Rainer Maria Rilke: Der Panther

Der Panther

(Im Jardin des Plantes, Paris)

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
So müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
Der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
Ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
In der betäubt ein grosser Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
Geht durch der Glieder angespannte Stille –
Und hört im Herzen auf zu sein.

Wir sind im Jahr 1902 oder 1903. Rainer Maria Rilke ist in Paris und besucht den Jardin des Plantes. 1901 hat er die Bildhauerin Clara Westhoff geheiratet, die gemeinsame Tochter kommt im gleichen Jahr zur Welt. 1902 verlässt Rilke seine Familie und begibt sich nach Paris, um eine Monographie über Auguste Rodin zu erstellen.

Im Jardin des Plantes werden seit 1793 auch Tiere zur Schau gestellt, zu Rilkes Zeiten weit schlimmer als heute. Enge Kästen mit Gitterstäben, dahinter teils exotische Tiere. Der botanische Garten im Südosten von Paris wurde 1626 gegründet und ist ältester Bestandteil des staatlichen Forschungs- und Bildungsinstitutes für Naturwissenschaften.

Wer glaubt, der Panther sei der engagierte Aufruf eines Tierschützers, der irrt. Nein, wir befinden uns in der Zeit des Symbolismus. Symbolistische Dichter nutzen Bruchstücke der realen Welt wie ein Brennglas, um auf dahinter Liegendes aufmerksam zu machen. Der Symbolismus wendet sich klar gegen die vorhergehenden Strömungen des Realismus und Naturalismus. Die Welt soll nicht sachlich wiedergeben werden, man blickt auf das, was die Realität zeigt und erkennt darin eine Metawelt oder Innenwelt. Rilke ist sicher einer der wichtigsten deutschen Symbolisten und steht seinen französischen Kollegen wie Mallarmé, Beaudelaire und Rimbaud nahe.

Rilke besucht nicht nur den Jardin des Plantes sondern ist auch oft in August Rodins Atelier, wo er einen Gipsabdruck eines Panthers betrachtet. Über diesen berichtet er sogar in einem Brief an seine Frau. Der Panther ist sein erstes Dinggedicht. Solche Gedichte wollen das, was sie beschreiben, möglichst authentisch wiedergeben. Der Dichter versucht also, sich in das Objekt zu versetzen und dessen mögliche Gedankengänge glaubhaft nachzuvollziehen. Der Panther erhält eine Stimme, Rilke blickt aus den Augen des Panthers in die Welt. Das lyrische Ich tritt in den Hintergrund, es zeigt sich nur als beschreibende, distanzierte Instanz. Zentrale Frage ist daher: Was symbolisiert der Panther?

Das Gedicht hat eine enorme Rezeptionsgeschichte, unter anderem auch in Film und Musik. Ich greife einige Beispiele auf: In Woody Allens Film „Eine andere Frau“ wird das Gedicht als Metapher für das Seelenleben der Hauptfigur zitiert. Otto Sander rezitiert das Gedicht für das Rilke-Projekt, groß angelegt vom Komponisten- und Produzententeam Schönherz & Fleer. Udo Lindenberg interpretiert es. Thomas Gottschalk besaß ein Autograph des Gedichts. Dieser verbrannte während der Waldbrände in Kalifornien in seinem Haus in Malibu.

Das Gedicht spricht Menschen aller Altersklassen an. Immer wieder wird es neu interpretiert und neu übersetzt. Auf den ersten Eindruck beschreibt es ein grausames Gefängnis und darin einen erbärmliches Tier. Die Metaebene ist aber hochaktuell: Wir dürfen und müssen sogar die Tierwelt verlassen und eine Analogie zum Menschen suchen. Und dabei wird offenbar: Hier geht es um das zutiefst grundlegende Bedürfnis nach Freiheit und die Sehnsucht nach Ausbruch aus eingefahrenen Strukturen. Denken wir uns in symbolistische Gedankengänge hinein und blicken aus der Perspektive des Panthers in die Welt.

