiert über Erlebtes berichtet. Sie spricht mich immer wieder an. Der zitierte Text zeigt, welch ein Maß an Sehnsucht sich aufgestaut hat und wie es sich entlädt. Ich zitiere aus einer Passage am Ende des ca. 30 seitigen Textes. Kolbe will, wie so viele, am sozialistischen Gegenentwurf zu dem bauen, was ihn umgibt. Und dann kommt ein Erlebnis, dass alles in Wanken bringt, sein persönlicher Renegatentermin. Hören wir seinen Text:

… Der breite Konsens hieß: Wir bauen am sozialistischen Gegenentwurf zum Sozialismus. So bitte ich folgende Episode zu verstehen als etwas, das ich erst heute anerkennen kann: meinen Renegatentermin.

Ich hatte im Laufe der Jahre ein paar Einladungen bekommen, meine Gedichte jenseits der Westgrenze vorzutragen, die regelmäßig abgelehnt wurden. Reisen nach Osteuropa, als Autor, etwa zu einem längeren Arbeitsaufenthalt nach Bulgarien, wurden u.a. vom Schriftstellerverband verhindert, dessen Mitglied ich nicht war. Nur das ungarische P.E.N.-Zentrum hat sich einmal über alle zuständigen DDR-Behörden weggesetzt und mich in Budapest empfangen.

Jedenfalls fuhr ich 1985 erstmals nach Süddeutschland und in die Schweiz. Es hatte immer neuer Anträge bedurft und gewichtiger Namen. Am Schluss waren ein berühmter Mann aus Tübingen (Anmerkung U. Mielke: Das war Walter Jens) und die Schweizer Autorengruppe Olten darunter.

In Zürich hatte ich zwischen den Lesungen einen freien Tag. Eine freundliche Seele empfahl mir, doch ins Tessin zu fahren. Ich hatte davon gehört: dass Hermann Hesse dort gelebt hatte, und von den Zusammenkünften der Anarchisten in Ascona am Lago Maggiore, und, dass es dort schön sein soll. Ich ahnte ja nicht, wie nah das war, konnte nicht wissen, wie abwechslungsreich auf wie wenig Raum die Schweiz war …. Ich saß im Zug. Ich sah die schneebedeckten Gipfel. Jenseits eines Tunnels sah ich die südliche Sonne. Schien sie nicht aus einer anderen Himmelsrichtung? Ich verließ in Lugano am gleichnamigen See den Zug. Ich stand am Rand einer schäbigen Betonunterführung, nur wenige Schritte vor dem Bahnhof. Ich sah den See, den sonnigblauen Dunst zwischen den Palmen dort unten an dem italienischen Seeufer. Wenn Sie gleich denken, jetzt übertriebt er, dann rufen Sie sich bitteschön Ihr eigenes erstes Elementarerlebnis von Süden oder Norden, von Landschaft oder Großstadt, je nach Belieben, ins Gedächtnis. Mir knickten die Beine ein, nur kurz, nur wenig, unsichtbar für Passanten. Ich will Ihnen den Originalsound nicht vorenthalten davon, was in dem Moment durch meinen Kopf schoss. An wen es gerichtet war, können Sie sich nach diesem Anlauf denken: „Ihr Schweine! Ihr wolltet, dass ich das nie im Leben sehe!“

Renegatentermin. Ganz klein. Ganz banal. Und obendrein unpolitisch. Nichts da von Diskussionen mit Politoffizieren oder Militärstaatsanwälten oder mit wohlmeinenden Freunden. Nichts von dem auszehrenden Schweigen der Macht oder von den unvermutet, doch wohlkalkuliert geöffneten Türen, die du hattest eintreten wollen. Nichts von der Verantwortung des Schriftstellers „in den Kämpfen der Zeit“, auch nicht für sein Publikum in der DDR. Nein und abermals nein. Es darf der Stein geworfen werden.

Auf dem Monte Bré, dem Hausberg Luganos, der mit Esskastanien übersät war an diesem Tag Mitte November, als ich über ihm schwebte mit meinen paar und siebzig Kilo und paar Tagen mehr als achtundzwanzig Jahren …, auf der stadtabgewandten Seite, bei dem Dorf Bré, stand eine Telefonzelle. Meine Frau konnte ich nicht anrufen mangels Telefon. Meine Eltern waren nicht zu Hause. Ich wählte die Nummer eines lieben älteren Freundes. Für lauter schwere Fünf-Franken-Stücke, für einen unverantwortlich großen Schatz, den der DDR-Bürger da in den Schlitz steckte, schwärmte ich von der Landschaft, vom Gefühl, von der Lust. Der Freund am anderen Ende der Leitung hatte sich, wie ich heute weiß, das Jahr zuvor handschriftlich gegenüber einem Offizier der Staatssicherheit festgelegt.

Diesen Text schreibt Kolbe 1996. Im Tessin sind ihm die Augen aufgegangen, und ihm wird bewusst, wonach er sich sehnt: nach Freiheit, nach der Möglichkeit, zu tun und zu lassen, was er möchte. Er ist ergriffen von der betörenden Schönheit der Natur, ein geradezu mystisches Erlebnis, das wohl jeder kennt. Die Sprache der Natur ist weit intensiver als jede Kunst. Und Kolbe spürt in allen Fasern seines Körpers, wie ergriffen er von der Schönheit dieses Anblicks ist. Diese Stimmung braucht ein Gegenüber. Geradezu kopflos gibt er einen großen Teil seines sicher nicht zu üppigen Honorars aus, um einem Menschen mitzuteilen, was ihn bewegt. Er gerät an den Falschen, wie so viele, die anderen in der DDR vertraut haben, was ihnen dann zum Verhängnis wurde. Nach dem Tessin-Erlebnis ist Kolbe entschlossen: So wie bisher geht es nicht weiter. Er ist bereit, dafür zu kämpfen, wonach er sich sehnt. Und dafür wird er bestraft.

Uwe Kolbe: „Renegatentermine. Der individuelle Abschied von der sozialistischen Utopie, in: ders.: Renegatentermine. 30 Versuche, die eigene Erfahrung zu behaupten, Frankfurt (suhrkamp) 1998, S. 191–217

Joseph von Eichendorff: Sehnsucht

Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab’ ich mir heimlich gedacht:
Ach wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorgebildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.

Wir sind im Jahr 1834, Eichendorff ist 36 Jahre und gehört schon lang zu den wichtigsten Dichtern der Romantik. Er stammt aus einem verarmten schlesischen Adelsgeschlecht, – sein Vater war so hoch verschuldet, dass er monatelang vor seinen Gläubigern auf der Flucht war, – seine Mutter, die Baronin, hat nach dem Tod ihres Gatten 1818 den größten Teil des Forstes rund um ihr Schloss Lubowitz kahlschlagen lassen, um ihre privaten Schulden zu tilgen. Kapitalgerichtete Technik, Industrialisierung, die rasant zunehmende Geschwindigkeit des modernen Lebens konfrontieren den jungen Eichendorff mit Fragen, die die Zeit vor ihm nicht gestellt hatte. Der Raubbau in allen Bereichen geht nicht spurlos an ihm vorbei. Er hat seine Studienjahre hinter sich und ist Jurist und Dichter gleichermaßen. Jurist, um seine Familie zu ernähren, Dichter, um innerlich am Leben zu bleiben. Er muss sich spüren, um seinen Brotberuf ausüben zu können, allein von der Juristerei wäre das nicht gegangen.

In den dreißiger Jahren lässt er sich in Berlin nieder. Die Revolutionswellen, die Europa ab 1830 im Griff haben und die Krise des Cholerajahres 1831 können durchaus als ein Wendepunkt seines Lebens betrachtet werden. Die Sehnsucht nach einer anderen Welt jenseits von Krise, nach einer Welt, in der der Mensch Mensch sein darf, diese Sehnsucht bricht mit Vehemenz in sein Werk ein. In dieser Zeit arbeitet er meist im Kultusministerium, muss dauernd befürchten, zurückversetzt zu werden und wandelt sich von einem Dichter der Romantik zu einem Dichter des Vormärz. Er merkt, so lange hat er nicht mehr Zeit, es muss sich etwas tun, es drängt ihn in eine andere, bessere Welt. Für Heinrich Heine und viele andere neue Dichter wird er Vorbild.

