Anne Louise Germaine de Staël: Brief an Benjamin Constant

den 20. Mai 1813

Seit zwei Wochen habe ich nichts von Ihnen vernommen, seit zwei Jahren habe ich Sie nicht gesehen – erinnern Sie sich Ihrer Behauptung, wir würden nicht voneinander getrennt sein? – Ich kann wohl sagen, Sie haben sich, abgesehen von allem Übrigen, eine schöne Karriere entgehen lassen, und ich, was soll aus mir werden in der Vereinsamung meines Geistes? Mit wem kann ich reden und werde ich mich selbst erhalten? […] Meine Tochter ist reizend, sie wird Ihnen von Gothenburg schreiben. Es wird ihr letztes Lebewohl sein, wie auch das meine: aber ich hoffe noch, dass Sie das Bedürfnis empfinden, uns wiederzusehen und nicht umkommen zu lassen, was Gott Ihnen geschenkt hat.

[…] Ich reise zu den Dorat, und dort bleibe ich und warte oder sterbe vielleicht; wer weiß, was Gott von uns begehrt. – Ich habe immer Briefe von Ihnen bei mir, ich öffne nie mein Schreibzeug, ohne sie in die Hand zu nehmen, ich betrachte die Adresse; alles, was ich durch diese Schriftzüge gelitten habe, macht mich schaudern, und doch wünschte ich deren wieder zu erhalten. – Mein Vater, Sie und Mathieu weilen in einem Teil meines Herzens, der für ewig geschlossen ist – ich leide dort immer und durch alles hindurch – ich bin dort gestorben und lebe dort – und wenn ich in den Wellen umkäme, würde meine Stimme diese drei Namen rufen, von denen ein einziger unheilvoll war. – Ist‘s möglich, dass Sie so alles zerbrochen haben! Ist`s möglich, dass das eine Verzweiflung wie die meine Sie nicht innehalten ließ? Nein, Sie sind schuldig, und Ihr bewundernswerter Geist spiegelt mir noch Illusionen vor. – Leben Sie wohl, leben Sie wohl! – Ach könnten Sie fassen, was ich erleide! – Senden Sie Fanny einige Zeilen – es ist schrecklich, so gar nichts von Ihnen zu wissen. – Leben Sie wohl –

Auch wer noch nie etwas von Mme Anne Louise Germaine de Staël (1766-1817) gehört hat und nur diesen Brief an ihren Liebhaber, Benjamin Constant kennt, merkt, welch starker Charakter da schreibt. Eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will, die sich nicht unter Wert verkauft und die fordert. Dem Brief geht offensichtlich das Ende ihrer Beziehung zu Benjamin Constant voraus. Sie macht ihn unverblümt darauf aufmerksam, was ihm entgeht, nämlich eine schöne Karriere, sie macht ihm gegenüber Vorwürfe: Was soll aus mir werden in der Vereinsamung meines Geistes? und sie äußert Hoffnung, er möge das Bedürfnis verspüren, uns (Anmerkung: damit ist sie und die Tochter gemeint) wiederzusehen und nicht umkommen zu lassen was Gott Ihnen geschenkt hat. Sie droht, sie fordert, sie hofft. Ein typischer Brief einer untypischen Frau aus einer Zeit, in der sich die Welt vielleicht mit genauso rasanter Geschwindigkeit änderte wie sie es gerade aktuell für uns tut.

Wir erfahren dann aber auch, dass Germaine de Staël immer Briefe von Benjamin bei sich hat. Geradezu sentimental bekennt sie, dass sie durch diese Schriftzüge gelitten habe und gleichzeitig wünsche, deren wieder zu erhalten. Nein, hier darf man keinen Masochismus und erst recht keine Unterwürfigkeit vermuten. Mme de Staël weiß, was Liebe ist, und verbindet diese Liebe mit drei Namen: Mein Vater, Sie und Mathieu. Die Liebe zu diesen Menschen trägt sie durch alles hindurch, was das Leben abverlangt. Sie ist fassungslos, dass Benjamin Constant diese Liebe zerbricht. Aber sie weist sämtliche Schuld daran von sich ab, schließt mit einem dreimaligen Leben Sie wohl und verweist gleichzeitig darauf, wie sehr sie leidet.

