Hermann Hesse: Siddharta

Freude sprang in seines Vaters Herz über den Sohn, den Gelehrigen, den Wissdurstigen, einen großen Weisen und Priester sah er in ihm heranwachsen, einen Fürsten unter den Brahmanen.

Wonne sprang in seiner Mutter Brust, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn schreiten, wenn sie ihn niedersitzen und aufstehen sah, Siddharta, den Starken, den Schönen, den auf schlanken Beinen Schreitenden, den mit vollkommenem Anstand sie Begrüßenden. (S. 11f.)

Hermann Hesse schildert am Beginn seines Buches, dass Siddharta wohlbehütet im Kreis einer Familie der Brahmanen aufwächst. Brahmanen sind im indischen Kastensystem Angehörige der obersten Kaste. Die Eltern sind stolz auf ihn, ihm winkt eine aussichtsreiche Zukunft. Hesse lässt das Herz des Vaters über den wissdurstigen und gelehrigen Sohn springen und die Mutter voller Wonne seine schöne und starke Gestalt betrachten. Bei allem hat dieser Siddharta vollkommenen Anstand. Er scheint der perfekte Sohn zu sein. Alles passt, Siddharta wirkt nicht aufmüpfig, rebellisch oder pubertär sondern stellt eher das Gegenteil dar. Alle lieben ihn, allen ist er eine Freude, aber …

Siddharta hatte begonnen, Unzufriedenheit in sich zu nähren. Er hatte begonnen zu fühlen, dass die Liebe seines Vaters und die Liebe seiner Mutter, und auch die Liebe seines Freundes Govindas, nicht immer und für alle Zeiten ihn beglücken, ihn stillen, ihn sättigen, ihm genügen werde. Er hatte begonnen zu ahnen, dass sein ehrwürdiger Vater und seine anderen Lehrer, dass die weisen Brahmanen ihm von ihrer Weisheit das meiste und beste schon mitgeteilt, dass sie ihre Fülle schon in sein wartendes Gefäß gegossen hätten, und das Gefäß war nicht voll, der Geist war nicht begnügt, die Seele war nicht ruhig, das Herz nicht gestillt. (S. 13)

Siddharta hatte damit begonnen hatte, Unzufriedenheit in sich zu nähren. Was muss geschehen, damit ein Mensch beginnt, Unzufriedenheit in sich zu nähren? Ein wunderbares Bild, das Hesse hier gestaltet, es geht mit mir durchs Leben, und Hesses Siddharta ist immer dann besonders nah, wenn ich in mir spüre, dass etwas nicht in Ordnung ist, ohne schon genau sagen zu können, was es ist. Siddharta merkt jedenfalls, dass sich etwas ändern muss und wahrscheinlich merkt er auch, dass diese Änderung nicht von außen, sondern allein von ihm ausgehen muss. Er merkt, dass das Gefäß nicht voll und der Geist nicht begnügt, die Seele nicht ruhig war, das Herz nicht gestillt. Hesse bietet uns hier ein Feuerwerk an Gründen für die Unzufriedenheit. Sie hat nicht nur eine Quelle, nein, der Geist verlangt nach mehr, er ist innerlich unruhig und sein Herz sucht nach Erfüllung. Im Grunde kennt sich Siddharta sehr gut; wir kennen nicht sein genaues Alter, aber offensichtlich hat er viel beigebracht bekommen und ist fähig zu erkennen, was für ihn stimmig und nicht stimmig ist. Man könnte also geradezu sagen: Aufzucht gelungen! Hesses Siddharta ist keine Figur, die null Bock auf nichts hat, nein, sein Siddharta will etwas aus seinem Leben machen, er sucht nach seinem eigenen und er spürt, dass er das im elterlichen Haus, das ihm sicher lieb und wichtig ist, nicht findet.

Siddharta trat in die Kammer, wo sein Vater auf einer Matte aus Bast saß, und trat hinter seinen Vater und blieb da stehen, bis sein Vater fühlte, dass einer hinter ihm stehe. Sprach der Brahmane: „Bist du es, Siddharta? So sage, was zu sagen du gekommen bist.“

Sprach Siddharta: „Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin gekommen, dir zu sagen, dass mich verlangt, morgen dein Haus zu verlassen und zu den Asketen zu gehen. Ein Samana zu werden, ist mein Verlangen. Möge mein Vater dem nicht entgegen sein.“ (S. 17)

Peng! Mit anderen Worten heißt das: Tschüss, Papa, ich gehe. Und zwar schon morgen. Du wirst das schon hinkriegen, ohne mich. Ich mache mein Ding. Das hier ist nicht mein Leben. Ich weiß, dass das für mich richtig ist. Und sag bitte jetzt aber: Alles Paletti. Adieu und goodbye!

Ich kann mir vorstellen, dass dem Vater erst einmal die Luft wegbleibt. So eine Ansage würde wohl die meisten Eltern fassungslos machen. Siddharta will weg von all dem, mit dem er groß geworden ist, will zu den Asketen gehen, den Samanas, den Bettlern. Was ist da schiefgelaufen? Oder ist überhaupt etwas schiefgelaufen? Warum sucht der Sohn das Gegenteil dessen, was er gewohnt ist? Siddharta will hier nicht mit dem Elternhaus abrechnen, nein, er legt es nicht darauf an, im Streit zu gehen. Er will, dass die Eltern seine Suche nach dem eigenen Weg bejahen und ihn ziehen lassen. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn die Konsequenzen sind den Eltern klar: Er wird ein Leben in Armut führen, ein Leben, das hart ist, ein Leben, das er nicht hätte haben müssen. Sie sehen seine Gaben, sie wissen wahrscheinlich auch, dass diese Gaben in diesem Leben keine Entfaltung finden können und es ist daher nachvollziehbar, dass der Vater alles versucht, den Sohn umzustimmen.

Was nun folgt, gehört zu mich zu den besten Szenen eines Ringens zwischen Vater und Sohn, die ich aus der Literatur kenne. Siddharta bittet den Vater um die Erlaubnis, zu den Asketen gehen zu dürfen. Und ungesagt bittet er ihn dafür auch um seinen Segen. Die Passage zeigt, dass es hier nicht nur um autoritäres Gehabe seitens des Vaters geht. Hier geht es um den Kampf zwischen Autonomie und Tradition. Der Vater kann nicht aus dem heraus, was seine Väter ihn schon gelehrt haben und was er mit bestem Wissen und Mühen weitergegeben hat. Der Sohn will aber etwas anderes. Siddharta will nicht einfach abhauen, sondern will, dass der Vater ihn im Frieden ziehen lässt. Was verlangt Siddharta da vom Vater? Dass er freudig zustimmen solle: Ja, werde Bettler, darauf habe ich nur gewartet? Nein, das kann der Vater nicht gutheißen. Und was verlangt der Vater von Siddharta: Dass dieser weiter auf dem Weg bleibe, den er für ihn vorgesehen hat. Im Grunde verlangen beide voneinander das Unmögliche. Hesse lässt uns teilhaben an den Gedanken des Vaters:

Der Brahmane schwieg und schwieg so lange, dass im kleinen Fenster die Sterne wanderten und ihre Figur veränderten, ehe das Schweigen in der Kammer ein Ende fand. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen der Sohn, stumm und regungslos saß auf der Matte der Vater, und die Sterne zogen am Himmel. Da sprach der Vater: „Nicht ziemt es dem Brahmanen, heftige und zornige Worte zu reden. Aber Unwille bewegt sein Herz. Nicht möchte ich diese Bitte zum zweiten Male aus deinem Munde hören.“

Langsam erhob sich der Brahmane, Siddharta stand stumm mit gekreuzten Armen.

Worauf wartest du?“ fragte der Vater.

Sprach Siddharta: „Du weißt es.“

Unwillig ging der Vater aus der Kammer, unwillig suchte er sein Lager auf und legte sich nieder.

Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der Brahmane auf, tat Schritte hin und her, trat aus dem Hause. Durch das kleine Fenster der Kammer blickte er hinein, da sah er Siddharta stehen, mit gekreuzten Armen, unverrückt. Bleich schimmerte sein helles Obergewand. Unruhe im Herzen, kehrte der Vater zu seinem Lager zurück.

Nach einer Stunde, da kein Schlaf in seine Augen kam, stand der Brahmane von neuem auf, tat Schritte hin und her, trat vor das Haus, sah den Mond aufgegangen. Durch die Fenster der Kammer blickte er hinein, da stand Siddharta, unverrückt, mit gekreuzten Armen, an seinen bloßen Schienbeinen spiegelte das Mondlicht. Besorgnis im Herzen, suchte der Vater sein Lager auf.

Und er kam wieder nach einer Stunde, und kam wieder nach zweien Stunden, blickte durchs kleine Fenster, sah Siddharta stehen im Mond, im Sternenschein, in der Finsternis. Und kam wieder von Stunde zu Stunde, schweigend, blickte in die Kammer, sah den unverrückt Stehenden, füllte sein Herz mit Zorn, füllte sein Herz mit Unruhe, füllte sein Herz mit Zagen, füllte es mit Leid.

Und in der letzten Nachtstunde, ehe der Tag begann, kehrte er wieder, trat in die Kammer, sah den Jüngling stehen, der ihm groß und wie fremd erschien.

Siddharta“, sprach er, „worauf wartest du?“

Du weißt es.“

Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird, Abend wird?“

Ich werde stehen und warten.“

Du wirst müde werden, Siddharta.“

Ich werde müde werden.“

Du wirst einschlafen, Siddharta.“

Ich werde nicht einschlafen.“

Du wirst sterben, Siddharta.“

Ich werde sterben.“

Und willst lieber sterben, als deinem Vater gehorchen?“

Siddharta hat immer seinem Vater gehorcht.“

So willst du dein Vorhaben aufgeben?“

Siddharta wird tun, was sein Vater ihm sagen wird.“

Der erste Schein des Tages fiel in die Kammer. Der Brahmane sah, dass Siddharta in den Knien zitterte. In Siddhartas Gesicht sah er kein Zittern, fernhin blickten die Augen. Da erkannte der Vater, dass Siddharta schon jetzt nicht mehr bei ihm und in der Heimat weile, dass er ihn schon jetzt verlassen habe. (S.17f.)

Hesse beschreibt die Seelenkämpfe des Vaters in dieser Nacht und denen gegenüber die Standhaftigkeit Siddhartas. Über die Gedanken Siddhartas schreibt er nichts. Stumm und regungslos stand mit gekreuzten Armen der Sohn, stumm und regungslos saß auf der Matte der Vater, und die Sterne am Himmel zogen. Der Sohn steht, geradezu in Kriegerpose, stark und entschlossen, der Vater sitzt, in sich gekehrt, beide sind stumm und entschlossen und die Zeit verstreicht. Ich sehe förmlich die Sterne wandern. Siddharta weiß, dass der Kampf mit dem Vater lang wird. Aber er will seine Zustimmung erreichen. Beide sind mächtig und ohnmächtig zugleich. Die geradezu erschütternde Ohnmacht des Vaters wird spürbar, als er bemerkt, dass der Sohn ihm groß und fremd erschien. Am Ende der Passage kommt der Vater zu der Einsicht, der Sohn habe ihn schon jetzt verlassen. Ich kann mir das Leid vorstellen, das dieser Mann durchmacht. Und ich sehe da auch eine Ohnmacht seitens des Sohnes, der weiß, was seine Entscheidung vom Vater und der Mutter abverlangt, der aber nicht feige einfach abhauen, sondern in Frieden ziehen will. Er will seine Eltern nicht verletzen und weiß, dass er es tun muss. Welch ein Konflikt.

Der Vater berührte Siddhartas Schulter.

