Johann Christoph Friedrich von Schiller: Die Bürgschaft

Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Möros, den Dolch im Gewande:
Ihn schlugen die Häscher in Bande,
“Was wolltest du mit dem Dolche? sprich!”
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
“Die Stadt vom Tyrannen befreien!”
“Das sollst du am Kreuze bereuen.”

“Ich bin”, spricht jener, “zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben:
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen,
Ihn magst du, entrinn’ ich, erwürgen.”

Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken: “Drei Tage will ich dir schenken;
Doch wisse, wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh’ du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen.”

Und er kommt zum Freunde: “Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben.
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
So bleib du dem König zum Pfande, Bis ich komme zu lösen die Bande.”

Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen;
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.

Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen, Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab,
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.

Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket.
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.

Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
“O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen.”

Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da faßt er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.

Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.

“Was wollt ihr?” ruft er vor Schrecken bleich,
“Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!”
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
“Um des Freundes willen erbarmet euch!”
Und drei mit gewaltigen Streichen
Erlegt er, die andern entweichen.

Und die Sonne versendet glühenden Brand,
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee.
“O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!”

Und horch! da sprudelt es silberhell, Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.

Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüber fliehn, Da hört er die Worte sie sagen:
“Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen.”

Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:

“Zurück! du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet’ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr, Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben.”

“Und ist es zu spät, und kann ich ihm nicht,
Ein Retter, willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blut’ge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht,
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue!”

Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor,
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
“Mich, Henker”, ruft er, “erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!”

Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen vor Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär’;
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen,

Und blicket sie lange verwundert an. Drauf spricht er: “Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen;
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn –
So nehmet auch mich zum Genossen an:
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte!”

Endlich Schiller! Und sofort der Ausruf: „Das kenne ich, das muss ich mir nicht mehr antun!“ Bei der Thematik „frei und gefangen“ hatte ich schon Schiller im Visier und zügelte mich. Aber bei der Freundschaft muss er hinein. Da wäre sonst die Lücke zu groß.

Als ich vor einigen Jahren eine Geburtsanzeige mit der Aufschrift erhielt: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte“, schüttelte ich spontan den Kopf und dachte bei mir: „Nein, da wussten die glücklichen Eltern wohl nicht, woher diese Verse kommen, und sie wussten wohl auch nicht, dass sie von einem Tyrannen gesprochen werden.“ Und ich dachte mir dann: „Wen soll ich mehr bedauern? Den kleinen Mirko, der solche Eltern hat oder die Eltern, die einen Tyrannen anzeigen?“ Jedenfalls war klar: Sie kannten Die Bürgschaft nicht. Oder wenn sie sie kannten, dann hatten sie keine Angst vor kleinen Tyrannen.

Schiller ist berühmt für Vieles, nicht zuletzt für seine großartigen Balladen. Und er ist auch berühmt für seine Männerfreundschaft: Schiller und Goethe, d a s Freundespaar der Klassik schlechthin. Im August 1798 geht er zu Goethe, Die Bürgschaft in der Hand und bittet ihn um seine Meinung. Sie fällt mild aus. Goethe hatte ihn zur Ausarbeitung der Thematik angeregt. Einige Monate vorher, am 17.12.1788 schreibt Schiller an Goethe:

„…daß unter den vielen (…) Menschen (…) auch einer darauf verfallen möchte, in alten Büchern nach poetischen Stoffen auszugehen, und dabei (…) das Punctum saliens einer, an sich unscheinbaren Geschichte zu entdecken.“

Und er bedauert:

„Mir kommen solche Quellen gar nicht vor, und meine Armuth an solchen Stoffen macht mich wirklich unfruchtbarer im Produciren, als ich’s ohne das sein würde.“

Darauf schickt ihm Goethe die Texte von Hyginus Mythographus, einem römischen Fabeldichter.

Schiller findet in dieser Sammlung die herrlichsten Stoffe, wie er an Goethe anlässlich dessen Geburtstag schreibt. Schnell sind zwei Balladen fertig, eine davon ist Die Bürgschaft. Diese veröffentlicht Schiller 1798 im Musenalmanach gleich an dritter Stelle, vor dem Taucher und dem Handschuh. Ein klares Zeichen, welche Bedeutung er ihr zumisst.

