Heinrich Böll: Du fährst zu oft nach Heidelberg

Heinrich Böll vorstellen, hieße, Eulen nach Athen tragen. Moment! Nicht in der Generation U 30. Böll ist schon seit langem kein Schulstoff und daher verbinden viele junge Menschen nichts mit dem Namen. Das ist generell nicht dramatisch, es gibt viele gute Schriftsteller. Es ist unmöglich, alle zu kennen. Ich musste leider auch im vergangenen Jahr bei der Sommerakademie der Begabtenförderungswerke feststellen, dass selbst Stipendiaten der Heinrich Böll Stiftung nicht unbedingt wissen, wer Heinrich Böll ist.

Außerdem gibt es viele, bei denen Böll von der Schule kaputt gelehrt wurde. Zu denen zähle ich mich. Böll habe ich in meinem Studium niemals gesucht. Aber er hat mich in meinem Rigorosum eingeholt. Da wurde ich von meinem sehr verehrten Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Arnold Rothe gebeten, den Titel: Im Tal der donnernden Hufe nach allen möglichen Funktionen hin einzuordnen. Das konnte ich. Ich hatte ja etwas gelernt über poetische, phatische, Ausdrucks- Referenzfunktion etc. Aber leider kam die Frage: „Wissen Sie von wem dieser Titel stammt?“ Selbstherrlich verwies ich darauf, dass derartige Literatur nicht von mir gelesen würde. Er nickte, und dann kam der furchtbare Satz: „Der Titel stammt von Böll.“ Mein Doktorvater schmunzelte, ließ mich aber dennoch bestehen, und zwar recht ordentlich. Nach dieser Prüfung, – damals gab es noch keine von Arbeitsgruppen organisierten Feiern im Anschluss -, ging ich still und allein in den nächsten Buchladen und kaufte mir die Kurzgeschichtensammlung Als der Krieg ausbrach, in der die Geschichte mit dem besagten Titel zu finden ist.

Heinrich Böll ist sicher einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit. Vor 75 Jahren erleben die Menschen in diesen Maitagen das Ende des Krieges. Böll ist 28 Jahre alt. Den Krieg hat er mehrfach verwundet und an Typhus erkrankt überstanden. Er ist in amerikanischen und britischen Lagern interniert und hat die ganze Zeit über nicht aufgehört, Kleist, Hölderlin, Hebel und Kafka zu lesen. Eine literarische Überlebensstrategie. Er schreibt viel aus der Perspektive einer Jugend, die nicht gelebt werden konnte. Fünf Jahre nach Kriegsende kommt sein Buch Wanderer, kommst Du nach Spa… heraus. Hier ist er bereits Meister der Kurzgeschichte. Er erhält den Preis der Gruppe 47, dann den Büchnerpreis und dann 1972 den Nobelpreis. Böll ist ein politischer Schriftsteller, ein Schriftsteller, der sich für Menschenrechte genauso wie für Pressefreiheit einsetzt. Man kann ihn als kritischen Moralisten bezeichnen, der sich ethisch-satirisch mit der zeitgenössischen Gesellschaft auseinandersetzt, oft genug in knapper, konzentrierter und offener Erzählform. Und genau hier liegt der Knackpunkt. Vieles dieser Zeitgeschichte wird nicht erzählt sondern als gewusst vorausgesetzt. Und warum auch immer, Vieles ist dem heutigen Leser nicht mehr präsent.

Wir sind beim Thema unserer heutigen Kurzgeschichte angekommen. Du fährst zu oft nach Heidelberg, 1977 geschrieben und Klaus Staeck gewidmet, der weiß, dass die Geschichte von Anfang bis Ende erfunden ist und doch zutrifft.

Hier gerät der Leser vielleicht schon ins Stocken. Wer ist Klaus Staeck? Er spielt in der Geschichte keine Rolle, die Heidelberger kennen ihn. Aber wem ist er sonst ein Begriff? Jedenfalls erzählte Klaus Staeck Böll den Plot der Geschichte. Staeck war damals ein weit über die Stadtgrenzen hinweg bekannter Graphiker und Karikaturist mit klarer politischer Positionierung.

Auffällig ist, was alles in dieser Geschichte nicht gesagt wird von diesem namenlosen Erzähler, der in erlebter Rede spricht. Der Erzähler hat sich aus kleinen Verhältnissen hochgedient, hat studiert, steht kurz vor der Festanstellung im Schuldienst, eine Beamtenlaufbahn winkt bereits. Alles stimmt, bis auf die Tatsache, dass er zu oft nach Heidelberg fährt und dort Chilenen betreut, heute würde man sagen: Migrantenhilfe leistet.

Du weißt, daß ich dich sehr, sehr gern habe, und ich weiß, daß du ein prima Kerl bist, du hast nur einen kleinen Fehler: du fährst zu oft nach Heidelberg.

