Seneca: 1. Brief an Lucilius

Seneca entbietet Lucilius seinen Gruß

Handle so, mein Lucilius: Befreie Dich für Dich selbst und sammle und bewahre die Zeit, die Dir bisher entweder geraubt oder heimlich entwendet wurde oder entschlüpfte. Überzeuge Dich, daß es so ist, wie ich schreibe: manche Augenblicke werden uns entrissen, manche entzogen, manche verrinnen. Der beschämendste Verlust jedoch ist der, der durch Nachlässigkeit verursacht wird. Und wenn Du aufmerken willst: ein großer Teil des Lebens entgleitet den Menschen, wenn sie Schlechtes tun, der größte, wenn sie nichts tun, das ganze Leben, wenn sie Nebensächliches tun.

Wen kannst Du mir nennen, der irgendeinen Wert der Zeit beimißt, der den Tag würdigt, der sich bewußt wird, daß er täglich stirbt. Darin nämlich täuschen wir uns, daß wir den Tod vor uns sehen: ein großer Teil davon ist bereits vorüber; jeden Lebensabschnitt, der hinter uns liegt, hat der Tod in seiner Gewalt. Handle daher, mein Lucilius, so, wie Du schreibst, halte alle Stunden fest; so wird es geschehen, daß Du weniger vom morgigen Tag abhängig bist, wenn Du den heutigen in die Hand nimmst. Während das Leben aufgeschoben wird, eilt es vorbei.

Alles, Lucilius, gehört den anderen, nur die Zeit ist unser; in den Besitz dieses einen flüchtigen und unsicheren Gutes hat die Natur uns gestellt; daraus verdrängt uns, wer immer es will. Und so groß ist die Torheit der Sterblichen, daß sie sich das Geringste und Wertloseste, gewiß aber Ersetzbare, wenn sie es erlangt haben, als Schuld anrechnen lassen, daß aber niemand etwas zu schulden glaubt, der die Zeit in Empfang genommen hat, während doch dies das Einzige ist, was nicht einmal ein Dankbarer zurückerstatten kann.

Du wirst vielleicht fragen, was ich tue, der ich Dir diese Ratschläge erteile. Ich will es frank und frei bekennen: was bei einem den Aufwand liebenden, jedoch gewissenhaften Menschen der Fall ist: Die Rechnung über meine Ausgaben stimmt. Nicht kann ich sagen, daß ich nichts verliere, doch was ich verliere und warum und auf welche Weise, kann ich wohl sagen; ich kann die Gründe meiner Armut angeben. Aber es widerfährt mir das, was den meisten widerfährt, die ohne eigenes Verschulden in Not geraten sind: Alle verzeihen, niemand kommt zur Hilfe.

Was ist es nun? Nicht halte ich den für arm, dem das wenige, das ihm übrig bleibt, genügt: gleichwohl magst Du – das ziehe ich vor – das Deine bewahren, und Du wirst zur rechten Zeit damit beginnen. Denn, so schien es unseren Vorfahren: „zu spät ist die Sparsamkeit am Boden des Fasses“; ganz unten bleibt nämlich nicht nur sehr wenig, sondern auch das Schlechteste zurück. Leb wohl!

Die „Briefe an Lucilius“ schreibt Seneca im Alter von 61 Jahren, insgesamt sind es 124 Briefe. Man kann diese Texte als Einführung in seine stoische Philosophie lesen und erfährt auch viel über das Alltagsleben von Seneca. Es ist deutlich spürbar, dass ihm durchaus bewusst war, dass er in Lebensgefahr schwebt, 4 Jahre später wird er von Nero in den Tod gezwungen. Jeder einzelne Brief hat ein eigenes Thema, es sind die für Senecas Werk typischen Themen: Was ist Zeit? Was ist Freundschaft? Wie gehe ich mit Schicksal um? Wie mit Tod, Krankheit und Schmerz? Welcher Einfluss hat das Reisen etc., immer mit der Ausrichtung: Wie gelingt Leben?

Die Briefform entspricht seinem Bedürfnis nach einem Gegenüber, nach einem konkreten Menschen. Seneca ist Praktiker, er glaubt an die Überzeugungskraft der Vernunft, an den guten Willen und auch daran, dass sich Menschen ändern können. Vielleicht wirken seine Schriften gerade deswegen heute noch frisch, lebensnah und anregend.

Seneca wird ca. im Jahr 1 nach Christus in Cordoba als Sohn eines Römers in die Ära des Augustus geboren. Er erhält seine Erziehung im Rom Tiberius‘, ist Senatsmitglied, als Caligula Princeps wird, wird von Claudius verbannt, von dessen vierter Gemahlin Agrippina zurück nach Rom geholt und mit der Erziehung Neros beauftragt, des Sohns von Claudius und Agrippina. Später wird er Neros Kanzler. Seneca hat in seinem Leben alle Höhen und Tiefen erfahren. E war von Kindheit an Asthmatiker mit zum Teil lebensbedrohlichen Anfällen. Nero verurteilt ihn zum Tod durch eigene Hand wegen angeblicher Beteiligung an der Pisonischen Verschwörung. Senecas Tod ist ein vielbeachtetes Motiv in der Malerei. Es heißt, er sei gelassen auf qualvolle Weise gestorben.

Tenor aller Briefe an Lucilius ist: Versuch ein möglichst gutes Leben zu führen! Seneca hätte es anders ausgedrückt, er hätte gesagt: Werde glückselig! Dieses Wort geht mir nicht so leicht über die Lippen. Was ist das, Glückseligkeit? Ich verzichte hier auf die Diskussion des Begriffs und nehme die gemäßigtere Variante: Versuch ein möglichst gutes Leben zu führen! Gleich der erste Satz des Briefes führt in die Tiefe der Thematik ein: Lucilius möge für sich Zeit sammeln und bewahren, die ihm bislang geraubt, heimlich entwendet wurde oder entschlüpfte. Diese drei Begriffe werden im nächsten Satz noch erweitert durch die Wörter entrissen, entzogen und verrinnen.

Was ist geraubte, also entrissene Zeit? Was ist heimlich entwendete, also entzogene Zeit? Was ist entschlüpfte also verronnene Zeit? Philosophisches Denken heißt, dass diese Fragen von jedem selbst zu beantworten sind. Denken kann man nicht delegieren. Ich will daher meine Antworten nur als mögliche Deutungen ansehen.

Am radikalsten ist die erste Variante: Was geraubte und entrissene Zeit ist, wird klar, wenn das Schicksal zuschlägt, wenn Wendemöglichkeiten ausgeschlossen sind.

Die heimlich entwendete oder entzogene Zeit ist weit weniger radikal. Hier werden falsche Maßstäbe vom Menschen gesetzt, frei nach dem Motto: Ich beginne zu leben, wenn… ich mehr Geld habe, ich den Karriereschritt erreicht habe, wenn meine Ansprüche erfüllt sind….

In der dritten Variante entschlüpft Zeit, sie verrinnt. Hier zappt der Mensch von einem zum nächsten Programm, ist am Ende frustriert und müde und weiß eigentlich nicht, wie die Zeit so schnell vorüber gegangen ist, und was er da eigentlich gemacht hat. Und über diese Variante sagt Seneca, dass das der beschämendste Verlust von Zeit sei.

Im zweiten Absatz stimmt Seneca das große Credo auf das bewusste Leben im Hier und Jetzt an. Seneca ist Stoiker. Die Stoa bemühte sich vorrangig um ein der Natur gemäßes Leben. Ein solches orientiert sich an dem, was durch die Natur gegeben ist, ist nicht unnatürlich. Wichtig ist, zu erkennen, was gut, was schlecht und was gleichgültig ist und sich dementsprechend zu verhalten. Seneca macht sich keine Gedanken über den Tod, er sagt, dass der Tod ja einen großen Teil unseres Lebens bereits in seinen Händen habe, da dieser vorbei sei. Warum sich also davor fürchten? Jeder Lebensabschnitt, der hinter uns liegt, hat der Tod in seiner Gewalt.

In vielen Briefen Senecas steht eine Sentenz, so auch im ersten Brief an Lucilius: Wenn das Leben aufgeschoben wird, eilt es vorbei. Uns ist heute der Spruch: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ vielleicht näher. Im Grunde genommen ist der eine moderne Sentenz mit ähnlichem Inhalt. Wenn ich nicht jetzt die Gunst der Stunde wahrnehme, dann ist diese Stunde vorüber.

Seneca verweist ausdrücklich darauf, dass die Zeit alleiniges Eigentum des Menschen ist: Alles, Lucilius, gehört den anderen, nur die Zeit ist unser. Zeit, die nicht mehr da ist, die kann von niemandem zurückerstattet werden, noch nicht einmal von einem Dankbaren. Wohin will Seneca mit diesen Überlegungen Lucilius bringen? Der Zeit sehr bewusst zu begegnen, sie nicht erst am Boden des Fasses zu bemerken, d. h. wenn es zu spät ist. Seneca ruft dazu auf, sich jeden Tag darüber im Klaren zu werden, wo Zeit geraubt, heimlich entwendet wurde und entschlüpfte.