In dieser Ballade greift Schiller den antiken Stoff auf. Dort steht einer von zwei Freunden unter Mordverdacht, ihm droht der Tod. Er bittet um Aufschub der Hinrichtung um drei Tage, in denen er seine Schwester vermählen will und lässt seinen Freund als „Pfand“ vor Ort. Diese Bitte wird ihm gewährt. Er kommt kurz vor der Hinrichtung des treuen Freundes zurück, Hochwasser hatten ihn aufgehalten.

Schiller hat in seiner Ballade viel von diesem Stoff übernommen. Urheberrechtliche Gedanken brauchte er sich nicht zu machen, die Zeit war noch nicht gekommen. Er verschärft die Charaktere, dem Tyrannen Dionys stellt er ein Freundespaar gegenüber. Klar ist, für wen Schiller Sympathien hat. In der Bürgschaft ist das idealisierte Bild Schillers von Freundschaft abgebildet: Einer steht für den anderen ohne Einschränkung ein. Auf den Freund ist Verlass, das ist die Kernbotschaft der Ballade. Es ist eine Freundschaft ohne wenn und aber. Keine Freundschaft nach außen, keine, die den Nutzen im Blick hat, eine Freundschaft, die sogar einen Tyrannen beeindruckt, da soviel gegenseitige Aufopferungsbereitschaft in seinem Denken nicht vorgesehen ist.

Balladen sind Geschichten (meist) in Reimform. Sie erzählen in knapper und konzentrierter Form, sehr oft szenisch, teils auch mit wörtlicher Rede. Durch die vielen Enjambements nimmt Die Bürgschaft schnell Fahrt auf. Sie ist spannend, der Leser fiebert geradezu mit und hofft, dass es der Freund noch rechtzeitig schafft. All das hat große Dynamik und Dramatik, stark gefördert durch viele stilistische Besonderheiten: z.B. Anaphern, – eine große Anzahl Verse beginnt mit und – und viele Antithesen, zum Beispiel die mehrfache Gegenüberstellung des Verhaltens der beiden Freunde zu dem des Tyrannen.

Welcher Begriff von Freundschaft liegt der Bürgschaft zugrunde? Ist Schillers Begriff auf meinen Freundschaftsbegriff übertragbar? Welche Eigenschaften gibt Schiller den beiden Freunden vorrangig? Sind sie einander gleichgestellt?

Es fällt auf, dass Möros seinen Freund gar nicht fragt, ob er für so eine Tat überhaupt bereit ist. Er setzt dessen Einwilligung voraus und sagt zu Dionys: Ich lasse den Freund dir als Bürgen, ihn magst du, entrinn‘ ich erwürgen. Das könnte man als Vereinnahmung deuten. Er liefert ihn aus. Er riskiert seinen Tod. Diese Haltung ist mir befremdlich, zumal vom eigentlich Grund, die Schwester zu vermählen nichts erzählt wird. Der Freund bleibt stumm: Und schweigend umarmt ihn der treue Freund. Die Wortlosigkeit besticht. Hier sind keine Worte nötig, hier spricht der Körper. Durch Umarmung gibt er seine Zustimmung. Über die Qualen, die dieser Freund erlebt, der als Bürge herhält, schweigt die Ballade. Warum hat dieser Freund so gar keine Stimme? Das ist eine eindeutige Schräglage, die bis zum Schluss nicht aufgelöst wird. Im Fokus stehen die Hindernisse, die der Verurteilte durchlebt: Unwetter, Überfall, Müdigkeit, Metaphern für Natur, Kriminalität und menschliche Schwäche. Die Natur ist gegen ihn, Menschen wollen ihm an den Kragen und letztlich versagt seine eigene Kraft, und er schläft ein. Schiller deckt breit ab, was den Plan vereiteln könnte. Aber bei allem bleibt eines erkennbar: Der Wille von Möros, sein Versprechen zu halten. Hier wirkt sie noch, die Kraft des früheren Stürmers und Drängers. Möros zeigt menschliche Gefühle: er weint und fleht…, da treibt ihn die Angst…, da fast er sich Mut und Angst beflügelt den eilenden Fuß…. Vom Freund, der noch dazu namenlos bleibt, erfahren wir nichts. Über Philostratus, den Knecht von Möros, den er auf seinem Weg zurück in die Stadt trifft, erfährt Möros:

…, dass der Freund hoffende Seele hat…, mutigen Glauben…, den der Hohn des Tyrannen nicht rauben konnte. Welche Qualen er im Angesicht der verstreichenden Zeit gehabt haben muss, das bleibt unerwähnt, das überlässt Schiller der Vorstellungskraft der Leser.

