Heinrich Heine: Ich wollte bei Dir weilen (1823)

Ich wollte bei dir weilen
Und an deiner Seite ruhn;
Du mußtest von mir eilen;
Du hattest viel zu tun.

Ich sagte, daß meine Seele
Dir gänzlich ergeben sei;
Du lachtest aus voller Kehle,
Und machtest ´nen Knicks dabei.

Du hast noch mehr gesteigert
Mir meinen Liebesverdruß,
Und hast mir sogar verweigert
Am Ende den Abschiedskuß.

Glaub nicht, daß ich mich erschieße,
Wie schlimm auch die Sachen stehn!
Das alles, meine Süße,
Ist mir schon einmal geschehn.

Das Gedicht beschreibt im Grunde das Lebensthema Heines: den Kampf zwischen Macht und Ohnmacht. Dieser Kampf wird hier von einem Mann und einer Frau ausgetragen. Am Ende wird abgerechnet. Problemlos ließe sich dieses Gedicht auch auf andere Kämpfe übertragen, naheliegend wäre zum Beispiel, der Kampf der Juden, die sich durch Taufe zwar assimilieren aber letztlich nicht mehr als Hohn ernten.

Aber bleiben wir erst einmal streng beim Wortlaut des Gedichtes. Es geht um eines der großen Heine-Themen: die vergebliche, die unerwiderte, die aussichtslose Liebe. Hier spricht ein Mann, der verlassen worden ist. Voraus gingen Verhöhnungen seitens seiner Geliebten. Nun, da sie fort ist, befreit er sich aus seiner Ohnmacht, die sicher länger gedauert hat und wirft ihr geradezu ein sehr selbstbewusstes Gedicht hinterher. Was ist da passiert? Ein Mensch berichtet abgeklärt vom Ende einer Zeit. Er hat etwas begriffen, und zwar zu akzeptieren, dass etwas vorbei ist. Er hat auch begriffen, was Lebenswille heißt und dass nur dieser Lebenswille in eine Zukunft führen kann. Allein der Titel Ich wollte bei dir weilen – er wird im ersten Vers der ersten Strophe wiederholt und dadurch auch verstärkt – lässt verschiedene Deutungen zu. Das Wort „weilen“ ist in der Romantik gebräuchlicher gewesen als bei uns. Heute wird es noch im Sinne von: „sich an einem Ort aufhalten“, „an einem Ort sein“ gebraucht., in der Bedeutung „mit jemandem zusammen sein“ ist es so gut wie verschwunden. Der Titel steht im Präteritum: Ich wollte bei dir weilen zeigt, dass das Geschehen in der Vergangenheit liegt. Aber es beschäftigt ihn noch, hat also noch Macht über ihn.

Das Gedicht plätschert, wie bei Heine so oft, munter dahin, obwohl es gar keinen munteren Inhalt hat. Wir haben es mit vier formal äußerst schlichten Strophen mit Kreuzreimen zu tun, die gut und gern Vorlage eines Liedes sein könnten. Streng regelmäßig ist die alternierende Kadenz, erster und dritter Verse enden jeweils mit weiblicher Kadenz, zweiter und vierter mit männlicher. Nur in der vierten Strophe gibt es einen unreinen Reim: erschieße reimt mit süße.

Die Trennung ist offensichtlich von der Geliebten ausgegangen. Der Mann hatte andere Absichten: Ich wollte mit dir weilen und an deiner Seite ruhn. Das klingt für mich nicht nach Casanova sondern drückt einen Wunsch nach Nähe und Ruhe aus. Vielleicht unternahm er nicht gerade viel für die Freude des miteinander Weilens. Vielleicht war aber auch die Geliebte d e r Ruhepol in seinem Leben, der Mensch, auf den er bauen konnte, der ihm Kraft gab, sein Fels in der Brandung. Heine kann zu der Zeit, als er das Gedicht schreibt, noch nicht ahnen, dass er jahrelang durch seine Krankheit an eine Matrazengruft, wie er sie nannte, gekettet sein würde, und seine Frau hinaus ins pralle Leben muss, um den Lebensunterhalt mit zu finanzieren. Heines Gegenbild zur Ruhe ist im Gedicht die Eile. Die Geliebte musste von ihm eilen, sie hatte viel zu tun. Was sie macht, warum sie eilen musste, all das verschweigt das Gedicht. Aber Du musstest von mir eilen, du hattest viel zu tun zeigt, dass da schon länger eine Entfernung von zwei Lebenswelten gelebt wurde.