In dieser Zeit ist auffallend, dass in Eichendorffs Gedichten immer wieder Wälder rauschen, Nachtigallen schlagen, Brunnen plätschern, Ströme blitzen. Immer wieder kommen Lichter von der Ferne, von Bergen, aus der Tiefe. Metaphorisch wird die Trennung des modernen Menschen von der Natur beschrieben, das Leid, sich in einer Welt zu finden, die nicht die gewollte ist und die Sehnsucht nach einer anderen. Sogar die von der modernen Technik verstörte Poesie der Wanderschaft, – eines der Grundmotive, auf denen die Romantik aufbaute, – werden zu Chiffren seines Inneren: Eine Sehnsucht danach, dass sich Getrenntes wieder zusammenfügt. Eichendorff, fragt, bittet, dankt, und in vielen Gedichten ruft er Gott an. Wie Bach in der Musik so kann man mit Fug und Recht behaupten, ist das Werk Eichendorffs eine Lobeshymne Gottes. Und so wie Menschen heute auch ohne diesen religiösen Bezug Bachs Musik genießen können, so kann man auch völlig säkular die Gedichte Eichendorffs genießen. Wenn der Lobpreis Gottes fehlt, fehlt die Quelle, aber das Kunstwerk bleibt.

Eichendorff ist sich bewusst, dass er an der Schwelle einer neuen Zeit steht. Die Krise ist so groß, dass es ein „weiter so“ nicht geben kann. Wie reich beschenkt sind wir heute, wenn wir uns in unserer Krise vor Augen führen, dass es immer schon Zeiten gab, in denen die Zukunft völlig unklar war. Die Sehnsucht wird ernst genommen und nicht als Utopie oder Träumerei abgetan. Und sie wird hier eindeutig mit der Thematik Heimweh (oder Fernweh?) verknüpft.

Schauen wir konkret auf unser Gedicht:

Es ist ein einfaches, ja graziöses Gedicht, das im Roman Dichter und ihre Gesellen steht. Fiametta singt es, die Verlobte des Protagonisten. Sie ist durch herbe Schicksalsschläge von Italien nach Deutschland gekommen, steht einsam und beobachtend am Fenster und sehnt sich offensichtlich in die Ferne. Wälder, die immerzu rauschen, Quellen, die unaufhörlich niederstürzen, verwilderte Gärten, dämmernde Lauben: alles prägt sich schnell in die eigene Vorstellung ein. Der Blick auf das Gedicht wird nicht durch irgendwelche störenden Bilder getrübt. Es gibt keine Probleme, Bedrohungen fehlen. Aus diesem Grund kann sich der Hörer in diese paradiesische Welt fallen lassen. Die Verse rufen in der Phantasie wirkliches Lautenspiel und Brunnenrauschen hervor und geradezu die Aufforderung: „Geh in eine bessere Welt, nach der du Dich sehnst.“

Fiametta und die Natur sind in der ersten Strophe durch ein Fenster getrennt. Noch dazu beginnt die Strophe mit einem Es, was die Trennung noch verstärkt. Es wird eine melancholische Stimmung beschrieben, durch die Inversion Am Fenster nochmals verstärkt und auch durch den Ausruf Ach! Das Posthorn ertönt und mit ihm schwillt die ganze Sehnsucht mitreisen zu können an. Die Nacht ist nicht bedrohlich und dunkel, die goldenen Sterne scheinen. Sie ist prächtig, diese Sommernacht.

Die zweite Strophe wirkt wie ein thematischer Bruch: Da tauchen zwei Gesellen auf, die ein Wanderlied singen. Fiktion in der Fiktion. Gesellen wandern nicht aus Lust, es gehört zu ihrem Arbeitsalltag. Und auch sie singen von der Natur: Felsenschlüfte, Wälder und Quellen besingen sie genauso sehnsuchtsvoll wie Fiametta es in der ersten Strophe tut.

Das Lied der Gesellen wird in der dritten Strophe fortgesetzt. Hier ahnt man das Ziel der Sehnsucht: Italien mit seinen Marmorbildern, dämmernden Lauben, Palästen und rauschenden Brunnen. Italien: Der Sehnsuchtsort schlechthin. Das Gedicht endet scheinbar abrupt: Und die Brunnen verschlafen rauschen. Brunnen werden personifiziert, sie rauschen vor sich hin, haben keine Hektik. Die Endzeile der ersten Strophe wird wiederholt und damit verstärkt sich die Wirkung: In der prächtigen Sommernacht.

Sind Eichendorff die Ideen ausgegangen? Welche Absicht steckt in einem solchen Ende? Nein, Eichendorff will uns in die Sehnsucht einbinden. Ich kann jetzt selbst weiterspinnen, weiter dichten, sinnieren, singen, was auch immer. Ich bin frei, allein weiter zu kommen zu meiner Sehnsucht. Der Treibsand ist gelegt. Das Gedicht ist nicht zu Ende, nein, es muss weitergehen! Dies zu tun ist meine große Aufgabe. Eichendorff sei Dank.

Ich sitze hier in meinem Garten und höre dauernd im Hintergrund das hungrige Geschrei von kleinen Rotkehlchen, die in ihrem Nest direkt in unserem Kaminholz an der Hauswand haben. Sie haben fleißige Eltern, die sie permanent versorgen und ich stocke oft in meinem Text, um sie anzuschauen. Eichendorff wäre begeistert, ich bin es auch.

Joseph von Eichendorff: „Sehnsucht“, in: Dichter und ihre Gesellen. Sämtliche Erzählungen II, herausgegeben von Brigitte Schillbach und Hartwig Schultz, Berlin (Deutsche Klassiker Verlag) 2007

Johann Christoph Friedrich von Schiller: Die Bürgschaft

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Möros, den Dolch im Gewande:
Ihn schlugen die Häscher in Bande,
“Was wolltest du mit dem Dolche? sprich!”
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
“Die Stadt vom Tyrannen befreien!”
“Das sollst du am Kreuze bereuen.”

“Ich bin”, spricht jener, “zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben:
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn’ ich, erwürgen.”

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken: “Drei Tage will ich dir schenken;
Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh’ du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.”

Und er kommt zum Freunde: “Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben.
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
So bleib du dem König zum Pfande, Bis ich komme zu lösen die Bande.”

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen, Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
“O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.”

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

“Was wollt ihr?” ruft er vor Schrecken bleich,
“Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!”
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
“Um des Freundes willen erbarmet euch!”
Und drei mit gewaltigen Streichen
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee.
“O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!”

Und horch! da sprudelt es silberhell, Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn, Da hört er die Worte sie sagen:
“Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.”

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

“Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet’ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr, Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.”

“Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
Ein Retter, willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut’ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!”

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor,
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
“Mich, Henker”, ruft er, “erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!”

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär’;
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen,

Und blicket sie lange verwundert an. Drauf spricht er: “Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn –
So nehmet auch mich zum Genossen an:
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte!”

Endlich Schiller! Und sofort der Ausruf: „Das kenne ich, das muss ich mir nicht mehr antun!“ Bei der Thematik „frei und gefangen“ hatte ich schon Schiller im Visier und zügelte mich. Aber bei der Freundschaft muss er hinein. Da wäre sonst die Lücke zu groß.

Als ich vor einigen Jahren eine Geburtsanzeige mit der Aufschrift erhielt: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte“, schüttelte ich spontan den Kopf und dachte bei mir: „Nein, da wussten die glücklichen Eltern wohl nicht, woher diese Verse kommen, und sie wussten wohl auch nicht, dass sie von einem Tyrannen gesprochen werden.“ Und ich dachte mir dann: „Wen soll ich mehr bedauern? Den kleinen Mirko, der solche Eltern hat oder die Eltern, die einen Tyrannen anzeigen?“ Jedenfalls war klar: Sie kannten Die Bürgschaft nicht. Oder wenn sie sie kannten, dann hatten sie keine Angst vor kleinen Tyrannen.

Schiller ist berühmt für Vieles, nicht zuletzt für seine großartigen Balladen. Und er ist auch berühmt für seine Männerfreundschaft: Schiller und Goethe, d a s Freundespaar der Klassik schlechthin. Im August 1798 geht er zu Goethe, Die Bürgschaft in der Hand und bittet ihn um seine Meinung. Sie fällt mild aus. Goethe hatte ihn zur Ausarbeitung der Thematik angeregt. Einige Monate vorher, am 17.12.1788 schreibt Schiller an Goethe:

„…daß unter den vielen (…) Menschen (…) auch einer darauf verfallen möchte, in alten Büchern nach poetischen Stoffen auszugehen, und dabei (…) das Punctum saliens einer, an sich unscheinbaren Geschichte zu entdecken.“

Und er bedauert:

„Mir kommen solche Quellen gar nicht vor, und meine Armuth an solchen Stoffen macht mich wirklich unfruchtbarer im Produciren, als ich’s ohne das sein würde.“

Darauf schickt ihm Goethe die Texte von Hyginus Mythographus, einem römischen Fabeldichter.

Schiller findet in dieser Sammlung die herrlichsten Stoffe, wie er an Goethe anlässlich dessen Geburtstag schreibt. Schnell sind zwei Balladen fertig, eine davon ist Die Bürgschaft. Diese veröffentlicht Schiller 1798 im Musenalmanach gleich an dritter Stelle, vor dem Taucher und dem Handschuh. Ein klares Zeichen, welche Bedeutung er ihr zumisst.