Du wirst“, sprach er, „in den Wald gehen und ein Samana sein. Hast du Seligkeit gefunden im Walde, so komm und lehre mich Seligkeit. Findest du Enttäuschung, dann kehre wieder und lass uns wieder gemeinsam den Göttern opfern. Nun gehe und küsse deine Mutter, sage ihr, wohin du gehst. Für mich aber ist es Zeit, an den Fluß zu gehen und die ersten Waschungen vorzunehmen.“

Er nahm die Hand von der Schulter seines Sohnes und ging hinaus. Siddharta schwankte zur Seite, als er zu gehen versuchte. Er bezwang seine Glieder, verneigte sich vor seinem Vater und ging zur Mutter, um zu tun, wie der Vater gesagt hatte. (S. 19)

Die Nacht verstreicht. Der Sohn steht, der Vater findet keine Ruhe, geht immer wieder hin und schaut nach dem Sohn. Die Arme des Sohnes sind gekreuzt, nicht offen, sein Entschluss steht, der Vater erkennt, dass er diesen akzeptieren muss. Er lenkt ein, nicht der Sohn. Von diesem kommt am Ende kein Wort mehr gegenüber dem Vater, aber es kommt eine Verneigung, eine Geste, die Unterwürfigkeit und Respekt gleichermaßen ausdrückt. Unklar ist, ob der Vater diese überhaupt sieht oder nicht schon draußen ist, er hatte sich ja zum Gehen gewandt.

Wir lassen Siddharta seinen Weg ziehen und verlassen ihn in dem Moment, wo er sich von der Mutter verabschiedet. Uns interessiert hier nur die Sicht auf die Thematik, die in jeder Familie in mehr oder weniger starker Form existiert. Irgendwann gehen die Kinder aus dem Haus, sie gehen vielleicht andere Wege als die, die die Eltern sich für sie wünschen. Sie suchen ihr eigenes Leben und die Eltern sind damit konfrontiert, loszulassen und zu akzeptieren, dass gelungen ist, worum sie sich jahrelang bemüht haben: Das Kind zur Selbständigkeit zu erziehen, es auf eigenen Füßen seinen Weg gehen zu lassen.

Wer ist hier Sieger im Kampf? Hesse berichtet aus Sicht des Vaters und lässt uns weit mehr an dessen Gefühlsleben teilnehmen als an dem Siddhartas. Ist er hier parteiisch? Nein. Hesse selbst sieht sich weit mehr als Siddharta als als Vater. Und Hesse selbst hat oft genug andere, auch die eigene Frau, im Stich gelassen, um seinen Weg zu suchen. So wortgewaltig er in seiner Dichtung war, so stumm war er selbst oft genug gegenüber den Menschen, die ihm am nächsten waren. Vielleicht, wirklich nur vielleicht, bringt Hesse hier den zarten Versuch zum Ausdruck, dass ihm wohl bewusst war, dass der andere durchaus unter seinen Entschlüssen gelitten hat. Der Vater lässt den Sohn ziehen, legt seine Hand auf dessen Schulter, bemerkt vorher, das Zittern in dessen Knien, aber die Festigkeit in dessen Blick und zeigt ihm an, dass die Tür des elterlichen Hauses offen stehe und dass der Sohn, wenn er die Seligkeit im Wald gefunden habe, zurückkommen könne, um sie ihm, dem Vater, zu lehren. Und wenn er keine Seligkeit, aber Enttäuschung fände, so solle er auch zurückkommen. Und dann geht er wahrscheinlich mit tiefer Traurigkeit im Herzen zum Fluss, um das zu tun, was er täglich tut.

Siddharta hingegen steht und wartet, weiß, dass er müde werden wird, aber nicht einschlafen wird und dass er sterben wird und das tun wird, was sein Vater ihm sagt. Warum gibt es hier keine Passage, in der Siddharta dem Vater zu verstehen gibt, dass er ihn liebt? Warum verweist er nur darauf, dass er immer seinem Vater gehorcht hat und auch jetzt das tun wird, was der Vater ihm sagt? Ja, Siddharta entscheidet sich klar gegen Anpassung und Traditionen, aber seine Radikalität wirkt auf mich auch stur. Zwingt er nicht letztlich den Vater dazu, ihm das zu sagen, was er hören will? Muss nicht der Vater kapitulieren, weil er weiß, dass sein willensstarker Sohn nicht einlenken wird?

Das Buch begleitet Siddharta auf seinem Weg, vom Vater ist nichts mehr zu hören. Von daher wissen wir nicht, was aus ihm geworden ist, wie er damit klarkommt. Und auch Siddharta denkt nur in einem Moment, als es ihm ganz schlecht geht, an das elterliche Haus zurück und geht ansonsten seinen durchaus holprigen Weg. Die Frage nach dem langfristigen Sieg bliebt also offen, in der zitierten Passage ist es aber so, dass Siddharta sein Ziel erreicht hat.

Hesses schreibt Siddharta im Alter von etwa 45 Jahren. Zwischen dem ersten und zweiten Teil liegen gut zwei Jahre Schaffenspause. Er veröffentlicht das Werk 1922. Das Buch wird zu einem der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Hesse war und ist Kult. Bei seinem Erscheinen las man das Buch anders als zu Zeiten der 68er und heute ist es wieder insbesondere bei jungen Menschen, die auf der Suche nach dem eigenen Leben sind, hoch im Kurs. Mit Siddharta hat sich Hesse nach eigener Auskunft vom indischen Denken selbst befreit, es sei ein sehr europäisches Buch, das stark vom individualistischen Denken geprägt ist. Im Grunde bietet die beleuchtete Passage auch heute noch eine ideale Vorlage, um über die Problematik von Machtstrukturen und die Bedeutung von Traditionen innerhalb der Familie zu diskutieren.

Hermann Hesse: Siddharta, Frankfurt (suhrkamp) 2004

Franz Kafka: Auszüge aus dem Brief an den Vater

Macht und Ohnmacht in der Familie ist ein Thema, über das nicht gern gesprochen wird, das aber Biographien enorm beeinflusst. Der Über-Vater oder die Über-Mutter sind dankbare Themen der Psychologie. Wir wollen sie hier nicht vertiefen, sondern schauen auf einen Schriftsteller, dessen Werk ohne den Bezug zu seinem Leben kaum denkbar wäre: Franz Kafka. Er selbst ahnte nicht, dass er einmal zu den ganz Großen der Weltliteratur gehören sollte, als er sagte: „Niemand wird lesen, was ich hier schreibe.“ Mit dieser Einschätzung sollte er unrecht behalten. Kafka wirkt schulbildend, sein Werk wird als Katalysator einer unüberschaubaren Fülle an Deutungen angesehen. Ein Schlüssel zu Kafkas Werk ist der Brief an den Vater, auf den im Folgenden eingegangen wird.

Der Brief besteht im Original aus mehr als hundert handschriftlichen Seiten, auf denen Kafka versucht, seinen Vaterkonflikt schreibend zu bewältigen. 1919 geschrieben und nie abgeschickt, wird er posthum 1952 veröffentlicht und dient als wichtige Quelle für das Verständnis seines Werkes. Der Brief thematisiert von der ersten bis zur letzten Seite den Versuch des Sohnes, sich gegen den Vater zu behaupten, und ist gleichzeitig die Suche nach seinem eigenen Weg im Leben. Kafka beschreibt die grundverschiedene Wesensart von Vater und Sohn:

Jedenfalls waren wir so verschieden und in dieser Verschiedenheit einander so gefährlich, dass, wenn man es hätte etwa im voraus ausrechnen wollen, wie ich, das langsam sich entwickelnde Kind, und Du, der fertige Mann, sich zueinander verhalten werden, man hätte annehmen können, dass Du mich einfach niederstampfen wirst, dass nichts von mir übrigbleibt. Das ist nun nicht geschehen, das Lebendige lässt sich nicht ausrechnen, aber vielleicht ist Ärgeres geschehen. Wobei ich Dich aber immerfort bitte, nicht zu vergessen, dass ich niemals im entferntesten an eine Schuld Deinerseits glaube. Du wirktest so auf mich, wie Du wirken musstest, nur sollst Du aufhören, es für eine besondere Bosheit meinerseits zu halten, dass ich dieser Wirkung erlegen bin.

Kafka schreibt von gefährlicher Verschiedenheit zwischen sich und dem Vater, äußert die Angst, dass nichts von ihm übrigbleiben wird, dass ihn der Vater niederstampfen werde. Diese Bilder erschrecken. Ein väterliches Monster scheint da dem jungen Kafka gegenüberzustehen. Auf der einen Seite die Macht und auf der anderen Seite die Ohnmacht. Aber der zweite Teil des Abschnitts verwirrt: Da kommt geradezu Verständnis für den Vater auf: Du wirktest so auf mich, wie Du wirken musstest. Heißt das, wie es der Sitte entsprach? Das wäre durchaus denkbar. Kafka ist 1883 geboren, da war die Familienhierarchie klar festgelegt und weit von dem entfernt, was heute üblich ist. Das eigentliche Drama sieht Kafka darin, dass er der Wirkung der väterlichen Autorität unterlag und ihm das vom Vater als Boshaftigkeit ausgelegt worden ist. Heißt das, dass der Vater lieber einen Sohn gehabt hätte, der gegen ihn rebelliert hätte? Wohl kaum, aber vielleicht hätte er sich einen Sohn gewünscht, der ihm ebenbürtiger gewesen wäre und nicht so zurückgezogen und vergeistigt, wie es Kafka zeit seines Lebens war. Der Vater wollte offensichtlich aus dem Sohn einen starken jungen Mann machen und kam mit dessen hoher Sensibilität offensichtlich nicht zurecht.

Kafka denkt sich in den Vater hinein und versucht, dessen geistige Oberherrschaft, wie er sie nennt, zu verstehen:

Du hattest Dich allein durch eigene Kraft so hoch hinaufgearbeitet, infolgedessen hattest Du unbeschränktes Vertrauen zu Deiner Meinung. Das war für mich als Kind nicht einmal so blendend wie später für den heranwachsenden jungen Menschen. In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt. Deine Meinung war richtig, jede andere war verrückt, überspannt, meschugge, nicht normal. Dabei war Dein Selbstvertrauen so groß, dass Du gar nicht konsequent sein musstest und doch nicht aufhörtest recht zu haben. Es konnte auch vorkommen, dass Du in einer Sache gar keine Meinung hattest und infolgedessen alle Meinungen, die hinsichtlich der Sache überhaupt möglich waren, ohne Ausnahme falsch sein mussten. Du konntest zum Beispiel auf die Tschechen schimpfen, dann auf die Deutschen, dann auf die Juden, und zwar nicht nur in Auswahl, sondern in jeder Hinsicht, und schließlich blieb niemand mehr übrig außer Dir. Du bekamst für mich das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet ist. Wenigstens schien es mir so.

Die hier beschriebenen Eigenschaften sind sicher nicht nur beim Vater Kafkas zu finden. Ich wage zu behaupten, dass es auch heute noch Menschen gibt, die das Recht für sich gepachtet haben und keine Meinung als die ihre gelten lassen. Kafka betont hier, dass er sehr wohl sieht, was sein Vater alles erarbeitet hat, aber der Hinweis „In deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt“, zeigt auch, dass alle anderen ihm gegenüber keine Chance hatten. Der Patriarch im Haus lässt keine Konkurrenten zu. Kafkas Bild des Vaters ist klar beschrieben. Und doch lässt etwas aufhorchen: Im letzten Satz des Abschnitts heißt es: Wenigstens schien es mir so. Hier frage ich mich: Warum schränkt Kafka seine unmissverständliche Beschreibung der vorigen Sätze ein? Ihm schien es so, vielleicht nur ihm? Oder ist das ein Hinweis auf einen sehr großen Minderwertigkeitskomplex, ein schwaches Selbstbewusstsein?

