Reiner Kunze: Die mauer. Zum 3. Oktober 1990

Als wir sie schleiften, ahnten wir nicht,
wie hoch sie ist
in uns

Wir hatten uns gewöhnt
an ihren horizont

Und an die windstille

In ihrem schatten warfen
alle keinen schatten

Nun stehen wir entblößt
jeder entschuldigung.

Walter Ulbricht verkündet am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“. Am 13. August 1961 ist sie da und bleibt bis zum 9. November 1989 bestehen. Die Mauer wird zum Symbol der Macht und Ohnmacht gleichermaßen. Ein politisches Symbol, das unendlich viel Leid verursacht hat.

Zum 3. Oktober 1990 schreibt Reiner Kunze ein Gedicht für die Zukunft. Für mich ist es das symbolträchtigste Gedicht zur Wende schlechthin. Es passt eigentlich gar nicht zur der riesigen Freude über den Fall der Mauer,die überall herrschte. Nein, Reiner Kunze blickt aus anderer Perspektive, er rechnet ab und wirft einen unmissverständlich klaren Blick in die Zukunft. Die physische Mauer ist weg. Das, wofür Reiner Kunze und viele andere jahrzehntelang gekämpft haben und für das sie ihr Leben riskiert haben, das, was sie jahrzehntelang ohnmächtig werden ließ, existiert nicht mehr. Aber von taumelnder Freude ist im Gedicht nichts zu spüren. Im Gegenteil: Es ist ein Gedicht, das mehrfach gelesen werden muss, das sich erst langsam mit all seinen Konsequenzen entfaltet und das im Gedächtnis bleibt, gerade durch die Bilder, ein Gedicht, das nachdenklich stimmt, das mein eigenes Tun in Frage stellt und das mich schonungslos mit meiner eigenen Biographie konfrontiert.

Ins Auge fällt die Kleinschreibung. Nur die Anfangsbuchstaben der jeweils ersten Zeilen der Strophen sind groß geschrieben und im Titel Zum und Oktober. Das erzeugt allein schon Irritation. Da stimmt doch etwas nicht, ist die spontane Reaktion beim Betrachten des Gedichtes.

Und die Tatsache, dass am 3.10.19190 ja schon einige Zeit verstrichen ist seit Maueröffnung 1989, mutet an, dass das kein schnell geschriebener Text sein kann, sondern ein Gedicht, in dem wohlüberlegt die Zeichen und Wörter gesetzt sind.

Die mauer besticht durch subtile und aufs Äußerste reduzierte Sprache. Gezielt sind Metaphern ausgewählt. Das, was die Bilder auslösen ist noch um ein Vielfaches tiefsinniger als die Bilder selbst, die Bilder können mit vielen weiteren Bildern, die ich in meinem Kopf habe, in Zusammenhang gebracht werden. Kunze will mit einem Minimum an Wörtern ein Maximum an Wirkung erzielen. Dieses Gedicht ist ein Paradebeispiel für seine Lyrik.

Die Mauer kommt nur im Titel vor. Sonst arbeitet Reiner Kunze mit Personalpronomen. Sie wurde geschleift, an ihren Horizont, ihren Schatten war man gewohnt. Die Bezeichnung Mauer wird im Gedicht vermieden. Hätten wir den Titel nicht, wüssten wir überhaupt, dass es hier um die Mauer geht? Die Personalpronomen verdichten die Wirkung. Auffällig ist auch, dass aus der Sicht eines „wir“ gesprochen wird. Wir schleiften, wir hatten uns gewöhnt, wir stehen entblößt. Das Wort alle fällt geradezu als Kontrast auf, als erweiternder Kontrast im Sinne von: nicht nur wir sondern alle. Aus welcher Perspektive wird hier überhaupt berichtet, aus Ost oder aus Westperspektive? Beide Lesearten sind möglich, beim Mauerfall haben Menschen aus Ost und West mitgewirkt, wäre Reiner Kunze dabei gewesen, er hätte einen Stein mit eigenen Händen herausgebrochen. Er war beim Mauerfall bereits lang im Westen und hat von dort darauf hingearbeitet, dass sie fällt. Die Mauer war eine sichtbare Wunde für West und Ost, ein Zeichen von Macht und Ohnmacht und hier wie da war der Wunsch da, dass es sie irgendwann nicht mehr geben sollte.

