Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Bevor Sie weiterlesen eine Bitte: Lesen Sie sich das Gedicht einige Mal durch und lassen Sie es auf sich wirken.

Hier prallen zwei Welten aufeinander: eine durchgetaktete auf Zahlen basierte, die sogenannte lichte Welt und eine, die das Wahre in ganz anderen Dimensionen sieht, im Märchenhaften, im Mystischen. Hier versucht ein Dichter, beide Welten zusammen zu bringen, weil jede Welt für sich einseitig bliebe und erst dann Klarheit herrscht, wenn sie zusammen kommen.

Ich war eine sehr junge Frau als mein Mann, der damals noch nicht mein Mann war, für mich dieses Gedicht rezitiert hat. Er ist ein Naturwissenschaftler, klar denkend bis aufs Mark. Ich bin Geisteswissenschaftlerin, wohl auch bis aufs Mark. Nach Algorithmen wären wir niemals ein Paar geworden. Aber Novalis hat es geschafft. Wenn ein Naturwissenschaftler dieses Gedicht kennt und schätzt, dann ist er auf dem rechten Weg, habe ich mir damals gesagt. Für mich ist es ein wunderschönes Liebesgedicht. Ein Gedicht, das weit über zwei Menschen hinausragt und die ganze Welt im Blick hat. Ein Gedicht, das filigran die Balance auslotet, die nötig ist, wenn die Welt nicht aus den Fugen geraten soll.

Was passiert, wenn alles Bisherige nicht mehr gilt? Was ist, wenn die Zahlen und Figuren nicht mehr halten? Bricht dann die Welt zusammen? Was ist, wenn es so viele Zahlen und Figuren gibt, dass ein menschliches Hirn diese nicht mehr erfassen kann? Zugegeben, davon wusste Novalis noch nichts, aber heute gibt es den Begriff Big Data dafür. Und was ist, wenn auf Zahlen kein Verlass mehr ist und Fakten schwer beschreibbar werden? Zugegeben, Novalis kannte den Begriff postfaktisch nicht, aber er kommt seit Jahren in vielen unserer Diskussionen vor. Und was ist, wenn Normalität nicht mehr ausreicht, um zu beschreiben, was normal ist und daher ein neuer Begriff herhalten muss: die neue Normalität? Sie merken, worauf ich anspiele. Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren sind Schlüssel aller Kreaturen….Woher kommt dann der Schlüssel?

Mich begeistern die Romantiker, die so gar nichts mit dem zu tun haben, was wir heute gängig als romantisch beschreiben. Novalis ist einer von ihnen. Er ist kein Träumer, sondern steht mit beiden Füßen in einem harten Leben und stirbt viel zu früh im Alter von 29 Jahren an Tuberkulose. Er wollte die Welt romantisieren und meinte damit die Verbindung von Wissenschaft und Poesie. Als Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg 1772 im Harz geboren, studiert er Jura in Jena, Leipzig und Wittenberg, schließt mit Bestnoten ab, geht nicht gleich in den Staatsdienst, denn für ihn gilt: „Jeder Anfang ist ein Akt der Freiheit“. Er studiert noch Naturwissenschaften in der Bergakademie in Freiberg und wird Amtshauptmann. Das war eine Vorstufe zu dem, was man heute Landrat nennen würde. Als Amtshauptmann führt er die erste geologische Vermessung der Region Thüringen durch. Und dann reißt ihn eine Krankheit aus dem Leben.

Das obige Gedicht steht im unvollendeten Roman Heinrich von Ofterdingen aus dem Jahr 1800. Der Roman hat einen hohen Anspruch: das Leben und die Welt soll in ganzer Vielfalt und in räumlichen, zeitlichen und seelischen Dimension dargestellt werden. Bekanntestes poetisches Bild des Romans ist das von der blauen Blume. Ein Fremder hat in Heinrich die Neugierde für die blaue Blume geweckt. In einem Traum sieht er sie. Die blaue Blume wird Symbol für Sehnsucht und Liebe und das Streben nach Unendlichkeit, nach Synergie. Novalis steht in dieser Zeit in regem Kontakt zu den Brüdern Schlegel, zu Tieck zu Schelling, er korrespondiert mit Goethe und Herder, hat intensiv mit Schiller zu tun und gehört zum Kern der Persönlichkeiten, die das geprägt haben, was wir später die Jenaer Romantik oder die Frühromantik nennen.

Wer dieses Gedicht genau betrachtet, erfährt mehr über diese Epoche als es Fakten und Zahlen je aussagen könnten.

Trennen wir zunächst Form und Inhalt und fügen dann beides zusammen. Das Gedicht hat nur eine Strophe und viele Konditionalsätze, das fällt gleich ins Auge. All diese Konditionalsätze, das viermalige wenn, bündeln sich in einem einzigen dann. Diese wenn-dann Struktur gliedert das Gedicht. Äußerlich scheint es daher sehr kausal zuzugehen. Die zwölf Verse sind in vierhebigen Jamben als Paarreime nach dem Reimschema aa,bb,cc gestaltet, d.h. erster und zweiter Vers reimen, dritter und vierter und so weiter. Bis einschließlich zum zehnten Vers gibt es weibliche Kadenzen, das sind mehrsilbige Reime, nur die beiden letzten Verszeilen bestehen aus männlichen Kadenzen, also einsilbigen Reimen. Dieser Aufbau entspricht der Spannung des Gedichts. Man wartet geradezu gespannt auf die Auflösung und Klarheit am Schluss. Markant ist das anaphorisch gebrauchte wenn, das die Rhythmisierung unterstreicht.