Aus dem Blick von Oberstufenschülern fehlt Seneca Spontaneität, sie vermissen Unbedarftheit, kontinuierliches Reflektieren sei doch eher gekünstlelt. Menschen, die in einer anderen Lebensphase sind, sehen das oft anders. Im Brief hier ist der Fokus auf negativen Bestimmungen der Zeit. Wir erfahren nichts darüber, ob es für Seneca auch geschenkte Zeit, erfüllte Zeit gibt, wir wissen nicht, ob er den Begriff gestundete Zeit kannte, er sagt nichts darüber, was wertvolle Zeit ist. Klar, darüber muss er auch nicht schreiben, da will er ja hin.

Die Diskussion des Textes führt unweigerlich in Fragen, die für jeden andere Färbungen haben. Sind meine Maßstäbe richtig justiert? Stimmt die Balance im Tag? Oder bin ich nur zufrieden, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind (genug Anerkennung, genug Geld, genug…)? Gibt es Götzen, denen ich ein großes Maß an Zeit zumesse und dadurch anderes vernachlässige?

Mein Mann und ich waren Anfang des Jahres auf einem 95. Geburtstag eingeladen. Wir senkten erheblich den Altersdurchschnitt. Neben uns saß ein Mann, von dem man sagen kann: Er hat es zu etwas gebracht. Aus kleinen Verhältnissen kommend, diente er sich hoch und wurde u.a. Chef der Frankfurter Messe, dann Vorstandsvorsitzender des Fraport: Er war über 50 Jahre verheiratet, hatvvier Kinder und elf Enkel. Dieser Mann war sein Leben lang bis heute enorm aktiv in vielen sozialen und kirchlichen Bereichen. Wir kennen die Familie seit Jahrzehnten. Er stellte meinem Mann folgende Frage: „Herr Mielke, hatten Sie genug Zeit für Ihre Kinder? Ich hatte sie nicht. Und das war der Fehler meines Lebens.“ Sie haben ein langes und ein gutes Gespräch geführt an diesem Geburtstagsnachmittag.

Seneca hätte hier klar zu Lucilius gesagt: Dieser Mann hat sich seine Zeit heimlich entwenden und entziehen lassen. Er hat Maßstäbe gesetzt, die er von heute aus kritisiert. Er merkt jetzt, dass er etwas verpasst hat, was ihm heute weit wichtiger ist als Geld und Ansehen. Aber er hätte auch gesagt: Dieser Mann flüchtet sich nicht in Lügen und Ausreden. Ihm ist bewusst, was er getan und was er versäumt hat.

Jeder kennt solche Situationen. Jeder muss immer wieder neu justieren. Und klar ist: Für jeden von uns hat der Tag 24 Stunden und die Rede von: „Ich habe keine Zeit“ hat immer einen schalen Beigeschmack.

Und zu uns würde Seneca vielleicht sagen: Zumindest heute ist vielleicht die Gelegenheit da, das Leben nicht vorbeieilen zu lassen. Leb wohl!

L. Annaeus Seneca: Briefe an Lucilius über Ethik. 1. Buch, übersetzt und herausgegeben v. Franz Loretto, Reclam Verlag, Stuttgart, 1979, S. 11

Tucholsky: Colloquium in utero

Ein trüber Herbsttag im Mutterleib. Zwei Stück Zwillinge, Erna und Max, legen sich bequem und sprechen leise miteinander.

 »Mahlzeit!«

»Mahlzeit! Na, gut geschlafen … ?«

»Soweit man bei diesem Rummel schlafen kann – es sind bewegte Zeiten. Ich träume dann immer so schlecht.«

»Was hast du bloß?«

»Du bist gut! Was ich habe! Hier, hast du das gelesen, im Reichsverbandsblatt Deutscher Leibesfrüchtchen?«

»Nein. Was steht da?«

»Da steht: Warnung vor dem juristischen Studium. Fünfzigtausend Primaner legen die Reifeprüfung ab. Hundertunddreißigtausend stellenlose Akademiker, es kann auch eine Null mehr sein, ich kann das bei der Beleuchtung nicht so genau unterscheiden. Warnung vor dem Veterinär-Studium. Warnung vor Beschreitung der Oberförster-Laufbahn. Warnung … und so geht das weiter.«

»Na und?«

»Na und … du dummes Keimbläschen! Willst du mir vielleicht sagen, was man denn eigentlich noch draußen soll? Nun fehlt nur noch die Warnung vor einem Beruf!«

»Vor welchem?«

»Vor dem eines Deutschen. Aber, wenn das so weiter geht: ich bleibe hier.«

»Ich gehe raus.«

»Warum?«

»Weil es unsre Pflicht ist. Weil wir heraus müssen. Weil im Kirchenblatt für den Sprengel Rottenburg und Umgegend steht: Das Leben im Mutterleib ist heilig. Lieber zehn Kinder auf dem Kissen als eines auf dem Gewissen, steht da. Und die Präservativ-Automaten sind auch aufgehoben. Wir stehen, mein Lieber, unter dem Schutz der Staatsanwaltschaft und der Kirche!«

»Draußen?«

»Nö, draußen nicht. Bloß drin.«

»Na, da bleib doch hier!«

»Wir haben nur für neun Monate gemietet, das weißt du doch!«

»Es ist, um sich an dem eignen Nabelstrang aufzuhängen! Ich für mein Teil bleibe drin!«

»Du bleibst nicht drin. Sei froh, dass wir nicht dreie sind, oder vier, oder fünf, oder sechs … «

»Halt! Halt! Wir sind doch nicht bei Karnickels!«

»Es ist alles schon mal dagewesen, Deutschland kann keine Kinder ernähren, nur Kartelle. Deutschland braucht Arbeitslose!«

»Ich bleibe drin.«

»Ich geh raus!«

»Du gehst nicht raus! Streikbrecher!«

»Pergamentfrucht!«

»Dottersack!«

(Gestrampel)

Die Mutter: »Was er nur hat –?«

Eine wunderbare Idee! Tucholsky, der Vater der Satire, lässt hier zwei Ungeborene miteinander sprechen über die Welt da draußen. Man beäugt ihn schon lang, er muss aufpassen, er der Jude, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Am 22.3.1932 veröffentlicht er das obige Gespräch unter dem Pseudonym Kaspar Hauser in der Weltbühne. Die wurde insbesondere von Sozialdemokraten, Kommunisten, Liberalen und Freigeistern gelesen, sie galt als eine der aggressivsten publizistischen Instrumente der Weimarer Republik und bis heute wird diskutiert, ob sie sie nicht auch gleichzeitig destabilisiert, ja ruiniert habe. Diesen Vorwurf quittierte Tucholsky mit der Behauptung, dass er es seit Jahrzehnten noch nicht einmal schaffe, einen Schutzmann von seinem Posten weg zu bekommen, wie solle er da einen Staat ruinieren. Nein, er und seine Mitstreiter zu denen u.a. Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Robert Walser, Alfred Polgar, Carl Zuckmayer gehörten, versuchten aufzurütteln. Aber das war noch nie leicht und kostete schon in all unserer Geschichte sehr vielen Menschen das Leben. Die Auflage der Weltbühne war bescheiden, die Nachwirkung bis heute enorm. 1933 wurde die Zeitschrift eingestellt, aber die Arbeit ging weiter, auch im Exil, von wo aus dann die neue Weltbühne fortgeführt wurde. Tucholsky war unter den Pseudonymen Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser gleich fünffacher Mitarbeiter dieser Zeitschrift und entwickelte hier unter anderem sein Talent, mit beißendem Spott und aufrüttelnden Formulierungen Missstände ans Licht zu bringen. 1935 stirbt Tucholsky 45jährig im schwedischen Exil an den Folgen eines Selbstmordversuches. Er hatte die Hoffnung aufgegeben, dass es eine Zeit nach dem braunen Terror geben könnte.

1932 hört Tucholsky fast kommentarlos auf zu publizieren. Sein Schreiben habe keinen Zweck mehr, es bliebe im abgeschlossenen Raum, also drinnen.

Geradezu bildlich ist dieser Raum im obigen Gespräch gezeichnet. Schon fünf Jahre vorher hatte er die gleiche Thematik, nicht als Dialog sondern als Monolog: Die Leibesfrucht spricht. Tenor ist hier wie da: Was ist das für eine seltsame Vorstellung von Fürsorge, wenn alles getan wird, bis zur Geburt eines Kindes und danach das harte Leben beginnt, um das sich weder Staat noch Kirche noch Richter kümmern?

Tucholsky prangert die Zustände seiner Zeit an. Die Föten werden zu Kommentatoren der rummeligen Welt draußen. Da scheint ja alles aus dem Lot. Vor allem wird gewarnt vor viel zu vielen Akademikern. Es gibt viel zu viele, die von der Gesellschaft etwas erwarten, es gibt viel zu viele Warnungen seitens des Staates. Gott, was wird da für eine Welt gezeichnet! Tucholsky warnt sogar vor dem Beruf eines Deutschen! Was muss der können? Na klar, würde Tucholsky sagen, vorrangig erst einmal die deutschen Tugenden, auf die man ja so stolz war. In seiner Kritik am Staat schwingt unterschwellig die Frage mit: Was ist der Einzelne dem Staat eigentlich wert? Danach kommt gleich die Kritik an der Kirche, die das Leben im Mutterleib schützt, indem sie es vor das der Mutter stellt, sobald der Sprößling aber auf der Welt ist, diesen dann mit allen Konsequenzen aber in der Welt allein lässt.

