Markus Werner: Die eheliche Stufenleiter

Der Schweizer Autor Markus Werner liefert in seinem preisgekrönten Buch Am Hang die perfekte Navigationspassage zum Liebesglück. Euphorie kommt auf, Palmsonntagsstimmung. Natürlich nur ironisch, mitunter auch zynisch, manchmal auch plump. Mit großer Freude am erzählerischen Detail und Gespür für den vielfach doppelten sprachlichen Boden lotet Werner die Technik der Suspense bis zum Äußerten aus, so dass beim Lesen zeitweise der Eindruck entsteht, einem Verbrechen auf der Spur zu sein. Die Suspense ist ein Mittel der Spannungserzeugung. Kein Schocker aber das beklemmend langsame Hochschrauben von Erwartungen. Ich bin beim Lesen auf der Hut und befürchte, dass irgendetwas passiert. Im Hang, durchaus ein mehrdeutiger Titel, kommt etwas ins Rutschen. Nicht nur meine Vorstellungen von Liebe, aber um die geht es mir heute.

Zwei Männer, Clarin, ca 30 Jahre jung und Scheidungsanwalt und der ca 50 jährige Loos, Altphilologe, treffen sich zufällig (?) in Montagnola. Nein, es geht nicht um Hermann Hesses Montagnola, aber Hesse ist in vielen Anspielungen präsent. Beide wollen dort das Pfingstwochenende verbringen. Beim Abendessen im Hotel kommen sie ins Gespräch. Schnell entwickelt sich Tiefsinn. Es geht u.a. um Liebe. Und um die unterschiedlichen Auffassungen dazu. Der junge Anwalt erläutert seine Auffassung von Liebe in Anlehnung an die mosaische Himmelsleiter, der ältere Gesprächspartner kontert mit seiner. Zuerst Clarin:

Ich sagte, dass ich, wie schon erwähnt, kein Junggeselle wider Willen sei, mein Status sei gewollt und mir gemäß. Auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu verzichten, sei undenkbar für mich und um so weniger nötig, als man als Ungebundener die Freuden, die das Leben biete, viel unbekümmerter genießen könne. Den Vorwurf, ich scheute mich davor, Verantwortung zu übernehmen, müsse ich von mir weisen, schon darum, weil ihn stets jene erhöben, die unter ihr ächzten. (…) Natürlich komme es manchmal zu Tränen, sagte ich, wenn ich einer Frau gegenüber, die mehr von mir erwarte, als ich investieren könne, ehrlich sei und ihr die Trennung nahelege, doch solche Tränen seien Petitessen verglichen mit jeder Art Ehe-Elend. Meistens sei ja die Sache auch bald verschmerzt, ich hätte mich zum Beispiel heute, auf dieser Terrasse, an eine Freundin erinnert, mit der ich hier vor längerem ein letztes Mal zusammengewesen sei, und auch für sie sei keine Welt eingestürzt. So sei es meistens: Die lockere Beziehung verhindere Tragödien und biete zudem Schutz vor einem traurigen und herkömmlichen Paare selten verschonenden Schicksal. (…) Ich habe es schon angedeutet, ich rede von der ehelichen Stufenleiter, die vom Begehren über das Mögen über die liebe Gewohnheit über die Lustlosigkeit hinabführt bis zur Abneigung, womöglich bis zum Haß, und dann kommt die Stunde der diplomierten und undiplomierten Berater, und vielleicht sorgt ein durchsichtiges Negligé oder ein verzweifelter Tanga für ein paar letzte Funken, und dann kommt die Stunde des Anwalts.

(S. 20 f.)

Peng. Hier spricht der Womenizer, der von Affäre zu Affäre jongliert und Liebe klar von Ehe trennt und in der Liebe vorrangig die Variationsfülle schätzt und die Freiheit, jederzeit auszusteigen. Es wird abgewogen zwischen Erwartungen und Investitionsvermögen und es wird scharf abgegrenzt von jeder „Art Ehe-Elend“ und eindeutig für die lockere Beziehung votiert. Die eheliche Stufenleiter beginnt für Clarin im Himmel und rutscht rasant ab über die Stationen „Begehren“, „Mögen“, „liebe Gewohnheit“, „Lustlosigkeit“ bis zur „Abneigung“ und zum Haß“. Im Grunde also wird die Ehe hier als Einstieg zur Hölle beschrieben. Er zeigt sich als kühler Kalkulator, utilitaristisch gestrickt, was schon allein das Wort „investieren“ zeigt und schiebt Verantwortung von sich, wenn er „ihr die Trennung nahelegt“.

Und dem nicht genug: Werner verweist dann auf die darauf folgende Stunde der „diplomierten oder undiplomierten Berater“, des „durchsichtigen Negligés“ oder des „verzweifelten Tangas für ein paar letzte Funken“ und dann „die Stunde beim Anwalt“.

Sein Gesprächspartner, der abgeklärte Altphilologe Loos hört gut zu, zuckt zusammen, als das Wort „investieren“ in Zusammenhang mit Liebe fällt, entschuldigt sich nach Clarins Ausführungen erst einmal, kommt aber bald zurück zum Tisch und nimmt das Gespräch auf.