In dieser Ballade greift Schiller den antiken Stoff auf. Dort steht einer von zwei Freunden unter Mordverdacht, ihm droht der Tod. Er bittet um Aufschub der Hinrichtung um drei Tage, in denen er seine Schwester vermählen will und lässt seinen Freund als „Pfand“ vor Ort. Diese Bitte wird ihm gewährt. Er kommt kurz vor der Hinrichtung des treuen Freundes zurück, Hochwasser hatten ihn aufgehalten.

Schiller hat in seiner Ballade viel von diesem Stoff übernommen. Urheberrechtliche Gedanken brauchte er sich nicht zu machen, die Zeit war noch nicht gekommen. Er verschärft die Charaktere, dem Tyrannen Dionys stellt er ein Freundespaar gegenüber. Klar ist, für wen Schiller Sympathien hat. In der Bürgschaft ist das idealisierte Bild Schillers von Freundschaft abgebildet: Einer steht für den anderen ohne Einschränkung ein. Auf den Freund ist Verlass, das ist die Kernbotschaft der Ballade. Es ist eine Freundschaft ohne wenn und aber. Keine Freundschaft nach außen, keine, die den Nutzen im Blick hat, eine Freundschaft, die sogar einen Tyrannen beeindruckt, da soviel gegenseitige Aufopferungsbereitschaft in seinem Denken nicht vorgesehen ist.

Balladen sind Geschichten (meist) in Reimform. Sie erzählen in knapper und konzentrierter Form, sehr oft szenisch, teils auch mit wörtlicher Rede. Durch die vielen Enjambements nimmt Die Bürgschaft schnell Fahrt auf. Sie ist spannend, der Leser fiebert geradezu mit und hofft, dass es der Freund noch rechtzeitig schafft. All das hat große Dynamik und Dramatik, stark gefördert durch viele stilistische Besonderheiten: z.B. Anaphern, – eine große Anzahl Verse beginnt mit und – und viele Antithesen, zum Beispiel die mehrfache Gegenüberstellung des Verhaltens der beiden Freunde zu dem des Tyrannen.

Welcher Begriff von Freundschaft liegt der Bürgschaft zugrunde? Ist Schillers Begriff auf meinen Freundschaftsbegriff übertragbar? Welche Eigenschaften gibt Schiller den beiden Freunden vorrangig? Sind sie einander gleichgestellt?

Es fällt auf, dass Möros seinen Freund gar nicht fragt, ob er für so eine Tat überhaupt bereit ist. Er setzt dessen Einwilligung voraus und sagt zu Dionys: Ich lasse den Freund dir als Bürgen, ihn magst du, entrinn‘ ich erwürgen. Das könnte man als Vereinnahmung deuten. Er liefert ihn aus. Er riskiert seinen Tod. Diese Haltung ist mir befremdlich, zumal vom eigentlich Grund, die Schwester zu vermählen nichts erzählt wird. Der Freund bleibt stumm: Und schweigend umarmt ihn der treue Freund. Die Wortlosigkeit besticht. Hier sind keine Worte nötig, hier spricht der Körper. Durch Umarmung gibt er seine Zustimmung. Über die Qualen, die dieser Freund erlebt, der als Bürge herhält, schweigt die Ballade. Warum hat dieser Freund so gar keine Stimme? Das ist eine eindeutige Schräglage, die bis zum Schluss nicht aufgelöst wird. Im Fokus stehen die Hindernisse, die der Verurteilte durchlebt: Unwetter, Überfall, Müdigkeit, Metaphern für Natur, Kriminalität und menschliche Schwäche. Die Natur ist gegen ihn, Menschen wollen ihm an den Kragen und letztlich versagt seine eigene Kraft, und er schläft ein. Schiller deckt breit ab, was den Plan vereiteln könnte. Aber bei allem bleibt eines erkennbar: Der Wille von Möros, sein Versprechen zu halten. Hier wirkt sie noch, die Kraft des früheren Stürmers und Drängers. Möros zeigt menschliche Gefühle: er weint und fleht…, da treibt ihn die Angst…, da fast er sich Mut und Angst beflügelt den eilenden Fuß…. Vom Freund, der noch dazu namenlos bleibt, erfahren wir nichts. Über Philostratus, den Knecht von Möros, den er auf seinem Weg zurück in die Stadt trifft, erfährt Möros:

…, dass der Freund hoffende Seele hat…, mutigen Glauben…, den der Hohn des Tyrannen nicht rauben konnte. Welche Qualen er im Angesicht der verstreichenden Zeit gehabt haben muss, das bleibt unerwähnt, das überlässt Schiller der Vorstellungskraft der Leser.

Die Richtstätte ist voller Menschen, die Hinrichtung hat bereits begonnen, da trifft Möros ein und rettet den Freund.

In den Armen liegen sich beide und weinen vor Schmerzen und Freude. Erleichterung, Erschöpfung, Wiedersehensfreude, keine Worte. Beide sind in der gleichen Regung vereint.

Was jetzt kommt, kann unterschiedlich gedeutet werden. Nicht nur die Menge ist berührt davon, dass Möros sein Versprechen gehalten hat. Auch der Tyrann. Er begnadigt und will fortan mit beiden Freunden sein: Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte. Er will ihr Genosse sein, ein Wort, das zu Schillers Zeiten natürlich noch eine andere Bedeutung hatte als später. Wie soll man so eine Bitte verstehen? Zum einen wäre ein geläuterter Tyrann denkbar, der merkt, dass Treue kein leerer Wahn ist, zum anderen, – und diese Sicht liegt mir näher, – passt die Wendung auch zur Willkür, die einem Tyrannen eigen ist. Kann man sich vorstellen, dass Dionys wirklich Freund der beiden Freunde werden kann? Wohl kaum.

„Werter Herr Schiller“, möchte ich schließen, „viele Fragen zur Freundschaft bleiben offen.“ Wenn man die ganze Unlogik des Geschehens außen vorlässt, bleibt die Frage: Ist das ein Begriff von Freundschaft, der heute trägt? Ich diskutiere diese Ballade gern mit jungen Menschen im Kontext der Frage: Wofür würde ich mein Leben einsetzen? Ganz vorn stehen da: Familie und Freunde, ganz hinten Überzeugungen und Ideen. Demnach trägt die Ballade nach wie vor. Fraglich bleibt aber für mich: Was ist das für ein Mensch, der so selbstsicher, ja auch so idealistisch ist, um alles aufs Spiel zu setzen, auch den Freund? Was wiegt schwerer? Die Hochzeit der Schwester (und damit verbunden ihr Leben) oder das Leben des Freundes. Hätte der Freund nicht auch die Schwester im Auftrag Möros‘ verheiraten können? Möros vertraut darauf, dass der Tyrann sein Wort hält und die Frist von drei Tagen respektiert. Der Tyrann hätte darauf pfeifen und den Freund gleich richten können. Möros vertraut darauf, dass ihm alles gelingen wird und keine Hindernisse im Weg sind. Er hatte Glück. Es klappt. Aber im Grunde genommen ist sein Verhalten nicht das, was ich mir von einem Freund erwarte. Ist da nicht auch Hybris im Spiel, gegen die Schiller doch so oft angekämpft hat?

Die Ballade ist entnommen:

Friedrich Schiller, Sämtliche Werke, Band 1, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), S. 352-356

Die Korrespondenz von Schiller mit Goethe ist entnommen:

Schiller – Goethe: Der Briefwechsel, hg. von Norbert Oellers, Stuttgart (Reclam), 2009

Anmerkung: Möros wird in einer späteren Fassung Schillers zu Damon.

Michel de Montaigne: Von der Freundschaft

Nicht nur Hölderlin fristet einen großen Teil seines Lebens in einem Turm. Michel de Montaigne, zieht sich im Alter von 30 Jahren in den Turm seines Schlosses Montaigne zurück und verbleibt dort freiwillig mehr als ein Jahrzehnt. Die Trauer um den Freund Etienne de la Boëtie, der an der Ruhr gestorben war, treibt ihn in die Einsamkeit. Montaigne und Boëtie haben vier intensive Jahre miteinander verbracht als Parlamentsräte in Bordeaux. Es sind spannungsgeladene Zeiten, ausgelöst durch religiöse Konflikte. Ihren Höhepunkt erreichen sie in der Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572, in der erst in Paris, dann im ganzen Land Tausende Hugenotten von Katholiken erschlagen werden. Boëtie, ein politischer Kopf, der in den langen Religionskriegen dieser Zeit einen nüchternen Geist bewahrt, schreibt das Buch De la servitude volontaire (Von der freiwilligen Knechtschaft), in dem er empfiehlt, dem ungerechten Herrscher mit passivem Widerstand zu begegnen. Dieses Buch hatte 1968 Kultstatus bei den Studentenunruhen. Montaigne, aus humanistischen Adelsgeschlecht zieht sich nach dem Tod des Freundes von allen Ämtern zurück. Er lebt vorrangig im Turm seine Schlosses im Perigord und schreibt dort. Später verlässt er den Turm, begibt sich auf große Reise, wird mehrfach zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt und stirbt im Alter von 59 Jahren an seinem Nierenleiden.