Was sagt uns dieser Brief über die Macht der Liebe? Sehr viel. Dass tiefe Liebe auch tiefes Leid kennt, dass beide Geschwister sind und geradezu einander bedingen. Der Brief offenbart uns aber auch, dass Liebe nicht vor Verletzungen gefeit ist, dass sie aber durch Verletzungen nicht zwangsläufig aufhören muss. Das Ende der Beziehung ist nicht das Ende der Liebe. Diese bleibt hier bestehen. Germaine de Staël hat Liebe erfahren und diese Erfahrung gibt ihr die Kraft, die sie für all die Umwälzungen braucht. Geliebt werden und lieben, das sind die stärksten Gefühle im menschlichen Leben. Germaine weiß von erfüllter Liebe zu erzählen und sie kennt auch die enttäuschte Liebe, die zerstört, erniedrigt und in Trauer versetzt.

Mme de Staël ist eine der klügsten und einflussreichsten Frauen ihrer Zeit. Nicht grundlos wird sie die erste Frau Europas genannt. Ihr Buch De L‘Allemagne (Über Deutschland) begründet den Ruf Deutschlands als Land der Dichter und Denker. Es erscheint 1810, wird sofort von der napoleonischen Zensur verboten. Sie beschreibt die Deutschen darin als musik-, philosophie- und literaturbegeisterte Nation, der es an Geschicklichkeit und Gewandtheit mangele, die alles beunruhigt und verlegen mache und die Methode im Handeln und Unabhängigkeit im Denken brauche. Ihr Deutschlandbild ist faszinierend, es wird für Jahrzehnte maßgebend bleiben. Sie blickt kritisch auf die französische Literatur, beklagt, dass diese weiter antike Modelle nachahme, und bewundert das ihrer Meinung nach politisch rückständige Deutschland , das sich philosophisch und literarisch erneuere. Germaine de Staël ist begeistert von Deutschland und es ist nicht schwer nachzuvollziehen, dass diese Haltung Napoleon nicht begeistert. Sie, eine geborene Necker, wird im Salon ihrer Mutter groß, lernt da die bedeutenden Philosophen der Zeit kennen und diese legen ihr, dem Kind, bereits Gedanken in den Kopf, die wegweisend werden sollten: Menschen können sich verändern, egal welche Barrieren es gibt. Und wissenschaftlicher Fortschritt macht moralischen Fortschritt zu einer Notwendigkeit. Ihr Vater, ein Genfer Bankier, wird unter Ludwig XVI Finanzminister. Germaine wird durch ihre Heirat zur Baronin von Staël-Holstein und erhält dadurch Botschafterstatus und Immunität. Die Vernunftehe scheitert, sie hatte ihr blutjung zugestimmt mit der Maßgabe: „Monsieur de Staël wird mich nicht unglücklich machen, aus dem einfachen Grund, weil er zu meinem Glück nichts beitragen kann.“ Sie trennt sich schon Jahre vor dessen Tod 1802 von ihrem Mann und beginnt eine Reihe von leidenschaftlichen Affären, die sie aber nicht davon abhalten, permanent Einfluss auf politische und kulturphilosophische Entwicklung in Frankreich zu nehmen. Sie eröffnet nach dem Vorbild ihrer Mutter einen Salon in Coppet am Genfer See, dem väterlichen Landsitz. Coppet wird unter ihrer Führung ein intellektuelles Zentrum Europas. Die geistig politische Avantgarde gibt sich dort die Hand. 1794 begegnet sie der Liebe ihres Lebens: Benjamin Constant, Politiker und Schriftsteller in einem. Mit ihm geht sie nach der Schreckensherrschaft Robbespierres 1795 nach Paris und sieht in der Republik nach amerikanischem Vorbild die einzige postrevolutionäre Staatsform. Mit ihm bereist sie mehr als ein halbes Jahr Deutschland, führt mit ihm eine enge, von geistigem Austausch und Leidenschaft geprägte Beziehung. In Deutschland trifft sie auf alle Großen der deutschen Klassik und Romantik, verpflichtet A.W. Schlegel als Reisebegleiter und Hauslehrer ihrer inzwischen vier Kinder. Sie lernt Deutsch und beeindruckt die gesamte Weimarer Gesellschaft durch ihren nie versiegenden Redestrom, ihren unermüdlichen Hunger, Neues zu erfahren. Mme de Staël ist immer wieder tief beeindruckt von der deutschen Kultur. Aus Frankreich signalisiert Napoleon, dass sie weder in Paris noch im Pariser Umland geduldet sei. Benjamin Constant, durchaus wankelmütig in seinem Lebenslauf, ist langfristig der anstrengenden und emanzipierten Haltung der Mme de Staël nicht gewachsen und heiratet eine andere. Mme de Staël findet Trost bei ihrem engen Freund Schlegel und Mathieu de Montmorency, letzterer wird auch im obigen Brief erwähnt.