In der zweiten Strophe erfahren wir, dass seine Seele ihr ganz ergeben sei. Das Bild der Seele, die einem Mensch ergeben ist, ist rätselhaft. Kann ich das überhaupt, einem Menschen meine Seele gänzlich geben? Im übertragenen Sinn kann ich das Bild verstehen: Ich gebe dem anderen alles, er bedeutet mir alles. Das ist ein Bild für sehr große Innigkeit, für eine tiefe Liebe. Diese war der Geliebten aber wohl zu viel, sie wollte etwas anders oder wusste mit dieser Ergebenheit nichts anzufangen. Wenig sensibel macht sie das deutlich. Sie lachte aus voller Kehle und machte nen Knicks dabei. Dieses Lachen ist ein Auslachen und zeigt ihre Verachtung ihm gegenüber in dem Sinne von: Da ist ein Einfältiger, der einfach nicht merkt, was Sache ist. Da kann man nichts anderes tun, als lachen und knicksen. Der Knicks unterstreicht den Hohn, er ist hier eine Geste der Verachtung. Und das umgangssprachliche nen verstärkt nochmals die Wirkung. Man kann sich geradezu die Grimasse dazu vorstellen.

In der dritten Strophe wird von Liebesverdruß gesprochen, den die Geliebte noch mehr gesteigert hat. Auch hier wird nicht erklärt, was genau mit Liebesverdruß gemeint ist. Ein Verdruss stellt sich ein, wenn etwas langweilig und eintönig wird, zu lange andauert oder sich nicht verändert. „Ich bin etwas leid“, das wären vielleicht die treffenden Worte, um einen Verdruss zu beschreiben. Das geht normalerweise nicht plötzlich, sondern steigt allmählich an, bis das Fass überläuft. Der Liebesverdruß, von dem hier gesprochen wird, muss schon länger da gewesen sein. Die Geliebte hat ihn nur gesteigert, aber möglicherweise gar nicht verursacht. Weder über die Ursachen noch über die Auswirkungen berichtet Heine. Versteckt sich hier Selbstmitleid, ein bewusstes Hinweisen darauf, dass er Opfer ist, dass er ohnmächtig zusehen muss, was mit ihm geschieht? Dass der Abschiedskuss verweigert wird, ist eigentlich nur schlüssig. Warum einen Menschen küssen, den man nicht mehr liebt?

Die letzte Strophe klingt geradezu triumphal. Die Rechnung wird nun ausgeglichen. Macht und Ohnmacht sind auf einer Linie. Die Geliebte täuscht sich, sollte sie geglaubt haben, sie stürze den Mann durch ihren Weggang in tiefe Trauer. Beileibe nicht. Er zahlt in gleicher Währung zurück. Hier spricht ein sehr selbstbewusstes und stolzes “Ich“, ein fester Charakter, weit weg von jeder Ohnmacht und Bewegungsunfähigkeit, hier spricht ein Mensch, der sein Leben im Griff hat und sich nicht brechen lässt. Nein, er ist kein Werther, er erschießt sich nicht. Ungesagt wird ausgedrückt: Das ist sie mir nicht wert. Und diese geringe Wertschätzung gipfelt in der Bezeichnung Süße und dem Hinweis, sie sei nur eine in der Reihe von anderen, die er wohl auch vorher schon hatte, also nichts Besonderes. Damit zieht er mit ihr gleich. Hohn hier und Hohn auch da.

Was bleibt? Welche Wirkung hat das Gedicht? Seine Tiefe erkennt man, wenn man es aus der Zeit Heines versteht. Dann wirkt es geradezu revolutionär, romantisches Denken scheint weit weg, es winkt bereits eine neue Zeit. Heines Humor besticht. Er fühlt sich in einen Menschen hinein, der verschmäht, benachteiligt, zu kurz gekommen ist. Auch wenn wir es dem lyrischen Ich nicht komplett abnehmen, dass er so gutmütig und unschuldig ist, wie es sich darstellt, die humorvolle Betrachtung der Situation nimmt die Dramatik und verweist darauf, dass es auch aus der schlimmsten Lage ein Entkommen gibt.