Wir wissen nicht, ob Erna oder Max lieber drin bleiben möchte. Ich entscheide mich für Max. Der hat lieber seine Ruhe. Und Erna weiß, dass die Ruhe trügerisch ist. Sie rüstet sich. Wir wissen, dass die Mutter noch nicht einmal davon weiß, dass in ihr zwei Babys sind. Was er nur hat? Und diese Frage spiegelt die ganze Misere. Nicht die medizinische, damals gab es noch keine Vorsorgeuntersuchungen wie heute. Nein. Das was er nur hat? zeigt, was erwartet wird. Kein Gestrampel, keine Diskussion oder gar Diskurs, keine Streitkultur. Das Nichtauffallen, das Tun, was man tun soll, die Folgsamkeit, der Gehorsam, all das, was der Staat braucht, damit er gut regieren kann, die Ruhe und die Akzeptanz. Das alles wir erwartet und die Erziehung dafür beginnt bereits im Mutterleib.

Tucholsky konnte nicht ahnen, wie es 2020 in Deutschland aussehen würde. Er wusste nichts von Sozialsystemen, Helikoptereltern und Corona. Ich wage mal in Auszügen die Aktualisierung Tucholskys. Wir bleiben bei Erna und Max.

Colloquium in utero 2020

Erna: Ich habe langsam die Nase voll. Ständig wollen die was von mir. Ein Ultraschall nach dem anderen, Blutgezapfe hier, Blutgezapfe da, alles was gut schmeckt, kriegt man nicht: Rohmilchkäse, Kuhmilch, Schwarzwälder Schinken. Veganes Zeitalter schon hier drinnen, was für ein Mist! Ich habe die Nase voll, selbstbestimmt ist die Frau, ich gehe raus. Corona kann mir eh nichts antun. Kinder sind ja gar nicht betroffen.

Max: schläft.

Erna: (regt sich auf) Mensch Max, merkst Du denn nicht, dass wir hier in einer Blase sitzen? Das kann doch so nicht weitergehen. Da draußen brauchen sie uns. Gottlob, wir hatten Eltern, die das schon mal kapiert haben und nicht den totalen Egotrip gefahren sind von wegen: Meine Figur, meine Karriere, meine Freizeit… Unsere Eltern brauchen Unterstützung! Wir sind das Volk! Wir schaffen das!

Max: (gähnt) Was sagst Du da? Ist was? Was sollen wir denn schaffen?

Erna: (ereifert sich, packt die ganze habermasgestählte Mutter aus, von der sie viel im Blut hat und legt los) Wir brauchen den Diskurs da draußen. Da herrscht derzeit Schockstarre. Die räumen alle Keller auf und pflanzen wie verrückt Kürbisse. Als ob das die Welt rettet. Die brauchen neue Ideen. Die brauchen uns!

Max (kriegt einen Schluckauf) Und was heißt das?

Erna: Fang schon mal das workout an. Mach Dich fit. Draußen ist Frühling. Es geht gleich los. Wir sind der think-tank für morgen. Hurra!

Die Mutter: (fasst sich an den Bauch) Oh da herrscht Krawall. Ach Kinder, bleibt noch etwas drin.

Das Colloquium in utero von Tucholsky wurde zitiert aus: Kurt Tucholsky: Zwischen gestern und morgen, Reinbek (rororo TB), 2003, S. 159-161

Franz Kafka: Vor dem Gesetz

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Türhüter, »jetzt aber nicht.« Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.« Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart, entschließt er sich, doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche, eingelassen zu werden, und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: »Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.« Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter, und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch, und, da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach, und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird, oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. »Was willst du denn jetzt noch wissen?« fragt der Türhüter, »du bist unersättlich.« »Alle streben doch nach dem Gesetz«, sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«

Franz Kafka verfasst diese Parabel 1914. Er ist 32 Jahre alt und schreibt seit gut 15 Jahren, hat nach den Wünschen seiner Eltern Jura studiert, das Studium mit Promotion bravourös abgeschlossen, arbeitet erst am Gericht, später als Angestellter einer Versicherung, muss Industriebetriebe in Gefahrenklassen einordnen und erhält Einblick in die harte Arbeitswelt. Er registriert täglich, was das Gefühl des Ausgeliefertseins des modernen Menschen an anonym empfundene Mächte bedeutet. Er entwirft zunehmend eine literarische Welt, – zu der Zeit hatte er bereits Die Verwandlung, Das Urteil und andere bahnbrechende Texte publiziert, und spürt detailliert Situationen der Absurdität des Daseins auf. Sein Name wird langfristig adjektiviert: kafkaeske Passagen finden sich bei vielen Autoren und diese Passagen thematisieren ausnahmslos Gefühle der Ungewissheit, Bedrohungen und Absurdität, die sich der Mensch ausgeliefert fühlt. Oftmals Alltagssituationen, in denen der Mensch Ohnmacht erfährt.

Warum wird Kafka als schwieriger Autor empfunden? Eigentlich ist das System Kafka ein klares, einmal durchdacht, kommt man gut mir ihm klar. Kafka führt uns glasklar vor, dass Texte (normalerweise) eine oder mehrere Metaebenen haben. Zum einen ist da die rein inhaltliche Komponente. Die ist hier in unserem Beispiel schnell erzählt:

Ein Mann vom Land, also Otto Normalverbraucher, will Einlass in das Gesetz, aber da sitzt ein Türhüter davor, der ihm bedeutet, das sei nicht möglich. Der Mann vom Land akzeptiert diese Autorität, stellt sie nicht in Frage. Der Türhüter gibt den Weg frei, schüchtert den Mann aber mit dem Hinweis auf viele weitere und größere Türhüter ein. Also beschließt der Mann auf die Genehmigung zum Eintritt in das Gesetz zu warten. Er konzentriert sich immer mehr auf den Türhüter, in dem er den Schlüssel zum Gesetz zu sehen scheint. Er wartet bis an sein Lebensende, schwach geworden an Leib und Seele. Dann brüllt ihm der Türhüter ins Ohr, dass er jetzt das Tor schließe, es sei ja nur für ihn bestimmt gewesen.

Der Text stammt aus dem Fragment gebliebenen Process von Kafka und ist der einzige Text aus diesem Werk, den Kafka selbst veröffentlichte. Er wird auch als Türhüterlegende bezeichnet, und erzählt wird sie Kosef K. von einem Geistlichen im Dom.

Neben der inhaltlichen Ebene gibt es nun auch die Metaebene. Kafka arbeitet metaphorisch. Wofür stehen Gesetz, Mann vom Land und Türhüter? Die Parabel kann sehr unterschiedlich gedeutet werden, ich will hier nur zwei mögliche Zugänge erwähnen:

A) Wir sehen den Mann als einen braven Bürger, für den das Gesetz ein Buch mit sieben Siegeln ist. Er macht den Versuch, das Gesetz zu verstehen, scheitert aber bereits am Türhüter. Das Gesetz könnte durchaus eine Metapher für Sinn sein, und den kann eigentlich der Mensch nur selbst für sich suchen und finden. Sicher wird er nicht von einem Türhüter offenbart. Im Laufe der Geschichte, d.h. im Laufe seines Lebens wird nicht das Gesetz das eigentliche Hindernis sondern der Türhüter. Dieser ist ja gar nicht so mächtig, wie er erst scheint, er macht ja sogar den Weg zum Gesetz frei. Trotzdem verunsichert er den Mann durch seine widersprüchlichen Aussagen. Zum einen sagt er, das Betreten des Gesetzes könne „jetzt nicht gestattet werden“, zum anderen verweist er darauf, dass „das Tor zum Gesetz immer offen stehe“. Und trotzdem geht der Mann nicht weiter. Er verschanzt sich hinter Geboten und Verboten und bleibt gefangen im Labyrinth seines eigenen Sicherheitsbedürfnisses, man könnte auch sagen seiner eigenen Feigheit. Die Energie, die er bräuchte, um zum Gesetz vorzudringen, verpufft an den Überlegungen, wie er den Türhüter dazu bringen könnte, ihn passieren zu lassen. Kafka zeigt hier schonungslos, was geschieht, wenn ein Wille nur halbherzig umgesetzt wird. Er zeigt aber auch schonungslos, was geschieht, wenn ein Wille sich erst gar nicht entwickeln konnte. Das Gesetz kann jegliche Arten von Dominanz annehmen, im Falle Kafkas sicher auch die Dominanz, die vom Vater ausging. Der Brief an den Vater, nie abgeschickt, zeigt, in welcher Not Kafka war: „An ihm vorbei kam ich zur Not, über ihn hinweg nicht…“. Kafka hat ein nie geklärtes Verhältnis zum Vater gehabt. Er litt entsetzlich unter dessen Autorität, konnte sie erkennen, schaffte aber keine Emanzipation. Dieser Druck führt zu Selbstentfremdung, Weltentfremdung und zum permanenten Schuldbewusstsein. Der Mann vom Land nimmt eine Rolle an, die ihn in Ohnmacht und Lethargie führt. Sein Leben verstreicht, ohne dass er etwas daraus gemacht hat. Der Türhüter wird zur absoluten Autorität, verhindert, dass das eigene Lebensgesetz gefunden wird. Kafka weiß sehr wohl, was zu tun wäre, um das zu ändern, in seinem eigenen Leben, aber er hat dies nie gemacht. Absurd in sich. Immanuel Kant wäre hart mit ihm ins Gericht gegangen und hätte mit ihm sicher leidenschaftlich über die „selbstverschuldete Unmündigkeit“ diskutiert.