Großes Thema des Gedichts ist die Konsequenz des Gefangenseins. Der freiheitsliebende Panther ist auf ein kleines Terrain gepfercht. Er wird mit Sicherheit mit Fressen versorgt, wird sich aber nie an den Zustand des Gefangenseins gewöhnen. Wenn man ihn einsperrt, verändert er sein Wesen.

In der ersten Strophe sticht bereits die Passivität des Panthers in die Augen. Sein Kosmos ist auf engsten Raum geschrumpft. Die Stäbe werden personifiziert. Die Assonanz mit gäbe unterstreicht die Undurchdringlichkeit. Sie gehen vorüber, nicht der Panther. Und dessen Blick kann nicht mehr fokussieren, da er nur noch Stäbe, aber keine Welt mehr sieht. Der Blick wird personifiziert. Der Blick, also das Auge des Panthers, das Sinnesorgan, das normalerweise wachsam ist und den Kontakt zur Außenwelt hält, das ist so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Und das nichts mehr hält wird durch die Enjambements verstärkt: Die Zeilenenden sind nicht Sinnenden, der Gedankengang geht im nächsten Zeilenvers weiter: Sein Blick ist vom Vorübergehen der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Das Unbewegliche wird beweglich, das Bewegliche erstarrt. Hier geht es um komplette Umdeutung. Das Bild kann durchaus übertragen werden auf die menschliche Situation, gerade jetzt, wo die digitale Welt für viele Menschen die einzige Möglichkeit ist, weiter zu arbeiten, Kontakt zur Außenwelt zu wahren. Welche Folgen diese Art der Kommunikation langfristig auf den Menschen haben wird, wissen wir noch nicht. Für den Panther ist die Welt draußen sehr fern, er lebt in einer Welt, die ihm alles nimmt, was er zum Leben braucht. Rilke wohnt in einem typischen Pariser Hotel, enge Verhältnisse, gegenüber Fenster, die er bei jedem Blick nach draußen anschauen muss. Da war für ihn keine Freiheit. Er fühlt sich permanent beobachtet, so beobachtet wie der Panther durch die Zuschauer. Man kann sich sogar vorstellen, dass die Menschen vor dem Gehege Kapriolen machen, um den Panther zum Leben zu wecken und vielleicht enttäuscht sind, dass dieser Panther so langweilig ist.

In der zweiten Strophe geht es um die Bewegung. Der Panther, normalerweise eine flinkes und sehr wendiges Tier, das extrem gut angepasst ist an seine Umgebung, das stark ist, dieser Panther dreht sich im Kreis. Und zwar im allerkleinsten, eine Hyperbel, die geradezu einen Drehwurm im Kopf auslöst. Es schwindelt einem bei der Vorstellung. Das Bild des sich im Kreis Drehens ist klar: es gibt keinen Ausweg. Wenn ein Mensch sagt: Ich drehe mich im Kreis, dann ist er festgefahren, dann ist keine Lösungsperspektive da. Die Strophe geht aber erst einmal in die kraftvolle Perspektive: Der weiche Gang … ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte. Dieser Vergleich unterstreicht die Aussichtslosigkeit seiner Situation. Ein kräftiges und stolzes Tier, das gezwungen ist, seine Kraft auf engstem Raum zu bündeln. Und dieser Raum lässt nur die Kreisbewegung zu. In dieser Enge steht betäubt ein großer Wille. Hier legt Rilke ganz klar die Hand auf die Wunde der Machtlosigkeit. Der Panther hat keine Chance, keine Perspektive, sein Dasein ist sinnlos geworden. Rilke arbeitet bewusst mit Gegensätzen: geschmeidig stark und allerkleinst, Tanz von Kraft und betäubt. Durch diese Parataxen wird deutlich: die Anlage ist da, aber ihre Entfaltung ist nicht möglich.

Die dritte Strophe verweist ins Innere des Panthers, ins Herz: Auch in dieser Strophe ist der Panther nicht aktiv, der Vorhang der Pupille schiebt sich lautlos auf. Dieser Vorgang ist kein aktiver. Er schaut nicht gezielt nach außen, reißt nicht die Augen auf. Ein Bild geht in ihn, wenn der Vorhang offen ist. Und dieses Bild geht durch die angespannte Stille der Glieder bis ins Herz und dort geht es nicht weiter. Das Herz, Symbol für das zutiefst Lebendige wird hier zur Sackgasse. Markant sind die Gedankenstriche in der letzten Strophe, Zäsuren, die klar inhaltlich gefüllt werden. Dieser Panther hat Leben nur noch nach außen, innerlich ist er tot.

