Uwe Kolbe: Renegatentermine. Der individuelle Abschied von der sozialistischen Utopie

Es gibt wunderbare zeitgenössische deutsche Schriftsteller: Viele von ihnen haben einen Hintergrund in einem System, das über Jahrzehnte abgeriegelt war. Keine Reisen in westliche Länder, sehr eingeschränkte Kontakte zu westlichen Verwandten, ein dauerndes Taktieren mit Zensur. Einige Autoren sind sehr bekannt, zum Teil aber schon nicht mehr am Leben. Zu ihnen gehören Christa Wolf und Günter Kunert. Andere wie Ingo Schulz, Reinhard Jirgl und Lutz Seiler haben es in die Ränge der begehrtesten literarischen Buchpreise geschafft. Sie thematisieren in teils sehr anspruchsvoller Stilistik manchmal manieriert, manchmal nüchtern das Leben in der zerbröselnden DDR, ohne es zu erklären. Wieder andere – und zu ihnen gehören zum Beispiel aktuell Ines Greipel mit ihrem hervorragenden Buch Umkämpfte Zone, Julia Franckund Uwe Kolbe – bestechen durch eine glasklare Aufarbeitung der eigenen Biographie. Hier zeigt sich besonders: Die Menschen haben jahrzehntelang eine Sehnsucht gelebt, die sich wie eine Utopie anfühlte. Sie haben eine enorme Kreativität entfaltet, um mit der Situation der undurchdringlichen Grenze klarzukommen und es geschafft, ihre Sehnsucht nach einer anderen Welt nicht absterben zu lassen.

Uwe Kolbe gehört zu den Schriftstellern, die mir das Tor zur DDR ein Stück weit öffnen konnten. Ich kannte Die wunderbaren Jahre von Rainer Kunze, ich kannte Buridans Esel von Günter de Bruyn, ich habe Monika Maron gelesen, Johannes Bobrowski, Herta Müller, Volker Braun, Uwe Johnson, Peter Huchel und viele andere. Die Puzzleteile für ein stimmiges Bild wollten sich nicht richtig fügen. Aber bei all diesen Autoren schwingt etwas mit, was nur durch unstillbare Sehnsucht am Leben gehalten werden kann: der Wunsch, dass sich etwas verändert. Und diese Sehnsucht schafft es, Menschen über Jahrzehnte hinweg innerlich zu ernähren.

Uwe Kolbe, geboren 1957 in Ost-Berlin, hat bei Lyrik-Fans, Germanisten und Preisrednern einen guten Ruf, hat aber bislang kein breites Publikum gefunden. Er beugt sich keinen Moden und Trends. Einer seiner Förderer ist Franz Fühmann, einer, wenn nicht d e r Schriftsteller der DDR, der sich elementar für all die Schriftsteller einsetzt, die unter Schikanen der DDR-Führung leiden. Aber Fühmann kann den „jungen Wilden“ Kolbe nicht immer schützen. Kolbe gehört zur Künstlerszene des Prenzlauer Bergs, die schon früh das Ende der DDR herbeischreibt. Bereits 1981 ist er ein gefragter Lyriker, der im Aufbau-Verlag publiziert. Er weiß mit Zensur umzugehen, und er wird eine wichtige Stimme der Generation, die in eine Welt geboren wird, die Kritik nicht zulässt. Diese Welt bleibt ihm fremd, er bezeichnet sie als Stacheldrahtlandschaft. Die Funktionäre erkennen die Begabung Kolbes und wollen ihn nicht verloren geben. Man beobachtet ihn und berichtet über ihn. Teil des Konzepts ist, dass ihm manche Reisen gewährt werden. Eine dieser Reisen führt in die Schweiz und dort fasst Kolbe den elementaren Entschluss, der zu seiner Ausreise in den Westen führt. Diese wird ihm1988 gewährt.