B) Kafka war Jude. Ein sehr säkularer, soweit das in seinem religiös geprägten Prag möglich war. In Martin Buber und in Max Brod hatte er jüdische Wegbegleiter und man weiß, das er sich gerade in den Jahren 1910-1915 intensiv mit dem Judentum auseinander gesetzt hat. Es gibt also durchaus auch die Möglichkeit, den Text aus einem religiösen Kontext zu deuten. Das Gesetz ist die göttliche Offenbarung und Weisheit, so könnte man die Geschichte lesen, und diese sind unfassbar, unzugänglich und unerschließbar. Das Gesetz ist hier Metapher für Wahrheit, Gnade, all die Begriffe, auf die der Gläubige zustrebt. Das versprochene Himmelreich. Das Gesetz, das Tor zum Gesetz oder der Glanz des Gesetzes sind gebräuchliche Metaphern für das jüdische Gesetz, die Tora. Das Gesetz wird in Analogie zu traditionellen jüdischen Vorstellungen als Haus mit vielen Räumen, die nicht ohne Mühe durchschritten werden können verstanden. In den jüdischen Überlieferungen finden sich ebenso wie bei Kafka Wächter vor dem Eingang in das Gesetz. Und auch hier gilt, der Mensch muss gegen den Widerstand von draußen seine innere Überzeugung finden.

Die auktoriale Erzählhaltung verstärkt die Wirkung. Der Erzähler scheint mehr zu wissen als ich, ich bin wohl nur der Mann vom Land, also ohnmächtig. Kafka wählt ein Beispiel aus dem juristischen Bereich, den kannte er gut. Das Motiv ist typisch kafkaesk: ein Suchen und nicht Finden, ein Lehrstück über Hierarchie und Unterordnung. Alle Interpretationen sind nur Teilstücke und von daher sucht wohl jeder selbst, wo sein Gesetz und sein Türhüter ist, wie er von drinnen nach draußen oder zurück kommt.

Franz Kafka: „Vor dem Gesetz“, in Franz Kafka: Die Erzählungen, hg. Von Roger Hermes, Frankfurt (Fischer TB) 2004, S. 162-163

Das Zitat „An ihm vorbei kam ich zur Not,…“ entstammt dem Brief an den Vater, zitiert in: Die Verwandlung. Brief an den Vater und weitere Werke, hg. Von Johannes Diekhans, Paderborn (Schöningh), 1998, S. 65

Kleist: Die Marquise von O.

In M…., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O…., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten. Die Dame, die einen so sonderbaren, den Spott der Welt reizenden Schritt beim Drang unabänderlicher Umstände, mit solcher Sicherheit tat, war die Tochter des Herrn von G. …, Kommandanten der Zitadelle bei M… Sie hatte vor ungefähr drei Jahren ihren Gemahl, den Marquis von O…., dem sie auf das innigste und zärtlichste zugetan war, auf einer Reise verloren, die er, in Geschäften der Familie, nach Paris gemacht hatte.

Was für ein Plot! Die Novelle startet mit einem Skandal. Wir sind im Jahr 1807 und da lässt Kleist eine Witwe aus dem Adelsstand schwanger werden und noch dazu ohne ihr Wissen. Eine Steilvorlage für die Klatschpresse, die man damals noch Intelligenzblätter nannte und noch mehr ein klarer Verstoß gegen Anstand und Sitte…

Und dann: die Sprache! Wir sind von Anfang an in der verwinkelten und so oft im Vagen bleibenden Sprache Kleists, die wohl jeden Übersetzer an seine Grenzen bringen kann. Sätze im Irrealis, Sätze in der indirekten Rede, Sätze, bei denen so viel Deutungen möglich sind, dass eine Festlegung sowohl sprachlich als auch inhaltlich schwierig scheint und Nebensätze, in denen meist die wichtigsten Details stehen. .

Diese Marquise von O. hat Mut, provoziert, setzt sich über alle Gepflogenheiten der Sitte hinweg, zeigt vielleicht auch eine Trotzreaktion, ist eventuell verzweifelt, will ihr Leben möglicherweise nicht in Langeweile und Ödnis enden lassen. Welche Motivation treibt diese Frau zu einer solchen Anzeige? Kleist deutet nur an, unserer Fantasie kann spazieren gehen. Die Marquise weiß, dass sie mit dieser Anzeige nicht nur sich selbst sondern auch ihre wohlsituierte Familie bloßstellen wird. In dieser Anzeige zeigt sich bereits sehr viel von ihrem Charakter: Weder Fontanes Effi noch Tolstois Anna Karenina noch Flauberts Emma hätten gut hundert Jahre später die Stärke für solch ein unerhörtes Benehmen gehabt.

Die Marquise zieht nach dem Tod ihres Gatten mit ihren beiden Kindern zu ihren Eltern in das Kommandantenhaus, um sich

mit Kunst, Lektüre, Erziehung und ihrer Eltern Pflege zu beschäftigen.

So weit, so gut. Der Krieg bricht aus, es ist einer der napoleonischen Kriege. Russische Truppen überfallen auch das Kommandantenhaus. Bei diesem Überfall geschieht es wohl. Was genau, das verschweigt Kleist. Er zieht sich in Andeutungen zurück. Die Marquise ist von Truppen bedrängt worden und dann erscheint ein Offizier:

Man schleppte sie in den hinteren Schloßhof, wo sie eben, unter den schändlichsten Mißhandlungen, zu Boden sinken wollte, als von dem Zetergeschrei der Dame herbeigerufen, ein russischer Offizier erschien, und die Hunde, die nach solchem Raub lüstern waren, mit wütenden Hieben zerstreute. Der Marquise erschien er ein Engel des Himmels zu sein. Er stieß noch dem letzten viehischen Mordknecht, der ihren schlanken Leib umfasst hielt, mit dem Griff des Degens ins Gesicht, daß er, mit aus dem Mund vorquellendem Blut, zurücktaumelte; bot dann der Dame unter einer verbindlichen, französischen Anrede den Arm, und führte sie, die von allen solchen Auftritten sprachlos war, in den anderen, von der Flamme noch nicht ergriffenen Flügel des Palastes, wo sie auch völlig bewußtlos niedersank. Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen; versicherte, indem er sich den Hut aufsetzte, daß sie sich bald erholen würde; und kehrte in den Kampf zurück.

Ich liebe diese Passage! Der wackere Offizier, der Engel, kam sah und siegte und zieht danach wieder in den Kampf. Kleist lässt uns völlig im Unklaren, was da geschah. Den einzigen möglichen Hinweis gibt der Gedankenstrich nach dem: Hier – traf er…

Natürlich will man dem Retter danken, der sich als Graf F. erweist. Wie groß ist die Bestürzung als man erfährt, dieser sei bei einer Schlacht ums Leben gekommen. Die Annahme erweist sich als falsch. Graf F… steht plötzlich vor den Eltern der Marquise und bittet um deren Hand. Wieder ein unerhörter Vorstoß. Man erobert eine Dame doch nicht so nebenbei… Man erbittet sich Bedenkzeit.

Nach einer gewissen Zeit wird aus dem Gefühl der Marquise Gewissheit. Sie ist schwanger. Jetzt wird die Sache prekär. Die Eltern können mit dieser Schande, die sie über ihr Haus gebracht hat nicht umgehen. Die Mutter bringt sogar ein: Verflucht sei die Stunde, da ich dich gebar! heraus und man beschließt, die Marquise weit weg auf das Landgut zu schicken.

Als die Marquise gewahr wird, dass sie aus dem Elternhaus verstoßen worden war, folgt eine der Passagen, in der sie ihre ganze Größe zeigt. Der darin vorkommende Forstmeister ist ihr Bruder.

Man soll sogleich anspannen, sagte sie, indem sie in die ihrigen (Gemächer) trat; setzte sich, matt bis in den Tod, auf einen Sessel nieder, zog ihre Kinder eilfertig an, und ließ die Sachen einpacken. Sie hatte eben ihr Kleinstes zwischen den Knien, und schlug ihm noch ein Tuch um, um nunmehr, da alles zur Abreise bereit war, in den Wagen zu steigen: als der Forstmeister eintrat, und auf Befehl des Kommandanten die Zurücklassung und Überlieferung der Kinder von ihr forderte. Diese Kinder? fragte sie; und stand auf. Sag deinem unmenschlichen Vater, daß er kommen, und mich niederschießen, nicht aber mir meine Kinder entreißen könne! Und hob mit dem ganzen Stolz der Unschuld gerüstet, ihre Kinder auf, trug sie ohne daß der Bruder gewagt hätte, sie anzuhalten, in den Wagen und fuhr ab.

Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herab gestürzt hatte empor. (…)

Ihr Verstand, stark genug, in ihrer sonderbaren Lage nicht zu reißen, gab sich ganz unter der großen, heiligen und unerklärlichen Einrichtung der Welt gefangen. Sie sah die Unmöglichkeit ein, ihre Familie von ihrer Unschuld zu überzeugen, begriff, dass sie sich darüber trösten müsse, falls sie nicht untergehen wolle, und wenige Tage nur nach ihrer Ankunft in V… verflossen, als der Schmerz ganz und gar dem heldenmütigen Vorsatz Platz machte, sich mit Stolz gegen die Anfälle der Welt zu rüsten. Sie beschloß, sich ganz in ihr Innerstes zurück zu ziehen, sich, mit ausschließendem Eifer, der Erziehung ihrer beiden Kinder zu widmen und des Geschenks, das ihr Gott mit dem dritten gemacht hatte, mit voller mütterlicher Liebe zu pflegen.