Der Panther denkt und fühlt wie ein Mensch und bleibt gefangen. Das Gedicht ist eine große Metapher auf den Alltag des Menschen. Er ist hinter Stäben gefangen ohne Aussicht auf Freiheit. Und diese Stäbe sind stark, viel stärker als die eigene Kraft. Symbolisten waren Meister in der Deutung der Umwelt. Überall sahen sie Symbole: Die Stäbe, Symbol für Gefangenschaft, die Zahl tausend, Symbol für die Aussichtslosigkeit auszubrechen, die Welt, Symbol für Freiheit, der weiche Gang, Symbol für das Filigrane, die starken Schritte, Symbol für Entschlossenheit, der Kreis, Symbol für die Ziellosigkeit, der Tanz um die Mitte, geradezu euphemistisches Symbol für den Zwang und so weiter.

Welche Möglichkeiten hat der Panther? Nach Rilke keine. Es wäre demnach eine sehr deprimierende Aussage. Aber man kann das auch sehr klar und auffordernd begreifen und Fragen nachgehen, wo unsre Stäbe sind, ob die Isolation in die eigenen vier Wände bereits eine Ahnung von dem zulässt, was der Panther erleben musste oder ob der Panther ein Marathonläufer ist, der weitermacht ohne Sinn. Ein tierischer Sisyphos? Das Gedicht lässt alle Deutungen zu.

Der Text wurde entnommen der Frankfurter Anthologie, Band 5, herausgegeben vom Inselverlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2005, S. 74

2 Gedanken zu „Rainer Maria Rilke: Der Panther“

  1. Liebe Frau Dr. Mielke!
    Ich möchte gerne die Rezeptionsgeschichte des “Panther” von
    R.M. Rilke um einen Beitrag ergänzen: Grit Poppe, Wegge-
    sperrt (C. Dressler Vlg. Hamburg 2009). Dieses Jugendbuch der DDR-Autorin war vor Jahren in BW Prüfungsthema für die Abschlussprüfung an Realschulen. Mein Sohn (heute 26) und ich haben es gelesen; es trieb mir mehr als einmal die Tränen in die Augen. Das Buch spielt 1988 in der DDR. Anjas Mutter hat einen Ausreiseantrag gestellt. Beide werden ver-
    haftet und Anja (14) landet im sog. Jugendwerkhof in Torgau.
    Dort erlebt sie Willkür, Gewalt und Gefühlskälte. Das Gedicht
    von Rilke, das sie auswendig kennt, hilft ihr, diese schlimmen Zustände zu überstehen. Der Panther wird für
    sie zum Symbol für Willensstärke und Kraft: “Im Grunde
    konnten sie ihm nichts anhaben, trotz allem” (S. 185).
    Danke für den Beitrag!

  2. Gedichte sind vor allem Klang und lösen beim Leser/Hörer Resonanz aus, oder auch nicht, je nachdem, ob er sich dem Klang öffnen kann. Ähnlich wie Gemälde und Musik sind Gedichte zeitlos, sie haben unabhängig von ihrer Entstehungszeit und der Biographie des Autors Aussagekraft. Ich habe mir jetzt im Internet eine Rezitation angehört und empfinde Trauer und Mitgefühl.
    Rilke geht in Resonanz mit dem Panther, er fühlt mit ihm sein Gefangensein, seine Kraft und seine Ohnmacht, diese Kraft nicht leben zu können, weil er selbst ähnlich gefangen ist, sein Potenzial nicht nutzen kann und die Impulse der Außenwelt in seinem Herzen keine Willensenergie freisetzen. Dieses Schleppende, Lähmende teilt sich über den Klang des Gedichts mit, es ist ein Gemälde mit Worten.
    In seinen Briefen an einen jungen Dichter schreibt Rilke.“ Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben….Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.“

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