Lassen wir die Form, man könnte viel über sie sagen. Sie ist elementar wichtig für den Inhalt. Schauen wir auf den Inhalt. Wer spricht hier: Ein Mann? Eine Frau? Ist das entscheidend? Wir wissen es nicht. Aber wir wissen sehr schnell, worum es geht. Und diese Frage ist sehr aktuell: Wo finde ich die Schlüssel aller Kreaturen? Offensichtlich nicht in Zahlen und Figuren. Novalis löst diese Frage nicht auf, aber er gibt in den letzten beiden Versen eine Antwort, die weit über die Beziehung Ich und Du hinausführt: Wenn all die Bedingungen erfüllt sind, dann fliegt vor Einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.

Auffallend ist die Großschreibung mitten im Vers. Von Einem geheimen Wort fliegt das ganze verkehrte Wesen fort. Es geht also um das verkehrte Wesen. Es geht um den Menschen, der auf der Suche ist, der vielleicht in die verkehrte Richtung läuft. Es ist eine andere Suche als die von Goethe nach dem, was die Welt im Innersten zusammen hält. Es geht nicht um Erkenntnis sondern um ein zutiefst humanes Thema: die Suche nach dem, was den Menschen ausmacht. Und es geht um ein geheimes Wort, das etwas auslöst, was den Menschen wohl wieder ins Lot bringt, die Welt wieder umdreht.

Die so singen und küssen sind wohl gescheiter als die Tiefgelehrten. Sie wissen mehr, heißt es. Was ist mit dem mehr wissen gemeint? Hier zeigt sich die Skepsis des Romantikers Novalis gegenüber dessen, was in der Aufklärung als non plus ultra erkannt worden ist. Zahlen und Figuren. Die Aufklärer wollten Licht in das Dunkle der Welt bringen, im wahrsten Sinne sollte es aufklären. Und Novalis fordert nun, dass sich Licht und Schatten, und mit Schatten meint er sicher auch die Nacht der Romantiker, – die meisten arbeiteten nachts und gingen tagsüber ihrem Brotberuf nach, – zu echter Klarheit werden gatten. Echte Klarheit ist nur, wo Licht und Schatten zusammen sind, nicht da, wo nur Licht oder wo nur Schatten herrscht. Novalis fordert die Verbindung von beiden Dimensionen. Keine Welt, die nur im gleißenden Licht steht, die einseitig taktet, eine Welt, die auch Schatten braucht. Was heißt, dass sich die Welt ins freie Leben begibt? Nichts anderes als in die Freiheit. Nur wo Freiheit herrscht, da kann Kreatives wachsen. Und dann behauptet er kühn, dass in Märchen und Gedichten die wahren Weltgeschichten zu finden sind. Das hat insbesondere Friedrich Schiller gefallen.

Liegt hier nicht ein wunderbarer Schlüssel für unsere heutige Welt? Wer unsere Welt allein mit Zahlen und Figuren verstehen wollte, der nimmt ihr die Tiefe. Hier ist ganz klar die Sehnsucht spürbar nach einer Welt, die nicht materialistisch funktioniert, einer Welt, in der Märchen und Gedichte genauso zählen wie Wirtschaft und Wissenschaft. Das eine Wort, was die Seele befreit, das zur Erlösung wird, das wird zum Schlüssel des Gedichts. Ist das eine Warnung vor zu viel Verstand oder eine Werbung für mehr Gefühl? Was ist das geheime Wort? Das Eine Wort. Wenn es nicht kommt, wird sofort klar, dass es fehlt. Mein Mann und ich konnten damals wie heute leidenschaftlich über dieses eine Wort diskutieren, ja auch nächtlelang. Immer dann, wenn ich merke, dass mich Zahlen und Figuren überfrachten, gibt mir dieses Gedicht weit mehr Orientierung als wissenschaftliche Abhandlungen. Und ich suche dann nach meinem Schlüssel.

Novalis: Werke, Tagebücher und Briefe, Band 1, München, Wien (Carl Hanser Verlag) 1978, S. 406

2 Gedanken zu „Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“

  1. Liebe oder Tod könnte das geheime Wort sein. Diese beiden extremen Erfahrungen weisen in ihrer Tiefe und Weite über das Begreifen des Menschen hinaus, sind ein Geheimnis. Und in ihrem Licht hat nur das Wahre Bestand. Da kam mir spontan das Schiller Gedicht”Das verschleierte Bild zu Sais”in den Sinn, das ähnlich rätselhaft und geheimnisvoll ist.
    Liebe Frau Dr. Mielke,
    Ich habe mich sehr gefreut, dass Sie diesen Text noch mit ihrem so persönlichen Kontext mit uns teilen. Danke schön.

  2. zu Novalis:

    Das Schlüsselwort muss immer neu gefunden werden. Der
    Spitzensatz des sogenannten”Hohelieds der Liebe” im Neuen Testament “Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen” fällt mir dazu ein. In Hölderlins “Hyperion” fand ich folgenden Satz “Was ist alles, was in Jahrtausenden die Menschen taten und dachten, gegen Einen Augenblick der Liebe?” (Hölderlin schreibt das Wort “das Eine” oder “Einen” immer groß und kursiv).
    Was nützen uns die Zahlen und Fakten des RKI in dieser Zeit , wenn nicht die Empathie , Liebe und Bereitschaft dazu kommt.

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