Montaigne wird zum Vater der Essayistik, er schreibt insgesamt 100 „Versuche“, tastend, mit viel Humor und Esprit. „Que sais-je?“ Was weiß ich?, könnte man als sein Lebensmotto bezeichnen. Er ist davon überzeugt, dass die Meinung, etwas zu wissen die Pest des Menschen sei. Daher denkt er quer. Er zeigt den Menschen in al seinen Schattierungen ohne Anspruch auf moralische Bewertung. Strenge Formen widerstreben ihm. So entsteht ein essayistisches Werk, das Einfluss auf die gesamte europäische Literatur hat. Er wirft alle Dogmen über den Haufen, ist ganz dem Geist der Aufklärung und dem skeptischen Denken verpflichtet und befasst sich in seinen Essays mit nahezu allen sittlichen Fragen, die den Menschen bewegen. Er thematisiert zwischenmenschliches Zusammenleben genauso wie Hexenprozesse und Aberglauben, er schreibt Essays übers Reiten und über Pferde, über Einsamkeit und über die Schonung des Willens. Eine reiche Palette, ein Lebenswerk, ein Einblick in das Denken der Zeit. Papst Clemens setzt die Essays 1676 auf den Index.

Die Zeit mit seinem Freund Etienne bezeichnet Montaigne als Ausnahmeglück. Obwohl nur vier Jahre, ist sie prägend für sein ganzes Leben. Über seine Freundschaft mit ihm sagt er:

Es muss so vieles zusammentreffen, um dergleichen zu erreichen, daß es viel ist, wenn das Schicksal es einmal in drei Jahrhunderten zustande bringt.

(S.9)

20 Jahre nach dem Tod Etiennes schreibt Montaigne den Essay über die Freundschaft. Er fragt: Was unterscheidet eine echte von einer falschen, einer trügerischen Freundschaft?

Zu nichts scheint uns die Natur so sehr bestimmt zu haben wie zur Geselligkeit. Und Aristoteles sagt, daß die guten Gesetzgeber mehr Sorge für die Freundschaft als für die Gerechtigkeit trugen. Inihr aber findet die Geselligkeit den letzten Grad ihrer Vollendung. Denn überhaupt sind alle die Freundschaften, welche aus Wollust, aus Eigennutz und Not, öffentliche oder häusliche, errichtet werden, um so weniger schön und herzlich und daher um so minder Freundschaft, als sich andere Ursachen, andere Zwecke und anderer Genuß hineinmischen als die Freundschaft selbst. Ebenso wenig machen die vier Arten des Altertums, getrennt und jede für sich oder zusammengenommen, den eigentlichen wahren Charakter der Freundschaft aus, als da sind: Verbindungen des Naturverhältnisses, der Geselligkeit, des Gastrechts oder der physischen Liebe. Vom Vater zum Kinde ist es vielmehr Ehrerbietung. (…)

(S. 9)

Hier werden ganz schön viele unterschiedliche Freundschaftsbegriffe eingeführt: aus Wollust, aus Eigennutz und Not, öffentliche oder häusliche Freundschaft und darüber hinaus die Freundschaften, die im Altertum einen hohen Rang hatten: Verbindungen des Naturverhältnisses, der Geselligkeit, des Gastrechts oder der physischen Liebe. All diese und auch die Verbindung vom Vater zum Kinde schließt Montaigne für seinen Freundschaftsbegriff aus.

Montaignes Freundschaftsbegriff geht davon aus, dass der wahre Freund ein Geschenk ist und durch nichts, nicht einmal durch die Liebe zu ersetzen ist.

Vergleicht man damit die Neigung zu Frauen, wiewohl auch sie aus unserer Wahl entspringt, so kann man sie doch nicht in dies Verzeichnis aufnehmen. Ihr Feuer ist heftiger, heißer und versengender. (…)

(S. 11)

Er selbst ist mit der Tochter eines Amtskollegen verheiratet, hat mit ihr sechs Töchter, nur eine von ihnen erreicht das Erwachsenenalter. In der Liebe glaubt Michel de Montaigne eine Art Fieberglut zu erkennen, die auf und abschwillt, ein mutwilliges und unbeständiges Feuer, das außerdem nur Teile des Menschen ergreift. Ganz anders sieht er dagegen die positiven Eigenschaften der Freundschaft:

In der Freundschaft ist es überall verbreitete Wärme, im übrigen gemäßigt und immer sich gleich; eine Wärme, die anhält und nicht verfliegt; durchgängig lieblich und sanft schmelzend, die nichts Brennendes oder Stechendes bei sich führt. Was noch mehr ist, in der Liebe ist es nur ein ungestümes Begehren nach dem, was uns flieht. Sobald sie sich in Freundschaft umwandelt, das heißt nach Gutbefinden des Willens beider, verraucht sie, erkrankt; Genuß, weil er nur am Körperlichen hängt und Sättigung hervorbringt, vernichtet sie. Die Freundschaft hingegen gibt in eben dem Maße Genuß, als sie begehrt. Sie sproßt, nährt sich und wächst bloß durch den Genuß, weil sie geistig ist und die Seelen durchs Annahen sich immer mehr einigen.(…)

(S. 11 f.)

Viele Eigenschaften werden hier genannt: gemäßigte, gleichbleibende Wärme, lieblich sanft schmelzend, nichts Brennendes oder Stechendes. Die Liebe verbrennt, die Freundschaft ist geistig und wächst, weil sich die Seelen immer mehr nähern. Lassen wir Montaignes Liebeskonzept beiseite. Fokussieren wir seinen Begriff der Freundschaft. Bei der Freundschaft sind Genuß und Sehnsucht identisch. Was heißt das? Da ist kein Begehren, da ist nur reines Wohlbefinden. Und um dieses geht es Montaigne.

Bei dem, was wir gewöhnlich Freunde oder Freundschaft nennen, handelt es sich allenfalls um nähere Bekanntschaften, die bei gewissen Anlässen oder um irgendeines Vorteils willen geknüpft wurden und uns nur insoweit verbinden. Bei der Freundschaft hingegen, von der ich spreche, verschmelzen zwei Seelen und gehen derart ineinander auf, dass sie sogar die Naht nicht mehr finden, die sie einte. (..)

(S. 13)

Über dieses Bild, die Naht zwischen zwei Freunden, die nicht mehr auffindbar ist, habe ich lange nachgedacht. Es ist dazu geeignet, es auf einen langen Maispaziergang mitzunehmen. Da geht es um ein Verschmelzen, das die Individualität der jeweiligen Freunde nicht mehr sichtbar sein lässt. Unwillkürlich drängt sich das Bild des Ginkgo-Blattes auf. Könnte das auch meine Vorstellung von Freundschaft sein? Hören wir weiter:

Die gewöhnlichen Freundschaften kann man aufteilen: Man vermag in dem einen die Schönheit zu lieben, im anderen die Gefälligkeit der Umgangsformen, im dritten die Großzügigkeit, im vierten das väterliche Wohlwollen, im fünften die Brüderlichkeit und so weiter; die wahre Freundschaft ergreift aber vom ganzen Menschen Besitz und beherrscht ihn so uneingeschränkt, dass sie sich unmöglich vervielfachen lässt.

(S. 16)

Eine Freundschaft, die vom Menschen Besitz ergreift: bei dieser Vorstellung fühle ich Enge. Und darüber hinaus die Forderung, Freundschaft lasse sich nicht vervielfachen. Ist Montaigne da nicht allzu eng? Zeigt er sich hier nicht auch dogmatisch, also so, wie er gar nicht sein will? Oder liegt darin seine uneingeschränkte Hochschätzung des Freundschaftsbegriffs? Ein Montaigne von heute würde in all den Freunden der neuen Medien wohl keine Freundschaften sehen. Er kann sich nicht doubeln, er will es auch nicht. Montaigne reduziert den Freundschaftsbegriff auf einen sehr engen Kern.