Verlassen wir hier die Marquise. Wie jede gute Novelle hat auch diese ein unerhörtes Ende. Egal wie man zur Marquise steht, ob man das alles völlig skurril findet, unglaubwürdig, übertrieben oder endlos traurig, eines ist sicher: Kleist hat hier gezeigt, wie Krisen zu bewältigen sind und wie Vertrauensverlust den Menschen beutelt. Auch diese Kleistsche Novelle, ein in sich geschlossenes Juwel.

Kleist vollendet die Novelle mit 30 Jahren, vier Jahre später, 1811 nimmt er sich das Leben. Viel aus seiner eigenen Biographie ist eingeflossen, vor allem die Verachtung seitens der eigenen Familie. Wer einen anderen, nicht vorgesehenen Weg geht, der hat es im familiären Kontext nicht nur zu Kleists Zeiten schwer. Zugleich geht Kleist hart ins Gericht damit, dass bürgerliche Normen unbarmherzig höher gestellt werden als das Schicksal eines Individuums. Ein Thema, das ihn immer wieder umtrieb.

Bleiben wir noch an einigen sprachlichen Besonderheiten der zitierten Passage:

Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herab gestürzt hatte empor.

Wie viel Inhalt steckt in diesem Satz! Die „schöne Anstrengung“ die irre große Kraft, die die Marquise braucht, um ihre Situation zu stemmen. Wer wollte eine solch schöne Anstrengung schon haben? Wie viel Enttäuschung, Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit liegen in diesem euphemistischen Oxymoron? Und was heißt: mit sich selbst bekannt gemacht? Da ist viel Emanzipation drin. Eine Frau wird sich ihrer selbst gewahr, hier spürt sie sich und auch das, was sie sein will. Und aus eigener Kraft (!) nicht durch göttliche Hand, Nächstenliebe oder Zufall zieht sie sich aus dem Schlamassel heraus. In dieser Passage zeigt sich Kleist als Aufklärer. Er legt die Gedanken der Aufklärung in die Figur einer Frau: Der Mensch sollte fähig sein, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Er sollte sich selbst aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit heraus bringen. Und genau das tut die Marquise.

Ihr Verstand sagt ihr, dass sie die heilige und unerklärliche Einrichtung der Welt nicht würde ändern können. Kein Mensch kann Berge versetzen. Sie wird sich gewahr: Ich will nicht untergehen, auch wenn sich die Welt gegen mich stemmt. Und in diesem Bewusstwerdungsprozeß erwacht ihr Stolz. Sie wird es schaffen.

Eine starke Frau, die auf ihr Selbstbestimmungsrecht pocht und ihren Weg gegen alle Widrigkeiten geht. Eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, die Simone de Beauvoir des 19. Jahrhundert.

Heinrich von Kleist: „Die Marquise von O.“, in ders.: Sämtliche Erzählugen und Anekdoten, München(dtv), 1999, S. 104-143

Epikur: Auszug aus dem Brief an Menoikeus

Epikuros grüßt seinen lieben Menoikeus

Wer jung ist, soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern. Wer behauptet, es sei noch nicht Zeit zu philosophieren oder die Zeit sei schon vorübergegangen, der gleicht einem, der behauptet, die Zeit für die Glückseligkeit sei noch nicht oder nicht mehr da. (…) Wir müssen uns also kümmern um das, was die Glückseligkeit schafft: wenn sie da ist, so besitzen wir alles, wenn sie aber nicht da ist, dann tun wir alles, um sie zu besitzen. Um dessentwillen tun wir nämlich alles: damit wir weder Schmerz noch Verwirrung empfinden. Sobald einmal dies an uns geschieht, legt sich der ganze Sturm der Seele. Das Lebewesen braucht sich dann nicht mehr aufzumachen nach etwas, was ihm noch fehlt, und nach etwas anderem zu suchen, durch das das Wohlbefinden von Seele und Leib erfüllt würde. Dann nämlich bedürfen wir der Lust, wenn uns die Abwesenheit von Lust schmerzt. Wenn uns aber nichts schmerzt, dann bedürfen wir der Lust nicht mehr.

Darum nennen wir auch die Lust Anfang und Ende des seligen Lebens. Denn sie haben wir als das erste und angeborene Gut erkannt, von ihr aus beginnen wir mit allem Wählen und Meiden, und auf sie greifen wir zurück, indem wir mit der Empfindung als Maßstab jedes Gut beurteilen (…) Wenn wir also sagen, dass die Lust das höchste Lebensziel ist, so meinen wir nicht die Lüste der Wüstlinge und das bloße Genießen, wie einige aus Unkenntnis und weil sei mit uns nicht übereinstimmen oder weil sie uns missverstehen meinen, sondern wir verstehen darunter, weder Schmerz im Körper noch Beunruhigung der Seele zu empfinden. Denn nicht Trinkgelage und ununterbrochenes Schwärmen und nicht Genuss von Knaben und Frauen und von Fischen und von allem anderen, was ein reich besetzter Tisch bietet, erzeugt das lustvolle Leben, sondern die nüchterne Überlegung, die die Ursache für alles Wählen und Meiden erforscht und die leeren Meinungen austreibt, aus denen die schlimmste Verwirrung der Seele entsteht.

Für all dies ist der Anfang und das größte Gut die Einsicht. Darum ist auch die Einsicht noch kostbarer als die Philosophie. Aus ihr entspringen alle übrigen Tugenden und sie lehrt, dass es nicht möglich ist, lustvoll zu leben ohne verständig, schön und gerecht zu leben, noch auch verständig, schön und gut ohne lustvoll zu leben. Denn die Tugenden sind von Natur aus verbunden mit dem lustvollen Leben und das lustvolle Leben ist von ihnen untrennbar.

Epikur: „Brief an Menoikeus“, in : ders. Von der Überwindung der Furcht, eingeleitet und übersetzt von O. Gigon, Zürich 1968

Hätte ich zur Zeit von Epikur in seiner Umgebung gelebt, wäre ich Epikureerin geworden. Natur, Ruhe, Geselligkeit, mediterrane Atmosphäre, das gefällt mir alles. Keine dunkle Wandelhalle, wie sie die Stoiker hatten, Epikur braucht Licht und er trinkt auch gern einen guten Wein. Sehr sympathisch. Und im Grunde genommen warte ich dieser Tage darauf, dass man Epikur zum Philosophen der Stunde krönt. Er passt so gut in unsere Zeit.

Sein Kraftort war ein Garten auf Samos. Wer einen Kraft- oder Sehnsuchtsort für sich benennen kann, weiß, welche Bedeutung dieser fürs gesamte Leben hat. Ich brauche meinen Liegestuhl unter dem Ahornbaum bei uns im Garten und dann ein Buch, mehr nicht. Die Vorstellung von diesem Ort bringt mich auch ganz gut durch Wintermonate und Regenzeiten. Mein „locus amoenus“, nicht grundlos auch für die Literatur ein wichtiger Topos: der Ort, an dem man sich wohl fühlt, an dem man Inspiration erhält, ein Ort, an den man sich zurückziehen kann, auch geistig, um Kraft zu holen, ein Ort des Genießens.

Um das Jahr 300 vor Christus schreibt Epikur seinem Schüler Menoikeus einen Brief. Ein Brief der Stärkung und Hoffnung, ein Brief der Umkehr und ein Brief, in dem herkömmlich gebrauchte Begriffe eine Umdeutung erfahren. Dieser Brief ist vollständig erhalten. Stellen wir uns vor, dass er ihn an einem schönen Ort schreibt, vielleicht in seinem viel gerühmten Garten auf Samos und stellen wir uns vor, dass er einen guten Wein neben sich hat, den er genießt. Dann haben wir schon die Paradevorlage für das Verständnis Epikurs im Kopf.

Man weiß, dass Epikur mehr geschrieben hat als jeder andere Zeitgenosse, aber Vorbehalte, Vorurteile und vor allem Missverständnisse führten dazu, dass seine Schriften nur fragmentarisch enthalten sind. Epikur, der Hedoniker, der immer nur der Lust frönt, Epikur, das Schwein, das trinkt, hurt und nur die Sonnenseite des Lebens akzeptiert. Das kann doch kein ernst zu nehmender Philosoph sein. Epikur passt weder in die strenge römische Antike noch ins düstere Mittelalter. Epikurs Schule, der Epikureismus wird im christlichen Mittelalter gar Synonym für Sünde. Aber warum eigentlich?

Epikurs zentraler Begriff ist die hēdonḗ, die Lust. Und im Laufe der Jahrhunderte hat dieser Begriff einen starken Bedeutungswandel erfahren. Die epikureische hēdonḗ ist nicht die Lust der heutigen Hedoniker, die eher für „Bock haben“ und „ich, ich ich“ stehen. Seine Vorstellung geht eher in die Richtung des „Carpe diem“ (Pflücke den Tag). Horaz, einer seiner römischen Interpreten, sieht die gesamte epikureische Philosophie unter diesem Begriff.

