Das Buch zum virtuellen Literaturkreis

Ein Vierteljahr Lesen - Literatur in Zeiten der Isolation

Lesefreude pur! Texte aus der Weltliteratur und der Philosophie des Abendlandes, spritzig interpretiert oder aktualisiert, machen Mut, lassen durchatmen, bieten sich als Grundlage für gute Diskussionen an. Ein Vierteljahr lesen nimmt Sie mit auf eine wunderbare literarische Reise. Jetzt neu erschienen: Das Buch zum virtuellen Literaturkreis.

Ulrike Mielke:
Ein Vierteljahr lesen – Literatur in Zeiten der Isolation
Heidelberg 2020, 296 Seiten
ISBN: 9783752959406
Vertrieb über epubli
Preis: 19,50 EUR

Erhältlich in allen Buchhandlungen, online bei Internetbuchhandlungen und bei der Autorin. Direktkauf über epubli kann hier erfolgen.

Paul Roth: Ja oder Nein

Man kann sich nicht
ein Leben lang
die Türen alle offen halten,
um keine Chance zu verpassen.


Auch wer durch keine Tür geht
und keinen Schritt nach vorne tut,
dem fallen Jahr für Jahr
die Türen, eine nach der anderen, zu.


Wer selber leben will,
der muss entscheiden:
mit JA und NEIN
im Großen und im Kleinen.


Wer sich entscheidet – wertet, wählt
und das bedeutet auch -Verzicht.
Denn jede Tür, durch die er geht,
verschließt ihm viele andere.


Man darf nicht mogeln
und so tun,
als könne man beweisen,
was hinter jener Tür geschehen wird.


Ein jedes JA –
auch überdacht, geprüft –
ist zugleich Wagnis
und verlangt ein Ziel.


Das aber ist die erste aller Fragen:
Wie heißt das Ziel,
an dem ich messe JA und NEIN?
Und: Wofür will ich leben?


Dieses Gedicht animiert dazu, das zu tun, was sich die meisten Lyriker wünschen: Den Autoren außen vor zu lassen und den Text sprechen zu lassen. Die so oft (und leider immer noch viel zu oft) gestellte Frage: Was hat sich der Autor dabei gedacht? spielt keine Rolle. Er spricht durch seinen Text, und den Text zu verstehen, das ist schon Anspruch genug. Paul Roth (1885–1964), war Journalist, viel über ihn ist nicht bekannt.

Am Ende einer langen Zeit, in der es Einschränkungen in unserem Leben gab, wie wir sie so nicht vorher gekannt hatten, muss meiner Ansicht nach ein Ergebnis stehen. Zeit für ein individuelles und vielleicht auch ein kollektives Reset. Gibt es eine Entscheidung, die in diesen Monaten für mich gereift ist?

Mit jedem hat diese Zeit etwas gemacht: Die einen kamen mit der Isolation kaum klar, andere haben die Ruhe genossen und mit ihr verbunden die Entpflichtung von Tausenden von Aufgaben, die im Alltag sonst üblich sind. Die einen sind durch eine Krankheit gegangen, die möglicherweise noch andauert oder haben Kranke begleitet, wieder andere stehen vor existenziellen Sorgen, die eine komplette Neuausrichtung erfordern. In den zurückliegenden Wochen ist ein Prozess in Gang gekommen, der noch lange andauern wird und der mich in die Entscheidung stellt. Und die Fragen, die damit verbunden sind, sehe ich in Paul Roths Gedicht klar formuliert.

Gehen wir chronologisch vor: Sich alle Türen offen halten heißt: sich nicht festlegen. Positiv ausgedrückt heißt das: offen sein für alles. Negativ ausgedrückt heißt das: nicht Fisch, nicht Fleisch sein. Ich denke, der vierte Vers gibt die Interpretationsrichtung vor: um keine Chance zu verpassen. Roth schreibt nicht: „um eine Chance wahrzunehmen“. Inhaltlich ist dadurch die Ausrichtung klar. Man ist auf der Hut, um ja alles mitzunehmen, was geboten wird. Bloß nichts ungenutzt lassen.