In den nächsten Sätzen geht es um das unerbittliche Urteil des Vaters:

Es genügte, dass ich an einem Menschen ein wenig Interesse hatte – es geschah ja infolge meines Wesens nicht sehr oft -, dass Du schon ohne jede Rücksicht auf mein Gefühl und ohne Achtung vor meinem Urteil mit Beschimpfung, Verleumdung, Entwürdigung dreinfuhrst. Unschuldige, kindliche Menschen wie zum Beispiel der jiddische Schauspieler Löwy mussten das büßen. Ohne ihn zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest Du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand. An den Schauspieler erinnere ich mich hier besonders, weil ich Deine Aussprüche über ihn damals mir mit der Bemerkung notierte: »So spricht mein Vater über meinen Freund (den er gar nicht kennt) nur deshalb, weil er mein Freund ist. Das werde ich ihm immer entgegenhalten können, wenn er mir Mangel an kindlicher Liebe und Dankbarkeit vorwerfen wird.« Unverständlich war mir immer Deine vollständige Empfindungslosigkeit dafür, was für Leid und Schande Du mit Deinen Worten und Urteilen mir zufügen konntest, es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht. Auch ich habe Dich sicher oft mit Worten gekränkt, aber dann wusste ich es immer, es schmerzte mich, aber ich konnte mich nicht beherrschen, das Wort nicht zurückhalten, ich bereute es schon, während ich es sagte. Du aber schlugst mit Deinen Worten ohne weiters los, niemand tat Dir leid, nicht währenddessen, nicht nachher, man war gegen Dich vollständig wehrlos.

Offensichtlich will der Vater die Kontakte des Sohnes steuern. Kafkas Freund, der jiddische Schauspieler, gehört nicht zu den Menschen, die der Vater mit dem Sohn sehen will. Das väterliche Urteil beeinflusst den jungen Kafka dermaßen, dass er keinerlei eigenständige Vorstellungen entwickeln kann. Er fühlt sich dem Vater grenzenlos unterlegen und sieht keine Möglichkeit, auf Augenhöhe zu ihm zu kommen, und er leidet unter der Empfindungslosigkeit des Vaters. Es war, als hättest Du keine Ahnung von Deiner Macht. Was meint Kafka mit dieser Annahme? Versucht Kafka hier das Verhalten des Vaters zu entschuldigen? Wenn dem so wäre, warum kommt es nie zu einer Aussprache? Kafka gibt im Folgenden eine mögliche Erklärung:

Die Unmöglichkeit des ruhigen Verkehrs hatte noch eine weitere eigentlich sehr natürliche Folge: ich verlernte das Reden. Ich wäre ja wohl auch sonst kein großer Redner geworden, aber die gewöhnlich fließende menschliche Sprache hätte ich doch beherrscht. Du hast mir aber schon früh das Wort verboten. Deine Drohung: »kein Wort der Widerrede!« und die dazu erhobene Hand begleiten mich schon seit jeher. Ich bekam vor Dir – Du bist, sobald es um Deine Dinge geht, ein ausgezeichneter Redner – eine stockende, stotternde Art des Sprechens, auch das war Dir noch zu viel, schließlich schwieg ich, zuerst vielleicht aus Trotz, dann, weil ich vor Dir weder denken noch reden konnte. Und weil Du mein eigentlicher Erzieher warst, wirkte das überall in meinem Leben nach. Es ist überhaupt ein merkwürdiger Irrtum, wenn Du glaubst, ich hätte mich Dir nie gefügt. »Immer alles contra« ist wirklich nicht mein Lebensgrundsatz Dir gegenüber gewesen, wie Du glaubst und mir vorwirfst. Im Gegenteil: Hätte ich Dir weniger gefolgt, Du wärest sicher viel zufriedener mit mir. Vielmehr haben alle Deine Erziehungsmaßnahmen genau getroffen; keinem Griff bin ich ausgewichen; so wie ich bin, bin ich (von den Grundlagen und der Einwirkung des Lebens natürlich abgesehen) das Ergebnis Deiner Erziehung und meiner Folgsamkeit. Dass dieses Ergebnis Dir trotzdem peinlich ist, ja dass Du Dich unbewusst weigerst, es als Dein Erziehungsergebnis anzuerkennen, liegt eben daran, dass Deine Hand und mein Material einander so fremd gewesen sind. Du sagtest: »Kein Wort der Widerrede!« und wolltest damit die Dir unangenehmen Gegenkräfte in mir zum Schweigen bringen, diese Einwirkung war aber für mich zu stark, ich war zu folgsam, ich verstummte gänzlich, verkroch mich vor Dir und wagte mich erst zu regen, wenn ich so weit von Dir entfernt war, dass Deine Macht, wenigstens direkt, nicht mehr hinreichte.

Kafka verstummt gegenüber dem Vater, aber nicht gegenüber der Welt. In sein Werk fließt all das ein, was er an Ohnmacht zu Hause erfahren hat. Er schreit es geradezu in die Welt hinaus. Im Brief spricht er eine geradezu diabolische Symbiose an: Er sei das Ergebnis Deiner Erziehung und meiner Folgsamkeit. Kafka verkriecht sich, er sucht das Weite. Wer Kafkas Biographie kennt, der weiß, dass auch seine vergeblichen Heiratsversuche ein ähnliches Muster zeigen: Immer wieder sieht sich Kafka durch die Anwesenheit der Partnerinnen – sei es Felice, Julie oder Milena – derart bedroht, dass er immer neue Gründe für eine Trennung findet. Ich will hier die Rolle des Vaters keinesfalls abschwächen, aber das Naturell Kafkas ist nicht einfach gestrickt.

Am Ende des Briefes an den Vater macht Kafka einen gedanklichen Salto: Er überlegt, was der Vater an ihn, den Sohn, in einem Brief schreiben würde. Das heißt, er versetzt sich voll und ganz in die Gedankenwelt des Vaters und überlegt, was er ihm wohl antworten könnte:

Du könntest, wenn Du meine Begründung der Furcht, die ich vor Dir habe, überblickst, antworten:

…Du hast es Dir nämlich in den Kopf gesetzt, ganz und gar von mir leben zu wollen. Ich gebe zu, dass wir miteinander kämpfen, aber es gibt zweierlei Kampf. Den ritterlichen Kampf, wo sich die Kräfte selbständiger Gegner messen, jeder bleibt für sich, verliert für sich, siegt für sich. Und den Kampf des Ungeziefers, welches nicht nur sticht, sondern gleich auch zu seiner Lebenserhaltung das Blut saugt. Das ist ja der eigentliche Berufssoldat und das bist Du. Lebensuntüchtig bist Du; um es Dir aber darin bequem, sorgenlos und ohne Selbstvorwürfe einrichten zu können, beweist Du, dass ich alle Deine Lebenstüchtigkeit Dir genommen und in meine Taschen gesteckt habe…“

Darauf antworte ich, dass zunächst dieser ganze Einwurf, der sich zum Teil auch gegen Dich kehren lässt, nicht von Dir stammt, sondern eben von mir. So groß ist ja nicht einmal Dein Misstrauen gegen andere, wie mein Selbstmisstrauen, zu dem Du mich erzogen hast…

In Kafkas Werk spielen Ungeziefer und dessen Eigenschaften immer wieder eine große Rolle. Hier kommt auch ein Ungeziefer vor, und zwar ein besonders blutdürstiges, das zu seiner Lebenserhaltung den anderen braucht und ihn dabei zerstört. Dieses Motiv gibt es bei Kafka auch an anderer berühmter Stelle: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ So beginnt Kafkas Verwandlung. Der Satz gehört zu den berühmtesten Sätzen der Literaturgeschichte. Kafka soll schallend gelacht haben, als er ihn vorlas. Ausgrenzung, Fremdbestimmung, Lieblosigkeit, das sind die großen Themen nicht nur der Verwandlung sondern auch des Briefes an den Vater.

Der Brief fußt auf Realitäten aus Kafkas Leben, einige Fakten sind belegt, z. B. die harte Kindheit seines Vaters, die Probleme Kafkas mit seiner Teilhaberschaft an der Prager Asbestfabrik oder der Ausbruch seiner Schwester Ottla in die Arbeitswelt der Landwirtschaft und natürlich die gescheiterten Heiratsversuche. Auch dass sich Kafka minderwertig und angstbesetzt empfunden hat, entspricht dem, was man über ihn weiß. Aber dieses furchteinflößende, hemmungslos aburteilende, vitale Wesen Hermann Kafka, dem sich der Sohn Franz ausgeliefert sah und mit dem er ständig innerlich rang, wird von anderen, u. a. von Max Brod, dem Freund und Nachlassverwalter Kafkas, als normaler jüdischer Geschäftsmann beschrieben, der menschenfreundlich und beschwingt mit beiden Beinen in seinem Geschäft stand. Das gibt es immer wieder, dass Menschen im familiären Kontext Macht ausleben und im öffentlichen Leben das Gegenteil zeigen. Die umgekehrte Version ist auch möglich. Aus Sicht von Franz Kafka ist die Macht eindeutig auf der väterlichen Seite. So schmerzlich sich diese auch für ihn gestaltet haben mag, vielleicht ist Kafkas literarisches Schaffen dadurch erst möglich geworden. In dem Fall wäre Kafka mit seinem Vater genauso untrennbar verbunden wie mit seinem eigenen Schaffen.

Erschütternd ist, dass es der Sohn nicht vermochte, sich geistig von seinem Vater zu lösen und sein ganzes Leben auf den Vater hin definierte. Er konnte sich aus dieser regelrechten Hass-Liebe zum Vater nicht lösen. Denn er liebte ihn auch wirklich. Dieses Dilemma bietet den Schlüssel zum intensiven Erleben, ohne das Kafkas Werk unvorstellbar wäre.

Franz Kafka: Brief an den Vater, herausgegebenund kommentiert von Michael Müller, Stuttgart (Reclam) 1995

Der Eingangssatz aus der Verwandlung ist zitiert aus: Franz Kafka: Die Verwandlung, München (Anaconda Verlag), 2005

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?

Jaron Lanier wirkt wie ein schräger Vogel mit Dreadlocks. Er ist 1960 in New York geboren und wurde Informatiker und Unternehmer. Heute gilt er als Vater der virtuellen Realität. Lanier ist verheiratet, hat eine Tochter, macht leidenschaftlich gern Musik, lehrt an der Universität Berkeley und arbeitet bei Microsoft. Die Encyclopaedia Britannica zählt ihn zu den 300 wichtigsten Erfindern der Geschichte.

Als er 2014 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels zugesprochen bekam, verfolgte ich seine Dankesrede in der Paulskirche im Fernsehen und war begeistert. Da sprach ein Mensch, der das Internet von Anfang an mitgestaltet hat, so über die digitale Welt, dass es Menschen ohne Sachkenntnis auch verstehen konnten. Den Preis bekam er für sein Buch, aus dem ich im Folgenden zitiere. Die Jury weist darauf hin, dass Lanier die Risiken, die die Digitalisierung für die freie Lebensgestaltung des Menschen berge, erkannt hat und sein Buch: Wem gehört die Zukunft? ein Appell sei, gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung wachsam zu sein. Ein Buch, das sich mit der Thematik Macht und Ohnmacht in unserem täglichen Leben beschäftigt und das klar für ein Ende der Umsonst-Mentalität plädiert. Wir sind inzwischen in hohem Maß daran gewohnt, überall das Internet zu konsultieren und alle möglichen Informationen von dort zu beziehen. Und wehe, wenn ich an einem Ort bin, an dem ein Funkloch oder schlichtweg kein gutes WLAN ist. Wer viel im Internet unterwegs ist und an einem Ort – das mag sogar mitten in Deutschland sein oder im Zug – kein Netz hat, der weiß, wovon ich spreche.

Lanier erzählt uns, wie die digitale Welt entstand.

