Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?

Jaron Lanier wirkt wie ein schräger Vogel mit Dreadlocks. Er ist 1960 in New York geboren und wurde Informatiker und Unternehmer. Heute gilt er als Vater der virtuellen Realität. Lanier ist verheiratet, hat eine Tochter, macht leidenschaftlich gern Musik, lehrt an der Universität Berkeley und arbeitet bei Microsoft. Die Encyclopaedia Britannica zählt ihn zu den 300 wichtigsten Erfindern der Geschichte.

Als er 2014 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels zugesprochen bekam, verfolgte ich seine Dankesrede in der Paulskirche im Fernsehen und war begeistert. Da sprach ein Mensch, der das Internet von Anfang an mitgestaltet hat, so über die digitale Welt, dass es Menschen ohne Sachkenntnis auch verstehen konnten. Den Preis bekam er für sein Buch, aus dem ich im Folgenden zitiere. Die Jury weist darauf hin, dass Lanier die Risiken, die die Digitalisierung für die freie Lebensgestaltung des Menschen berge, erkannt hat und sein Buch: Wem gehört die Zukunft? ein Appell sei, gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung wachsam zu sein. Ein Buch, das sich mit der Thematik Macht und Ohnmacht in unserem täglichen Leben beschäftigt und das klar für ein Ende der Umsonst-Mentalität plädiert. Wir sind inzwischen in hohem Maß daran gewohnt, überall das Internet zu konsultieren und alle möglichen Informationen von dort zu beziehen. Und wehe, wenn ich an einem Ort bin, an dem ein Funkloch oder schlichtweg kein gutes WLAN ist. Wer viel im Internet unterwegs ist und an einem Ort – das mag sogar mitten in Deutschland sein oder im Zug – kein Netz hat, der weiß, wovon ich spreche.

Lanier erzählt uns, wie die digitale Welt entstand.

Anfang der achtziger Jahre begann ein ursprünglich kleiner Kreis begabter Technologen, Konzepte wie Privatsphäre, Freiheit und Macht neu zu interpretieren. Ich war schon früh an diesem Prozess beteiligt und half bei der Formulierung vieler Ideen mit, die ich nun in meinem Buch kritisiere. Aus den Ideen einer kleinen Subkultur hat sich mittlerweile die dominierende Sichtweise auf die Computerwelt und die softwarevermittelte Gesellschaft entwickelt. (S. 37)

Damals machte man sich noch keine Gedanken darüber, dass „kostenlos“ immer bedeutet, dass jemand anders darüber entscheiden wird, was angeboten wird. Auch dieser virtuelle Literaturkreis ist kostenlos, d. h. ich entscheide, was reinkommt. So viel Wahlmöglichkeit, abgesehen davon, dass ich immer darum bitte, Themenvorschläge zu machen, haben Sie nicht. Allerdings kontrolliere ich nicht, was Sie mit den Texten machen, an wen Sie sie weiterleiten, wofür Sie sie verwenden. Ich vertraue darauf, dass literarisch interessierte Menschen ehrliche Menschen sind, die meine Texte nicht missbrauchen. Sie könnten aber auch Steilvorlage für Plagiate sein, unter anderem Namen veröffentlicht werden, verändert werden. Welche Konsequenzen Plagiate haben, darüber weiß die deutsche Gesellschaft mindestens seit Guttenbergs Dissertation gut Bescheid.

Bleiben wir beim literarischen Beispiel. Jedes Buch bietet einen mehr oder weniger großen Einblick in die Privatsphäre des Schriftstellers. Wie groß, das ist die Entscheidung des Einzelnen, und diese darf in keinem Fall beeinflusst werden. Jeder Mensch hat eine Privatsphäre: Wenn er gezwungen wird, sie zu zeigen, wird er gläsern, man kann durch ihn hindurchblicken. Je mehr ich von einem Menschen weiß, desto eher kann ich ihm gerecht werden: Das wäre die eine Sicht der Dinge. Die andere ist diametral entgegengesetzt: Je mehr ich von einem Menschen weiß, desto besser kann ich ihn gezielt lenken, ich kenne Schwachstellen und Vorlieben und kann diese nutzen. Das ist die andere Sicht der Dinge.