Schauen wir uns den Text an, der uns in klaren Worten ein Denken nahe bringt, das mehr als 2000 Jahre alt ist. Vor solch alten Texten habe ich immer besondere Ehrfurcht. Wie weit weg sind sie von meiner Zeit und gleichzeitig wie aktuell. Epikur fordert auf, sich um die Gesundheit seiner Seele zu kümmern. Was für ein schönes Bild. Und diese Gesundheit der Seele bringt er mit einem zentralen Begriff der Antike in Verbindung: den der Glückseligkeit. Wir müssen uns um das kümmern, was Glückseligkeit schafft. Diese Forderung kannten alle antiken Philosophen, darin waren sie sich einig: Das Wichtigste, das der Mensch in seinem Leben leisten muss, ist sich um seine Glückseligkeit zu kümmern. All das menschliche Streben möge darauf ausgerichtet sein, dass sein Leben ein erfülltes sei. Ist das nicht reichlich naiv, könnte man einwenden? Das Leben ist kein Ponyhof. Klammert das nicht viel zu viel aus? Was ist Glückseligkeit? Gibt es die überhaupt? Und wenn ja, wie komme ich da hin? Die letzte Frage beantwortet Epikur gleich im ersten Satz des Briefes:

Wer jung ist, soll nicht zögern zu philosophieren, und wer alt ist, soll nicht müde werden im Philosophieren. Denn für keinen ist es zu früh und für keinen zu spät, sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern.

Das ist eine deutliche Einladung an alle. Und keiner möchte sagen, so würde man heute vielleicht argumentieren, das sei nur etwas für Leute, die eben Zeit hätten. Sich um die Gesundheit der Seele zu kümmern hat für Epikur oberste Priorität.

Epikur weiß, wovon er spricht. Wenn wir glückselig sind, legt sich der Sturm in unserer Seele. Damit ist nicht nur das Grübeln gemeint, da spricht er innere Kämpfe an, die das System Mensch aus den Fugen bringen. Das Hin-und Hergerissen sein, das dauernde in der Entscheidung stehen, die permanente Suche nach dem Optimalen, das alles eben, was uns abhält, im Hier und Jetzt zu verweilen, weil wir mit viel zu viel anderem beschäftigt sind, das uns abhält, den Augenblick wahrzunehmen und ihn auch zu genießen. Ein Sturm wütet immer dann, wenn der Mensch neben sich steht, wenn er vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht, wenn das Fass kurz vorm Überlaufen ist. Dauernd auf der Hut, dauernd unter Strom, alles auf Kante gestrickt. Wenn Helene Fischer „Atemlos durch die Welt“ gesungen hätte, hätte Epikur wohl viel dazu sagen können.

Wann legt sich die Hetze, die den Menschen davon abhält, sich um die Gesundheit seiner Seele zu kümmern? Epikur ist auch hier klar: Wenn der Mensch sich gewahr wird, dass er weder Schmerz noch Verwirrung empfindet, dann braucht er auch nicht mehr auf die Suche nach noch mehr, noch Besserem, noch Größerem zu gehen. Dann braucht er keine Lustbefriedigungen. Dann denkt er in anderen Kategorien.

Epikur Denken kreist um den Lustbegriff: Lust sei höchstes Lebensziel. Und Lust ist: weder Schmerz im Körper haben noch Beunruhigung in der Seele empfinden. Das ist eine sehr gewöhnungsbedürftige Interpretation von Lust. Schmerzfreiheit und Seelenruhe. Vielleicht könnte man einwenden: Das sei doch nur die Vorbedingung für Lust. Aber nein: Epikur will weg vom oberflächlichen Lustdenken, von den Trinkgelagen und von Knaben, Frauen und Fischen, – man beachte die Reihenfolge – er denkt den Lustbegriff nüchtern, wissend, dass jeder Wunsch Junge kriegt und von daher reine Bedürfnisbefriedigung kein Weg zur Glückseligkeit ist. Lust und Unlust sind für Epikur kein Selbstzweck. Höchste Lust findet Epikur darin, dass ihm nichts mangelt.

Epikur weiß, dass seine Gedanken nur auf fruchtbaren Boden fallen, wenn eine Voraussetzung erfüllt ist, die er noch höher wertet als die Philosophie: Der Mensch muss das Gut der Einsicht haben, für ihn das höchste Gut. Wenn die fehlt, kann es auch keine Glückseligkeit geben. Wenn die fehlt, ist jedes Streben und Ringen obsolet, wenn die fehlt, regieren Verbissenheit, Sturheit und Hochmut. Ein Verschieben dessen, was einem Lust bereitet auf morgen bedeutet, dass morgen nie Gegenwart wird. Epikur ruft Menoikeus auf, sich mit Dingen zu beschäftigen, die Freude und „Lust“ bereiten, jedoch stets mit nüchternem Kalkül und dem Blick auch auf die Folgen des Verhaltens. Da Letzteres häufig vergessen wird, kam und kommt es auch heute noch oft zu Missverständnissen, und damit zu Verwechslungen von Epikureismus und reinem Hedonismus. Im letzteren geht es nämlich darum, dass man sich allen Lüsten und Vergnügungen einfach hingibt und zum perfekten Egoisten wird. Das ist aber genau das Gegenteil von dem, was Epikur wollte.

Goethe: Faust I

Johann von Goethe: Auszug aus Faust I

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dort her sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen!
Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen,
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!

Goethe greift in alle Register. Die Zeilen haben Power. Nichts mit wohlgesetzten gereimten Versen mit gleichbleibendem Versmaß. Die Energie muss herausgeschleudert werden, da würden Formalitäten nur stören. Es gibt hier keinen Gleichtakt, jede Zeile sucht sich eine neue Ausrichtung. Was gibt es alles zu entdecken! Wie herrlich ist diese Welt! Teile dieses Textes können auch Menschen auswendig, die gar nicht wissen, dass sie aus dem Faust stammen, der dm-Werbung sei Dank. Faust nimmt den Leser mit auf seinen Osterspaziergang mit seinem Schüler Wagner. Sie streifen nicht einsam durch die Natur, sie treffen auf Handwerker, Dienstmädchen, Schüler, Bürger, Bettler sowie Bauern, das pralle Leben ist unterwegs. Der Mensch treibt aus den trüben Häusern. Die Natur treibt aus der Starre der kalten Zeit. Ein bewusst gesetzter Vergleich. Goethe bedient sich geradezu rauschhafter Metaphern für wiederkehrende Kraft, Erneuerung, Hoffnung. Der Winter ist vorbei, Farbe kehrt zurück ins Leben, Mensch und Natur blühen gemeinsam wieder auf. Faust, gerade noch von Selbstmordgedanken gequält, wird vom Klang der Osterglocken zurück ins Leben geholt, letztlich abgehalten, Hand an sich zu legen. Er zermarterte sich das Hirn, lange, nicht nur die eine Nacht vor Ostern. Er studiert, er sucht, er irrt, er findet – nichts. Seine Gedanken kreisen um die zentrale Goeth‘sche Frage: Was ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält? Und auch um den zermürbenden Gedanken, dass er in seinem begrenzten Leben wohl nie diese Frage wird beantworten können. Er findet in all seinen Büchern keine Weisheit, er ist ratlos. Faust sieht sich einem Berg an Unklarheiten gegenüber. Wo soll er anfangen? All diese Gedanken sind so menschlich! Er droht an seinem Suchen zu zerbrechen. Und dann retten ihn Glocken! Osterglocken, natürlich ist die Symbolik kein Zufall. Die Erde hat ihn wieder, noch benommen und mitgenommen, entdeckt er dieses Leben wieder neu. Halleluja!

Welch schöne Bilder finden sich im Monolog, wahrlich ein hymnisches Naturgedicht. Jeder, der derzeit durch die lichten sonnendurchfluteten Wälder geht, den Geruch des überall sprießenden Bärlauchs in der Nase, das Gurgeln der Bäche, den Gesang der Vögel, der kann sich in die Goeth‘sche Euphorie problemlos einfühlen. Es wird warm, die Kälte hat sich zurückgezogen und Goethe personifiziert Frühling, Täler, Winter, Sonne… dadurch pulsiert das Leben noch stärker. Bildung und Streben erwachen zu neuem Leben, die Lethargie der langen dunklen Zeit ist wie weggeblasen, das Belebende steht im Fokus. Faust, an den eigenen Grenzen fast umgekommen, nimmt wieder Menschen wahr, das bunte Treiben, das gemeine Volk, die Natur. Die Normalität hat ihn wieder, diese hatte in seinen Nachtgedanken keinen Platz, da herrschte akademische Einsamkeit, ja geradezu Verbissenheit. Es ist Ostern, der Mensch feiert Auferstehung, und die spürt Faust am eigenen Leib.

Dieses Jahr hat der Osterspaziergang andere Vorzeichen für uns alle. Er ist erlaubt, aber bitte nur zu zweit und möglichst auf Abstand. Die Faust‘sche Euphorie ist zumindest gedämpft. In Pandemie-Zeiten liest man diese Textpassage anders. Der Text umschreibt die Sehnsucht nach Freiheit, Geselligkeit, Ausgelassenheit. Und gerade das alles ist derzeit mehr als eingeschränkt. Das „dumpfe Gewimmel“ ist uns verboten, wir sollen lieber im „Druck von Giebeln und Gemächern“ bleiben, den „alten Winter“ verlängern. Wir müssen „des Volkes wahren Himmel“ anderswo suchen. Der Blick aus dem Fenster, der für viele derzeit die einzige Möglichkeit ist, frische Luft zu atmen, ist zwar kein Ersatz aber doch ein kleiner Blick ins Paradies, in dem sich Faust wähnt, wenn er durch die Natur spaziert.