Das sind die entscheidenden Worte, gesprochen von seiner Verlobten, die die Verbindung löst. Was an seinen häufigen Fahrten nach Heidelberg so dramatisch ist, dass private Perspektive und Karriere daran scheitern, das wird nicht gesagt. Aber lieber der Reihe nach:

Die Erzählung liest sich flüssig. Sie beginnt, wie bei Kurzgeschichten üblich in medias res:

Abends, als er im Schlafanzug auf der Bettkante saß, auf die zwölf-Uhr-Nachrichten wartete und noch eine Zigarette rauchte, versuchte er im Rückblick den Punkt zu finden, an dem ihm dieser schöne Sonntag weggerutscht war.

Er lässt den Tag Revue passieren, den er bei seinen Eltern verbracht hat kurz nach der Abschlussprüfung seines Studiums. Dabei erfährt der Leser viel über Gewohnheiten seines Lebens und auch über das Verhältnis zu seinen bürgerlichen Eltern, die stolz auf ihn sind und immer wieder sagen:

Nun hast du‘s ja fast geschafft; nun hast du‘s ja bald geschafft.“. Die Mutter hatte „bald“ der Vater „fast“ gesagt, und immer wieder der wohlige Rückgriff auf die Angst der vergangenen Jahre, die sie einander nicht vorgeworfen, die sie miteinander geteilt hatten: über den Amateurbezirksmeister und Elektriker zum gestern bestandenen Examen, überstandene Angst, die anfing, Veteranenstolz zu werden. (…) Dieses „fast“ und „bald“ hatte ihn unruhig gemacht.

In dieser Passage zeigt sich viel von der Atmosphäre, die die Zeit prägte. Mit keinem Wort werden in der Erzählung Begriffe genannt, die die politisch-soziale Situation der Zeit kennzeichnen und die für das Verständnis der Geschichte elementar sind. Baader-Meinhof, Terror, RAF, Radikalenerlass, Berufsverbot bleiben unerwähnt. Die Angst der Eltern, dass der Sohn das begehrte Ziel nicht erreichen könnte, dass er in Kreise gerät, die seine Zukunft kaputt machen könnten, drückt sich im fast und im bald aus und kulminiert in der Frage des Vaters: Fährst du immer noch so oft nach Heidelberg?

80 km weit ist die Stadt entfernt und der Erzähler fährt dort zwei bis dreimal die Woche hin. Was an dieser so romantischen Stadt am Neckar so interessant für den Erzähler ist, weiß der Leser zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Dezent und gerade deswegen erschreckend ist die Szene im Elternhaus der Verlobten des Erzählers beschrieben. Dr. Schulte-Bebrung und seine Frau wohnen in großbürgerlichen Verhältnissen:

Die Terrasse war größer, die Jalousie, wenn auch verblasst, großzügiger, eleganter das Ganze, und sogar in der kaum merklichen Verkommenheit der Gartenmöbel, dem Gras, das zwischen den Fugen der roten Fliesen wuchs, war etwas, das ihn ebenso reizte wie manches Gerede bei Studentendemonstrationen;

Dr. Schulte-Bebring bittet ihn in seine Garage, um ihm sein neu erworbenes Fahrrad zu zeigen. Und geradezu beiläufig fragt er, wie lang man mit diesem Prachtschlitten brauchen würde, um von hier nach – sagen wir Heidelberg zu fahren? (…) Und wie lang brauchst Du nach Heidelberg?

Es wirkt schon nicht mehr zufällig, das große Interesse an Heidelberg. Als dann auch noch die Verlobte Carola die Beziehung beendet mit dem Hinweis auf seine häufigen Heidebergfahrten, ist das eine klare Vorwegnahme dessen, was ihn am nächsten Tag erwarten wird, wenn er zum entscheidenden Einstellungsgespräch geladen ist. Carola sagt:


Du weißt, dass ich dich sehr sehr gern habe, und ich weiß, dass du ein prima Kerl bist, du hast nur einen Fehler:du fährst zu oft nach Heidelberg.

Es konnte nicht Eifersucht sein. Sie wusste doch, dass er dort zu Diego und Teresa fuhr, ihnen beim Übersetzen von Anträgen half, beim Ausfüllen von Formularen und Fragebögen; dass er Gesuche aufsetzte, ins Reine tippte; für die Ausländerpolizei, das Sozialamt, die Gewerkschaft, die Universität, das Arbeitsamt; dass es um Schul-und Kindergartenplätze ging, Stipendien, Zuschüsse, Kleider, Erholungsheime; sie wusste doch, was er in Heidelberg machte….