Anfang der achtziger Jahre begann ein ursprünglich kleiner Kreis begabter Technologen, Konzepte wie Privatsphäre, Freiheit und Macht neu zu interpretieren. Ich war schon früh an diesem Prozess beteiligt und half bei der Formulierung vieler Ideen mit, die ich nun in meinem Buch kritisiere. Aus den Ideen einer kleinen Subkultur hat sich mittlerweile die dominierende Sichtweise auf die Computerwelt und die softwarevermittelte Gesellschaft entwickelt. (S. 37)

Damals machte man sich noch keine Gedanken darüber, dass „kostenlos“ immer bedeutet, dass jemand anders darüber entscheiden wird, was angeboten wird. Auch dieser virtuelle Literaturkreis ist kostenlos, d. h. ich entscheide, was reinkommt. So viel Wahlmöglichkeit, abgesehen davon, dass ich immer darum bitte, Themenvorschläge zu machen, haben Sie nicht. Allerdings kontrolliere ich nicht, was Sie mit den Texten machen, an wen Sie sie weiterleiten, wofür Sie sie verwenden. Ich vertraue darauf, dass literarisch interessierte Menschen ehrliche Menschen sind, die meine Texte nicht missbrauchen. Sie könnten aber auch Steilvorlage für Plagiate sein, unter anderem Namen veröffentlicht werden, verändert werden. Welche Konsequenzen Plagiate haben, darüber weiß die deutsche Gesellschaft mindestens seit Guttenbergs Dissertation gut Bescheid.

Bleiben wir beim literarischen Beispiel. Jedes Buch bietet einen mehr oder weniger großen Einblick in die Privatsphäre des Schriftstellers. Wie groß, das ist die Entscheidung des Einzelnen, und diese darf in keinem Fall beeinflusst werden. Jeder Mensch hat eine Privatsphäre: Wenn er gezwungen wird, sie zu zeigen, wird er gläsern, man kann durch ihn hindurchblicken. Je mehr ich von einem Menschen weiß, desto eher kann ich ihm gerecht werden: Das wäre die eine Sicht der Dinge. Die andere ist diametral entgegengesetzt: Je mehr ich von einem Menschen weiß, desto besser kann ich ihn gezielt lenken, ich kenne Schwachstellen und Vorlieben und kann diese nutzen. Das ist die andere Sicht der Dinge.

Die Privatsphäre ist eines der seit Jahren am heftigsten diskutierten Themen. Sie ist überall in Gefahr, man muss sich nur vor Augen führen, wie viel die Betreiber von Payback, DB oder auch die Krankenkassen über uns wissen, wenn wir unsere jeweiligen Karten dazu betrachten. Eine ganze Menge. Die Freiheit, die Lanier im Text oben anspricht, ist ein hohes Gut, das in Gefahr ist, als selbstverständlich angesehen zu werden. Durch den Lockdown in der ersten Corona-Phase wurde schlagartig bewusst, wie schnell Freiheit eingeschränkt werden kann und welche Konsequenzen daraus resultieren. Seitdem sind viele hellhörig geworden und ein Gut, das bis dato eher als selbstverständlich galt, wird plötzlich zu einem gesellschaftlichen Diskussionsthema.

Auch Macht wird nach Laniers Ansicht durch das Internet neu interpretiert. Heute sind nicht mehr die mächtig, die über ein Königreich bestimmen. Heute sind die mächtig, die über Daten bestimmen, so lautet sein klares Urteil. Macht verschiebt sich geradezu unbemerkt. Die Macht über Übersetzungen lag beispielsweise lang in den Händen der Übersetzer. Wird das auch künftig so bleiben? Oder wird es diesen Beruf irgendwann einmal nicht mehr geben? Lanier beschreibt die Veränderung in diesem Berufsstand, seitdem es maschinelle Übersetzungen gibt:

Im Grunde erscheint es wie Zauberei, dass man einen Satz zum Beispiel auf Spanisch […] hochladen kann und eine, wenn auch nicht perfekte, so doch zumeist verständliche Übersetzung in irgendeiner gewünschten Zielsprache erhält. Als ob es eine polyglotte künstliche Intelligenz gäbe, die da oben in der großen Serverfarmen-Cloud residiert.

Aber so funktionieren Cloud-Dienste nicht. Stattdessen wird eine Vielzahl von Übersetzungsbeispielen, die echte Menschen übersetzt haben, im ganzen Internet zusammengetragen. Diese werden mit dem Satz abgeglichen, den Sie zur Übersetzung losgeschickt haben. Fast immer stellt sich dabei heraus, dass sich in den zahlreichen früheren Passagen realer Menschen ähnliche Aussagen finden, daher ergibt eine Collage der früheren Übersetzungen ein brauchbares Ergebnis. […] Leider sind die früheren Übersetzer anonym und tauchen in den Bilanzen der Internetkonzerne nicht auf. […] Mit jeder automatischen Übersetzung werden die Menschen, die die Daten liefern, aus der Welt der bezahlten Arbeit und Beschäftigung gedrängt. (S. 45f.)

Das ist ja ein Horrorszenario. Das Internet als gewaltige Maschine, die alle Bereiche unseres Lebens mit der Zeit überrollt und zum Teil auch tötet. Genau zu dieser Thematik hat Marc Andreessen, ein sehr bekannter US-amerikanischer Softwareentwickler, Investor und Unternehmer am 20.8.2011 einen viel zitierten Artikel im Wall Street Journal geschrieben: Software is eating the world. So radikal ist Lanier nicht. Er ist primär fasziniert von den Möglichkeiten, die das Internet bietet, kritisiert aber die Praxis. Am Beispiel der frei verfügbaren Übersetzungen im Netz wird ein Kardinalproblem angesprochen. Die Daten wurden eingegeben, sie sind nicht vom Himmel gefallen. Je mehr Daten verfügbar sind, desto genauer kann eine Aussage getroffen werden, desto besser ist das Ergebnis. Die ethische Frage, woher sie kommen, wird erst einmal nicht gestellt. Es ist zu hoffen, dass die, die sie eingegeben haben, dafür auch bezahlt worden sind. Aber selbst wenn, sind sie nur für die einmalige Eingabe bezahlt worden. Auch Lanier stellte die Frage nach den Konsequenzen dieser Handhabe in seiner Begeisterung für all das, was möglich sein kann, erst einmal nicht. Er glaubte an eine gute Welt, in der vernünftige Menschen nicht unvernünftige Dinge tun würden.

Diese Ansicht vertritt er heute nicht mehr. Er sieht, dass viele Entwicklungen aus dem Ruder gelaufen sind. Viele Menschen auf dieser Welt nutzen unzählige Dienste, egal ob sie den schnellsten Weg von A nach B suchen oder wissen wollen, wo das gebuchte Feriendomizil genau liegt. Der Wert digitaler Bildungsangebote ist gerade in der Coronazeit sehr deutlich geworden, die freie Kommunikation über Kontinente hinweg hat unschätzbare Vorteile. Man erwartet heute, von wo auch immer, über das Internet Antworten auf Fragen zu erhalten, und ist schnell hilflos, wenn man in einem Funkloch sitzt oder selbst die Powerbank für den Akku leer ist. Der Segen hat aber einen Preis.

Lanier zitiert Aristoteles. Dieser hatte sich darüber Gedanken gemacht, welche Rolle der Mensch in einer hypothetisch hochtechnisierten Welt spielen würde. In seiner Politik schreibt Aristoteles:

Wenn jedes Werkzeug auf Befehl oder diesem zuvorkommend seine Leistung vollzöge, wie von den Bildsäulen des Dädalus die Sage geht oder von den Dreifüßen des Hephästos, die nach des Dichters Wort „aus eigenem Trieb sich in die Götterversammlung begeben“, wenn so die Webschiffe von selbst webten und die Zitherschläge spielten, ohne dass eine Hand sie führt, dann hätten weder der Meister ein Bedürfnis nach Gesellen noch die Herren nach Sklaven.“ (S. 49)

Aristoteles beschreibt roboterartige Dienste, die den Menschen von den Göttern geschenkt werden. Sehr zukunftsweisend eröffnet er den Blick in eine Welt, in der Maschinen Menschen von Sklavenarbeit befreien. Was ist aus dieser Prophezeiung heute geworden? Bestechende Realität. Aber diese Realität wirft nun Fragen auf, die Aristoteles noch nicht ahnen konnte. Er kümmerte sich nicht um die Konsequenzen der Automatisierung. Heute haben wir Automatisierung in allen Bereichen unseres Lebens, oft genug sind wir dafür auch dankbar. Wer wollte heute noch seine Wäsche per Hand waschen, das Haus mühsam mit Kohle und Feuer heizen? Wir sind froh für automatisierte Prozesse im Straßenverkehr, bei der Lebensmittelherstellung etc.

Automatisierungsprozesse setzen Kapazitäten frei, die der Mensch anderweitig nutzen kann. Was war ich froh über den Sprung von der Schreibmaschine zum PC, den ich zwischen Magisterarbeit und Dissertation erlebte. Der Eintritt in die digitale Welt wurde mehr und mehr der Eintritt in ein anderes Denken. Heute erinnere ich mich höchstens noch nostalgisch verklärt daran, wie mühsam manches während meiner Studienzeit war. In dieser Studienzeit habe ich über die Bedeutung des Ghostwriters für die Literatur meine Dissertation geschrieben und mich intensiv mit der Epoche beschäftigt, in der das Urheberrecht bitter erkämpft wurde. Das geistige Eigentum, welch eine Errungenschaft! Derzeit kämpfen Künstler und Schriftsteller um den Bestand des Urheberrechtes: Die Vorstellungen darüber, wie und ob Daten geschützt werden sollen, spalten die Welt.

Jaron Lanier arbeitet nach wie vor daran, die digitale Welt zu verbessern. Er ist überzeugt von den großen Möglichkeiten der positiven Entwicklung dieser Welt, appelliert aber daran, die digitale Welt nicht zu vergöttern. Für ihn sind Computer nichts als Raumwärmer, die Muster erzeugen. Menschen dürfen ihre Macht nicht an sie abgeben. Wenn das geschieht, kommt es unweigerlich zu Ohnmacht, eine Ohnmacht, die jeder schon einmal erlebt hat, der den Kampf mit dem Computer verloren hat. Lanier warnt davor, dass die Besonderheit des Menschen in Gefahr ist. Er warnt vor Missbrauch, der zu unvorstellbarer Manipulation führen kann. Die eigentlichen Profiteure seien die großen Internetkonzerne, die Währung von heute sei nicht mehr das Geld, sondern die Daten. Je mehr Daten ein Unternehmen vom Einzelnen habe, desto genauer wüssten diese Konzerne, wie der Einzelne lebt, was er benötigt, was seine Wünsche sind. Entsprechend kann reagiert werden. Konsequenz ist, dass die Menschen, die bei diesem Angebot nicht mitmachen, schnell außen vor sind und Nischenangebote keine Chance haben. Wem gehört die Zukunft? Dieser Titel sollte als Einstiegsfrage in unserer gesellschaftlichen Diskussion einen weit größeren Raum erhalten, als es bislang der Fall ist. Wie soll die Welt aussehen, in der ich leben möchte?

Lanier warnt auch davor, dass Algorithmen zu neuen Göttern werden, die dem Menschen sagen, welcher Partner zu einem am besten passt, welche Lebensweise für den Einzelnen die gesündeste ist, wer unsere Freunde sind oder sein könnten. Wie wichtig Algorithmen sind, zeigt das jüngste Beispiel für Macht im Internet und in der realen Welt: TikTok. Diese App konnte in wenigen Monaten hunderte Millionen Nutzer gewinnen, weil ihre Algorithmen besser sind als die von Facebook oder Youtube. Das Beispiel zeigt, dass irgendwo, auch in totalitären Staaten, neue Machtzentren entstehen, die noch weniger unter demokratischer Kontrolle stehen, als Google oder Facebook.