Wenn zwei Freunde gleichzeitig Beistand erbäten, welchem würdest du Hilfe ereilen? Und wie würdest du, wenn sie von dir bestimmte, sich ausschließende Dienste verlangen, die Sache regeln? Wenn der eine dir unter dem Siegel der Verschwiegenheit etwas anvertraute, das zu wissen für den anderen nützlich wäre, wie würdest du dich da aus der Klemme ziehen? (…)

(S. 16)

Das Beispiel zeigt: Entweder ganz oder gar nicht. Es gibt keine halben Freunde. Und der Anspruch Montaignes, man könne nicht mehr Freunde gleichzeitig haben, ist durchaus diskutabel. Die von Montaigne bemühten Beispiele zeigen, dass er den Freund nicht verletzen will und dass die Möglichkeit, dass das geschieht, aber besteht, wenn er mehrere Freunde hat.

Kurz, diese Dinge sind für denjenigen unvorstellbar, der sie nicht selbst erfahren hat; daher bewundere ich über alle Maßen die Antwort die ein junger Soldat de Kyros gab. Als er von diesem gefragt wurde, für wie viel er bereit sei, sein Pferd herzugeben, mit dem er gerade ein Rennen gewonnen hatte und ob er es gegen ein Königreich eintauschen würde, erwiderte er: „Gewiß nicht, Herr, ohne Zögern würde ich mich aber von ihm trennen, um einen Freund zu gewinnen – falls ich einen Mann finde, der eines solchen Bündnisses würdig wäre.“ Mit Recht sagte er „fände“, denn die Menschen, die zu einer oberflächlichen Bekanntschaft taugen, fänden sich schnell genug. Aber bei der von mir gemeinten Freundschaft, wo man sich aus der tiefsten Tiefe des Herzens heraus dem anderen zuwendet und jeden Rückhalt aufgibt, ist es unabdingbar, dass alle Beweggründe völlig lauter und vertrauenswürdig sind.

(S. 17)

Der Freund als Mensch, dem man sich aus der Tiefe des Herzens heraus zuwendet. Dieses Bild begleitet Montaigne auch nach dem Tod Etiennes all die Jahre seines Lebens. Es gibt ihm Stärke und Kraft. Nicht die physische Präsenz, nicht die Länge, sondern vorrangig die Seelenverwandtschaft ist Träger von Freundschaft. Deren Flamme leuchtet über den Tod hinaus.

Michel de Montaigne: Von der Freundschaft. Aus dem Französischen übersetzt von Herbert Lüthy, München (dtv), 2012, S. 7-18

Heinrich Böll: Du fährst zu oft nach Heidelberg

Heinrich Böll vorstellen, hieße, Eulen nach Athen tragen. Moment! Nicht in der Generation U 30. Böll ist schon seit langem kein Schulstoff und daher verbinden viele junge Menschen nichts mit dem Namen. Das ist generell nicht dramatisch, es gibt viele gute Schriftsteller. Es ist unmöglich, alle zu kennen. Ich musste leider auch im vergangenen Jahr bei der Sommerakademie der Begabtenförderungswerke feststellen, dass selbst Stipendiaten der Heinrich Böll Stiftung nicht unbedingt wissen, wer Heinrich Böll ist.

Außerdem gibt es viele, bei denen Böll von der Schule kaputt gelehrt wurde. Zu denen zähle ich mich. Böll habe ich in meinem Studium niemals gesucht. Aber er hat mich in meinem Rigorosum eingeholt. Da wurde ich von meinem sehr verehrten Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Arnold Rothe gebeten, den Titel: Im Tal der donnernden Hufe nach allen möglichen Funktionen hin einzuordnen. Das konnte ich. Ich hatte ja etwas gelernt über poetische, phatische, Ausdrucks- Referenzfunktion etc. Aber leider kam die Frage: „Wissen Sie von wem dieser Titel stammt?“ Selbstherrlich verwies ich darauf, dass derartige Literatur nicht von mir gelesen würde. Er nickte, und dann kam der furchtbare Satz: „Der Titel stammt von Böll.“ Mein Doktorvater schmunzelte, ließ mich aber dennoch bestehen, und zwar recht ordentlich. Nach dieser Prüfung, – damals gab es noch keine von Arbeitsgruppen organisierten Feiern im Anschluss -, ging ich still und allein in den nächsten Buchladen und kaufte mir die Kurzgeschichtensammlung Als der Krieg ausbrach, in der die Geschichte mit dem besagten Titel zu finden ist.

Heinrich Böll ist sicher einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit. Vor 75 Jahren erleben die Menschen in diesen Maitagen das Ende des Krieges. Böll ist 28 Jahre alt. Den Krieg hat er mehrfach verwundet und an Typhus erkrankt überstanden. Er ist in amerikanischen und britischen Lagern interniert und hat die ganze Zeit über nicht aufgehört, Kleist, Hölderlin, Hebel und Kafka zu lesen. Eine literarische Überlebensstrategie. Er schreibt viel aus der Perspektive einer Jugend, die nicht gelebt werden konnte. Fünf Jahre nach Kriegsende kommt sein Buch Wanderer, kommst Du nach Spa… heraus. Hier ist er bereits Meister der Kurzgeschichte. Er erhält den Preis der Gruppe 47, dann den Büchnerpreis und dann 1972 den Nobelpreis. Böll ist ein politischer Schriftsteller, ein Schriftsteller, der sich für Menschenrechte genauso wie für Pressefreiheit einsetzt. Man kann ihn als kritischen Moralisten bezeichnen, der sich ethisch-satirisch mit der zeitgenössischen Gesellschaft auseinandersetzt, oft genug in knapper, konzentrierter und offener Erzählform. Und genau hier liegt der Knackpunkt. Vieles dieser Zeitgeschichte wird nicht erzählt sondern als gewusst vorausgesetzt. Und warum auch immer, Vieles ist dem heutigen Leser nicht mehr präsent.

Wir sind beim Thema unserer heutigen Kurzgeschichte angekommen. Du fährst zu oft nach Heidelberg, 1977 geschrieben und Klaus Staeck gewidmet, der weiß, dass die Geschichte von Anfang bis Ende erfunden ist und doch zutrifft.

Hier gerät der Leser vielleicht schon ins Stocken. Wer ist Klaus Staeck? Er spielt in der Geschichte keine Rolle, die Heidelberger kennen ihn. Aber wem ist er sonst ein Begriff? Jedenfalls erzählte Klaus Staeck Böll den Plot der Geschichte. Staeck war damals ein weit über die Stadtgrenzen hinweg bekannter Graphiker und Karikaturist mit klarer politischer Positionierung.

Auffällig ist, was alles in dieser Geschichte nicht gesagt wird von diesem namenlosen Erzähler, der in erlebter Rede spricht. Der Erzähler hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgedient, hat studiert, steht kurz vor der Festanstellung im Schuldienst, eine Beamtenlaufbahn winkt bereits. Alles stimmt, bis auf die Tatsache, dass er zu oft nach Heidelberg fährt und dort Chilenen betreut, heute würde man sagen: Migrantenhilfe leistet.

Du weißt, daß ich dich sehr, sehr gern habe, und ich weiß, daß du ein prima Kerl bist, du hast nur einen kleinen Fehler: du fährst zu oft nach Heidelberg.

Das sind die entscheidenden Worte, gesprochen von seiner Verlobten, die die Verbindung löst. Was an seinen häufigen Fahrten nach Heidelberg so dramatisch ist, dass private Perspektive und Karriere daran scheitern, das wird nicht gesagt. Aber lieber der Reihe nach:

Die Erzählung liest sich flüssig. Sie beginnt, wie bei Kurzgeschichten üblich in medias res:

Abends, als er im Schlafanzug auf der Bettkante saß, auf die zwölf-Uhr-Nachrichten wartete und noch eine Zigarette rauchte, versuchte er im Rückblick den Punkt zu finden, an dem ihm dieser schöne Sonntag weggerutscht war.

Er lässt den Tag Revue passieren, den er bei seinen Eltern verbracht hat kurz nach der Abschlussprüfung seines Studiums. Dabei erfährt der Leser viel über Gewohnheiten seines Lebens und auch über das Verhältnis zu seinen bürgerlichen Eltern, die stolz auf ihn sind und immer wieder sagen:

Nun hast du‘s ja fast geschafft; nun hast du‘s ja bald geschafft.“. Die Mutter hatte „bald“ der Vater „fast“ gesagt, und immer wieder der wohlige Rückgriff auf die Angst der vergangenen Jahre, die sie einander nicht vorgeworfen, die sie miteinander geteilt hatten: über den Amateurbezirksmeister und Elektriker zum gestern bestandenen Examen, überstandene Angst, die anfing, Veteranenstolz zu werden. (…) Dieses „fast“ und „bald“ hatte ihn unruhig gemacht.

