Joseph von Eichendorff: Sehnsucht

Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab’ ich mir heimlich gedacht:
Ach wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!

Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.

Sie sangen von Marmorgebildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.

Wir sind im Jahr 1834, Eichendorff ist 36 Jahre und gehört schon lang zu den wichtigsten Dichtern der Romantik. Er stammt aus einem verarmten schlesischen Adelsgeschlecht, – sein Vater war so hoch verschuldet, dass er monatelang vor seinen Gläubigern auf der Flucht war, – seine Mutter, die Baronin, hat nach dem Tod ihres Gatten 1818 den größten Teil des Forstes rund um ihr Schloss Lubowitz kahlschlagen lassen, um ihre privaten Schulden zu tilgen. Kapitalgerichtete Technik, Industrialisierung, die rasant zunehmende Geschwindigkeit des modernen Lebens konfrontieren den jungen Eichendorff mit Fragen, die die Zeit vor ihm nicht gestellt hatte. Der Raubbau in allen Bereichen geht nicht spurlos an ihm vorbei. Er hat seine Studienjahre hinter sich und ist Jurist und Dichter gleichermaßen. Jurist, um seine Familie zu ernähren, Dichter, um innerlich am Leben zu bleiben. Er muss sich spüren, um seinen Brotberuf ausüben zu können, allein von der Juristerei wäre das nicht gegangen.

In den dreißiger Jahren lässt er sich in Berlin nieder. Die Revolutionswellen, die Europa ab 1830 im Griff haben und die Krise des Cholerajahres 1831 können durchaus als ein Wendepunkt seines Lebens betrachtet werden. Die Sehnsucht nach einer anderen Welt jenseits von Krise, nach einer Welt, in der der Mensch Mensch sein darf, diese Sehnsucht bricht mit Vehemenz in sein Werk ein. In dieser Zeit arbeitet er meist im Kultusministerium, muss dauernd befürchten, zurückversetzt zu werden und wandelt sich von einem Dichter der Romantik zu einem Dichter des Vormärz. Er merkt, so lange hat er nicht mehr Zeit, es muss sich etwas tun, es drängt ihn in eine andere, bessere Welt. Für Heinrich Heine und viele andere neue Dichter wird er Vorbild.

In dieser Zeit ist auffallend, dass in Eichendorffs Gedichten immer wieder Wälder rauschen, Nachtigallen schlagen, Brunnen plätschern, Ströme blitzen. Immer wieder kommen Lichter von der Ferne, von Bergen, aus der Tiefe. Metaphorisch wird die Trennung des modernen Menschen von der Natur beschrieben, das Leid, sich in einer Welt zu finden, die nicht die gewollte ist und die Sehnsucht nach einer anderen. Sogar die von der modernen Technik verstörte Poesie der Wanderschaft, – eines der Grundmotive, auf denen die Romantik aufbaute, – werden zu Chiffren seines Inneren: Eine Sehnsucht danach, dass sich Getrenntes wieder zusammenfügt. Eichendorff, fragt, bittet, dankt, und in vielen Gedichten ruft er Gott an. Wie Bach in der Musik so kann man mit Fug und Recht behaupten, ist das Werk Eichendorffs eine Lobeshymne Gottes. Und so wie Menschen heute auch ohne diesen religiösen Bezug Bachs Musik genießen können, so kann man auch völlig säkular die Gedichte Eichendorffs genießen. Wenn der Lobpreis Gottes fehlt, fehlt die Quelle, aber das Kunstwerk bleibt.

Eichendorff ist sich bewusst, dass er an der Schwelle einer neuen Zeit steht. Die Krise ist so groß, dass es ein „weiter so“ nicht geben kann. Wie reich beschenkt sind wir heute, wenn wir uns in unserer Krise vor Augen führen, dass es immer schon Zeiten gab, in denen die Zukunft völlig unklar war. Die Sehnsucht wird ernst genommen und nicht als Utopie oder Träumerei abgetan. Und sie wird hier eindeutig mit der Thematik Heimweh (oder Fernweh?) verknüpft.