Lanier warnt davor, dass der Mensch, der lange Jahrhunderte gekämpft hat, bis er einen Begriff von Autonomie für sich entwickeln konnte, diesen nicht freizügig und gutgläubig abgibt. Um dem zu entgehen, fordert er eine breite Diskussion über das, was Humanismus heute bedeutet. Macht und Ohnmacht liegen Seite an Seite, der Mensch bereitet ihnen das Bett und sollte entscheiden, wem er die wärmere Decke zukommen lässt.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne, Du bist ihr Produkt“, übersetzt von Dagmar Mallett und Heike Schlatterer, Hamburg (Hoffmann und Campe), 2014

Anne Louise Germaine de Staël: Brief an Benjamin Constant

den 20. Mai 1813

Seit zwei Wochen habe ich nichts von Ihnen vernommen, seit zwei Jahren habe ich Sie nicht gesehen – erinnern Sie sich Ihrer Behauptung, wir würden nicht voneinander getrennt sein? – Ich kann wohl sagen, Sie haben sich, abgesehen von allem Übrigen, eine schöne Karriere entgehen lassen, und ich, was soll aus mir werden in der Vereinsamung meines Geistes? Mit wem kann ich reden und werde ich mich selbst erhalten? […] Meine Tochter ist reizend, sie wird Ihnen von Gothenburg schreiben. Es wird ihr letztes Lebewohl sein, wie auch das meine: aber ich hoffe noch, dass Sie das Bedürfnis empfinden, uns wiederzusehen und nicht umkommen zu lassen, was Gott Ihnen geschenkt hat.

[…] Ich reise zu den Dorat, und dort bleibe ich und warte oder sterbe vielleicht; wer weiß, was Gott von uns begehrt. – Ich habe immer Briefe von Ihnen bei mir, ich öffne nie mein Schreibzeug, ohne sie in die Hand zu nehmen, ich betrachte die Adresse; alles, was ich durch diese Schriftzüge gelitten habe, macht mich schaudern, und doch wünschte ich deren wieder zu erhalten. – Mein Vater, Sie und Mathieu weilen in einem Teil meines Herzens, der für ewig geschlossen ist – ich leide dort immer und durch alles hindurch – ich bin dort gestorben und lebe dort – und wenn ich in den Wellen umkäme, würde meine Stimme diese drei Namen rufen, von denen ein einziger unheilvoll war. – Ist‘s möglich, dass Sie so alles zerbrochen haben! Ist`s möglich, dass das eine Verzweiflung wie die meine Sie nicht innehalten ließ? Nein, Sie sind schuldig, und Ihr bewundernswerter Geist spiegelt mir noch Illusionen vor. – Leben Sie wohl, leben Sie wohl! – Ach könnten Sie fassen, was ich erleide! – Senden Sie Fanny einige Zeilen – es ist schrecklich, so gar nichts von Ihnen zu wissen. – Leben Sie wohl –

Auch wer noch nie etwas von Mme Anne Louise Germaine de Staël (1766-1817) gehört hat und nur diesen Brief an ihren Liebhaber, Benjamin Constant kennt, merkt, welch starker Charakter da schreibt. Eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will, die sich nicht unter Wert verkauft und die fordert. Dem Brief geht offensichtlich das Ende ihrer Beziehung zu Benjamin Constant voraus. Sie macht ihn unverblümt darauf aufmerksam, was ihm entgeht, nämlich eine schöne Karriere, sie macht ihm gegenüber Vorwürfe: Was soll aus mir werden in der Vereinsamung meines Geistes? und sie äußert Hoffnung, er möge das Bedürfnis verspüren, uns (Anmerkung: damit ist sie und die Tochter gemeint) wiederzusehen und nicht umkommen zu lassen was Gott Ihnen geschenkt hat. Sie droht, sie fordert, sie hofft. Ein typischer Brief einer untypischen Frau aus einer Zeit, in der sich die Welt vielleicht mit genauso rasanter Geschwindigkeit änderte wie sie es gerade aktuell für uns tut.

Wir erfahren dann aber auch, dass Germaine de Staël immer Briefe von Benjamin bei sich hat. Geradezu sentimental bekennt sie, dass sie durch diese Schriftzüge gelitten habe und gleichzeitig wünsche, deren wieder zu erhalten. Nein, hier darf man keinen Masochismus und erst recht keine Unterwürfigkeit vermuten. Mme de Staël weiß, was Liebe ist, und verbindet diese Liebe mit drei Namen: Mein Vater, Sie und Mathieu. Die Liebe zu diesen Menschen trägt sie durch alles hindurch, was das Leben abverlangt. Sie ist fassungslos, dass Benjamin Constant diese Liebe zerbricht. Aber sie weist sämtliche Schuld daran von sich ab, schließt mit einem dreimaligen Leben Sie wohl und verweist gleichzeitig darauf, wie sehr sie leidet.

Was sagt uns dieser Brief über die Macht der Liebe? Sehr viel. Dass tiefe Liebe auch tiefes Leid kennt, dass beide Geschwister sind und geradezu einander bedingen. Der Brief offenbart uns aber auch, dass Liebe nicht vor Verletzungen gefeit ist, dass sie aber durch Verletzungen nicht zwangsläufig aufhören muss. Das Ende der Beziehung ist nicht das Ende der Liebe. Diese bleibt hier bestehen. Germaine de Staël hat Liebe erfahren und diese Erfahrung gibt ihr die Kraft, die sie für all die Umwälzungen braucht. Geliebt werden und lieben, das sind die stärksten Gefühle im menschlichen Leben. Germaine weiß von erfüllter Liebe zu erzählen und sie kennt auch die enttäuschte Liebe, die zerstört, erniedrigt und in Trauer versetzt.

Mme de Staël ist eine der klügsten und einflussreichsten Frauen ihrer Zeit. Nicht grundlos wird sie die erste Frau Europas genannt. Ihr Buch De L‘Allemagne (Über Deutschland) begründet den Ruf Deutschlands als Land der Dichter und Denker. Es erscheint 1810, wird sofort von der napoleonischen Zensur verboten. Sie beschreibt die Deutschen darin als musik-, philosophie- und literaturbegeisterte Nation, der es an Geschicklichkeit und Gewandtheit mangele, die alles beunruhigt und verlegen mache und die Methode im Handeln und Unabhängigkeit im Denken brauche. Ihr Deutschlandbild ist faszinierend, es wird für Jahrzehnte maßgebend bleiben. Sie blickt kritisch auf die französische Literatur, beklagt, dass diese weiter antike Modelle nachahme, und bewundert das ihrer Meinung nach politisch rückständige Deutschland , das sich philosophisch und literarisch erneuere. Germaine de Staël ist begeistert von Deutschland und es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass diese Haltung Napoleon nicht begeistert. Sie, eine geborene Necker, wird im Salon ihrer Mutter groß, lernt da die bedeutenden Philosophen der Zeit kennen und diese legen ihr, dem Kind, bereits Gedanken in den Kopf, die wegweisend werden sollten: Menschen können sich verändern, egal welche Barrieren es gibt. Und wissenschaftlicher Fortschritt macht moralischen Fortschritt zu einer Notwendigkeit. Ihr Vater, ein Genfer Bankier, wird unter Ludwig XVI Finanzminister. Germaine wird durch ihre Heirat zur Baronin von Staël-Holstein und erhält dadurch Botschafterstatus und Immunität. Die Vernunftehe scheitert, sie hatte ihr blutjung zugestimmt mit der Maßgabe: „Monsieur de Staël wird mich nicht unglücklich machen, aus dem einfachen Grund, weil er zu meinem Glück nichts beitragen kann.“ Sie trennt sich schon Jahre vor dessen Tod 1802 von ihrem Mann und beginnt eine Reihe von leidenschaftlichen Affären, die sie aber nicht davon abhalten, permanent Einfluss auf politische und kulturphilosophische Entwicklung in Frankreich zu nehmen. Sie eröffnet nach dem Vorbild ihrer Mutter einen Salon in Coppet am Genfer See, dem väterlichen Landsitz. Coppet wird unter ihrer Führung ein intellektuelles Zentrum Europas. Die geistig politische Avantgarde gibt sich dort die Hand. 1794 begegnet sie der Liebe ihres Lebens: Benjamin Constant, Politiker und Schriftsteller in einem. Mit ihm geht sie nach der Schreckensherrschaft Robbespierres 1795 nach Paris und sieht in der Republik nach amerikanischem Vorbild die einzige postrevolutionäre Staatsform. Mit ihm bereist sie mehr als ein halbes Jahr Deutschland, führt mit ihm eine enge, von geistigem Austausch und Leidenschaft geprägte Beziehung. In Deutschland trifft sie auf alle Großen der deutschen Klassik und Romantik, verpflichtet A.W. Schlegel als Reisebegleiter und Hauslehrer ihrer inzwischen vier Kinder. Sie lernt Deutsch und beeindruckt die gesamte Weimarer Gesellschaft durch ihren nie versiegenden Redestrom, ihren unermüdlichen Hunger, Neues zu erfahren. Mme de Staël ist immer wieder tief beeindruckt von der deutschen Kultur. Aus Frankreich signalisiert Napoleon, dass sie weder in Paris noch im Pariser Umland geduldet sei. Benjamin Constant, durchaus wankelmütig in seinem Lebenslauf, ist langfristig der anstrengenden und emanzipierten Haltung der Mme de Staël nicht gewachsen und heiratet eine andere. Mme de Staël findet Trost bei ihrem engen Freund Schlegel und Mathieu de Montmorency, letzterer wird auch im obigen Brief erwähnt.

Auch nach der Trennung von Benjamin Constant bleibt er präsent in ihrem Denken. Er bleibt in einem Teil meines Herzens, das für immer verschlossen ist. Mit anderen Worten, er bleibt mit seinem ganzen Denken und seiner Ausstrahlung für sie maßgebend, er bleibt in ihrer Liebe. Fast ein Jahr später schreibt sie aus London am 8. Januar 1814 an Benjamin:

Nein, fürwahr, ich vergesse Sie nicht; ich wollte, dass ich es könnte, denn ich trage einen Schmerz tief in der Seele, den die Zerstreuung wohl eine Weile beschwichtigen kann, der aber wieder aufwacht, sobald ich allein bin – es ist das unwiderbringlich verfehlte Glück! Hätten Sie den Charakter des mir ergebenen Freundes besessen, so wäre ich allzu glücklich gewesen; ich verdiente es nicht. – Sie wiederzusehen, wäre die Auferstehung meines Geistes und einer Fähigkeit, zu hoffen, die mit allem Übrigen in mir erloschen ist. []

Ach Benjamin, Sie haben mein Leben verschlungen! Kein Tag ist seit zehn Jahren verflossen, an welchem mein Herz nicht durch Sie gelitten hätte – und ich liebte Sie doch so sehr!. […] Ach, das Sandgebäude des Lebens ist ein mühselig Ding, und nichts hat festen Bestand als der Schmerz. – Schreiben Sie mir.

Das unwiderbringlich verfehlte Glück begleitet Mme de Staël auch in ihrem weiteren Leben. Aber auch in diesem Brief wird deutlich, dass Benjamin dem nicht standhielt, was sie forderte: er hat nicht den Charakter des mir ergebenen Freundes besessen. Heißt das, dass die Liebe über ihn keine Macht hatte, wohl aber über sie? Ihr Geist bleibt hell, auch wenn sie das im Brief anders sieht. Er bedarf keiner Auferstehung. Alles andere in ihr ist auch nicht erloschen, wie sie beklagt. Sie findet weitere Liebhaber, u.a. den jungen Offizier John Rocca, 23 Jahre jünger als sie, den sie 1812 heiratet. Mit ihm hat sie ein fünftes Kind. Aber das Glück dauert nicht lang, sie stirbt 51jährig nach einem Schlaganfall. John Rocca folgt ihr nur wenige Monate später.