In dieser Passage zeigt sich viel von der Atmosphäre, die die Zeit prägte. Mit keinem Wort werden in der Erzählung Begriffe genannt, die die politisch-soziale Situation der Zeit kennzeichnen und die für das Verständnis der Geschichte elementar sind. Baader-Meinhof, Terror, RAF, Radikalenerlass, Berufsverbot bleiben unerwähnt. Die Angst der Eltern, dass der Sohn das begehrte Ziel nicht erreichen könnte, dass er in Kreise gerät, die seine Zukunft kaputt machen könnten, drückt sich im fast und im bald aus und kulminiert in der Frage des Vaters: Fährst du immer noch so oft nach Heidelberg?

80 km weit ist die Stadt entfernt und der Erzähler fährt dort zwei bis dreimal die Woche hin. Was an dieser so romantischen Stadt am Neckar so interessant für den Erzähler ist, weiß der Leser zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Dezent und gerade deswegen erschreckend ist die Szene im Elternhaus der Verlobten des Erzählers beschrieben. Dr. Schulte-Bebrung und seine Frau wohnen in großbürgerlichen Verhältnissen:

Die Terrasse war größer, die Jalousie, wenn auch verblasst, großzügiger, eleganter das Ganze, und sogar in der kaum merklichen Verkommenheit der Gartenmöbel, dem Gras, das zwischen den Fugen der roten Fliesen wuchs, war etwas, das ihn ebenso reizte wie manches Gerede bei Studentendemonstrationen;

Dr. Schulte-Bebring bittet ihn in seine Garage, um ihm sein neu erworbenes Fahrrad zu zeigen. Und geradezu beiläufig fragt er, wie lang man mit diesem Prachtschlitten brauchen würde, um von hier nach – sagen wir Heidelberg zu fahren? (…) Und wie lang brauchst Du nach Heidelberg?

Es wirkt schon nicht mehr zufällig, das große Interesse an Heidelberg. Als dann auch noch die Verlobte Carola die Beziehung beendet mit dem Hinweis auf seine häufigen Heidebergfahrten, ist das eine klare Vorwegnahme dessen, was ihn am nächsten Tag erwarten wird, wenn er zum entscheidenden Einstellungsgespräch geladen ist. Carola sagt:


Du weißt, dass ich dich sehr sehr gern habe, und ich weiß, dass du ein prima Kerl bist, du hast nur einen Fehler:du fährst zu oft nach Heidelberg.

Es konnte nicht Eifersucht sein. Sie wusste doch, dass er dort zu Diego und Teresa fuhr, ihnen beim Übersetzen von Anträgen half, beim Ausfüllen von Formularen und Fragebögen; dass er Gesuche aufsetzte, ins Reine tippte; für die Ausländerpolizei, das Sozialamt, die Gewerkschaft, die Universität, das Arbeitsamt; dass es um Schul-und Kindergartenplätze ging, Stipendien, Zuschüsse, Kleider, Erholungsheime; sie wusste doch, was er in Heidelberg machte….

Die Geschichte geht dann schnell zu Ende. Das Gespräch mit dem Beamten aus dem Kultusministerium am nächsten Morgen ist knapp. Alles ist gut, es gibt eben nur diesen einzigen Makel. Und der Erzähler weiß, welchen er meint. Da hilft dann auch nicht die verzweifelte Erklärung des ihm eigentlich freundlich gesinnten Beamten:

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie peinlich mir das ist. Ich habe Ihren Weg, einen schweren Weg mit Sympathie verfolgt – aber es liegt da ein Bericht über diesen Chilenen vor, der nicht sehr günstig ist. Ich darf diesen Bericht nicht ignorieren, ich darf nicht. Ich habe nicht nur Vorschriften, auch Anweisungen, ich habe nicht nur Richtlinien, ich bekomme auch telefonische Ratschläge.

Der Erzähler verlässt emotionslos das Büro. Dass er nicht rebelliert, dass er widerspruchslos die haarige Begründung akzeptiert, dass sich der freundliche Beamte hinter Richtlinien unklaren Richtlinien versteckt und auf telefonische Ratschläge verweist, das alles hinter lässt beim Leser ein Gefühl der Ohnmacht. Der Erzähler schmiedet in Gedanken bereits Alternativpläne für seine Zukunft, merkt, dass er sich nicht von der Sekretärin verabschiedet hat und holt das noch nach. Damit endet die Geschichte.

Unser Erzähler ist eigentlich ein völlig unpolitischer Charakter, den Meldungen der Nachrichten hört er nur mit halbem Ohr zu. Seine Verlobte wirft ihm vor, zu bürgerlich gekleidet zu sein. Auf die Frage eines Mitbewerbers ob er Kommunist sei antwortet er: Nein, nein, wirklich nicht nimm‘s mir nicht übel. Was ist das Vergehen des Erzählers? Er hilft chilenischen Flüchtlingen. Eigentlich ein rein humaner Akt. Seine freie Entscheidung.

Diese Erzählung fährt in die Knochen und bleibt in Erinnerung. Sie ist nichts für die schöne Mailektüre auf dem Liegestuhl im Garten. Oder gerade doch? Hier geht es um Unfreiheit in einem freien Land. Und hier geht es um Wachsamkeit gegenüber Verordnungen, Richtlinien, deren substantielle Begründung in Frage gestellt werden muss. Leider kein Einzelfall in einer vergangenen Geschichte. Leider sehr aktuell.

Anfangs dachte ich: Ich scheitere an dieser Geschichte. Böll hat mich wieder einmal ausgebremst und mir gezeigt, dass ich Literatur noch weit demütiger begegnen sollte. Ein rein werkimmanenter Zugang, den ich generell unterstütze, scheitert hier. Von daher recherchierte ich: 1968 wurden die Notstandsgesetze verabschiedet. Die Große Koalition unter Bundeskanzler Hans Georg Kiesinger hatte eine überwältigende Mehrheit, Opposition formierte sich außerparlamentarisch, mitunter vorrangig in Universitätsstädten. Überall herrschte Anspannung. Besonders Verfassungsfeinde sollten es nicht in den öffentlichen Dienst schaffen. 1972 kam es zum Radikalenerlass, der den Staat vor subversiven Bestrebungen schützen sollte. Nur wer beweisen konnte, dass er die freiheitlich-soziale Ordnung unterstützt, durfte für den Staat arbeiten. Der Rechtsstaat wurde umgedreht, eigentlich hätten die Behörden den Beweis erbringen müssen, dass eine Unzuverlässigkeit vorlag. Der Erlass wurde erst 1978 auf Bundesebene aufgehoben.

Kann man Böll auch ohne Kenntnis dieser Hintergründe lesen? Hier denke ich an ein eingeschränktes „Ja“. Böll fordert literarisch zur Wachsamkeit auf. Und die ist immer gut. Und er fordert dazu auf, Richtlinien zu hinterfragen, sich nicht einfangen zu lassen. Genau das tut der Erzähler nicht. Er kapituliert. Aber er lässt sich auch nicht kaufen, bleibt sich selbst treu. Er fährt trotz Berufsverbot weiter nach Heidelberg.

Heinrich Böll: Du fährst zu oft nach Heidelberg und andere Erzählungen, München (dtv), 1981

Die Kurzgeschichte ist online verfügbar:

https://aventin.de/du-faehrst-zu-oft-nach-heidelberg/

Rainer Maria Rilke: Der Panther

Der Panther

(Im Jardin des Plantes, Paris)

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
In der betäubt ein grosser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
Geht durch der Glieder angespannte Stille –
Und hört im Herzen auf zu sein.

Wir sind im Jahr 1902 oder 1903. Rainer Maria Rilke ist in Paris und besucht den Jardin des Plantes. 1901 hat er die Bildhauerin Clara Westhoff geheiratet, die gemeinsame Tochter kommt im gleichen Jahr zur Welt. 1902 verlässt Rilke seine Familie und begibt sich nach Paris, um eine Monographie über Auguste Rodin zu erstellen.

Im Jardin des Plantes werden seit 1793 auch Tiere zur Schau gestellt, zu Rilkes Zeiten weit schlimmer als heute. Enge Kästen mit Gitterstäben, dahinter teils exotische Tiere. Der botanische Garten im Südosten von Paris wurde 1626 gegründet und ist ältester Bestandteil des staatlichen Forschungs- und Bildungsinstitutes für Naturwissenschaften.

Wer glaubt, der Panther sei der engagierte Aufruf eines Tierschützers, der irrt. Nein, wir befinden uns in der Zeit des Symbolismus. Symbolistische Dichter nutzen Bruchstücke der realen Welt wie ein Brennglas, um auf dahinter Liegendes aufmerksam zu machen. Der Symbolismus wendet sich klar gegen die vorhergehenden Strömungen des Realismus und Naturalismus. Die Welt soll nicht sachlich wiedergeben werden, man blickt auf das, was die Realität zeigt und erkennt darin eine Metawelt oder Innenwelt. Rilke ist sicher einer der wichtigsten deutschen Symbolisten und steht seinen französischen Kollegen wie Mallarmé, Beaudelaire und Rimbaud nahe.