Schauen wir konkret auf unser Gedicht:

Es ist ein einfaches, ja graziöses Gedicht, das im Roman Dichter und ihre Gesellen steht. Fiametta singt es, die Verlobte des Protagonisten. Sie ist durch herbe Schicksalsschläge von Italien nach Deutschland gekommen, steht einsam und beobachtend am Fenster und sehnt sich offensichtlich in die Ferne. Wälder, die immerzu rauschen, Quellen, die unaufhörlich niederstürzen, verwilderte Gärten, dämmernde Lauben: alles prägt sich schnell in die eigene Vorstellung ein. Der Blick auf das Gedicht wird nicht durch irgendwelche störenden Bilder getrübt. Es gibt keine Probleme, Bedrohungen fehlen. Aus diesem Grund kann sich der Hörer in diese paradiesische Welt fallen lassen. Die Verse rufen in der Phantasie wirkliches Lautenspiel und Brunnenrauschen hervor und geradezu die Aufforderung: „Geh in eine bessere Welt, nach der du Dich sehnst.“

Fiametta und die Natur sind in der ersten Strophe durch ein Fenster getrennt. Noch dazu beginnt die Strophe mit einem Es, was die Trennung noch verstärkt. Es wird eine melancholische Stimmung beschrieben, durch die Inversion Am Fenster nochmals verstärkt und auch durch den Ausruf Ach! Das Posthorn ertönt und mit ihm schwillt die ganze Sehnsucht mitreisen zu können an. Die Nacht ist nicht bedrohlich und dunkel, die goldenen Sterne scheinen. Sie ist prächtig, diese Sommernacht.

Die zweite Strophe wirkt wie ein thematischer Bruch: Da tauchen zwei Gesellen auf, die ein Wanderlied singen. Fiktion in der Fiktion. Gesellen wandern nicht aus Lust, es gehört zu ihrem Arbeitsalltag. Und auch sie singen von der Natur: Felsenschlüfte, Wälder und Quellen besingen sie genauso sehnsuchtsvoll wie Fiametta es in der ersten Strophe tut.

Das Lied der Gesellen wird in der dritten Strophe fortgesetzt. Hier ahnt man das Ziel der Sehnsucht: Italien mit seinen Marmorbildern, dämmernden Lauben, Palästen und rauschenden Brunnen. Italien: Der Sehnsuchtsort schlechthin. Das Gedicht endet scheinbar abrupt: Und die Brunnen verschlafen rauschen. Brunnen werden personifiziert, sie rauschen vor sich hin, haben keine Hektik. Die Endzeile der ersten Strophe wird wiederholt und damit verstärkt sich die Wirkung: In der prächtigen Sommernacht.

Sind Eichendorff die Ideen ausgegangen? Welche Absicht steckt in einem solchen Ende? Nein, Eichendorff will uns in die Sehnsucht einbinden. Ich kann jetzt selbst weiterspinnen, weiter dichten, sinnieren, singen, was auch immer. Ich bin frei, allein weiter zu kommen zu meiner Sehnsucht. Der Treibsand ist gelegt. Das Gedicht ist nicht zu Ende, nein, es muss weitergehen! Dies zu tun ist meine große Aufgabe. Eichendorff sei Dank.

Ich sitze hier in meinem Garten und höre dauernd im Hintergrund das hungrige Geschrei von kleinen Rotkehlchen, die in ihrem Nest direkt in unserem Kaminholz an der Hauswand haben. Sie haben fleißige Eltern, die sie permanent versorgen und ich stocke oft in meinem Text, um sie anzuschauen. Eichendorff wäre begeistert, ich bin es auch.

Joseph von Eichendorff: „Sehnsucht“, in: Dichter und ihre Gesellen. Sämtliche Erzählungen II, herausgegeben von Brigitte Schillbach und Hartwig Schultz, Berlin (Deutsche Klassiker Verlag) 2007