Mme de Staël: Ses amis, ses correspondants. Choix de lettres (1778-1817), Paris Editions Klincsieck 1970, übersetzt von Katharina Maier, in: Liebesbriefe großer Frauen. Nimm meine Seele auf und trinke sie…, hg. v. Sabine Anders und Katharina Maier, Wiesbaden (matrixverlag), 2009, S. 112f.

Heinrich Heine: Ich wollte bei Dir weilen (1823)

Ich wollte bei dir weilen
Und an deiner Seite ruhn;
Du mußtest von mir eilen;
Du hattest viel zu tun.

Ich sagte, daß meine Seele
Dir gänzlich ergeben sei;
Du lachtest aus voller Kehle,
Und machtest ´nen Knicks dabei.

Du hast noch mehr gesteigert
Mir meinen Liebesverdruß,
Und hast mir sogar verweigert
Am Ende den Abschiedskuß.

Glaub nicht, daß ich mich erschieße,
Wie schlimm auch die Sachen stehn!
Das alles, meine Süße,
Ist mir schon einmal geschehn.

Das Gedicht beschreibt im Grunde das Lebensthema Heines: den Kampf zwischen Macht und Ohnmacht. Dieser Kampf wird hier von einem Mann und einer Frau ausgetragen. Am Ende wird abgerechnet. Problemlos ließe sich dieses Gedicht auch auf andere Kämpfe übertragen, naheliegend wäre zum Beispiel, der Kampf der Juden, die sich durch Taufe zwar assimilieren aber letztlich nicht mehr als Hohn ernten.

Aber bleiben wir erst einmal streng beim Wortlaut des Gedichtes. Es geht um eines der großen Heine-Themen: die vergebliche, die unerwiderte, die aussichtslose Liebe. Hier spricht ein Mann, der verlassen worden ist. Voraus gingen Verhöhnungen seitens seiner Geliebten. Nun, da sie fort ist, befreit er sich aus seiner Ohnmacht, die sicher länger gedauert hat und wirft ihr geradezu ein sehr selbstbewusstes Gedicht hinterher. Was ist da passiert? Ein Mensch berichtet abgeklärt vom Ende einer Zeit. Er hat etwas begriffen, und zwar zu akzeptieren, dass etwas vorbei ist. Er hat auch begriffen, was Lebenswille heißt und dass nur dieser Lebenswille in eine Zukunft führen kann. Allein der Titel Ich wollte bei dir weilen – er wird im ersten Vers der ersten Strophe wiederholt und dadurch auch verstärkt – lässt verschiedene Deutungen zu. Das Wort „weilen“ ist in der Romantik gebräuchlicher gewesen als bei uns. Heute wird es noch im Sinne von: „sich an einem Ort aufhalten“, „an einem Ort sein“ gebraucht., in der Bedeutung „mit jemandem zusammen sein“ ist es so gut wie verschwunden. Der Titel steht im Präteritum: Ich wollte bei dir weilen zeigt, dass das Geschehen in der Vergangenheit liegt. Aber es beschäftigt ihn noch, hat also noch Macht über ihn.

Das Gedicht plätschert, wie bei Heine so oft, munter dahin, obwohl es gar keinen munteren Inhalt hat. Wir haben es mit vier formal äußerst schlichten Strophen mit Kreuzreimen zu tun, die gut und gern Vorlage eines Liedes sein könnten. Streng regelmäßig ist die alternierende Kadenz, erster und dritter Verse enden jeweils mit weiblicher Kadenz, zweiter und vierter mit männlicher. Nur in der vierten Strophe gibt es einen unreinen Reim: erschieße reimt mit süße.

Die Trennung ist offensichtlich von der Geliebten ausgegangen. Der Mann hatte andere Absichten: Ich wollte mit dir weilen und an deiner Seite ruhn. Das klingt für mich nicht nach Casanova sondern drückt einen Wunsch nach Nähe und Ruhe aus. Vielleicht unternahm er nicht gerade viel für die Freude des miteinander Weilens. Vielleicht war aber auch die Geliebte d e r Ruhepol in seinem Leben, der Mensch, auf den er bauen konnte, der ihm Kraft gab, sein Fels in der Brandung. Heine kann zu der Zeit, als er das Gedicht schreibt, noch nicht ahnen, dass er jahrelang durch seine Krankheit an eine Matrazengruft, wie er sie nannte, gekettet sein würde, und seine Frau hinaus ins pralle Leben muss, um den Lebensunterhalt mit zu finanzieren. Heines Gegenbild zur Ruhe ist im Gedicht die Eile. Die Geliebte musste von ihm eilen, sie hatte viel zu tun. Was sie macht, warum sie eilen musste, all das verschweigt das Gedicht. Aber Du musstest von mir eilen, du hattest viel zu tun zeigt, dass da schon länger eine Entfernung von zwei Lebenswelten gelebt wurde.

In der zweiten Strophe erfahren wir, dass seine Seele ihr ganz ergeben sei. Das Bild der Seele, die einem Mensch ergeben ist, ist rätselhaft. Kann ich das überhaupt, einem Menschen meine Seele gänzlich geben? Im übertragenen Sinn kann ich das Bild verstehen: Ich gebe dem anderen alles, er bedeutet mir alles. Das ist ein Bild für sehr große Innigkeit, für eine tiefe Liebe. Diese war der Geliebten aber wohl zu viel, sie wollte etwas anders oder wusste mit dieser Ergebenheit nichts anzufangen. Wenig sensibel macht sie das deutlich. Sie lachte aus voller Kehle und machte nen Knicks dabei. Dieses Lachen ist ein Auslachen und zeigt ihre Verachtung ihm gegenüber in dem Sinne von: Da ist ein Einfältiger, der einfach nicht merkt, was Sache ist. Da kann man nichts anderes tun, als lachen und knicksen. Der Knicks unterstreicht den Hohn, er ist hier eine Geste der Verachtung. Und das umgangssprachliche nen verstärkt nochmals die Wirkung. Man kann sich geradezu die Grimasse dazu vorstellen.

In der dritten Strophe wird von Liebesverdruß gesprochen, den die Geliebte noch mehr gesteigert hat. Auch hier wird nicht erklärt, was genau mit Liebesverdruß gemeint ist. Ein Verdruss stellt sich ein, wenn etwas langweilig und eintönig wird, zu lange andauert oder sich nicht verändert. „Ich bin etwas leid“, das wären vielleicht die treffenden Worte, um einen Verdruss zu beschreiben. Das geht normalerweise nicht plötzlich, sondern steigt allmählich an, bis das Fass überläuft. Der Liebesverdruß, von dem hier gesprochen wird, muss schon länger da gewesen sein. Die Geliebte hat ihn nur gesteigert, aber möglicherweise gar nicht verursacht. Weder über die Ursachen noch über die Auswirkungen berichtet Heine. Versteckt sich hier Selbstmitleid, ein bewusstes Hinweisen darauf, dass er Opfer ist, dass er ohnmächtig zusehen muss, was mit ihm geschieht? Dass der Abschiedskuss verweigert wird, ist eigentlich nur schlüssig. Warum einen Menschen küssen, den man nicht mehr liebt?

Die letzte Strophe klingt geradezu triumphal. Die Rechnung wird nun ausgeglichen. Macht und Ohnmacht sind auf einer Linie. Die Geliebte täuscht sich, sollte sie geglaubt haben, sie stürze den Mann durch ihren Weggang in tiefe Trauer. Beileibe nicht. Er zahlt in gleicher Währung zurück. Hier spricht ein sehr selbstbewusstes und stolzes “Ich“, ein fester Charakter, weit weg von jeder Ohnmacht und Bewegungsunfähigkeit, hier spricht ein Mensch, der sein Leben im Griff hat und sich nicht brechen lässt. Nein, er ist kein Werther, er erschießt sich nicht. Ungesagt wird ausgedrückt: Das ist sie mir nicht wert. Und diese geringe Wertschätzung gipfelt in der Bezeichnung Süße und dem Hinweis, sie sei nur eine in der Reihe von anderen, die er wohl auch vorher schon hatte, also nichts Besonderes. Damit zieht er mit ihr gleich. Hohn hier und Hohn auch da.

Was bleibt? Welche Wirkung hat das Gedicht? Seine Tiefe erkennt man, wenn man es aus der Zeit Heines versteht. Dann wirkt es geradezu revolutionär, romantisches Denken scheint weit weg, es winkt bereits eine neue Zeit. Heines Humor besticht. Er fühlt sich in einen Menschen hinein, der verschmäht, benachteiligt, zu kurz gekommen ist. Auch wenn wir es dem lyrischen Ich nicht komplett abnehmen, dass er so gutmütig und unschuldig ist, wie es sich darstellt, die humorvolle Betrachtung der Situation nimmt die Dramatik und verweist darauf, dass es auch aus der schlimmsten Lage ein Entkommen gibt.

Heine schreibt das Gedicht im Alter von 26 Jahren. Sein Leben verläuft nicht auf einer Paradestraße, Vieles ist im Argen: Die unglückliche Liebe zu seiner Cousine Amalie sitzt ihm noch im Nacken, ebenso ist er verzweifelt über den Krebsgang des politischen Weges Deutschlands, er sieht einfach keinen Fortschritt. Seine schwache Gesundheit zwingt ihn immer zu Erholungsphasen an der Nordsee. Auch sein beruflicher Weg ist holprig. Nachdem klar war, dass er nicht geeignet sein würde, das väterliche Tuchgeschäft zu übernehmen, beginnt er mit dem Jurastudium, das ihn eher abstößt als begeistert. „Meine Muse trägt einen Maulkorb, damit sie mich beim juristischen Strohdreschen mit ihren Melodien nicht störe.“ zitiert Wolfgang Hädecke in seiner Heine-Biographie aus einem Brief Heines. (S. 180) Seine Familie gehörte zur Kaste der Hofjuden, die an zahlreichen Fürstenhöfen zwischen dem 17.-19. Jahrhundert eine große Rolle spielten. Diese Zeit ist nun endgültig vorbei, für Juden beginnt eine schwere Epoche. Die Familie lebt in Düsseldorf, das seit 1796 unter französischer Besatzung steht und daher immer mehr unter Druck gerät. Die Eltern Heines leben säkular, seine Mutter verachtet all die literarischen Bemühungen und tut alles, um aus dem jungen Heine Glaube und Poesie zu treiben. Heine lässt sich taufen, eine Voraussetzung für die Niederlassung als Advokat oder den Eintritt ins Staatswesen, steht aber weder hinter der christlichen noch hinter der jüdischen Religion und kritisiert die Aussichtslosigkeit all der Versuche der Juden, sich zu emanzipieren. Seine Taufe bringt ihm nichts, er revoltiert zunehmend, in Deutschland werden seine Texte verboten. Heine geht 1831 ins Exil nach Frankreich, heiratet eine Frau aus der Unterschicht und lebt mit ihr bis zu seinem Lebensende 1856 glücklich zusammen, ist aber zeit seines Lebens auf finanzielle Unterstützung der Familie angewiesen.

Heine vollendet und überwindet die Romantik gleichermaßen. Er ist einerseits Sprecher des Jungen Deutschland, andererseits steht er tief in der Nachfolge Goethes. Die einen heben ihn in den Himmel, die anderen wünschen ihn zum Teufel. Geradezu unmöglich ist es, ihn einigermaßen einheitlich zu beurteilen. Marcel Reich-Ranicki nannte ihn sogar einen Weltpoeten. „Um meine Wiege spielten die letzten Mondlichter des achtzehnten und das erste Morgenrot des neunzehnten Jahrhunderts.“ Mit diesen Worten beschreibt Heine den Tag seiner Geburt 1797. Nicht nur ein Jahrhundert geht zu Ende, eine ganze Epoche verabschiedet sich. Die feudale Welt geht unter, die Morgenröte der bürgerlichen Gesellschaft kommt auf. Möglicherweise stehen wir heute auch vor einem ähnlich intensiven Umbruch.