Ich zitiere aus Renegatentermine, einem Essay aus einem Buch Kolbes, in dem Reden und Aufsätze zu finden sind, u. a. auch seine Grabrede auf Franz Fühmann. Die Texte dokumentieren Zeitgeschehen ab 1984 und bis in die Zeit nach dem Fall der Mauer. 30 Versuche, die eigene Erfahrung zu behaupten ist der selbsterklärende Untertitel des Buches.

Sein Renegatentermin ist ein mit Herzblut geschriebener Text. Ein Renegat ist ein Glaubensabtrünniger, einer, der sich von dem, was für ihn bislang galt, abwendet und erkennt, dass er einen anderen Weg gehen muss. Was muss passieren, bis ein Mensch merkt, dass etwas schiefläuft? Wie viele und welche Zeichen braucht es, bis das Fass überläuft und der Mensch sich mit allen Mitteln wehrt? Als Paradebeispiel für einen kollektiven Renegatentermin nennt Kolbe die Reaktion vieler Menschen auf die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR 1976. Kolbes Sprache ist klar. Es ist eine Sprache, die reflektiert über Erlebtes berichtet. Sie spricht mich immer wieder an. Der zitierte Text zeigt, welch ein Maß an Sehnsucht sich aufgestaut hat und wie es sich entlädt. Ich zitiere aus einer Passage am Ende des ca. 30 seitigen Textes. Kolbe will, wie so viele, am sozialistischen Gegenentwurf zu dem bauen, was ihn umgibt. Und dann kommt ein Erlebnis, dass alles in Wanken bringt, sein persönlicher Renegatentermin. Hören wir seinen Text:

… Der breite Konsens hieß: Wir bauen am sozialistischen Gegenentwurf zum Sozialismus. So bitte ich folgende Episode zu verstehen als etwas, das ich erst heute anerkennen kann: meinen Renegatentermin.

Ich hatte im Laufe der Jahre ein paar Einladungen bekommen, meine Gedichte jenseits der Westgrenze vorzutragen, die regelmäßig abgelehnt wurden. Reisen nach Osteuropa, als Autor, etwa zu einem längeren Arbeitsaufenthalt nach Bulgarien, wurden u.a. vom Schriftstellerverband verhindert, dessen Mitglied ich nicht war. Nur das ungarische P.E.N.-Zentrum hat sich einmal über alle zuständigen DDR-Behörden weggesetzt und mich in Budapest empfangen.

Jedenfalls fuhr ich 1985 erstmals nach Süddeutschland und in die Schweiz. Es hatte immer neuer Anträge bedurft und gewichtiger Namen. Am Schluss waren ein berühmter Mann aus Tübingen (Anmerkung U. Mielke: Das war Walter Jens) und die Schweizer Autorengruppe Olten darunter.

In Zürich hatte ich zwischen den Lesungen einen freien Tag. Eine freundliche Seele empfahl mir, doch ins Tessin zu fahren. Ich hatte davon gehört: dass Hermann Hesse dort gelebt hatte, und von den Zusammenkünften der Anarchisten in Ascona am Lago Maggiore, und, dass es dort schön sein soll. Ich ahnte ja nicht, wie nah das war, konnte nicht wissen, wie abwechslungsreich auf wie wenig Raum die Schweiz war …. Ich saß im Zug. Ich sah die schneebedeckten Gipfel. Jenseits eines Tunnels sah ich die südliche Sonne. Schien sie nicht aus einer anderen Himmelsrichtung? Ich verließ in Lugano am gleichnamigen See den Zug. Ich stand am Rand einer schäbigen Betonunterführung, nur wenige Schritte vor dem Bahnhof. Ich sah den See, den sonnigblauen Dunst zwischen den Palmen dort unten an dem italienischen Seeufer. Wenn Sie gleich denken, jetzt übertriebt er, dann rufen Sie sich bitteschön Ihr eigenes erstes Elementarerlebnis von Süden oder Norden, von Landschaft oder Großstadt, je nach Belieben, ins Gedächtnis. Mir knickten die Beine ein, nur kurz, nur wenig, unsichtbar für Passanten. Ich will Ihnen den Originalsound nicht vorenthalten davon, was in dem Moment durch meinen Kopf schoss. An wen es gerichtet war, können Sie sich nach diesem Anlauf denken: „Ihr Schweine! Ihr wolltet, dass ich das nie im Leben sehe!“