Aber welche Hypothek spricht Kunze an? Was zeigt sich durch den Fall der Mauer? Es zeigt sich eine Paradoxie: Auch wenn die Mauer nicht mehr da ist, ist sie da. Die Mauer bleibt. Sie nistet sich in unsere Köpfe und dort ist sie schwerer abzubauen als 1989 in Berlin.

Reiner Kunze legt fest die Hand in die offene Wunde, die die Mauer verursacht hat. Die Freude über ihren Fall ist nicht zu trennen von dem, was sie aus Menschen gemacht hat, von dem Gefühl der Ohnmacht all derer, die unter ihr litten. Kunze spricht in der ersten Zeile von schleifen. Was bedeutet: Als wir sie schleiften? Im Mittelalter wurden Burgen geschleift und zwar von Siegern. Wer schleift die Berliner Mauer? Nicht die Mächtigen sondern das Volk, das jahrzehntelang ohnmächtig war. Das Wort schleifen wird hier in der Bedeutung abtragen, einebnen, wegtragen gebraucht. Ja, hier wurde weggetragen, hier wurde durchbrochen, hier wurde abgebaut. Es muss sehr viel Kraft gekostet haben, dieses stabile Bauwerk niederzureißen. Aber es gab genug Kraft und die Mauer war schnell Geschichte. Knochenarbeit und Ausdauer sind nötig, um überhaupt weiter zu kommen. In der Ohnmacht der Jahre davor ist Kraft gewachsen. All das ist semantischer Kontext dieses Bildes. Hier geht es um den Befreiungsschlag Und keiner ahnt zu der Zeit, wie hoch die innere Mauer ist. Überwogen hat die Freude. In der gleichen Strophe kommt aber auch die Innenperspektive zur Sprache: Die innere Mauer und die Wunden, die tief liegen, die einfach nicht heilen wollen oder die auch nach Jahrzehnten immer wieder aufbrechen. Ist zusammengewachsen, was zusammen gehört? Diese Frage wird an diesem Wochenende in allen möglichen Medien diskutiert. Wo ist die Macht heute? Wo ist Ohnmacht?

Kunze spricht zukunftsweisend die Konsequenzen an, die beim Mauerfall niemandem klar waren. Er scheint einen Blick dafür gehabt zu haben, dass es einen langen Weg geben wird, bis die innere Mauer fallen kann. Er macht einen Absatz zum nächsten Gedanken, er braucht die Leerzeile, um der Dimension dieses Gedankens Raum zu geben.

In den nächsten Strophen beschreibt Kunze die Auswirkungen der Mauer. Dafür nutzt er mehrere Metaphern. Der horizont, auch noch klein geschrieben, steht für Enge, Grenze und Isolation. Bis hier und nicht weiter. All die Einschränkungen sind in einem Bild abgebildet. Der enge Horizont, die Bewegungsbeschränkung, die Starre, der abgeschottete Raum.

Die nächste Metapher kommt aus dem Bereich der Luft. Es herrscht windstille. Die Mauer hält jeden Wind ab, die Menschen befinden sich in deren Windschatten, der ja auch ein Schutz ist. Aber es bewegt sich nichts, es gibt keinen Austausch, keinen Fortschritt, es herrscht Starre. Windstille, – auch eine Form der Isolation.

Im dritten Schritt thematisiert Kunze das Bild des Schattens. In ihrem schatten warfen alle keinen schatten. Das Bild des Schattens ist auch vielschichtig. Schatten kann nur sein, wo auch Licht ist. Das ist aber jenseits der Mauer. Die, die in ihrem Schatten leben, werfen keinen Schatten. Sie leben im Dunkeln, sie haben kein Licht. Das ist ein grausames und radikales, aber sehr klares Bild. Hier versteckt Reiner Kunze nichts von seiner Meinung.

In der letzten Strophe springt Kunze in die damalige Gegenwart: den 3. Oktober 1990. Die Menschen sind entblößt. Mit anderen Worten hieße das: Sie sind nackt, sie sind bloßgestellt. Und dann aber: wirsind entblößt jeder entschuldigung. Bislang gab es Entschuldigungen: Alles, was im Argen war, konnte auf die DDR geschoben werden. Die gab es nun nicht mehr. Jetzt würde eine Zeit beginnen, in der solche Entschuldigungen keine Gültigkeit mehr haben. Ein großes Thema. Das heißt mit anderen Worten, dass ich nun selbst meinen Weg in die Hand nehmen muss, all das tun soll, was jahrzehntelang abgenommen wurde. Ist da eine Spur Zynismus zu erkennen? Schallt da irgendwo ein: Warte es ab, das alles wird kein leichter Weg?