Die Geschichte geht dann schnell zu Ende. Das Gespräch mit dem Beamten aus dem Kultusministerium am nächsten Morgen ist knapp. Alles ist gut, es gibt eben nur diesen einzigen Makel. Und der Erzähler weiß, welchen er meint. Da hilft dann auch nicht die verzweifelte Erklärung des ihm eigentlich freundlich gesinnten Beamten:

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie peinlich mir das ist. Ich habe Ihren Weg, einen schweren Weg mit Sympathie verfolgt – aber es liegt da ein Bericht über diesen Chilenen vor, der nicht sehr günstig ist. Ich darf diesen Bericht nicht ignorieren, ich darf nicht. Ich habe nicht nur Vorschriften, auch Anweisungen, ich habe nicht nur Richtlinien, ich bekomme auch telefonische Ratschläge.

Der Erzähler verlässt emotionslos das Büro. Dass er nicht rebelliert, dass er widerspruchslos die haarige Begründung akzeptiert, dass sich der freundliche Beamte hinter Richtlinien unklaren Richtlinien versteckt und auf telefonische Ratschläge verweist, das alles hinter lässt beim Leser ein Gefühl der Ohnmacht. Der Erzähler schmiedet in Gedanken bereits Alternativpläne für seine Zukunft, merkt, dass er sich nicht von der Sekretärin verabschiedet hat und holt das noch nach. Damit endet die Geschichte.

Unser Erzähler ist eigentlich ein völlig unpolitischer Charakter, den Meldungen der Nachrichten hört er nur mit halbem Ohr zu. Seine Verlobte wirft ihm vor, zu bürgerlich gekleidet zu sein. Auf die Frage eines Mitbewerbers ob er Kommunist sei antwortet er: Nein, nein, wirklich nicht nimm‘s mir nicht übel. Was ist das Vergehen des Erzählers? Er hilft chilenischen Flüchtlingen. Eigentlich ein rein humaner Akt. Seine freie Entscheidung.

Diese Erzählung fährt in die Knochen und bleibt in Erinnerung. Sie ist nichts für die schöne Mailektüre auf dem Liegestuhl im Garten. Oder gerade doch? Hier geht es um Unfreiheit in einem freien Land. Und hier geht es um Wachsamkeit gegenüber Verordnungen, Richtlinien, deren substantielle Begründung in Frage gestellt werden muss. Leider kein Einzelfall in einer vergangenen Geschichte. Leider sehr aktuell.

Anfangs dachte ich: Ich scheitere an dieser Geschichte. Böll hat mich wieder einmal ausgebremst und mir gezeigt, dass ich Literatur noch weit demütiger begegnen sollte. Ein rein werkimmanenter Zugang, den ich generell unterstütze, scheitert hier. Von daher recherchierte ich: 1968 wurden die Notstandsgesetze verabschiedet. Die Große Koalition unter Bundeskanzler Hans Georg Kiesinger hatte eine überwältigende Mehrheit, Opposition formierte sich außerparlamentarisch, mitunter vorrangig in Universitätsstädten. Überall herrschte Anspannung. Besonders Verfassungsfeinde sollten es nicht in den öffentlichen Dienst schaffen. 1972 kam es zum Radikalenerlass, der den Staat vor subversiven Bestrebungen schützen sollte. Nur wer beweisen konnte, dass er die freiheitlich-soziale Ordnung unterstützt, durfte für den Staat arbeiten. Der Rechtsstaat wurde umgedreht, eigentlich hätten die Behörden den Beweis erbringen müssen, dass eine Unzuverlässigkeit vorlag. Der Erlass wurde erst 1978 auf Bundesebene aufgehoben.

Kann man Böll auch ohne Kenntnis dieser Hintergründe lesen? Hier denke ich an ein eingeschränktes „Ja“. Böll fordert literarisch zur Wachsamkeit auf. Und die ist immer gut. Und er fordert dazu auf, Richtlinien zu hinterfragen, sich nicht einfangen zu lassen. Genau das tut der Erzähler nicht. Er kapituliert. Aber er lässt sich auch nicht kaufen, bleibt sich selbst treu. Er fährt trotz Berufsverbot weiter nach Heidelberg.

Heinrich Böll: Du fährst zu oft nach Heidelberg und andere Erzählungen, München (dtv), 1981

Die Kurzgeschichte ist online verfügbar:

https://aventin.de/du-faehrst-zu-oft-nach-heidelberg/

Ein Gedanke zu „Heinrich Böll: Du fährst zu oft nach Heidelberg“

  1. Ich träume von einem Staat, in dem ich nicht alles zu hinterfragen brauche. In dem ich das C, das D, das S nicht nur eine Worthülse ist, sondern in dem ich mich auf deren realpraktische Zuverlässigkeit verlassen kann und meine persönlichen Begabungen und Interessen verwirklichen kann. Vielleicht bin ich zu fantasielos oder zu träge, für die Verwirklichung meines Traumes zu kämpfen.

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