Paul Roth: Ja oder Nein

Man kann sich nicht
ein Leben lang
die Türen alle offen halten,
um keine Chance zu verpassen.


Auch wer durch keine Tür geht
und keinen Schritt nach vorne tut,
dem fallen Jahr für Jahr
die Türen, eine nach der anderen, zu.


Wer selber leben will,
der muss entscheiden:
mit JA und NEIN
im Großen und im Kleinen.


Wer sich entscheidet – wertet, wählt
und das bedeutet auch -Verzicht.
Denn jede Tür, durch die er geht,
verschließt ihm viele andere.


Man darf nicht mogeln
und so tun,
als könne man beweisen,
was hinter jener Tür geschehen wird.


Ein jedes JA –
auch überdacht, geprüft –
ist zugleich Wagnis
und verlangt ein Ziel.


Das aber ist die erste aller Fragen:
Wie heißt das Ziel,
an dem ich messe JA und NEIN?
Und: Wofür will ich leben?


Dieses Gedicht animiert dazu, das zu tun, was sich die meisten Lyriker wünschen: Den Autoren außen vor zu lassen und den Text sprechen zu lassen. Die so oft (und leider immer noch viel zu oft) gestellte Frage: Was hat sich der Autor dabei gedacht? spielt keine Rolle. Er spricht durch seinen Text, und den Text zu verstehen, das ist schon Anspruch genug. Paul Roth (1885–1964), war Journalist, viel über ihn ist nicht bekannt.

Am Ende einer langen Zeit, in der es Einschränkungen in unserem Leben gab, wie wir sie so nicht vorher gekannt hatten, muss meiner Ansicht nach ein Ergebnis stehen. Zeit für ein individuelles und vielleicht auch ein kollektives Reset. Gibt es eine Entscheidung, die in diesen Monaten für mich gereift ist?

Mit jedem hat diese Zeit etwas gemacht: Die einen kamen mit der Isolation kaum klar, andere haben die Ruhe genossen und mit ihr verbunden die Entpflichtung von Tausenden von Aufgaben, die im Alltag sonst üblich sind. Die einen sind durch eine Krankheit gegangen, die möglicherweise noch andauert oder haben Kranke begleitet, wieder andere stehen vor existenziellen Sorgen, die eine komplette Neuausrichtung erfordern. In den zurückliegenden Wochen ist ein Prozess in Gang gekommen, der noch lange andauern wird und der mich in die Entscheidung stellt. Und die Fragen, die damit verbunden sind, sehe ich in Paul Roths Gedicht klar formuliert.

Gehen wir chronologisch vor: Sich alle Türen offen halten heißt: sich nicht festlegen. Positiv ausgedrückt heißt das: offen sein für alles. Negativ ausgedrückt heißt das: nicht Fisch, nicht Fleisch sein. Ich denke, der vierte Vers gibt die Interpretationsrichtung vor: um keine Chance zu verpassen. Roth schreibt nicht: „um eine Chance wahrzunehmen“. Inhaltlich ist dadurch die Ausrichtung klar. Man ist auf der Hut, um ja alles mitzunehmen, was geboten wird. Bloß nichts ungenutzt lassen.

In der zweiten Strophe wird die verstreichende Zeit angesprochen. Zeit vergeht, unabhängig von unserem Tun. Hier wird der Lebensablauf angesprochen, gegen den die Vor-Corona-Zeit so sehr gelebt hat: Werden alle Anti-Aging-Programme bleiben, die unser Leben doch sehr im Griff hatten? Ist „forever young“ wirklich die Ausrichtung, die ich mir für meine Zeit wünsche? Roth stellt fest, dass unabhängig von meinem Tun Türen zufallen, die mir früher offenstanden. Ich kann mich gut an meine erste Stunde in der Uni erinnern, in der ich mich auf den Weg zum Großen Latinum machte. Der Dozent begrüßte uns motivierend mit den Worten: „Ihre besten Jahre zum Sprachenlernen sind bereits vorbei.“ Und ich weiß auch noch, dass ich diesem Dozenten nicht gerade freundliche Gedanken zuwarf. Glücklicherweise lernte ich kurz danach einen Romanisten kennen, Fritz Paepcke, der im Alter von 80 Jahren damit begann, Ungarisch zu lernen. Und das gelang ihm sehr gut. Also: Klar, Türen fallen zu, aber andere gehen auf.

Dann verweist Roth darauf: Wer selber leben will, der muss entscheiden. Hier könnte man fragen: Was soll das selber leben heißen? Jeder lebt doch sein Leben. Implizit ist in diesem selber leben die Abgrenzung von der Fremdbestimmung, von dem, was „in“ ist, wonach „man“ sich richtet, dem, was den Ton angibt. Nicht immer ist es leicht oder überhaupt möglich, das völlig zu ignorieren. Aber wer will schon Zuschauer des eigenen Lebens sein? Passe ich mich an oder soll meine Handschrift erkennbar sein? Vielleicht haben die vergangenen Monate neue Weichen gesellt, und mir wird klar, was ich wirklich ersehne und auf was ich nicht verzichten will. Dann wäre jetzt die Gelegenheit, Ja oder Nein zu sagen.