Goethe ist kein Kirchgänger. Mit seinem pantheistischen Denken eckt er immer wieder an den Gepflogenheiten der Zeit an, die nach strengen Regeln funktionierte. Ihm geht es hier im Monolog nicht um das Streben nach einem Leben im Himmel, um ein Leben nach dem Tod, um die Auferstehung Jesu. Für ihn ist der wahre Himmel das Hier und Jetzt. Das zeigt insbesondere die letzte Zeile: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein. Die Alliteration verstärkt die Aussage, der Fokus liegt eindeutig auf „hier“ und auf „ich“. Ein schönes Beispiel einer Emphase. Es geht hier ja nicht um das Säugetier Mensch, das Goethe auch in vielen Traktaten studiert, es geht um das Lebensgefühl, das Menschliche, die Harmonie von Innen- und Außenwelt. Das „Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden“ zeigt klar: Goethe geht es um dem Menschen, er setzt die Auferstehung des Herrn in Vergleich mit der Auferstehung des Menschen aus der langen Dunkelheit des Winters.

Faust bemerkt wieder Dinge um ihn herum, seine Sinne werden geschärft. Ihm fällt dann auch ein schwarzer Pudel auf, den er zu sich ins Studierzimmer nimmt. Dieser Pudel ist Mephisto, also der personifizierte Teufel, der seinen Kern aber erst später zeigt.

Faust wird alsbald einen Pakt mit dem Teufel schließen, um sich selbst zu erheben, da er davon überzeugt ist, dass es keinerlei Dinge gibt, die der Mensch nach seinem Tod zu befürchten hat: denn der wahre Himmel ist im Hier und Jetzt, wodurch Mephistos Forderung nach der Seele des Gelehrten kaum ins Gewicht fällt und demnach auch weniger bedrohlich erscheint.

„Ich höre schon des Dorfs Getümmel, hier ist des Volkes wahrer Himmel“. Faust scheint sich geradezu danach zu sehnen, in das Getümmel abzutauchen, „Volk“ zu werden. Er ist an einem Punkt, den jeder kennt, der Ergebnislosigkeit de Nachdenkens kennt, die Frustration, keinen Deut weiter zu kommen trotz allen Mühens, der des Studierens überdrüssig ist, der endlich wieder fühlen möchte. Es scheint gerade, dass sich Faust, der sich sicher nicht zum gemeinen Volk zählt danach sehnt, Teil des gemeinen Volkes zu sein. Daher ist diese Szene auch so zentral für das ganze Drama. Hier vollzieht sich seine 180 Grad Kehre. Hier wird der Treibsand gelegt, der ihn letztlich ins Verderben zieht. Von daher hat der Osterspaziergang zwei Seiten.

Wenn es mir gelingt, den Osterspaziergang als Kleinod für sich zu betrachten, das heißt, das Werk außen vor zu lassen, dann liegt darin eine grenzenlose Kraft und Hoffnung. Wenn es mir gelingt, die Kraft der Naturbilder lebendig werden zu lassen, dann hat der Monolog eine starke Aussage. Wenn ich aber weiß, was nach dem Osterspaziergang kommt, wird die Wirkung abgeschwächt.

Wenn möglich, lassen wir heute den Kontext außen vor und machen in Gedanken oder ganz real einen schönen Spaziergang in der Natur.

Friedrich Nietzsche: Der tolle Mensch

Es ist Karfreitag. Die Christen gedenken weltweit Jesu Tod. Auch Friedrich Nietzsche war gewohnt an dieses Ritual all die Jahre. Er wird 1844 als Sohn eines Pfarrers geboren, trägt schon zu Schulzeiten im Elitegymnasium der Landesschule Pforta den Spitznamen „der kleine Pastor“ ob seiner grandiosen biblischen Kenntnisse und beginnt dann auch erst einmal Theologie zu studieren. Er wird unpromoviert und ohne habilitiert zu sein bereits mit 25 Jahren erst als außerordentlicher Professor auf den Lehrstuhl für klassische Philologie in Basel berufen, sieben Jahre später und schon lang ordentlicher Professor, wird er wegen undefinierbarer Krankheitssymptomen (Migräne?) beurlaubt und muss sein Lehramt 1879, dann bereits fast blind niederlegen. 1885 ist Also sprach Zarathustra abgeschlossen, die bekannteste und für lange Zeit wirksamste Schrift Nietzsches, drei Jahre vorher hatte er Die fröhliche Wissenschaft publiziert aus der der folgende Text stammt.

Nietzsche wird von seiner Schwester gepflegt und stirbt 1900 in Weimar, geistig völlig umnachtet. Zarathustra ist noch eines der Werke, die er abgeschlossen hat, viele spätere bestehen aus Fragmenten, die unterschiedlich angeordnet werden können. Da sind sich bis heute die Forscher uneins, wie hier zu sortieren ist.

Den Literaten war er zu philosophisch, den Philosophen zu literarisch. Und doch wurde er einer der maßgebenden Denker für das 20. Jahrhundert.

Die Fröhliche Wissenschaft erschien erstmals 1882 und wurde 1887 ergänzt. Das Buch besteht aus 400 Aphorismen. Nietzsche verweist immer wieder darauf, die fröhliche Wissenschaft sei ein Kommentar zu Also sprach Zarathustra, das ja erst Jahre später publiziert wurde. Einige Aphorismen sind bereits im Stil der Zarathustra geschrieben, so auch der vom tollen Menschen. Hier geht es nicht nur um den Verfall der christlichen Religion, sondern um den Untergang aller Metaphysik. Der tolle Mensch ist dem Kyniker Diogenes von Synope nachgebildet. Er lebt einsam in den Bergen, völlig bedürfnislos und zeigt Distanz zu den Werten der Gesellschaft.

Der tolle Mensch (125. Aphorismus)

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: “Ich suche Gott! Ich suche Gott!”
Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.
Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.
Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.

“Wohin ist Gott?” rief er, “ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet – ihr und ich! 
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? 
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? 
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?

Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend? 
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? 
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?
Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben?
Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen!
Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?

Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? 
Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? 
Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?
Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?
Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? 

Es gab nie eine größere Tat – und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!”
Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. “Ich komme zu früh”, sagte er dann, “ich bin noch nicht an der Zeit.

Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!” – Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: “Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?”

Friedrich Nietzsche: Die Fröhliche Wissenschaft, München 1995 (S. 166f)

Am helllichten Tage lässt Nietzsche seinen tollen Menschen auf den Marktplatz treten. Dort sucht er mit einer Laterne nach Gott. Absurd, da ist wohl ein Verrückter unterwegs, kein Mensch braucht Licht am Tag, könnte man denken. Der Marktplatz, seit jeher der Ort der Geschäfte, aber auch die Agora, die bereits Sokrates Platz bot, um seine Gedanken zu entfalten. Hier wurde schon immer gestritten und über Gott und die Welt diskutiert. Hier also wirft der tolle Mensch eine rhetorische Frage nach der anderen in die Menge und durchbohrt die Menschen nach Manier des Narren mit seinen Blicken. Er fordert Antworten, keine Floskeln. Er fordert Nachdenken. Aber er erhält keine Antwort. Und das bringt ihn zum Schluss: „Gott ist tot!“ Nietzsches berühmter Satz. Ein Satz, der den Beginn des atheistischen Zeitalters einleitete und bis heute diskutiert wird. Wenn Gott tot ist, dann muss er einmal gelebt haben. Und dann ist die Frage: Warum und wie ist er gestorben? Wurde er getötet? Von wem?

Nietzsche ist Kind seiner Zeit. Das 19. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Säkularisierung, der naturwissenschaftliche Fortschritt ist rasant, das bereits in der Aufklärung geforderte Autonomiestreben bekommt Kontur. Die Zeit der Gottesgläubigkeit scheint vorbei zu sein.

Der tolle Mensch spricht in Metaphern: „das Meer austrinken“, „den Horizont wegwischen“, „die Erde von der Sonne losketten“. Das Meer, die Unergründlichkeit, der Horizont, die Unendlichkeit, die Sonne, die Lebenskraft, allesamt Bilder, die Gott umschreiben. Sie tauchen in vielen Variationen in der Bibel auf. Sie sind aber auch bei Platon zu finden als Umschreibung für das Göttliche.


Was dann kommt, gleicht einer Apokalypse: Auf die Frage „Wohin bewegen wir uns?“ prophezeit der tolle Mensch „unendliches Nichts“, „leere Räume“, „Kälte“, „Nacht und mehr Nacht“. Mit anderen Worten: Es wird furchtbar! Und klar, dann brauchen wir auch Licht am Tag.

Der Mensch wird zum Totengräber Gottes. Man kann dessen Verwesung riechen. Es stinkt auf der Welt. Was ist die Folge? Der Mensch wird zum Mörder, er hat Gott getötet und tritt dann an seine Stelle. Er braucht in seiner Welt keinen Gott mehr. Konsequenz ist aber, dass er nicht mehr um Vergebung von Schuld bitten kann und sich auch nicht mehr an Gott wenden kann, ob in Glück oder in Leid. Gott ist nun einmal tot. Und Tote helfen nicht. Der Mensch ist komplett auf sich gestellt, für alles verantwortlich und muss daher neue Werte haben. Wenn Gott tot ist, dann gibt es weder eine verbindliche Wahrheit noch eine verbindliche Moral. Dann gibt es nur Nihilismus.