Renegatentermin. Ganz klein. Ganz banal. Und obendrein unpolitisch. Nichts da von Diskussionen mit Politoffizieren oder Militärstaatsanwälten oder mit wohlmeinenden Freunden. Nichts von dem auszehrenden Schweigen der Macht oder von den unvermutet, doch wohlkalkuliert geöffneten Türen, die du hattest eintreten wollen. Nichts von der Verantwortung des Schriftstellers „in den Kämpfen der Zeit“, auch nicht für sein Publikum in der DDR. Nein und abermals nein. Es darf der Stein geworfen werden.

Auf dem Monte Bré, dem Hausberg Luganos, der mit Esskastanien übersät war an diesem Tag Mitte November, als ich über ihm schwebte mit meinen paar und siebzig Kilo und paar Tagen mehr als achtundzwanzig Jahren …, auf der stadtabgewandten Seite, bei dem Dorf Bré, stand eine Telefonzelle. Meine Frau konnte ich nicht anrufen mangels Telefon. Meine Eltern waren nicht zu Hause. Ich wählte die Nummer eines lieben älteren Freundes. Für lauter schwere Fünf-Franken-Stücke, für einen unverantwortlich großen Schatz, den der DDR-Bürger da in den Schlitz steckte, schwärmte ich von der Landschaft, vom Gefühl, von der Lust. Der Freund am anderen Ende der Leitung hatte sich, wie ich heute weiß, das Jahr zuvor handschriftlich gegenüber einem Offizier der Staatssicherheit festgelegt.

Diesen Text schreibt Kolbe 1996. Im Tessin sind ihm die Augen aufgegangen, und ihm wird bewusst, wonach er sich sehnt: nach Freiheit, nach der Möglichkeit, zu tun und zu lassen, was er möchte. Er ist ergriffen von der betörenden Schönheit der Natur, ein geradezu mystisches Erlebnis, das wohl jeder kennt. Die Sprache der Natur ist weit intensiver als jede Kunst. Und Kolbe spürt in allen Fasern seines Körpers, wie ergriffen er von der Schönheit dieses Anblicks ist. Diese Stimmung braucht ein Gegenüber. Geradezu kopflos gibt er einen großen Teil seines sicher nicht zu üppigen Honorars aus, um einem Menschen mitzuteilen, was ihn bewegt. Er gerät an den Falschen, wie so viele, die anderen in der DDR vertraut haben, was ihnen dann zum Verhängnis wurde. Nach dem Tessin-Erlebnis ist Kolbe entschlossen: So wie bisher geht es nicht weiter. Er ist bereit, dafür zu kämpfen, wonach er sich sehnt. Und dafür wird er bestraft.

Uwe Kolbe: „Renegatentermine. Der individuelle Abschied von der sozialistischen Utopie, in: ders.: Renegatentermine. 30 Versuche, die eigene Erfahrung zu behaupten, Frankfurt (suhrkamp) 1998, S. 191–217

2 Gedanken zu „Uwe Kolbe: Renegatentermine. Der individuelle Abschied von der sozialistischen Utopie“

  1. Liebe Frau Mielke,
    Sehnsucht war wieder ein sehr interessantes Thema,das mich auch schon auf die vielfältigste Weise beschäftigt hat.
    Gerne schicke ich Ihnen zu diesem Thema ein eigenes Gedicht in einer speziellen E-Mail .

  2. November 89

    Brennende Kerzen
    in den Händen
    Hunderttausender
    spiegeln sich
    im Dunkel der Elbe.

    Dresden brennt wieder –
    diesmal im Feuer
    der Hoffnung.

    Für Uschi und Hartmut in Pirna/Sachsen

    Gisela Hofmann, Dezember 1989

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