In der zweiten Strophe wird die verstreichende Zeit angesprochen. Zeit vergeht, unabhängig von unserem Tun. Hier wird der Lebensablauf angesprochen, gegen den die Vor-Corona-Zeit so sehr gelebt hat: Werden alle Anti-Aging-Programme bleiben, die unser Leben doch sehr im Griff hatten? Ist „forever young“ wirklich die Ausrichtung, die ich mir für meine Zeit wünsche? Roth stellt fest, dass unabhängig von meinem Tun Türen zufallen, die mir früher offenstanden. Ich kann mich gut an meine erste Stunde in der Uni erinnern, in der ich mich auf den Weg zum Großen Latinum machte. Der Dozent begrüßte uns motivierend mit den Worten: „Ihre besten Jahre zum Sprachenlernen sind bereits vorbei.“ Und ich weiß auch noch, dass ich diesem Dozenten nicht gerade freundliche Gedanken zuwarf. Glücklicherweise lernte ich kurz danach einen Romanisten kennen, Fritz Paepcke, der im Alter von 80 Jahren damit begann, Ungarisch zu lernen. Und das gelang ihm sehr gut. Also: Klar, Türen fallen zu, aber andere gehen auf.

Dann verweist Roth darauf: Wer selber leben will, der muss entscheiden. Hier könnte man fragen: Was soll das selber leben heißen? Jeder lebt doch sein Leben. Implizit ist in diesem selber leben die Abgrenzung von der Fremdbestimmung, von dem, was „in“ ist, wonach „man“ sich richtet, dem, was den Ton angibt. Nicht immer ist es leicht oder überhaupt möglich, das völlig zu ignorieren. Aber wer will schon Zuschauer des eigenen Lebens sein? Passe ich mich an oder soll meine Handschrift erkennbar sein? Vielleicht haben die vergangenen Monate neue Weichen gesellt, und mir wird klar, was ich wirklich ersehne und auf was ich nicht verzichten will. Dann wäre jetzt die Gelegenheit, Ja oder Nein zu sagen.

Eine Entscheidung bedeutet auch immer Verzicht. Diese Zeile gefällt mir. Hier ist Novalis wieder drin mit seinem Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren. Wo Licht ist, da ist auch Schatten, wenn ich eine gebratene ganze Forelle esse, dann habe ich es auch mit Gräten zu tun, wenn ich an die Nordsee fahre, kann ich nicht gleichzeitig in den Bergen sein. Eine Entscheidung für etwas ist immer auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. Darum geht es hier in diesem Vers. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Wer alles gleichzeitig haben will, der macht sich sein Leben schwer. Selber leben heißt, jeden Tag neuen Mut haben, zu seiner Entscheidung zu stehen und manchmal auch die Erkenntnis, dass sie falsch war. Gottlob sind wir Menschen nicht perfekt.

Und dann das Mogeln: Dafür gäbe es noch viele andere schöne Worte: Das Augen verschließen, das Schönreden, das Festhalten, koste es was es wolle, auch wenn die Umstände das nicht (mehr) zulassen. Das Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Gehen. Wie wunderbar ist es, dass niemand wirklich weiß, was kommt. Dadurch ist die Gestaltungsmöglichkeit groß, es gibt viele Wege.

Ein Ja ist ein Wagnis und braucht ein Ziel. Über dieses Ziel sind oft unklare Vorstellungen vorhanden. In den vergangenen Wochen mussten wir uns an Vorgaben halten, die immer wieder neu justiert wurden. Die Zahlen vom März waren im April nicht mehr gültig, und im Mai fragten sich viele, wie viele Verlängerungen denn noch kommen würden, bis es wieder so werden wird, wie wir alle leben wollen: frei und selbstbestimmt. In unserer Familie gab es große Unklarheit darüber, welches Ziel die Politiker im Auge hatten: größtmögliche Durchseuchung oder größtmögliches Kleinhalten der Ansteckungsgefahr? Streckenweise änderte sich die Ausrichtung von einem zum anderen Tag, so schien es uns. Die Frage nach dem Ziel kann ich auch individuell stellen: Was ist das Ziel all meiner Entscheidungen? Und woran richte ich es aus? Die Diskussion dazu muss jeder selbst führen. Klar ist jedenfalls: Wenn ich nicht entscheide, dann entscheiden andere. Und ob ich das jeweils will, bezweifle ich. Hier winkt Seneca uns zu mit seiner Vorstellung vom bewussten Leben und dem Diktum: Nur die Zeit ist unser.

Paul Roth, Wir alle brauchen Gott, Wien (Echter Verlag) 1975

Wilhelm von Humboldt: Briefe an eine Freundin

Wilhelm von Humboldt initiiert die Neuorganisation des Bildungswesens und entwickelt das Humboldtsche Bildungsideal, das nach wie vor Grundlage für das Ziel einer ganzheitlichen Ausbildung in Schule und Universität ist oder zumindest sein sollte. Mit seinem Bruder Alexander zählt er zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Kulturgeschichte.