Die Privatsphäre ist eines der seit Jahren am heftigsten diskutierten Themen. Sie ist überall in Gefahr, man muss sich nur vor Augen führen, wie viel die Betreiber von Payback, DB oder auch die Krankenkassen über uns wissen, wenn wir unsere jeweiligen Karten dazu betrachten. Eine ganze Menge. Die Freiheit, die Lanier im Text oben anspricht, ist ein hohes Gut, das in Gefahr ist, als selbstverständlich angesehen zu werden. Durch den Lockdown in der ersten Corona-Phase wurde schlagartig bewusst, wie schnell Freiheit eingeschränkt werden kann und welche Konsequenzen daraus resultieren. Seitdem sind viele hellhörig geworden und ein Gut, das bis dato eher als selbstverständlich galt, wird plötzlich zu einem gesellschaftlichen Diskussionsthema.

Auch Macht wird nach Laniers Ansicht durch das Internet neu interpretiert. Heute sind nicht mehr die mächtig, die über ein Königreich bestimmen. Heute sind die mächtig, die über Daten bestimmen, so lautet sein klares Urteil. Macht verschiebt sich geradezu unbemerkt. Die Macht über Übersetzungen lag beispielsweise lang in den Händen der Übersetzer. Wird das auch künftig so bleiben? Oder wird es diesen Beruf irgendwann einmal nicht mehr geben? Lanier beschreibt die Veränderung in diesem Berufsstand, seitdem es maschinelle Übersetzungen gibt:

Im Grunde erscheint es wie Zauberei, dass man einen Satz zum Beispiel auf Spanisch […] hochladen kann und eine, wenn auch nicht perfekte, so doch zumeist verständliche Übersetzung in irgendeiner gewünschten Zielsprache erhält. Als ob es eine polyglotte künstliche Intelligenz gäbe, die da oben in der großen Serverfarmen-Cloud residiert.

Aber so funktionieren Cloud-Dienste nicht. Stattdessen wird eine Vielzahl von Übersetzungsbeispielen, die echte Menschen übersetzt haben, im ganzen Internet zusammengetragen. Diese werden mit dem Satz abgeglichen, den Sie zur Übersetzung losgeschickt haben. Fast immer stellt sich dabei heraus, dass sich in den zahlreichen früheren Passagen realer Menschen ähnliche Aussagen finden, daher ergibt eine Collage der früheren Übersetzungen ein brauchbares Ergebnis. […] Leider sind die früheren Übersetzer anonym und tauchen in den Bilanzen der Internetkonzerne nicht auf. […] Mit jeder automatischen Übersetzung werden die Menschen, die die Daten liefern, aus der Welt der bezahlten Arbeit und Beschäftigung gedrängt. (S. 45f.)

Das ist ja ein Horrorszenario. Das Internet als gewaltige Maschine, die alle Bereiche unseres Lebens mit der Zeit überrollt und zum Teil auch tötet. Genau zu dieser Thematik hat Marc Andreessen, ein sehr bekannter US-amerikanischer Softwareentwickler, Investor und Unternehmer am 20.8.2011 einen viel zitierten Artikel im Wall Street Journal geschrieben: Software is eating the world. So radikal ist Lanier nicht. Er ist primär fasziniert von den Möglichkeiten, die das Internet bietet, kritisiert aber die Praxis. Am Beispiel der frei verfügbaren Übersetzungen im Netz wird ein Kardinalproblem angesprochen. Die Daten wurden eingegeben, sie sind nicht vom Himmel gefallen. Je mehr Daten verfügbar sind, desto genauer kann eine Aussage getroffen werden, desto besser ist das Ergebnis. Die ethische Frage, woher sie kommen, wird erst einmal nicht gestellt. Es ist zu hoffen, dass die, die sie eingegeben haben, dafür auch bezahlt worden sind. Aber selbst wenn, sind sie nur für die einmalige Eingabe bezahlt worden. Auch Lanier stellte die Frage nach den Konsequenzen dieser Handhabe in seiner Begeisterung für all das, was möglich sein kann, erst einmal nicht. Er glaubte an eine gute Welt, in der vernünftige Menschen nicht unvernünftige Dinge tun würden.

Diese Ansicht vertritt er heute nicht mehr. Er sieht, dass viele Entwicklungen aus dem Ruder gelaufen sind. Viele Menschen auf dieser Welt nutzen unzählige Dienste, egal ob sie den schnellsten Weg von A nach B suchen oder wissen wollen, wo das gebuchte Feriendomizil genau liegt. Der Wert digitaler Bildungsangebote ist gerade in der Coronazeit sehr deutlich geworden, die freie Kommunikation über Kontinente hinweg hat unschätzbare Vorteile. Man erwartet heute, von wo auch immer, über das Internet Antworten auf Fragen zu erhalten, und ist schnell hilflos, wenn man in einem Funkloch sitzt oder selbst die Powerbank für den Akku leer ist. Der Segen hat aber einen Preis.