Aber eigentlich habe ich oben im Badezimmer über die eheliche Stufenleiter nachgedacht, von der Sie berichtet haben und die für Sie vom Himmel in die Hölle führt. Die spannende Beziehung aber, ich habe zwölf Jahre Erfahrung, bietet ein anderes Bild, warten Sie, ich zeichne es Ihnen auf. – (…)

(Er) zeichnete mit leichter Hand eine Leiter, deren Fuß von Flammen umlodert war, um die zwei gehörnte Teufelchen tanzten, und deren oberes Ende sich an eine Wolke lehnte, auf der ein Engel saß. Mag sein, sagte Loos, dass man gemeinsam auf der obersten Sprosse beginnt, knapp unterhalb des siebenten Himmels. Verliebtheit, Leidenschaft, Trieb. Mag sein, dass man gemeinsam auf der untersten Sprosse endet, knapp oberhalb des Höllenfeuers. Abneigung, dégout, Haß. Ich sage mag sein, denn nicht einmal das ist gewiss. Vor allem aber scheint mir Ihre Vorstellung verfehlt, dass Paare zeitgleich und quasi gefühlskongruent von Sprosse zu Sprosse hinunter steigen, gemächlich die einen, die anderen rasant, aber immer Schulter an Schulter. So mechanistisch, fast hätte ich gesagt:harmonisch, geht es nicht her und zu auf dieser Leiter, da herrscht ein reger Betrieb und kein geordneter Einbahnverkehr mit Zielort Hölle, denn beide Teile steigen auf und ab, sie kreuzen sich dabei und sitzen vielleicht dann und wann ein Weilchen auf der gleichen Sprosse, wenn möglich auf einer hohen, wo sie Vertrauen und Gefühle der Nähe erleben, was sie dazu befähigt, einander wieder fern zu sein, einander zuzuwinken auch über diverse Sprossen hinweg. Im Glücksfall dauert das dynamische Geschehen auf dieser Leiter lebenslang, und im Ernstfall wird man sogar die Erfahrung machen, dass Hass nicht töten muss, im Gegenteil.

(S. 24f)

Wieder Peng! Hier spricht der Moralist, der sich über die Beziehungsarmut einer Genration echauffiert, die von der Jagd nach Erfolg getrieben ist und mit großem Theater seine Sicht der Dinge erläutert. Er kritisiert vehement den Zeitgeist, weiß genau, warum die Welt den Bach hinunter geht, haut mit allen Mitteln auf die Dekadenz und fordert ein Zurück zu einem Weltbild, das offensichtlich nicht mehr gelebt wird.

Die Loos‘sche Leiter beginnt in der Hölle, sie wird „von Flammen umlodert, um die zwei gehörnte Teufelchen tanzen“. Das Liebespaar im Strudel der Begierde, der Lust, des Verliebtseins, der alle klare Gedanken aussetzt. Ihr oberstes Ende verschwindet im Himmel, nur was bedeutet Himmel? Der siebte Himmel, die virtuelle Welt, die Fiktion, die Hirngespinste, die am Anfang jeder Ehe stehen? In diese entschwindet ein Engel. Es herrscht Betrieb auf der Leiter, keinesfalls immer gleichgetaktet, es ist ein „dynamisches Geschehen“, alles andere als ein „gefühlskongruentes von Sprosse zu Sprosse“ steigen. Und Loos setzt noch einen drauf:

es kann geschehen, dass man erst recht, vielleicht erst richtig lieben kann, wenn man gehasst hat.

(S. 26)

Haß als Vorbedingung der Liebe. Was liegt hier denn für eine Vorstellung von Liebe vor? Nein, wer glaubt, Loos habe den Verstand verloren, irrt. Er analysiert glasklar und nimmt die Leser mit in seine Rätsel und Gedankenexperimente. Und er ringt und dieses Ringen führt direkt in den Kern der Frage der Liebe.

Lassen wir die beiden Männer unter sich, sie sind weit mehr verstrickt, als man zu diesem Zeitpunkt im Roman glauben mag. Nehmen wir das Bild der ehelichen Stufenleiter, das Markus Werner gelungen in Szene gesetzt hat. Eine Metapher mit unterschiedlicher Länge und Stabilität. Spannend. Über die Stufenleiter habe ich schon viele gute Gespräche mit Freunden geführt. Wie gefällt mir das Bild? Könnte ich mich darauf wieder finden? Gibt es vielleicht fehlende Sprossen oder solche, von denen ich gar nicht weg möchte? Wofür stehen denn die Sprossen, Halteinseln? Orientierungspunkte? Wie stabil sind sie? Oder ist das alles einfach überhaupt nicht verwertbar für eine Auffassung von Liebe? Clarin lässt Werner in der indirekten Rede, Loos in der direkten Rede sprechen. Mag das ein Hinweis sein, hinter wem Markus Werner steht? Beide sind (erst einmal) von ihren Darstellungen überzeugt; sie wirken natürlich holzschnittartig, aber bieten vielleicht gerade deswegen jede Menge Möglichkeiten der Variation.

Markus Werner hat eine stille Prosa geschrieben, die bewegt, so sein Schweizer Kollege Urs Widmer, auch ein wunderbarer Autor. Sie regt zur Sinnsuche an, spielt mit Lebenskonzepten und propagiert letztlich klar eine Verlangsamung der Meinungsfindung zugunsten der Klarheit. Schnelle Lösungen sind nicht sein Ding. Er erwartet Dialogbereitschaft von seinen Lesern. Und überall sehe ich sein Augenzwinkern.

Die Angaben beziehen sich auf: Markus Werner: Am Hang, Frankfurt (Fischer TB) 2009

Ein Gedanke zu „Markus Werner: Die eheliche Stufenleiter“

  1. Hier ein kleines Gedicht zum Thema, verfasst vor vielen Jahren.

    Mitte des Lebens

    Pfad der gemeinsamen Schritte
    blaue Blume am Rain
    zweigst plötzlich ab in der Mitte
    bin mit dem Nebel allein

    Schlängelst dich hin zu den Rosen
    Sommerwind weht ihren Duft
    windest durch Farn dich und Moose
    verlierst dich in glasklarer Luft

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.