Michel de Montaigne: Von der Freundschaft

Nicht nur Hölderlin fristet einen großen Teil seines Lebens in einem Turm. Michel de Montaigne, zieht sich im Alter von 30 Jahren in den Turm seines Schlosses Montaigne zurück und verbleibt dort freiwillig mehr als ein Jahrzehnt. Die Trauer um den Freund Etienne de la Boëtie, der an der Ruhr gestorben war, treibt ihn in die Einsamkeit. Montaigne und Boëtie haben vier intensive Jahre miteinander verbracht als Parlamentsräte in Bordeaux. Es sind spannungsgeladene Zeiten, ausgelöst durch religiöse Konflikte. Ihren Höhepunkt erreichen sie in der Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572, in der erst in Paris, dann im ganzen Land Tausende Hugenotten von Katholiken erschlagen werden. Boëtie, ein politischer Kopf, der in den langen Religionskriegen dieser Zeit einen nüchternen Geist bewahrt, schreibt das Buch De la servitude volontaire (Von der freiwilligen Knechtschaft), in dem er empfiehlt, dem ungerechten Herrscher mit passivem Widerstand zu begegnen. Dieses Buch hatte 1968 Kultstatus bei den Studentenunruhen. Montaigne, aus humanistischen Adelsgeschlecht zieht sich nach dem Tod des Freundes von allen Ämtern zurück. Er lebt vorrangig im Turm seine Schlosses im Perigord und schreibt dort. Später verlässt er den Turm, begibt sich auf große Reise, wird mehrfach zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt und stirbt im Alter von 59 Jahren an seinem Nierenleiden.

Montaigne wird zum Vater der Essayistik, er schreibt insgesamt 100 „Versuche“, tastend, mit viel Humor und Esprit. „Que sais-je?“ Was weiß ich?, könnte man als sein Lebensmotto bezeichnen. Er ist davon überzeugt, dass die Meinung, etwas zu wissen die Pest des Menschen sei. Daher denkt er quer. Er zeigt den Menschen in al seinen Schattierungen ohne Anspruch auf moralische Bewertung. Strenge Formen widerstreben ihm. So entsteht ein essayistisches Werk, das Einfluss auf die gesamte europäische Literatur hat. Er wirft alle Dogmen über den Haufen, ist ganz dem Geist der Aufklärung und dem skeptischen Denken verpflichtet und befasst sich in seinen Essays mit nahezu allen sittlichen Fragen, die den Menschen bewegen. Er thematisiert zwischenmenschliches Zusammenleben genauso wie Hexenprozesse und Aberglauben, er schreibt Essays übers Reiten und über Pferde, über Einsamkeit und über die Schonung des Willens. Eine reiche Palette, ein Lebenswerk, ein Einblick in das Denken der Zeit. Papst Clemens setzt die Essays 1676 auf den Index.

Die Zeit mit seinem Freund Etienne bezeichnet Montaigne als Ausnahmeglück. Obwohl nur vier Jahre, ist sie prägend für sein ganzes Leben. Über seine Freundschaft mit ihm sagt er:

Es muss so vieles zusammentreffen, um dergleichen zu erreichen, daß es viel ist, wenn das Schicksal es einmal in drei Jahrhunderten zustande bringt.

(S.9)

20 Jahre nach dem Tod Etiennes schreibt Montaigne den Essay über die Freundschaft. Er fragt: Was unterscheidet eine echte von einer falschen, einer trügerischen Freundschaft?