Lanier zitiert Aristoteles. Dieser hatte sich darüber Gedanken gemacht, welche Rolle der Mensch in einer hypothetisch hochtechnisierten Welt spielen würde. In seiner Politik schreibt Aristoteles:

Wenn jedes Werkzeug auf Befehl oder diesem zuvorkommend seine Leistung vollzöge, wie von den Bildsäulen des Dädalus die Sage geht oder von den Dreifüßen des Hephästos, die nach des Dichters Wort „aus eigenem Trieb sich in die Götterversammlung begeben“, wenn so die Webschiffe von selbst webten und die Zitherschläge spielten, ohne dass eine Hand sie führt, dann hätten weder der Meister ein Bedürfnis nach Gesellen noch die Herren nach Sklaven.“ (S. 49)

Aristoteles beschreibt roboterartige Dienste, die den Menschen von den Göttern geschenkt werden. Sehr zukunftsweisend eröffnet er den Blick in eine Welt, in der Maschinen Menschen von Sklavenarbeit befreien. Was ist aus dieser Prophezeiung heute geworden? Bestechende Realität. Aber diese Realität wirft nun Fragen auf, die Aristoteles noch nicht ahnen konnte. Er kümmerte sich nicht um die Konsequenzen der Automatisierung. Heute haben wir Automatisierung in allen Bereichen unseres Lebens, oft genug sind wir dafür auch dankbar. Wer wollte heute noch seine Wäsche per Hand waschen, das Haus mühsam mit Kohle und Feuer heizen? Wir sind froh für automatisierte Prozesse im Straßenverkehr, bei der Lebensmittelherstellung etc.

Automatisierungsprozesse setzen Kapazitäten frei, die der Mensch anderweitig nutzen kann. Was war ich froh über den Sprung von der Schreibmaschine zum PC, den ich zwischen Magisterarbeit und Dissertation erlebte. Der Eintritt in die digitale Welt wurde mehr und mehr der Eintritt in ein anderes Denken. Heute erinnere ich mich höchstens noch nostalgisch verklärt daran, wie mühsam manches während meiner Studienzeit war. In dieser Studienzeit habe ich über die Bedeutung des Ghostwriters für die Literatur meine Dissertation geschrieben und mich intensiv mit der Epoche beschäftigt, in der das Urheberrecht bitter erkämpft wurde. Das geistige Eigentum, welch eine Errungenschaft! Derzeit kämpfen Künstler und Schriftsteller um den Bestand des Urheberrechtes: Die Vorstellungen darüber, wie und ob Daten geschützt werden sollen, spalten die Welt.

Jaron Lanier arbeitet nach wie vor daran, die digitale Welt zu verbessern. Er ist überzeugt von den großen Möglichkeiten der positiven Entwicklung dieser Welt, appelliert aber daran, die digitale Welt nicht zu vergöttern. Für ihn sind Computer nichts als Raumwärmer, die Muster erzeugen. Menschen dürfen ihre Macht nicht an sie abgeben. Wenn das geschieht, kommt es unweigerlich zu Ohnmacht, eine Ohnmacht, die jeder schon einmal erlebt hat, der den Kampf mit dem Computer verloren hat. Lanier warnt davor, dass die Besonderheit des Menschen in Gefahr ist. Er warnt vor Missbrauch, der zu unvorstellbarer Manipulation führen kann. Die eigentlichen Profiteure seien die großen Internetkonzerne, die Währung von heute sei nicht mehr das Geld, sondern die Daten. Je mehr Daten ein Unternehmen vom Einzelnen habe, desto genauer wüssten diese Konzerne, wie der Einzelne lebt, was er benötigt, was seine Wünsche sind. Entsprechend kann reagiert werden. Konsequenz ist, dass die Menschen, die bei diesem Angebot nicht mitmachen, schnell außen vor sind und Nischenangebote keine Chance haben. Wem gehört die Zukunft? Dieser Titel sollte als Einstiegsfrage in unserer gesellschaftlichen Diskussion einen weit größeren Raum erhalten, als es bislang der Fall ist. Wie soll die Welt aussehen, in der ich leben möchte?