Das Gedicht und die Heine-Zitate sind entnommen: Heinrich Heines Werke in fünf Bänden, 1. Band Gedichte, Berlin und Weimar (Aufbau Verlag) 1981

Das Zitat von der Muse mit Maulkorb stammt aus Wolfgang Hädecke. Heinrich Heine. Eine Biographie, München 1983

Grit Poppe: Weggesperrt

Anja wandte den Kopf ganz leicht nach hinten und erhaschte aus den Augenwinkeln einen Blick auf einen ihrer Verfolger. Es war der kleine Dicke mit der karierten Jacke und dem merkwürdigen Täschchen, das an seinem Handgelenk hin und her baumelte. (S.9)

So könnte jeder Krimi beginnen. Spätestens einige Zeilen weiter weiß man aber, dass es um keinen Unterhaltungskrimi geht. Da heißt es:

Ein schlammfarbener Wartburg fuhr langsam an ihnen vorbei. (S. 9)

Hier wissen wir, wo die Geschichte spielt, die Grit Poppe 2009 veröffentlichte. Es geht um Überwachung. Es geht um Menschen, die in die Knie gezwungen werden sollen, um das zu tun, was man von ihnen verlangt. Es geht um Wege, die Menschen suchen, um aus der Ohnmacht zu entfliehen.

Grit Poppe schreibt einen Jugendroman aus Sicht der 14 jährigen Anja. Sie geht in die neunte Klasse und lebt mit ihrer Mutter in der DDR. Die Geschichte spielt in den achtziger Jahren und gehört seit ihrem Erscheinen 2009 in verschiedenen Bundesländern zum Schulkanon. Meiner Meinung nach sollte das Buch flächendeckend in die Schulen kommen. Und meiner Meinung nach sollten es auch nicht nur Schüler lesen.

Warum wird Anja verfolgt?

Ihre Mutter hatte getrommelt. Und Zettel verteilt. Aus Protest. Für Thea. Sie nannte den Aufruhr, den sie veranstaltete eine Mahnwache. (S. 11)

Darüber hinaus hat die Mutter einen Ausreiseantrag gestellt. Anja kann nicht fassen, warum ihre Mutter so etwas tut, schließlich hat sie im Staatsbürgerschaftsunterricht gelernt, dass Menschen, die die DDR verlassen wollten, zu Staatsfeinden werden. Sie fragt ihre Mutter, warum sie weg will:

Warum?“ Ihre Mutter lachte. „Du siehst doch, was hier los ist. Was meinst du, weshalb diese Kerle hinter uns her sind?“

Ihre Stimme klang eine Spur zu schrill.

Anja zuckte mit den Achseln.

Damit wir wissen, dass sie die Macht haben und wir nichts“, sagte ihre Mutter. (S. 21)

Nun kommt das, was man erwarten kann, zuerst eher harmlos und dann im Laufe der Geschichte geradezu unerträglich. Mutter und Kind werden festgenommen, getrennt und Anja hört die nächsten Jahre nichts mehr über ihre Mutter.

Mädel, dir gibt niemand die Schuld. Du kannst ja schließlich nichts für deine Mutter. Aber sie übt einen negativen Einfluss auf dich aus, das wirst du doch wohl einsehen. Deine Mutter ist einfach unfähig, dich zu erziehen. Sie verhält sich gesetzeswidrig und schadet damit deiner Entwicklung zu einer allseitig entwickelten sozialistischen Persönlichkeit.“ (S. 25)

Anja kommt in ein D-Heim, ein Durchgangsheim, in dem sie nur zwischengelagert wird (S. 31), lernt dort Gonzo kennen, die sie durch ihre Verhalten auf all das vorbereitet, was auf sie zukommt. Gonzo ißt Putzmittel, die es zuhauf gibt. Anja fragt sie:

Wieso…wieso hast du das überhaupt gemacht … mit diesem Putzzeug?“

Naja, ich wollt‘ mich eben innerlich reinigen, verstehst du?“

Anja schüttelte den Kopf

Behandelt wirst du hier wie der letzte Dreck und gegen Dreck hilft nur Seife, oder? Gonzo grinste. „Mein Gott, guck nicht so ernst, das war‘n Scherz!“

Anja nickte unsicher. „Aber du hättest im Krankenhaus landen können.“

Eben“ , sagte Gonzo. „Das war mein Plan. Kommst du rein, kommst du raus. Hat bloß nicht geklappt.“ (S. 46)

Später, sehr viel später sollte dieser Rat Anja helfen. Ein anderer Rat kommt von Tom, zu dem Anja eigentlich gar keinen Kontakt hätte haben sollen. Er wohnt im Jungentrakt, streng getrennt vom Rest. Auch Tom wird später noch eine Rolle in Anjas Leben spielen.

Anja lernt, dass sie künftig nur noch ihren Nachnamen hören wird und Fragen nicht zu stellen sind. Sie lernt, was es heißt in einem Jugendwerkhof, eine Einrichtung der Jugendhilfe zu leben. Ihre Erzieherin instruiert sie:

Deine persönlichen Sachen darfst du behalten, also deinen Schmuck, deine Uhr, deine Anziehsachen. Du bekommst als Küchenmädel eine Küchenschürze und ansonsten das Übliche, also Sportzeug, Nachthemd und so weiter. Du bist verpflichtet, das Heimeigentum pfleglich zu behandeln, für Schäden musst du geradestehen, das ist Beschädigung von Volkseigentum. Die Sachen holst du dir in der Kleiderkammer ab. Verboten sind Sprays aller Art, Klebstoff, Rasierklingen, Schundliteratur, Zigaretten und Alkohol. Solltest du solche Dinge besitzen, musst du sie abgeben und sie kommen unter Verschluss, bis zum Tag deiner Entlassung. Und verboten heißt auch verboten. Haben wir uns da verstanden?“ (S. 95)

Ihr gelingt ein Ausbruchsversuch, sie schafft es bis zur Familie des Bruders ihrer Mutter und hätte dort wohl bleiben können, wäre sie nicht nach draußen gegangen und dort aufgefallen. Gegen die Macht der vielen beobachtenden Augen rundum kommt sie nicht an, irgendjemand gibt die Information weiter, dass da ein unbekannter Mensch im Viertel aufgetaucht ist. Sie muss zurück. Im Gepäck hat sie ein Geschenk von ihrem Cousin: ein Gedichtband von Rainer Maria Rilke.

Die Gedichte Rilkes werden als Schundliteratur bezeichnet und ihr im Heim abgenommen. Immerhin stellt ihr der Direktor in Aussicht, dass das nicht von Dauer sein muss:

Wenn du dich in Zukunft zusammenreißt, dich an die Regeln hälst, dich anstrengst und in dein Kollektiv einfügst, dann kannst du deine Poesie vielleicht zurückbekommen.“ (S. 155)

Sie erlebt die Rache der anderen Mädchen, die unter ihrer Flucht gelitten haben, ihnen wurden kleine Privilegien gestrichen, nachdem Anja weg war. Sie schlagen sie windelweich. Anja erlebt die Härte der Erzieher, die sie spüren lassen, was es heißt, geflüchtet zu sein, sie hält dem Druck nicht mehr stand und wehrt sich mit einem Befreiungsschlag gegen ihre Erzieherin. Danach gibt es nur noch eine Richtung: „Ab nach Torgau!“ (S. 169)

Ich mache eine Zäsur und lasse Revue passieren, wie ich Torgau kennengelernt habe: 2019. Ich bin mit meiner Freundin unterwegs auf dem wunderschönen Lutherweg in der Elbauenlandschaft von Beyern nach Torgau. Und Torgau empfängt uns mit großem Charme. Eine wunderschön sanierte Altstadt, die hoch über der Elbe in aller Pracht thront. Früher war Torgau Synonym für eine der berüchtigten geschlossenen Jugendwerkhöfe der DDR. Heute ist dort eine Gedenkstätte. Offiziell war Torgau kein Gefängnis, sondern eine Einrichtung der Jugendhilfe für Mädchen und Jungen zwischen 14 und 18 Jahren. Viele der Jugendlichen, die dort waren, waren vorher weder kriminell noch straffällig geworden. Sie galten als schwer erziehbar und sollten umerzogen werden zu Menschen, die sich willenlos in die sozialistische Gesellschaft einfügten.

Meine Freundin und ich gingen sehr still aus Torgau hinaus auf unserem Weg weiter nach Westen und verhedderten uns mehrfach.Torgau wollte uns nicht freigeben. Uns war klar, dass viele dieser Menschen heute so alt wie wir und jünger sind, arbeiten, Familien haben und mit dem zurecht kommen müssen, was sie als Jugendliche erlebt haben. Grit Poppe arbeitet mit Zeitzeugen und sieht sich als Chronistin von Geschichten, die sonst nie erzählt worden wären. Anjas Geschichte ist fiktiv, die realen Hintergründe sind aber vorhanden.

Anja kommt 1989 in Torgau an. Dass sich die DDR langsam auflöst, kriegt sie dort nicht mit. Das kleine Lyrikbuch ihres Cousins ist noch in ihrem Gepäck. Und eines der Gedichte wird ihr in den folgenden Monaten zum Lebensretter: Rilkes Panther.

Anja wartete kerzengerade, sie spürte den Panther an ihrer Seite. Sie fühlte keine Angst in diesem Augenblick.

Der Duft von Kartoffelsuppe schlug ihr entgegen. Die Frau hielt eine weiße Schüssel in der Hand. „Jugendliche Sander, wo bleibt die Meldung?“, schrie sie.

Anja schwieg.

Die Erzieherin sah einen Moment verunsichert aus. „Hausordnung!“, befahl sie. „Hausordnung aufsagen!“

Anja ließ die Blätter, die sie die ganze Zeit gehalten hatte, auf den Boden fallen. Die Worte über den Panther, den man in einen Käfig gesperrt hatte, kamen wie von selbst, als wohnten sie in ihr und wollten nur mal vor die Tür schauen:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Die Frau schnappte nach Luft. „Hast du… hast du den Verstand verloren?“Anja schüttelte den Kopf. Ihre Stimme wurde lauter. (S. 186)

Und Anja beendet mit klaren Worten das Gedicht.

Der Panther begleitet sie nun durch die nächsten Monate. Er ist beim endlosen Putzen dabei, beim Frühsport, der mitten in der Nacht gnadenlos beginnt, bei jedem Arrest, bei allen Schikanen. Mit ihm schafft sie das tägliche Arbeitspensum, das eigentlich nicht zu schaffen ist, erreicht eine hohe Qualität und Quantität bei der Herstellung von WM-66-Schaltern, fühlt ihn in ihrem Rücken als sie Details aus den Nachrichten wiedergeben soll und mutig den Wetterbericht aufsagt. Der Panther macht sie hart gegen das nächtliche Weinen all derer, mit denen sie den Schlafsaal teilt. Die Kraft der Literatur lässt sie überleben. Hier spürt sie Macht und ist gleichzeitig völlig ohnmächtig und ausgeliefert.

Der Panther beschützte sie Tag und Nacht. Und sie dachte manchmal, dass sie ohne ihn wohl verrückt werden würde.

Schließlich spürte sie sogar sein Herz. Es pulsierte gleichmäßig und stark unter dem schwarzen Fell. Das Herz des Panthers schlug kräftiger als ihr eigenes – so kam es ihr vor, wenn sie nachts in der Finsternis auf der harten Pritsche erwachte und fasziniert dem Rhythmus lauschte. Du bist nicht allein. Du bist nicht allein. Du bist nicht allein. (S. 245)

Sie trifft Gonzo wieder, auch Tom, beide ungebrochen. Sie geben ihr auch Kraft. Und der Zufall will es, dass Anja ausrutscht, sich beim Putzen verletzt und dann in ein Krankenhaus gebracht wird. Da erinnert sie sich an die Worte Gonzos aus dem Durchgangslager. Kommst du rein, kommst du raus. Diesmal gelingt ihr die Flucht, sie erinnert sich, dass Tom nach Leipzig wollte, schafft es bis dorthin, findet ihre Mutter wieder und kommt über den Strudel der dortigen Demonstrationen in ein neues Leben.