Wilhelm wird 1767 in Potsdam geboren, durch seine Eltern und Heinrich Campe auf Schloss Tegel erzogen, studiert Jura in Frankfurt/Oder, wechselt an die zur damaligen Zeit renommierteste Universität Göttingen, lernt Christoph Lichtenberg kennen und bricht nach dem Studium zu einer Bildungsreise auf, die ihn 1789 mitten in die Revolution von Paris bringt. Er heiratet Caroline von Dacheröden, über die er Goethe, Schiller und Herder kennenlernt, hat mit ihr sechs Kinder und führt unabhängig davon mit ihr eine offene Ehe. In der individuellen Entfaltung von beiden waren wechselnde Sexualpartner vorgesehen. Unter Freiherr vom Stein leitet er das Kultusministerium, ist 1815 auf dem Wiener Kongress bei der Neuordnung Europas dabei, protestiert gegen die Karlsbader Beschlüsse, erkrankt an Parkinson und – das ist der direkte Bezug zu unserem Thema – ist immer wieder zur Kur in Bad Gastein. Er stirbt 1835 in Tegel.

Bad Gastein mit seiner wunderbaren Umgebung und natürlich auch den Heilquellen war zu seiner Zeit noch nicht der mondäne Kurort, an dem sich die Welt traf und an dem Weltpolitik geschrieben wurde. Der Aufstieg dieses Bergdorfes beginnt erst mit Kaiser Wilhelm I., der hier ab 1863 regelmäßig zu Besuch ist.

Wilhelm hält sich zum Teil mehrere Wochen in Bad Gastein auf und schreibt geradezu unermüdlich. Er lässt sich inspirieren durch die Umgebung und entwickelt ein Bildungsideal, das den Menschen im Fokus haben soll, nicht fachliche Ziele. Wie wichtig wäre es, würde man jetzt in breiter Form über dieses Bildungsideal sprechen!

Wir täten es in Bad Gastein an der Himmelwandhütte im schönen Kötschachtal. Dort sähen wir uns einige der Briefe von Wilhelm von Humboldt an, die er in Gastein an seine langjährige Freundin Charlotte Diede schrieb. Er schwärmt ihr von der prächtigen Umgebung vor, unterbreitet seine wertvollen Gedanken zur Bildung und zur Bedeutung des Individuums und gibt ein beeindruckendes Zeugnis für die Briefkultur seiner Zeit. Wochen vergehen, bis ein Brief den Adressaten erreicht, und weitere Wochen, bis die Antwort kommt. Daraus ergibt sich ein stark verlangsamter Austausch, in dem sich Gedanken entfalten können. Alle Briefe beginnen mit einer klaren Ansprache (nicht dem heute üblichen und für mich entsetzlichen „Hallo“). Werte Charlotte oder Meine liebe Charlotte und sie enden mit abschließenden individuellen Wünschen, nicht nur mit der Unterschrift: Leben Sie herzlich wohl, ich bleibe mit unveränderter Freundschaft und Teilnahme der Ihrige.

Viele Briefe beginnen mit einer Lobeshymne auf Bad Gastein:

Bad Gastein, den 5. August 1827

Der Ort liegt schon den höchsten Bergen Deutschlands sehr nah. Man befindet sich selbst hier im Bade 2000 Fuß über der Meeresfläche. Das Tal ist überaus lieblich und schön …

1828: Humboldt hatte schon lange die Berliner Universität nach seinen Vorstellungen gegründet, hatte das Lehramtsexamen 1810 und dadurch den Stand des Gymnasiallehrers geschaffen und weiß, dass die Universität kein Ort der Ausbildung sein sollte, sondern ein Ort, an dem autonome Individuen zu Weltbürgern heranwachsen sollten. 1828 weilt er wieder wochenlang in Bad Gastein und bringt Charlotte sein Bildungsideal in einem Brief nahe:

Bad Gastein, den 14. September 1828

(…) Es ist immer, meiner aus langer Erfahrung geschöpften Überzeugung nach, besser, wenn das Innere nach außen, als wenn das Äußere nach innen strömt. Es scheint zwar wohl, als könne sich das Innere nur von außen her bereichern und befruchten; allein dies ist ein trügerischer Schein. Was nicht im Menschen ist, kommt auch nicht von außen in ihn hinein; was von außen in ihn eingeht, ist nichts als ein zufälliger Anhalt, an dem sich das Innere, aber immer aus seiner nur ihm angehörenden eigentümlichen Fülle entwickelt.