Rilke besucht nicht nur den Jardin des Plantes sondern ist auch oft in August Rodins Atelier, wo er einen Gipsabdruck eines Panthers betrachtet. Über diesen berichtet er sogar in einem Brief an seine Frau. Der Panther ist sein erstes Dinggedicht. Solche Gedichte wollen das, was sie beschreiben, möglichst authentisch wiedergeben. Der Dichter versucht also, sich in das Objekt zu versetzen und dessen mögliche Gedankengänge glaubhaft nachzuvollziehen. Der Panther erhält eine Stimme, Rilke blickt aus den Augen des Panthers in die Welt. Das lyrische Ich tritt in den Hintergrund, es zeigt sich nur als beschreibende, distanzierte Instanz. Zentrale Frage ist daher: Was symbolisiert der Panther?

Das Gedicht hat eine enorme Rezeptionsgeschichte, unter anderem auch in Film und Musik. Ich greife einige Beispiele auf: In Woody Allens Film „Eine andere Frau“ wird das Gedicht als Metapher für das Seelenleben der Hauptfigur zitiert. Otto Sander rezitiert das Gedicht für das Rilke-Projekt, groß angelegt vom Komponisten- und Produzententeam Schönherz & Fleer. Udo Lindenberg interpretiert es. Thomas Gottschalk besaß ein Autograph des Gedichts. Dieser verbrannte während der Waldbrände in Kalifornien in seinem Haus in Malibu.

Das Gedicht spricht Menschen aller Altersklassen an. Immer wieder wird es neu interpretiert und neu übersetzt. Auf den ersten Eindruck beschreibt es ein grausames Gefängnis und darin einen erbärmliches Tier. Die Metaebene ist aber hochaktuell: Wir dürfen und müssen sogar die Tierwelt verlassen und eine Analogie zum Menschen suchen. Und dabei wird offenbar: Hier geht es um das zutiefst grundlegende Bedürfnis nach Freiheit und die Sehnsucht nach Ausbruch aus eingefahrenen Strukturen. Denken wir uns in symbolistische Gedankengänge hinein und blicken aus der Perspektive des Panthers in die Welt.

Großes Thema des Gedichts ist die Konsequenz des Gefangenseins. Der freiheitsliebende Panther ist auf ein kleines Terrain gepfercht. Er wird mit Sicherheit mit Fressen versorgt, wird sich aber nie an den Zustand des Gefangenseins gewöhnen. Wenn man ihn einsperrt, verändert er sein Wesen.

In der ersten Strophe sticht bereits die Passivität des Panthers in die Augen. Sein Kosmos ist auf engsten Raum geschrumpft. Die Stäbe werden personifiziert. Die Assonanz mit gäbe unterstreicht die Undurchdringlichkeit. Sie gehen vorüber, nicht der Panther. Und dessen Blick kann nicht mehr fokussieren, da er nur noch Stäbe, aber keine Welt mehr sieht. Der Blick wird personifiziert. Der Blick, also das Auge des Panthers, das Sinnesorgan, das normalerweise wachsam ist und den Kontakt zur Außenwelt hält, das ist so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Und das nichts mehr hält wird durch die Enjambements verstärkt: Die Zeilenenden sind nicht Sinnenden, der Gedankengang geht im nächsten Zeilenvers weiter: Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Das Unbewegliche wird beweglich, das Bewegliche erstarrt. Hier geht es um komplette Umdeutung. Das Bild kann durchaus übertragen werden auf die menschliche Situation, gerade jetzt, wo die digitale Welt für viele Menschen die einzige Möglichkeit ist, weiter zu arbeiten, Kontakt zur Außenwelt zu wahren. Welche Folgen diese Art der Kommunikation langfristig auf den Menschen haben wird, wissen wir noch nicht. Für den Panther ist die Welt draußen sehr fern, er lebt in einer Welt, die ihm alles nimmt, was er zum Leben braucht. Rilke wohnt in einem typischen Pariser Hotel, enge Verhältnisse, gegenüber Fenster, die er bei jedem Blick nach draußen anschauen muss. Da war für ihn keine Freiheit. Er fühlt sich permanent beobachtet, so beobachtet wie der Panther durch die Zuschauer. Man kann sich sogar vorstellen, dass die Menschen vor dem Gehege Kapriolen machen, um den Panther zum Leben zu wecken und vielleicht enttäuscht sind, dass dieser Panther so langweilig ist.

In der zweiten Strophe geht es um die Bewegung. Der Panther, normalerweise eine flinkes und sehr wendiges Tier, das extrem gut angepasst ist an seine Umgebung, das stark ist, dieser Panther dreht sich im Kreis. Und zwar im allerkleinsten, eine Hyperbel, die geradezu einen Drehwurm im Kopf auslöst. Es schwindelt einem bei der Vorstellung. Das Bild des sich im Kreis Drehens ist klar: es gibt keinen Ausweg. Wenn ein Mensch sagt: Ich drehe mich im Kreis, dann ist er festgefahren, dann ist keine Lösungsperspektive da. Die Strophe geht aber erst einmal in die kraftvolle Perspektive: Der weiche Gang … ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte. Dieser Vergleich unterstreicht die Aussichtslosigkeit seiner Situation. Ein kräftiges und stolzes Tier, das gezwungen ist, seine Kraft auf engstem Raum zu bündeln. Und dieser Raum lässt nur die Kreisbewegung zu. In dieser Enge steht betäubt ein großer Wille. Hier legt Rilke ganz klar die Hand auf die Wunde der Machtlosigkeit. Der Panther hat keine Chance, keine Perspektive, sein Dasein ist sinnlos geworden. Rilke arbeitet bewusst mit Gegensätzen: geschmeidig stark und allerkleinst, Tanz von Kraft und betäubt. Durch diese Parataxen wird deutlich: die Anlage ist da, aber ihre Entfaltung ist nicht möglich.

Die dritte Strophe verweist ins Innere des Panthers, ins Herz: Auch in dieser Strophe ist der Panther nicht aktiv, der Vorhang der Pupille schiebt sich lautlos auf. Dieser Vorgang ist kein aktiver. Er schaut nicht gezielt nach außen, reißt nicht die Augen auf. Ein Bild geht in ihn, wenn der Vorhang offen ist. Und dieses Bild geht durch die angespannte Stille der Glieder bis ins Herz und dort geht es nicht weiter. Das Herz, Symbol für das zutiefst Lebendige wird hier zur Sackgasse. Markant sind die Gedankenstriche in der letzten Strophe, Zäsuren, die klar inhaltlich gefüllt werden. Dieser Panther hat Leben nur noch nach außen, innerlich ist er tot.

Der Panther denkt und fühlt wie ein Mensch und bleibt gefangen. Das Gedicht ist eine große Metapher auf den Alltag des Menschen. Er ist hinter Stäben gefangen ohne Aussicht auf Freiheit. Und diese Stäbe sind stark, viel stärker als die eigene Kraft. Symbolisten waren Meister in der Deutung der Umwelt. Überall sahen sie Symbole: Die Stäbe, Symbol für Gefangenschaft, die Zahl tausend, Symbol für die Aussichtslosigkeit auszubrechen, die Welt, Symbol für Freiheit, der weiche Gang, Symbol für das Filigrane, die starken Schritte, Symbol für Entschlossenheit, der Kreis, Symbol für die Ziellosigkeit, der Tanz um die Mitte, geradezu euphemistisches Symbol für den Zwang und so weiter.

Welche Möglichkeiten hat der Panther? Nach Rilke keine. Es wäre demnach eine sehr deprimierende Aussage. Aber man kann das auch sehr klar und auffordernd begreifen und Fragen nachgehen, wo unsre Stäbe sind, ob die Isolation in die eigenen vier Wände bereits eine Ahnung von dem zulässt, was der Panther erleben musste oder ob der Panther ein Marathonläufer ist, der weitermacht ohne Sinn. Ein tierischer Sisyphos? Das Gedicht lässt alle Deutungen zu.

Der Text wurde entnommen der Frankfurter Anthologie, Band 5, herausgegeben vom Inselverlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2005, S. 74

Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Bevor Sie weiterlesen eine Bitte: Lesen Sie sich das Gedicht einige Mal durch und lassen Sie es auf sich wirken.

Hier prallen zwei Welten aufeinander: eine durchgetaktete auf Zahlen basierte, die sogenannte lichte Welt und eine, die das Wahre in ganz anderen Dimensionen sieht, im Märchenhaften, im Mystischen. Hier versucht ein Dichter, beide Welten zusammen zu bringen, weil jede Welt für sich einseitig bliebe und erst dann Klarheit herrscht, wenn sie zusammen kommen.