Lanier warnt auch davor, dass Algorithmen zu neuen Göttern werden, die dem Menschen sagen, welcher Partner zu einem am besten passt, welche Lebensweise für den Einzelnen die gesündeste ist, wer unsere Freunde sind oder sein könnten. Wie wichtig Algorithmen sind, zeigt das jüngste Beispiel für Macht im Internet und in der realen Welt: TikTok. Diese App konnte in wenigen Monaten hunderte Millionen Nutzer gewinnen, weil ihre Algorithmen besser sind als die von Facebook oder Youtube. Das Beispiel zeigt, dass irgendwo, auch in totalitären Staaten, neue Machtzentren entstehen, die noch weniger unter demokratischer Kontrolle stehen, als Google oder Facebook.

Lanier warnt davor, dass der Mensch, der lange Jahrhunderte gekämpft hat, bis er einen Begriff von Autonomie für sich entwickeln konnte, diesen nicht freizügig und gutgläubig abgibt. Um dem zu entgehen, fordert er eine breite Diskussion über das, was Humanismus heute bedeutet. Macht und Ohnmacht liegen Seite an Seite, der Mensch bereitet ihnen das Bett und sollte entscheiden, wem er die wärmere Decke zukommen lässt.

Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft? „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne, Du bist ihr Produkt“, übersetzt von Dagmar Mallett und Heike Schlatterer, Hamburg (Hoffmann und Campe), 2014

Ein Gedanke zu „Jaron Lanier: Wem gehört die Zukunft?“

  1. Wem gehört die Zukunft? Eine wichtige Frage. Ermächtigen uns die digtalen Medien oder entmachten sie uns? Nun, mir scheint, sie haben weder die eine noch die andere “Macht” – wir sindgg es, die diese haben und nach Maßgabe unserer Möglichkeiten ausüben.

    Der Text bieten Anknüpfungspunkte für ca. 3659 Seiten, ich beschränke mich und möchte nur zu 2 Punkten etwas schreiben:

    a. Wir wählen unsere Repräsentanten und die entscheiden über dies und das und eben auch darüber, was mit den Daten passiert / passieren darf, die “die digitalen Medien” sammeln. Auch über Quotenfrauen, Rüstungsexporte, Diäten, … Wenn wir damit nicht einverstanden sind, müssen wir sie abwählen oder andere Formen der Partizpation wählen. Da oder dort.

    b. So auch darüber: Eine Gesellschaft entwickelt sich, Berufsbilder ändern sich, verschwinden, techn(olog)ischer Fortschritt, Umweltbewusstsein wirken darauf. Wollen wir Stillstand, damit für alle alles so bleiben kann, wie es war? Gilt es nicht vielmehr, allen Möglichkeiten zu eröffnen, den Wandel mitzugestalten? Auch das eine Aufgabe der Politik, aber auch für uns selbst.

    Das Übersetzer*innenbeispiel erscheint mir probat: Simple Informationsübersetzung können digitale Medien inzwischen definitiv besser und schneller als Menschen. Das ist gut, so gut wie Eisenbahn, die den Transport von a nach b besser und schneller organisiert als die Postkutsche. Und wenn sie dafür Big Data nutzen können – umso besser, weil diese Übersetzungen dann besser werden. Ich wüsste nicht, warum ich das bedauern sollte.
    Was sie – zumindest bisher – nicht können: Zwischen den Zeilen lesen, Modalpartikel interpretieren und verwenden, Beziehungen zwischen den “Parteien” gestalten. Das genau ist das Feld, das – zumindest bisher – den Menschen vorbehalten ist. Aus meiner Sicht also: die digitalen Medien zu benutzen, um die Standardaufgaben zu erledigen, und dann unbelastet an das Finetuning gehen und das spezifisch humane Pontenzial einbringen.
    Essenziell: die digitale Ermächtigung der Menschen – ohne wird Digitales zur Bedrohung.
    Wie gesagt: Ich könnte Seiten füllen und bin auf sehr viele Aspekte dieses so reichhaltigen Beitrags nicht eingegangen. Danke dafür, liebe Frau Mielke, Sie setzen Gedankenströme frei. Ich hoffe, meine Kanalversionen sind irgendwie fruchtbar.
    Viele Grüße in die Runde
    Angelika Braun

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