Zu nichts scheint uns die Natur so sehr bestimmt zu haben wie zur Geselligkeit. Und Aristoteles sagt, daß die guten Gesetzgeber mehr Sorge für die Freundschaft als für die Gerechtigkeit trugen. Inihr aber findet die Geselligkeit den letzten Grad ihrer Vollendung. Denn überhaupt sind alle die Freundschaften, welche aus Wollust, aus Eigennutz und Not, öffentliche oder häusliche, errichtet werden, um so weniger schön und herzlich und daher um so minder Freundschaft, als sich andere Ursachen, andere Zwecke und anderer Genuß hineinmischen als die Freundschaft selbst. Ebenso wenig machen die vier Arten des Altertums, getrennt und jede für sich oder zusammengenommen, den eigentlichen wahren Charakter der Freundschaft aus, als da sind: Verbindungen des Naturverhältnisses, der Geselligkeit, des Gastrechts oder der physischen Liebe. Vom Vater zum Kinde ist es vielmehr Ehrerbietung. (…)

(S. 9)

Hier werden ganz schön viele unterschiedliche Freundschaftsbegriffe eingeführt: aus Wollust, aus Eigennutz und Not, öffentliche oder häusliche Freundschaft und darüber hinaus die Freundschaften, die im Altertum einen hohen Rang hatten: Verbindungen des Naturverhältnisses, der Geselligkeit, des Gastrechts oder der physischen Liebe. All diese und auch die Verbindung vom Vater zum Kinde schließt Montaigne für seinen Freundschaftsbegriff aus.

Montaignes Freundschaftsbegriff geht davon aus, dass der wahre Freund ein Geschenk ist und durch nichts, nicht einmal durch die Liebe zu ersetzen ist.

Vergleicht man damit die Neigung zu Frauen, wiewohl auch sie aus unserer Wahl entspringt, so kann man sie doch nicht in dies Verzeichnis aufnehmen. Ihr Feuer ist heftiger, heißer und versengender. (…)

(S. 11)

Er selbst ist mit der Tochter eines Amtskollegen verheiratet, hat mit ihr sechs Töchter, nur eine von ihnen erreicht das Erwachsenenalter. In der Liebe glaubt Michel de Montaigne eine Art Fieberglut zu erkennen, die auf und abschwillt, ein mutwilliges und unbeständiges Feuer, das außerdem nur Teile des Menschen ergreift. Ganz anders sieht er dagegen die positiven Eigenschaften der Freundschaft:

In der Freundschaft ist es überall verbreitete Wärme, im übrigen gemäßigt und immer sich gleich; eine Wärme, die anhält und nicht verfliegt; durchgängig lieblich und sanft schmelzend, die nichts Brennendes oder Stechendes bei sich führt. Was noch mehr ist, in der Liebe ist es nur ein ungestümes Begehren nach dem, was uns flieht. Sobald sie sich in Freundschaft umwandelt, das heißt nach Gutbefinden des Willens beider, verraucht sie, erkrankt; Genuß, weil er nur am Körperlichen hängt und Sättigung hervorbringt, vernichtet sie. Die Freundschaft hingegen gibt in eben dem Maße Genuß, als sie begehrt. Sie sproßt, nährt sich und wächst bloß durch den Genuß, weil sie geistig ist und die Seelen durchs Annahen sich immer mehr einigen.(…)

(S. 11 f.)

Viele Eigenschaften werden hier genannt: gemäßigte, gleichbleibende Wärme, lieblich sanft schmelzend, nichts Brennendes oder Stechendes. Die Liebe verbrennt, die Freundschaft ist geistig und wächst, weil sich die Seelen immer mehr nähern. Lassen wir Montaignes Liebeskonzept beiseite. Fokussieren wir seinen Begriff der Freundschaft. Bei der Freundschaft sind Genuß und Sehnsucht identisch. Was heißt das? Da ist kein Begehren, da ist nur reines Wohlbefinden. Und um dieses geht es Montaigne.

Bei dem, was wir gewöhnlich Freunde oder Freundschaft nennen, handelt es sich allenfalls um nähere Bekanntschaften, die bei gewissen Anlässen oder um irgendeines Vorteils willen geknüpft wurden und uns nur insoweit verbinden. Bei der Freundschaft hingegen, von der ich spreche, verschmelzen zwei Seelen und gehen derart ineinander auf, dass sie sogar die Naht nicht mehr finden, die sie einte. (..)