Das Gedicht ist von einem ostdeutschen Schriftsteller geschrieben worden. Er ist einer des „wir“. Auch er hat keine Entschuldigung mehr. Für ihn sehr gravierend: Bislang hatte er ein großes Thema, dieses Thema ist nun weg. Er braucht ein neues. Er braucht jetzt nicht mehr gegen Zensur und Unrecht anschreiben. Er ist frei.

Reiner Kunze schickt das Gedicht direkt nach Erstellung mit der Bitte um Veröffentlichung an die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Von dort kommt keine Reaktion. Es herrscht Windstille. Eine solches nachdenklich stimmendes Gedicht passte nicht in die euphorische Stimmung von damals. Es stört. Reiner Kunze störte jahrelang in der DDR und jetzt stört er auch im Westen und wird nicht gedruckt.

Reiner Kunze wird 1933 im Erzgebirge als Arbeiterkind geboren, darf studieren und wird Schriftsteller in der DDR. 1968 tritt er nach der gewaltsamen Beendigung des Prager Frühlings aus der SED. Seine Stasi-Akte wird unter dem Decknamen „Lyrik“ angelegt und umfasst am Ende der DDR mehr als 3000 Seiten. 1969 gelingt ihm im Westen mit Sensible Wege der Durchbruch. In der DDR kann er so gut wie nichts mehr publizieren. 1976 erscheinen Die wunderbaren Jahre im Westen, ein Buch, das geradezu euphorisch aufgenommen wird, ihm aber den Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband bringt, was einem Berufsverbot gleichkommt. Ihm droht Gefängnis, er stellt einen Ausreiseantrag, der schnell gewährt wird. Der Skandal um die Ausbürgerung von Wolf Biermann ist noch nicht lang vorbei und ein ähnliches Szenario will die DDR wohl nicht riskieren. Seit 1977 lebt er im Westen, dort wird ihm ein Jahr später der Büchnerpreis zuerkannt. Viele weitere Preise folgen. Seine Gedichte sind in mehr als dreißig Sprachen übersetzt.

Reiner Kunze. Die mauer. Zum 3. Oktober 1990, in: Die politische Meinung, hg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung, St. Augustin, Nr. 363, S. 78

Ein Gedanke zu „Reiner Kunze: Die mauer. Zum 3. Oktober 1990“

  1. Als erstes fiel mir ein Zitat von Issac Newton ein:”Die Menschen bauen zu viele Mauern und zu wenig Brücken:” – das war vor bald 300 Jahren!
    Es scheint also ein zutiefst menschliches Bedürfnis zu sein, sich abzugrenzen, sich zu schützen vor dem Anderen/Fremden. Dass Staaten es dann tun, ist also stellvertretend für unsere inneren Mauern, zu denen wir uns dann nicht bekennen müssen.
    Jetzt sind wir seit 30 Jahren ein geeintes Volk und bauen nun gemeinsam Mauern: gegen zu viele Flüchtlinge zum Beispiel. Wovor haben wir Angst? Dass wir unseren Überfluss teilen müssen? Lieber werfen wir Tonnen von Lebensmitteln weg! Vor Überfremdung? Ja, die Deutschen werden weniger, also Platz für andere Menschen, aus anderen Kulturen und mit anderer Religion; aber wir überlassen sie lieber dem totalitären Regime eines Erdogan, der sie uns gegen Geld vom Leib hält, oder sperren sie in Elendslagern wie Moria ein, wo sie, dem Elend ihrer Heimat gerade unter Lebensgefahr entronnen, in noch größeres Elend geraten sind, da jetzt auch ihre Hoffnung stirbt.
    So wie 1989 nach dem Öffnen der Mauer die ostdeutschen Brüder und Schwestern mit Sekt willkommen geheißen wurden, so sollten wir die Schutzsuchenden bei uns willkommen heißen: mit einer menschenwürdigen Unterkunft, Kleidung, Nahrung, ärztlicher Versorgung (Artikel 25 der Grundrechte des Menschen in der UN-Charta) und sie nicht in Ghettos am Rand der Städte im Niemandsland ansiedeln.
    Ja, wir stehen “entblößt jeder entschuldigung”

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