Heine schreibt das Gedicht im Alter von 26 Jahren. Sein Leben verläuft nicht auf einer Paradestraße, Vieles ist im Argen: Die unglückliche Liebe zu seiner Cousine Amalie sitzt ihm noch im Nacken, ebenso ist er verzweifelt über den Krebsgang des politischen Weges Deutschlands, er sieht einfach keinen Fortschritt. Seine schwache Gesundheit zwingt ihn immer zu Erholungsphasen an der Nordsee. Auch sein beruflicher Weg ist holprig. Nachdem klar war, dass er nicht geeignet sein würde, das väterliche Tuchgeschäft zu übernehmen, beginnt er mit dem Jurastudium, das ihn eher abstößt als begeistert. „Meine Muse trägt einen Maulkorb, damit sie mich beim juristischen Strohdreschen mit ihren Melodien nicht störe.“ zitiert Wolfgang Hädecke in seiner Heine-Biographie aus einem Brief Heines. (S. 180) Seine Familie gehörte zur Kaste der Hofjuden, die an zahlreichen Fürstenhöfen zwischen dem 17.-19. Jahrhundert eine große Rolle spielten. Diese Zeit ist nun endgültig vorbei, für Juden beginnt eine schwere Epoche. Die Familie lebt in Düsseldorf, das seit 1796 unter französischer Besatzung steht und daher immer mehr unter Druck gerät. Die Eltern Heines leben säkular, seine Mutter verachtet all die literarischen Bemühungen und tut alles, um aus dem jungen Heine Glaube und Poesie zu treiben. Heine lässt sich taufen, eine Voraussetzung für die Niederlassung als Advokat oder den Eintritt ins Staatswesen, steht aber weder hinter der christlichen noch hinter der jüdischen Religion und kritisiert die Aussichtslosigkeit all der Versuche der Juden, sich zu emanzipieren. Seine Taufe bringt ihm nichts, er revoltiert zunehmend, in Deutschland werden seine Texte verboten. Heine geht 1831 ins Exil nach Frankreich, heiratet eine Frau aus der Unterschicht und lebt mit ihr bis zu seinem Lebensende 1856 glücklich zusammen, ist aber zeit seines Lebens auf finanzielle Unterstützung der Familie angewiesen.

Heine vollendet und überwindet die Romantik gleichermaßen. Er ist einerseits Sprecher des Jungen Deutschland, andererseits steht er tief in der Nachfolge Goethes. Die einen heben ihn in den Himmel, die anderen wünschen ihn zum Teufel. Geradezu unmöglich ist es, ihn einigermaßen einheitlich zu beurteilen. Marcel Reich-Ranicki nannte ihn sogar einen Weltpoeten. „Um meine Wiege spielten die letzten Mondlichter des achtzehnten und das erste Morgenrot des neunzehnten Jahrhunderts.“ Mit diesen Worten beschreibt Heine den Tag seiner Geburt 1797. Nicht nur ein Jahrhundert geht zu Ende, eine ganze Epoche verabschiedet sich. Die feudale Welt geht unter, die Morgenröte der bürgerlichen Gesellschaft kommt auf. Möglicherweise stehen wir heute auch vor einem ähnlich intensiven Umbruch.

Das Gedicht und die Heine-Zitate sind entnommen: Heinrich Heines Werke in fünf Bänden, 1. Band Gedichte, Berlin und Weimar (Aufbau Verlag) 1981

Das Zitat von der Muse mit Maulkorb stammt aus Wolfgang Hädecke. Heinrich Heine. Eine Biographie, München 1983

2 Gedanken zu „Heinrich Heine: Ich wollte bei Dir weilen (1823)“

  1. Jeden Schritt Ihrer Analyse kann ich nachvollziehen, liebe Frau Mielke. Meine Lesart (Empfindungen beim Lesen) kann sich an Ihrer Äußerung verankern „Auch wenn wir es dem lyrischen Ich nicht
    komplett abnehmen, dass er so gutmütig und unschuldig ist, wie es sich darstellt“. Aus meiner Sicht übt nicht die „geliebte“ Frau sondern das lyrischeIch aus, das sich der (nur angeblich) „geliebten“ Frau überstülpt, sie vereinnahmen möchte, ohne wahrzunehmen, welche Gefühle sie hat. Heine würde dann vielleicht sogar zeigen, dass diese Sicht auf eine Beziehung bei attraktiven (selbstbewussten) Frauen nur scheitern kann. Das könnte sein Weltpoetentum begründet haben.

  2. Ich kann die Liebe unmöglich unter dem Aspekt von Macht und Ohnmacht sehen, denn sie kann nicht erzwungen werden, sie ist nur in Freiheit möglich; sie ist ein Angebot, das das Gegenüber annehmen kann, aber auch ablehnen darf.
    Es geht also um Erfüllung oder Versagen. Genau davon spricht Heine in seinem Gedicht: der Liebende wird in seinem Liebeswunsch nicht erhört, sogar ausgelacht, es ist ein Spiel, auf das der Liebende adäquat reagiert, indem er der „Süßen“ signalisiert, dass er die Spielregeln verstanden hat. Er jammert nicht und fordert nicht ein, denn er weiß, dass es keinen Anspruch auf Liebe gibt und akzeptiert, dass ihm auch diesmal die Erfüllung versagt bleiben wird.
    Heines Liebesgedichte gehören zu den schönsten der romantischen Literatur, besonders 2 andere: „Leise zieht durch mein Gemüt“ und „Im wunderschönen Monat Mai“
    Heine verkörpert, was später Fontane so fordern wird „O lerne denken mit dem Herzen, und lerne fühlen mit dem Geist.“

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