Mich hat das Buch sehr berührt und still gemacht. Wie mag es Anja mit der Erfahrung dieser Ohnmacht heute gehen? Ich würde sie gern fragen. Vielleicht würde sie nicht mehr darüber sprechen wollen. Vielleicht wäre sie aber auch glücklich, gefragt zu werden nach einer Zeit, die noch nicht so lang zurückliegt. Wir wissen viel zu wenig über sie. Ohnmacht kann man durch Wissen in Macht verwandeln. Vielleicht wäre das Gespräch über Anjas Geschichte hier ein wichtiger Schritt.

Grit Poppe: Weggesperrt, Hamburg (Oettinger Verlag), 2011

Reiner Kunze: Die mauer. Zum 3. Oktober 1990

Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht,
wie hoch sie ist
in uns

Wir hatten uns gewöhnt
an ihren horizont

Und an die windstille

In ihrem schatten warfen
alle keinen schatten

Nun stehen wir entblößt
jeder entschuldigung.

Walter Ulbricht verkündet am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Am 13. August 1961 ist sie da und bleibt bis zum 9. November 1989 bestehen. Die Mauer wird zum Symbol der Macht und Ohnmacht gleichermaßen. Ein politisches Symbol, das unendlich viel Leid verursacht hat.

Zum 3. Oktober 1990 schreibt Reiner Kunze ein Gedicht für die Zukunft. Für mich ist es das symbolträchtigste Gedicht zur Wende schlechthin. Es passt eigentlich gar nicht zur der riesigen Freude über den Fall der Mauer,die überall herrschte. Nein, Reiner Kunze blickt aus anderer Perspektive, er rechnet ab und wirft einen unmissverständlich klaren Blick in die Zukunft. Die physische Mauer ist weg. Das, wofür Reiner Kunze und viele andere jahrzehntelang gekämpft haben und für das sie ihr Leben riskiert haben, das, was sie jahrzehntelang ohnmächtig werden ließ, existiert nicht mehr. Aber von taumelnder Freude ist im Gedicht nichts zu spüren. Im Gegenteil: Es ist ein Gedicht, das mehrfach gelesen werden muss, das sich erst langsam mit all seinen Konsequenzen entfaltet und das im Gedächtnis bleibt, gerade durch die Bilder, ein Gedicht, das nachdenklich stimmt, das mein eigenes Tun in Frage stellt und das mich schonungslos mit meiner eigenen Biographie konfrontiert.

Ins Auge fällt die Kleinschreibung. Nur die Anfangsbuchstaben der jeweils ersten Zeilen der Strophen sind groß geschrieben und im Titel Zum und Oktober. Das erzeugt allein schon Irritation. Da stimmt doch etwas nicht, ist die spontane Reaktion beim Betrachten des Gedichtes.

Und die Tatsache, dass am 3.10.19190 ja schon einige Zeit verstrichen ist seit Maueröffnung 1989, mutet an, dass das kein schnell geschriebener Text sein kann, sondern ein Gedicht, in dem wohlüberlegt die Zeichen und Wörter gesetzt sind.

Die mauer besticht durch subtile und aufs Äußerste reduzierte Sprache. Gezielt sind Metaphern ausgewählt. Das, was die Bilder auslösen ist noch um ein Vielfaches tiefsinniger als die Bilder selbst, die Bilder können mit vielen weiteren Bildern, die ich in meinem Kopf habe, in Zusammenhang gebracht werden. Kunze will mit einem Minimum an Wörtern ein Maximum an Wirkung erzielen. Dieses Gedicht ist ein Paradebeispiel für seine Lyrik.

Die Mauer kommt nur im Titel vor. Sonst arbeitet Reiner Kunze mit Personalpronomen. Sie wurde geschleift, an ihren Horizont, ihren Schatten war man gewohnt. Die Bezeichnung Mauer wird im Gedicht vermieden. Hätten wir den Titel nicht, wüssten wir überhaupt, dass es hier um die Mauer geht? Die Personalpronomen verdichten die Wirkung. Auffällig ist auch, dass aus der Sicht eines „wir“ gesprochen wird. Wir schleiften, wir hatten uns gewöhnt, wir stehen entblößt. Das Wort alle fällt geradezu als Kontrast auf, als erweiternder Kontrast im Sinne von: nicht nur wir sondern alle. Aus welcher Perspektive wird hier überhaupt berichtet, aus Ost oder aus Westperspektive? Beide Lesearten sind möglich, beim Mauerfall haben Menschen aus Ost und West mitgewirkt, wäre Reiner Kunze dabei gewesen, er hätte einen Stein mit eigenen Händen herausgebrochen. Er war beim Mauerfall bereits lang im Westen und hat von dort darauf hingearbeitet, dass sie fällt. Die Mauer war eine sichtbare Wunde für West und Ost, ein Zeichen von Macht und Ohnmacht und hier wie da war der Wunsch da, dass es sie irgendwann nicht mehr geben sollte.

Aber welche Hypothek spricht Kunze an? Was zeigt sich durch den Fall der Mauer? Es zeigt sich eine Paradoxie: Auch wenn die Mauer nicht mehr da ist, ist sie da. Die Mauer bleibt. Sie nistet sich in unsere Köpfe und dort ist sie schwerer abzubauen als 1989 in Berlin.

Reiner Kunze legt fest die Hand in die offene Wunde, die die Mauer verursacht hat. Die Freude über ihren Fall ist nicht zu trennen von dem, was sie aus Menschen gemacht hat, von dem Gefühl der Ohnmacht all derer, die unter ihr litten. Kunze spricht in der ersten Zeile von schleifen. Was bedeutet: Als wir sie schleiften? Im Mittelalter wurden Burgen geschleift und zwar von Siegern. Wer schleift die Berliner Mauer? Nicht die Mächtigen sondern das Volk, das jahrzehntelang ohnmächtig war. Das Wort schleifen wird hier in der Bedeutung abtragen, einebnen, wegtragen gebraucht. Ja, hier wurde weggetragen, hier wurde durchbrochen, hier wurde abgebaut. Es muss sehr viel Kraft gekostet haben, dieses stabile Bauwerk niederzureißen. Aber es gab genug Kraft und die Mauer war schnell Geschichte. Knochenarbeit und Ausdauer sind nötig, um überhaupt weiter zu kommen. In der Ohnmacht der Jahre davor ist Kraft gewachsen. All das ist semantischer Kontext dieses Bildes. Hier geht es um den Befreiungsschlag Und keiner ahnt zu der Zeit, wie hoch die innere Mauer ist. Überwogen hat die Freude. In der gleichen Strophe kommt aber auch die Innenperspektive zur Sprache: Die innere Mauer und die Wunden, die tief liegen, die einfach nicht heilen wollen oder die auch nach Jahrzehnten immer wieder aufbrechen. Ist zusammengewachsen, was zusammen gehört? Diese Frage wird an diesem Wochenende in allen möglichen Medien diskutiert. Wo ist die Macht heute? Wo ist Ohnmacht?

Kunze spricht zukunftsweisend die Konsequenzen an, die beim Mauerfall niemandem klar waren. Er scheint einen Blick dafür gehabt zu haben, dass es einen langen Weg geben wird, bis die innere Mauer fallen kann. Er macht einen Absatz zum nächsten Gedanken, er braucht die Leerzeile, um der Dimension dieses Gedankens Raum zu geben.

In den nächsten Strophen beschreibt Kunze die Auswirkungen der Mauer. Dafür nutzt er mehrere Metaphern. Der horizont, auch noch klein geschrieben, steht für Enge, Grenze und Isolation. Bis hier und nicht weiter. All die Einschränkungen sind in einem Bild abgebildet. Der enge Horizont, die Bewegungsbeschränkung, die Starre, der abgeschottete Raum.

Die nächste Metapher kommt aus dem Bereich der Luft. Es herrscht windstille. Die Mauer hält jeden Wind ab, die Menschen befinden sich in deren Windschatten, der ja auch ein Schutz ist. Aber es bewegt sich nichts, es gibt keinen Austausch, keinen Fortschritt, es herrscht Starre. Windstille, – auch eine Form der Isolation.

Im dritten Schritt thematisiert Kunze das Bild des Schattens. In ihrem schatten warfen alle keinen schatten. Das Bild des Schattens ist auch vielschichtig. Schatten kann nur sein, wo auch Licht ist. Das ist aber jenseits der Mauer. Die, die in ihrem Schatten leben, werfen keinen Schatten. Sie leben im Dunkeln, sie haben kein Licht. Das ist ein grausames und radikales, aber sehr klares Bild. Hier versteckt Reiner Kunze nichts von seiner Meinung.

In der letzten Strophe springt Kunze in die damalige Gegenwart: den 3. Oktober 1990. Die Menschen sind entblößt. Mit anderen Worten hieße das: Sie sind nackt, sie sind bloßgestellt. Und dann aber: wirsind entblößt jeder entschuldigung. Bislang gab es Entschuldigungen: Alles, was im Argen war, konnte auf die DDR geschoben werden. Die gab es nun nicht mehr. Jetzt würde eine Zeit beginnen, in der solche Entschuldigungen keine Gültigkeit mehr haben. Ein großes Thema. Das heißt mit anderen Worten, dass ich nun selbst meinen Weg in die Hand nehmen muss, all das tun soll, was jahrzehntelang abgenommen wurde. Ist da eine Spur Zynismus zu erkennen? Schallt da irgendwo ein: Warte es ab, das alles wird kein leichter Weg?

Das Gedicht ist von einem ostdeutschen Schriftsteller geschrieben worden. Er ist einer des „wir“. Auch er hat keine Entschuldigung mehr. Für ihn sehr gravierend: Bislang hatte er ein großes Thema, dieses Thema ist nun weg. Er braucht ein neues. Er braucht jetzt nicht mehr gegen Zensur und Unrecht anschreiben. Er ist frei.

Reiner Kunze schickt das Gedicht direkt nach Erstellung mit der Bitte um Veröffentlichung an die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Von dort kommt keine Reaktion. Es herrscht Windstille. Eine solches nachdenklich stimmendes Gedicht passte nicht in die euphorische Stimmung von damals. Es stört. Reiner Kunze störte jahrelang in der DDR und jetzt stört er auch im Westen und wird nicht gedruckt.

Reiner Kunze wird 1933 im Erzgebirge als Arbeiterkind geboren, darf studieren und wird Schriftsteller in der DDR. 1968 tritt er nach der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings aus der SED. Seine Stasi-Akte wird unter dem Decknamen „Lyrik“ angelegt und umfasst am Ende der DDR mehr als 3000 Seiten. 1969 gelingt ihm im Westen mit Sensible Wege der Durchbruch. In der DDR kann er so gut wie nichts mehr publizieren. 1976 erscheinen Die wunderbaren Jahre im Westen, ein Buch, das geradezu euphorisch aufgenommen wird, ihm aber den Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband bringt, was einem Berufsverbot gleichkommt. Ihm droht Gefängnis, er stellt einen Ausreiseantrag, der schnell gewährt wird. Der Skandal um die Ausbürgerung von Wolf Biermann ist noch nicht lang vorbei und ein ähnliches Szenario will die DDR wohl nicht riskieren. Seit 1977 lebt er im Westen, dort wird ihm ein Jahr später der Büchnerpreis zuerkannt. Viele weitere Preise folgen. Seine Gedichte sind in mehr als dreißig Sprachen übersetzt.

Reiner Kunze. Die mauer. Zum 3. Oktober 1990, in: Die politische Meinung, hg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung, St. Augustin, Nr. 363, S. 78

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