Eine Entscheidung bedeutet auch immer Verzicht. Diese Zeile gefällt mir. Hier ist Novalis wieder drin mit seinem Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren. Wo Licht ist, da ist auch Schatten, wenn ich eine gebratene ganze Forelle esse, dann habe ich es auch mit Gräten zu tun, wenn ich an die Nordsee fahre, kann ich nicht gleichzeitig in den Bergen sein. Eine Entscheidung für etwas ist immer auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. Darum geht es hier in diesem Vers. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wer alles gleichzeitig haben will, der macht sich sein Leben schwer. Selber leben heißt, jeden Tag neuen Mut haben, zu seiner Entscheidung zu stehen und manchmal auch die Erkenntnis, dass sie falsch war. Gottlob sind wir Menschen nicht perfekt.

Und dann das Mogeln: Dafür gäbe es noch viele andere schöne Worte: Das Augen verschließen, das Schönreden, das Festhalten, koste es was es wolle, auch wenn die Umstände das nicht (mehr) zulassen. Das Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Gehen. Wie wunderbar ist es, dass niemand wirklich weiß, was kommt. Dadurch ist die Gestaltungsmöglichkeit groß, es gibt viele Wege.

Ein Ja ist ein Wagnis und braucht ein Ziel. Über dieses Ziel sind oft unklare Vorstellungen vorhanden. In den vergangenen Wochen mussten wir uns an Vorgaben halten, die immer wieder neu justiert wurden. Die Zahlen vom März waren im April nicht mehr gültig, und im Mai fragten sich viele, wie viele Verlängerungen denn noch kommen würden, bis es wieder so werden wird, wie wir alle leben wollen: frei und selbstbestimmt. In unserer Familie gab es große Unklarheit darüber, welches Ziel die Politiker im Auge hatten: größtmögliche Durchseuchung oder größtmögliches Kleinhalten der Ansteckungsgefahr? Streckenweise änderte sich die Ausrichtung von einem zum anderen Tag, so schien es uns. Die Frage nach dem Ziel kann ich auch individuell stellen: Was ist das Ziel all meiner Entscheidungen? Und woran richte ich es aus? Die Diskussion dazu muss jeder selbst führen. Klar ist jedenfalls: Wenn ich nicht entscheide, dann entscheiden andere. Und ob ich das jeweils will, bezweifle ich. Hier winkt Seneca uns zu mit seiner Vorstellung vom bewussten Leben und dem Diktum: Nur die Zeit ist unser.

Paul Roth, Wir alle brauchen Gott, Wien (Echter Verlag) 1975

2 Gedanken zu „Paul Roth: Ja oder Nein“

  1. Von der Qual des Entscheidens zeugt dieses Gedicht eines Namensvetters: Eugen Roth
    Ein Mensch mit furchtbar vielen Sachen
    will eines Tages Ordnung machen.
    Doch dazu muss er sich bequemen
    Unordnung erst in Kauf zu nehmen:
    Auf Tisch, Stuhl, Flügel, Fensterbrettern
    Ruhen ganze Hügel bald von Blättern,
    denn will man Bücher, Bilder Schriften
    in die gemäße Strömung driften,
    muss man zurückgehen zu den Quellen,
    um gleiches gleichem zu gesellen.
    Für solche Taten reicht nicht immer
    das eine, kleine Arbeitszimmer;
    schon ziehen durchs ganze Haus die kühnen
    Papier-staubigen Wanderdünen
    und trotzen allem Spott und Hassen
    durch strenge Zettel”liegen lassen!”
    Nur scheinbar wahllos ist verstreut,
    was schon als Ordnungszelle freut.
    Doch will ein widerspenstig Päckchen
    nicht in des sanften Zwanges Jäckchen.
    Der Mensch, der schon so viel gekramt,
    an diesem Pack ist er erlahmt,
    er bricht vor der Vollendung knapp
    das große Unternehmen ab,
    verräumt nur, dass es auch wo liegt,
    den ganzen Wust: das Chaos siegt!

    oder

    Kurt Tucholskys Gedicht “Das Ideal”

    Ja, das möchste:
    Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
    vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
    mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
    vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
    aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

    Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

    Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
    Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
    Radio, Zentralheizung, Vakuum,
    eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
    eine süße Frau voller Rasse und Verve –
    (und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
    eine Bibliothek und drumherum
    Einsamkeit und Hummelgesumm.

    Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
    acht Autos, Motorrad – alles lenkste
    natürlich selber – das wär ja gelacht!
    Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

    Ja, und das hab ich ganz vergessen:
    Prima Küche – erstes Essen –
    alte Weine aus schönem Pokal –
    und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
    Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
    Und noch ne Million und noch ne Million.
    Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
    Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

    Ja, das möchste!

    Aber, wie das so ist hienieden:
    manchmal scheints so, als sei es beschieden
    nur pöapö, das irdische Glück.
    Immer fehlt dir irgendein Stück.
    Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
    hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
    hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
    bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

    Etwas ist immer.
    Tröste dich.

    Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
    Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
    Daß einer alles hat:
    das ist selten.

  2. Das Gedicht von Paul Roth ist wunderbar zeitlos, es spendet Trost und macht Mut: habe Zutrauen in die Zukunft: es gehen immer wieder neue Türen auf, es eröffnen sich neue Wege. Aber du musst handeln / vorwärts gehen. Darin liegt zugleich die Strenge des Gedankens.
    (Dieses Gedicht von P. Roth begleitet mich seit ca. 35 Jahren, seit unserer gemeinsamen Heidelberger Studienzeit. Damals gab Ulrike Mielke es mir; ich habe es mehrfach weitergereicht, wenn jemand mutlos auf der Stelle trat.)

    Kurt Tucholskys Gedicht “Das Ideal” ist klasse und trifft des Pudels Kern! In bester Berliner Manier… gefällt mir gut!

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