Die Richtstätte ist voller Menschen, die Hinrichtung hat bereits begonnen, da trifft Möros ein und rettet den Freund.

In den Armen liegen sich beide und weinen vor Schmerzen und Freude. Erleichterung, Erschöpfung, Wiedersehensfreude, keine Worte. Beide sind in der gleichen Regung vereint.

Was jetzt kommt, kann unterschiedlich gedeutet werden. Nicht nur die Menge ist berührt davon, dass Möros sein Versprechen gehalten hat. Auch der Tyrann. Er begnadigt und will fortan mit beiden Freunden sein: Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte. Er will ihr Genosse sein, ein Wort, das zu Schillers Zeiten natürlich noch eine andere Bedeutung hatte als später. Wie soll man so eine Bitte verstehen? Zum einen wäre ein geläuterter Tyrann denkbar, der merkt, dass Treue kein leerer Wahn ist, zum anderen, – und diese Sicht liegt mir näher, – passt die Wendung auch zur Willkür, die einem Tyrannen eigen ist. Kann man sich vorstellen, dass Dionys wirklich Freund der beiden Freunde werden kann? Wohl kaum.

„Werter Herr Schiller“, möchte ich schließen, „viele Fragen zur Freundschaft bleiben offen.“ Wenn man die ganze Unlogik des Geschehens außen vorlässt, bleibt die Frage: Ist das ein Begriff von Freundschaft, der heute trägt? Ich diskutiere diese Ballade gern mit jungen Menschen im Kontext der Frage: Wofür würde ich mein Leben einsetzen? Ganz vorn stehen da: Familie und Freunde, ganz hinten Überzeugungen und Ideen. Demnach trägt die Ballade nach wie vor. Fraglich bleibt aber für mich: Was ist das für ein Mensch, der so selbstsicher, ja auch so idealistisch ist, um alles aufs Spiel zu setzen, auch den Freund? Was wiegt schwerer? Die Hochzeit der Schwester (und damit verbunden ihr Leben) oder das Leben des Freundes. Hätte der Freund nicht auch die Schwester im Auftrag Möros‘ verheiraten können? Möros vertraut darauf, dass der Tyrann sein Wort hält und die Frist von drei Tagen respektiert. Der Tyrann hätte darauf pfeifen und den Freund gleich richten können. Möros vertraut darauf, dass ihm alles gelingen wird und keine Hindernisse im Weg sind. Er hatte Glück. Es klappt. Aber im Grunde genommen ist sein Verhalten nicht das, was ich mir von einem Freund erwarte. Ist da nicht auch Hybris im Spiel, gegen die Schiller doch so oft angekämpft hat?

Die Ballade ist entnommen:

Friedrich Schiller, Sämtliche Werke, Band 1, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), S. 352-356

Die Korrespondenz von Schiller mit Goethe ist entnommen:

Schiller – Goethe: Der Briefwechsel, hg. von Norbert Oellers, Stuttgart (Reclam), 2009

Anmerkung: Möros wird in einer späteren Fassung Schillers zu Damon.

Ein Gedanke zu „Johann Christoph Friedrich von Schiller: Die Bürgschaft“

  1. gerne möchte ich einen sehr persönlichen Text beitragen; meine Patentante schrieb ihn mir ins Poesiealbum und er hat mich tief geprägt.

    Der Freund, der dir den Spiegel zeiget,
    den kleinsten Flecken nicht verschweiget,
    dich herzlich warnt, dich freundlich schilt,
    wenn du nicht deine Pflicht erfüllt,
    der ist dein Freund,
    so wenig es auch scheint.
    Doch wenn dich einer schmeichelnd preiset,
    dich immer lobt, dir nichts verweiset,
    zu Fehlern gern die Hände beut,
    der ist dein Feind, so wenig es auch scheint.

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