Was würde Humboldt heute zur Flut des schier unendlichen Inputs sagen? Er kennt kein Internet, seine Welt war mehr als analog, und doch steht die wesentliche Frage hinter seinen Überlegungen zu Bildung: Kommt Bildung von außen oder von innen? Für ihn ist es besser, wenn das Innere nach außen, als wenn das Äußere nach innen strömt. Was nicht im Menschen ist, kommt auch nicht von außen in ihn hinein. Könnte man sich vorstellen, wie die Mitglieder der Kultusministerkonferenz heute über diese Ansicht diskutieren würden? Da würde ja sehr viel von dem einstürzen, was unter dem Aspekt Chancengleichheit fällt. Oder es käme ein völlig anderes Bildungsideal heraus, das vielleicht weit humaner wäre. Humboldt animiert zum eigenständigen Denken, nicht zum Gedanken-Wiedergeben. Er ist überzeugt davon, dass man nur ein guter Handwerker, Kaufmann, Geschäftsmann oder was auch immer sein kann, wenn man ein seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Humboldt lebt in einer anderen Gesellschaft als wir heute. Aber er kämpft damals bereits gegen die Instrumentalisierung des Menschen. Für ihn im Fokus stehen Autonomie und Mündigkeit, nicht Systemrelevanz. Er ist in voller Breite der Aufklärung verpflichtet. Man kann viele verschiedene Briefe von ihm zitieren, aber immer wieder kommt er auf diese Grundlagen des Menschseins zurück.

Gut ein Jahr später schreibt er seine Vorstellungen von der Bedeutung des Individuums an Charlotte von Diede.

Bad Gastein, den 20. August 1829

(…) Ich bin in acht Tagen, also da die Entfernung doch 110 Meilen ist, nicht gerade langsam hierher gereist. Eine solche Reise hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Lesen eines geschichtlichen Buches. Wie in diesem eine Reihe von Zeiten, so durchläuft man reisend eine Reihe von Gegenden. In Absicht auf den Menschen, der doch in aller Weltbetrachtung immer der wichtigste, am meisten den Ernst und die Anstrengung der Beobachtung in Anspruch nehmende Gegenstand ist, trifft bei beiden Fällen der Umstand ein, dass der Einzelne in einer gewissen Masse verschwindet, die individuelle Existenz keinen Wert zu haben scheint gegen die Bestimmung des größeren und kleineren Ganzen, zu dem sie gehört. Dagegen fühlt nun doch der Betrachter, der Lesende oder Reisende, ganz vorzugsweise sein Ich.

Humboldt sieht den Leser als Reisenden. Ein schönes Bild. Der Leser, der so oft in der Masse verschwindet und doch ganz vorzugsweise sein „Ich“ fühlt. Hier nimmt Humboldt bereits klar das Individuum in den Blickpunkt. Und interessanterweise fallen Begriffe, die erst im 20. Jahrhundert zu intensiven Diskussionen führen werden: der Einzelne und die Masse. Hören wir weiter:

Wenn man die Welt weltlich betrachtet, so tritt vor zwei sich aufdrängenden gewaltigen Massen das Individuum ganz in den Schatten zurück oder wird vielmehr in einem großen Strom fortgerissen. (…) Was ist der Einzelne in dem Strom der Weltbegebenheiten? Er verschwindet darin nicht bloß wie ein Atom gegen eine unermeßliche, alles mit sich fortreißende Kraft, sondern auch in einem höheren, edleren Sinne. (…) Er ist also nur Werkzeug und scheint nicht einmal ein wichtiges, da, wenn der Lauf der Natur ihn hinwegrafft, er immer auf der Stelle ersetzt wird, weil es ganz widersinnig zu denken wäre, dass die große Absicht der Gottheit, mit den Weltbegebenheiten durch Schicksale schwacher einzelner auch nur um eine Minute könnte verspätet werden.

Er kritisiert unermüdlich, dass der Mensch in der Masse untergeht. Er sensibilisiert für den Wert jedes Einzelnen und kämpft für die Freiheit von Forschung und Lehre.

In der Himmelwandhütte würde jetzt eine große Diskussion losgehen über Bildungsideale und Bildungsgerechtigkeit, über den Wert von überprüfbaren Leistungen, über die Erfüllung von gesellschaftlichen Anforderungen. Die Himmelwandwirtin würde ihre mindestens 15 täglich frisch gebackenen Strudel anbieten und damit schon zeigen, dass sie Humboldt verstanden hat: Sie weiß, was sie anbietet, und sie ist stolz darauf. Sie verkauft mit Sicherheit keine Strudel, ohne zu wissen, was drin ist. Wir würden vielleicht ein Stück näher zu dem kommen, was wir heute so dringend brauchen: eine kritische Hinterfragung von Lenkung, egal in welchem Bereich.

Wilhelm von Humboldt: Briefe an eine Freundin, Leipzig (Insel Verlag) 1912 (zitiert nach Projekt Gutenberg)