Ich war eine sehr junge Frau als mein Mann, der damals noch nicht mein Mann war, für mich dieses Gedicht rezitiert hat. Er ist ein Naturwissenschaftler, klar denkend bis aufs Mark. Ich bin Geisteswissenschaftlerin, wohl auch bis aufs Mark. Nach Algorithmen wären wir niemals ein Paar geworden. Aber Novalis hat es geschafft. Wenn ein Naturwissenschaftler dieses Gedicht kennt und schätzt, dann ist er auf dem rechten Weg, habe ich mir damals gesagt. Für mich ist es ein wunderschönes Liebesgedicht. Ein Gedicht, das weit über zwei Menschen hinausragt und die ganze Welt im Blick hat. Ein Gedicht, das filigran die Balance auslotet, die nötig ist, wenn die Welt nicht aus den Fugen geraten soll.

Was passiert, wenn alles Bisherige nicht mehr gilt? Was ist, wenn die Zahlen und Figuren nicht mehr halten? Bricht dann die Welt zusammen? Was ist, wenn es so viele Zahlen und Figuren gibt, dass ein menschliches Hirn diese nicht mehr erfassen kann? Zugegeben, davon wusste Novalis noch nichts, aber heute gibt es den Begriff Big Data dafür. Und was ist, wenn auf Zahlen kein Verlass mehr ist und Fakten schwer beschreibbar werden? Zugegeben, Novalis kannte den Begriff postfaktisch nicht, aber er kommt seit Jahren in vielen unserer Diskussionen vor. Und was ist, wenn Normalität nicht mehr ausreicht, um zu beschreiben, was normal ist und daher ein neuer Begriff herhalten muss: die neue Normalität? Sie merken, worauf ich anspiele. Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen….Woher kommt dann der Schlüssel?

Mich begeistern die Romantiker, die so gar nichts mit dem zu tun haben, was wir heute gängig als romantisch beschreiben. Novalis ist einer von ihnen. Er ist kein Träumer, sondern steht mit beiden Füßen in einem harten Leben und stirbt viel zu früh im Alter von 29 Jahren an Tuberkulose. Er wollte die Welt romantisieren und meinte damit die Verbindung von Wissenschaft und Poesie. Als Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg 1772 im Harz geboren, studiert er Jura in Jena, Leipzig und Wittenberg, schließt mit Bestnoten ab, geht nicht gleich in den Staatsdienst, denn für ihn gilt: „Jeder Anfang ist ein Akt der Freiheit“. Er studiert noch Naturwissenschaften in der Bergakademie in Freiberg und wird Amtshauptmann. Das war eine Vorstufe zu dem, was man heute Landrat nennen würde. Als Amtshauptmann führt er die erste geologische Vermessung der Region Thüringen durch. Und dann reißt ihn eine Krankheit aus dem Leben.

Das obige Gedicht steht im unvollendeten Roman Heinrich von Ofterdingen aus dem Jahr 1800. Der Roman hat einen hohen Anspruch: das Leben und die Welt soll in ganzer Vielfalt und in räumlichen, zeitlichen und seelischen Dimension dargestellt werden. Bekanntestes poetisches Bild des Romans ist das von der blauen Blume. Ein Fremder hat in Heinrich die Neugierde für die blaue Blume geweckt. In einem Traum sieht er sie. Die blaue Blume wird Symbol für Sehnsucht und Liebe und das Streben nach Unendlichkeit, nach Synergie. Novalis steht in dieser Zeit in regem Kontakt zu den Brüdern Schlegel, zu Tieck zu Schelling, er korrespondiert mit Goethe und Herder, hat intensiv mit Schiller zu tun und gehört zum Kern der Persönlichkeiten, die das geprägt haben, was wir später die Jenaer Romantik oder die Frühromantik nennen.

Wer dieses Gedicht genau betrachtet, erfährt mehr über diese Epoche als es Fakten und Zahlen je aussagen könnten.

Trennen wir zunächst Form und Inhalt und fügen dann beides zusammen. Das Gedicht hat nur eine Strophe und viele Konditionalsätze, das fällt gleich ins Auge. All diese Konditionalsätze, das viermalige wenn, bündeln sich in einem einzigen dann. Diese wenn-dann Struktur gliedert das Gedicht. Äußerlich scheint es daher sehr kausal zuzugehen. Die zwölf Verse sind in vierhebigen Jamben als Paarreime nach dem Reimschema aa,bb,cc gestaltet, d.h. erster und zweiter Vers reimen, dritter und vierter und so weiter. Bis einschließlich zum zehnten Vers gibt es weibliche Kadenzen, das sind mehrsilbige Reime, nur die beiden letzten Verszeilen bestehen aus männlichen Kadenzen, also einsilbigen Reimen. Dieser Aufbau entspricht der Spannung des Gedichts. Man wartet geradezu gespannt auf die Auflösung und Klarheit am Schluss. Markant ist das anaphorisch gebrauchte wenn, das die Rhythmisierung unterstreicht.

Lassen wir die Form, man könnte viel über sie sagen. Sie ist elementar wichtig für den Inhalt. Schauen wir auf den Inhalt. Wer spricht hier: Ein Mann? Eine Frau? Ist das entscheidend? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen sehr schnell, worum es geht. Und diese Frage ist sehr aktuell: Wo finde ich die Schlüssel aller Kreaturen? Offensichtlich nicht in Zahlen und Figuren. Novalis löst diese Frage nicht auf, aber er gibt in den letzten beiden Versen eine Antwort, die weit über die Beziehung Ich und Du hinausführt: Wenn all die Bedingungen erfüllt sind, dann fliegt vor Einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.

Auffallend ist die Großschreibung mitten im Vers. Von Einem geheimen Wort fliegt das ganze verkehrte Wesen fort. Es geht also um das verkehrte Wesen. Es geht um den Menschen, der auf der Suche ist, der vielleicht in die verkehrte Richtung läuft. Es ist eine andere Suche als die von Goethe nach dem, was die Welt im Innersten zusammen hält. Es geht nicht um Erkenntnis sondern um ein zutiefst humanes Thema: die Suche nach dem, was den Menschen ausmacht. Und es geht um ein geheimes Wort, das etwas auslöst, was den Menschen wohl wieder ins Lot bringt, die Welt wieder umdreht.

Die so singen und küssen sind wohl gescheiter als die Tiefgelehrten. Sie wissen mehr, heißt es. Was ist mit dem mehr wissen gemeint? Hier zeigt sich die Skepsis des Romantikers Novalis gegenüber dessen, was in der Aufklärung als non plus ultra erkannt worden ist. Zahlen und Figuren. Die Aufklärer wollten Licht in das Dunkle der Welt bringen, im wahrsten Sinne sollte es aufklären. Und Novalis fordert nun, dass sich Licht und Schatten, und mit Schatten meint er sicher auch die Nacht der Romantiker, – die meisten arbeiteten nachts und gingen tagsüber ihrem Brotberuf nach, – zu echter Klarheit werden gatten. Echte Klarheit ist nur, wo Licht und Schatten zusammen sind, nicht da, wo nur Licht oder wo nur Schatten herrscht. Novalis fordert die Verbindung von beiden Dimensionen. Keine Welt, die nur im gleißenden Licht steht, die einseitig taktet, eine Welt, die auch Schatten braucht. Was heißt, dass sich die Welt ins freie Leben begibt? Nichts anderes als in die Freiheit. Nur wo Freiheit herrscht, da kann Kreatives wachsen. Und dann behauptet er kühn, dass in Märchen und Gedichten die wahren Weltgeschichten zu finden sind. Das hat insbesondere Friedrich Schiller gefallen.

Liegt hier nicht ein wunderbarer Schlüssel für unsere heutige Welt? Wer unsere Welt allein mit Zahlen und Figuren verstehen wollte, der nimmt ihr die Tiefe. Hier ist ganz klar die Sehnsucht spürbar nach einer Welt, die nicht materialistisch funktioniert, einer Welt, in der Märchen und Gedichte genauso zählen wie Wirtschaft und Wissenschaft. Das eine Wort, was die Seele befreit, das zur Erlösung wird, das wird zum Schlüssel des Gedichts. Ist das eine Warnung vor zu viel Verstand oder eine Werbung für mehr Gefühl? Was ist das geheime Wort? Das Eine Wort. Wenn es nicht kommt, wird sofort klar, dass es fehlt. Mein Mann und ich konnten damals wie heute leidenschaftlich über dieses eine Wort diskutieren, ja auch nächtlelang. Immer dann, wenn ich merke, dass mich Zahlen und Figuren überfrachten, gibt mir dieses Gedicht weit mehr Orientierung als wissenschaftliche Abhandlungen. Und ich suche dann nach meinem Schlüssel.

Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe, Band 1, München, Wien (Carl Hanser Verlag) 1978, S. 406