(S. 13)

Über dieses Bild, die Naht zwischen zwei Freunden, die nicht mehr auffindbar ist, habe ich lange nachgedacht. Es ist dazu geeignet, es auf einen langen Maispaziergang mitzunehmen. Da geht es um ein Verschmelzen, das die Individualität der jeweiligen Freunde nicht mehr sichtbar sein lässt. Unwillkürlich drängt sich das Bild des Ginkgo-Blattes auf. Könnte das auch meine Vorstellung von Freundschaft sein? Hören wir weiter:

Die gewöhnlichen Freundschaften kann man aufteilen: Man vermag in dem einen die Schönheit zu lieben, im anderen die Gefälligkeit der Umgangsformen, im dritten die Großzügigkeit, im vierten das väterliche Wohlwollen, im fünften die Brüderlichkeit und so weiter; die wahre Freundschaft ergreift aber vom ganzen Menschen Besitz und beherrscht ihn so uneingeschränkt, dass sie sich unmöglich vervielfachen lässt.

(S. 16)

Eine Freundschaft, die vom Menschen Besitz ergreift: bei dieser Vorstellung fühle ich Enge. Und darüber hinaus die Forderung, Freundschaft lasse sich nicht vervielfachen. Ist Montaigne da nicht allzu eng? Zeigt er sich hier nicht auch dogmatisch, also so, wie er gar nicht sein will? Oder liegt darin seine uneingeschränkte Hochschätzung des Freundschaftsbegriffs? Ein Montaigne von heute würde in all den Freunden der neuen Medien wohl keine Freundschaften sehen. Er kann sich nicht doubeln, er will es auch nicht. Montaigne reduziert den Freundschaftsbegriff auf einen sehr engen Kern.

Wenn zwei Freunde gleichzeitig Beistand erbäten, welchem würdest du Hilfe ereilen? Und wie würdest du, wenn sie von dir bestimmte, sich ausschließende Dienste verlangen, die Sache regeln? Wenn der eine dir unter dem Siegel der Verschwiegenheit etwas anvertraute, das zu wissen für den anderen nützlich wäre, wie würdest du dich da aus der Klemme ziehen? (…)

(S. 16)

Das Beispiel zeigt: Entweder ganz oder gar nicht. Es gibt keine halben Freunde. Und der Anspruch Montaignes, man könne nicht mehr Freunde gleichzeitig haben, ist durchaus diskutabel. Die von Montaigne bemühten Beispiele zeigen, dass er den Freund nicht verletzen will und dass die Möglichkeit, dass das geschieht, aber besteht, wenn er mehrere Freunde hat.

Kurz, diese Dinge sind für denjenigen unvorstellbar, der sie nicht selbst erfahren hat; daher bewundere ich über alle Maßen die Antwort die ein junger Soldat de Kyros gab. Als er von diesem gefragt wurde, für wie viel er bereit sei, sein Pferd herzugeben, mit dem er gerade ein Rennen gewonnen hatte und ob er es gegen ein Königreich eintauschen würde, erwiderte er: „Gewiß nicht, Herr, ohne Zögern würde ich mich aber von ihm trennen, um einen Freund zu gewinnen – falls ich einen Mann finde, der eines solchen Bündnisses würdig wäre.“ Mit Recht sagte er „fände“, denn die Menschen, die zu einer oberflächlichen Bekanntschaft taugen, fänden sich schnell genug. Aber bei der von mir gemeinten Freundschaft, wo man sich aus der tiefsten Tiefe des Herzens heraus dem anderen zuwendet und jeden Rückhalt aufgibt, ist es unabdingbar, dass alle Beweggründe völlig lauter und vertrauenswürdig sind.

(S. 17)

Der Freund als Mensch, dem man sich aus der Tiefe des Herzens heraus zuwendet. Dieses Bild begleitet Montaigne auch nach dem Tod Etiennes all die Jahre seines Lebens. Es gibt ihm Stärke und Kraft. Nicht die physische Präsenz, nicht die Länge, sondern vorrangig die Seelenverwandtschaft ist Träger von Freundschaft. Deren Flamme leuchtet über den Tod hinaus.

Michel de Montaigne: Von der Freundschaft. Aus dem Französischen übersetzt von Herbert Lüthy, München (dtv), 2012, S. 7-18

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