Auch nach der Trennung von Benjamin Constant bleibt er präsent in ihrem Denken. Er bleibt in einem Teil meines Herzens, das für immer verschlossen ist. Mit anderen Worten, er bleibt mit seinem ganzen Denken und seiner Ausstrahlung für sie maßgebend, er bleibt in ihrer Liebe. Fast ein Jahr später schreibt sie aus London am 8. Januar 1814 an Benjamin:

Nein, fürwahr, ich vergesse Sie nicht; ich wollte, dass ich es könnte, denn ich trage einen Schmerz tief in der Seele, den die Zerstreuung wohl eine Weile beschwichtigen kann, der aber wieder aufwacht, sobald ich allein bin – es ist das unwiderbringlich verfehlte Glück! Hätten Sie den Charakter des mir ergebenen Freundes besessen, so wäre ich allzu glücklich gewesen; ich verdiente es nicht. – Sie wiederzusehen, wäre die Auferstehung meines Geistes und einer Fähigkeit, zu hoffen, die mit allem Übrigen in mir erloschen ist. []

Ach Benjamin, Sie haben mein Leben verschlungen! Kein Tag ist seit zehn Jahren verflossen, an welchem mein Herz nicht durch Sie gelitten hätte – und ich liebte Sie doch so sehr!. […] Ach, das Sandgebäude des Lebens ist ein mühselig Ding, und nichts hat festen Bestand als der Schmerz. – Schreiben Sie mir.

Das unwiderbringlich verfehlte Glück begleitet Mme de Staël auch in ihrem weiteren Leben. Aber auch in diesem Brief wird deutlich, dass Benjamin dem nicht standhielt, was sie forderte: er hat nicht den Charakter des mir ergebenen Freundes besessen. Heißt das, dass die Liebe über ihn keine Macht hatte, wohl aber über sie? Ihr Geist bleibt hell, auch wenn sie das im Brief anders sieht. Er bedarf keiner Auferstehung. Alles andere in ihr ist auch nicht erloschen, wie sie beklagt. Sie findet weitere Liebhaber, u.a. den jungen Offizier John Rocca, 23 Jahre jünger als sie, den sie 1812 heiratet. Mit ihm hat sie ein fünftes Kind. Aber das Glück dauert nicht lang, sie stirbt 51jährig nach einem Schlaganfall. John Rocca folgt ihr nur wenige Monate später.

Mme de Staël: Ses amis, ses correspondants. Choix de lettres (1778-1817), Paris Editions Klincsieck 1970, übersetzt von Katharina Maier, in: Liebesbriefe großer Frauen. Nimm meine Seele auf und trinke sie…, hg. v. Sabine Anders und Katharina Maier, Wiesbaden (matrixverlag), 2009, S. 112f.

2 Gedanken zu „Anne Louise Germaine de Staël: Brief an Benjamin Constant“

  1. Von Ihrer Abhandlung über Mme Stael war ich sehr beeindruckt. Ich habe sie immer als sehr starke, intelligente und emanzipierte Frau gesehen und wunderte mich, zu welcher Liebe sie fähig war, einer Liebe, die sich sogar erniedrigte und Benjamin Constant immer wieder um Briefe und seine Liebe bat.

    Vielen Dank, dass ich auf Ihrer Verteilerliste sein darf

  2. Marianne Acker
    22.Oktober 2020

    Inder zweiten Hälfte der 90-iger Jahre gab es in der Stadtbücherei Buchvorstellungen zu Thema “Paare”. Da stellte der Autor Günter Barudio sein Buch “Madame de Stael- Benjamin Constant “vor. Im Klappentext heißt es “Warum soll denn der Mann aus einer Frau schlau werden? Reicht es nicht, wenn er durch sie etwas klüger wird?” Da sind zwei hoch intelligente Menschen aufeinander gestoßen, die trotz Seelenverwandtschaft das Drama der Trennung durchleben mussten.

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