War Nietzsche Nihilist? Nein!

Im Text hält der tolle Mensch in seiner Rede inne. Die Menschen schauen ihn an. Sie verstehen ihn nicht. Und der tolle Mensch lässt die Laterne fallen und sagt: „Ich bin zu früh gekommen“.

Warum wird der tolle Mensch nicht verstanden? Warum glaubt er zu früh gekommen zu sein?

Um das leben zu können, was ein Leben ohne Gott bedeutet, um sich von dem befreien zu können, was ihn durch Tradition und Gewohnheit bindet, braucht der Mensch Kräfte, die er wohl noch nicht hat. Er muss Denkweisen überwinden, die ihn prägen. Und das ist schwer.

Mit anderen Worten: Im Aphorismus wird der Tod Gottes verkündet, weil der Glaube der Menschen, und zwar jener an die christliche Lehre, sowie jener an die philosophischen Gottesvorstellungen, zusammengebrochen ist. Gott ist zu einem leeren, vollkommen sinnlosen Begriff geworden. Genau darauf weist der tolle Mensch hin. Der Mensch hat zwar durch sein Nichtbeachten und durch sein geschäftiges Tun Gott überflüssig gemacht und dadurch auch getötet, aber ist noch nicht so weit, die Konsequenzen in seinem Leben umzusetzen. An diesen Konsequenzen arbeiten sich nicht nur die Philosophen des 20. und 21. Jahrhunderts ab. Diese Konsequenzen treten immer dann besonders klar hervor, wenn es um existentielle Fragen geht.

Nietzsche provoziert. Ich provoziere, wenn ich einen Nietzsche Text am Karfreitag thematisiere. Das ist mir sehr wohl bewusst. Der Tod Gottes, die wohl radikalste Provokation. Wie gehe ich damit um?

Albert Camus: Die Pest

Nur wenige Werke der Weltliteratur beschreiben derart exakt, was uns gerade alle bewegt. Camus Pest, ein Roman, 1947 geschrieben und nach wie vor Pflichtlektüre in Frankreichs Schulen, mutet uns zu, sich mit einer Pandemie zu beschäftigen. Wir lesen ihn heute mit Sicherheit anders als noch vor zwei Monaten.

Camus schreibt an dem Roman während des zweiten Weltkriegs, er schreibt geradezu besessen gegen die braune Pest an, die die Welt um ihn in Griff hatte. Die Pest ist ein politischer Roman, ein Roman, in dem eine Seuche verheerenden Schaden bringt, geradezu akribisch seziert.

Der Roman wird aus der Perspektive von Dr. Rieux erzählt, er versteht sich als Chronist und will ein für allemal dokumentieren, was es heißt, durch so eine Zeit zu gehen und was das vor allem auch für die Zukunft der Menschen bedeutet. Es wird nie wieder so wie vorher. Die Pest kann jederzeit wiederkommen. Seid aufmerksam! Das ist die eine Botschaft. Die andere ist. Seid füreinander da!

Dr. Rieux stand der Pest ebenso unvorbereitet gegenüber wie unsere übrigen Mitbürger, und so muß man sein Zögern verstehen. So muß man auch begreifen, daß er zwischen Besorgnis und Vertrauen hin und her gerissen wurde. Wenn ein Krieg ausbricht, sagen die Leute: «Er kann nicht lange dauern, es ist zu unsinnig.» Und ohne Zweifel ist ein Krieg wirklich zu unsinnig, aber das hindert ihn nicht daran, lange zu dauern. Dummheit ist immer beharrlich. Das merkte man, wenn man nicht immer mit sich selbst beschäftigt wäre. In dieser Beziehung waren unsere Mitbürger wie alle Leute, sie dachten an sich, oder anders ausgedrückt, sie waren Menschenfreunde: sie glaubten nicht an Heimsuchungen. Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde. Aber er vergeht nicht immer, und von bösem Traum zu bösem Traum vergehen die Menschen, und die Menschenfreunde zuerst, weil sie sich nicht vorgesehen haben. Unsere Mitbürger waren nicht schuldiger als andere, sie vergaßen nur die Bescheidenheit und dachten, daß ihnen noch alle Möglichkeiten offenblieben, was aber voraussetzt, daß Heimsuchungen unmöglich sind. Sie schlossen auch weiterhin Geschäfte ab, bereiteten Reisen vor und hatten eine Meinung. Wie hätten sie da an die Pest denken sollen, die der Zukunft, dem Reisen und dem Gedankenaustausch ein Ende macht? (32)

Wir sind am Anfang der Pest und also auch am Anfang des Romans, der gut 350 Seiten lang ist. Hier wird um Verständnis für das Zögern geworben, für die Zeit, die der Mensch braucht, um zu akzeptieren (verstehen?), was da vor sich geht. Das Hin- und -Hergeworfensein zwischen „Besorgnis und Vertrauen“ wird angesprochen. Das Wort „Krieg“ fällt, Macron spricht auch vom Krieg, er ist Franzose, er hat die Pest gelesen. Wir aus deutscher Sicht haben da ein anderes Narrativ, und dafür bin ich auch dankbar. Sehr menschliche Themen, die diskutiert werden in dem Roman. Die unklare Dauer, der böse Traum, die Heimsuchungen, die Schuldfrage, letztlich auch die Ignoranz, all das wird geradezu sachlich dokumentiert. Camus gibt vor, Realitäten abzubilden, und er warnt vor der Gefahr, dass Menschenfreunde vergehen… Was sind Menschenfreunde? Und warum vergehen die zuerst? Nach Camus sind das die, die „sich nicht vorgesehen haben“. Die also nicht gerüstet sind für die Dauer eines solchen Ausnahmezustandes. Camus denkt nicht nur in den Kategorien Vorratshaltung, Konserven, Toilettenpapier. Er zeigt, was die Pest aus den Menschen macht und wie sie sich in ihrem Verhalten verändern.

Noch ist alles unwirklich, Ratten sterben. Es dauert, bis die Seuche erstmals benannt wird. Man will sie erst nicht wahrhaben, glaubt nicht, dass sich da etwas geradezu Diabolisches ausbreitet und man versucht, so weiter zu machen wie bisher. Camus beschreibt das alles nicht mit erhobenem Zeigefinger sondern mit der Sachlichkeit des Chronisten, der auflistet. Es kommt der Augenblick, an dem das Leben aber nicht mehr seinen alltäglichen Gang gehen kann.

Man kann sagen, daß von diesem Augenblick an die Pest uns alle betraf. Bis jetzt war jeder Bürger trotz der Überraschung und der Besorgnis, die diese merkwürdigen Ereignisse mit sich brachten, an seinem gewohnten Platz seiner Arbeit nachgegangen, so gut er konnte. Und das mußte zweifellos so bleiben. Aber als nun die Tore geschlossen waren, merkten sie, daß sie alle, auch der Erzähler, in der gleichen Falle saßen und daß sie sich damit abfinden mußten. So geschah es zum Beispiel, daß ein so urpersönliches Gefühl wie das der Trennung von einem geliebten Menschen plötzlich, und schon in den ersten Wochen, ein ganzes Volk erfüllte und zusammen mit der Angst das größte Leid dieser langen Zeit der Verbannung bildete. Eine der auffälligsten Folgen der geschlossenen Tore war in der Tat die jähe Trennung, die die Leute unvorbereitet traf. Mütter und Kinder, Ehegatten, Liebespaare, die sich vor wenigen Tagen auf kurze Zeit getrennt, die sich auf dem Bahnsteig mit zwei oder drei Ermahnungen verabschiedet hatten, in der Gewißheit, daß sie sich in ein paar Tagen oder Wochen wiedersehen würden, die sich, erfüllt vom blinden Vertrauen der Menschen, durch diese Abreise kaum von ihren gewohnten Gedankengängen ablenken ließen, sie alle waren mit einem Schlag hoffnungslos weit entfernt voneinander, unfähig, zusammenzukommen oder miteinander zu verkehren. Denn die Tore waren ein paar Stunden vor der Bekanntmachung des Präfekten geschlossen worden, und es war natürlich unmöglich, auf Einzelfälle Rücksicht zu nehmen. Man kann sagen, daß die erste Folge dieses schonungslosen Einbruchs der Krankheit unsere Mitbürger zu handeln zwang, als hätten sie keine persönlichen Gefühle. Während der ersten Stunden nach dem Inkrafttreten der Verordnung wurde die Präfektur von einem Heer von Bittstellern belagert, die telefonisch oder persönlich ihren Fall auseinandersetzten, der bei allen gleich dringlich war und gleich unberücksichtigt bleiben mußte. Wir brauchten wirklich einige Tage, ehe uns klarwurde, daß wir uns in einer ausweglosen Lage befanden, in der die Wörter «verhandeln», «Gunst», «Ausnahme» keinen Sinn mehr hatten. Sogar die leichte Befriedigung des Schreibens wurde uns versagt. Einerseits war die Stadt tatsächlich nicht mehr durch die gewöhnlichen Verkehrsmittel mit dem übrigen Land verbunden, und andererseits untersagte eine neue Verordnung jeglichen Briefwechsel, um zu verhüten, daß die Briefe zu Infektionsträgern würden. Am Anfang konnten sich einige Bevorzugte an den Stadttoren mit den Wachtposten verständigen, die einwilligten, Botschaften hinauszubefördern. Aber das war in den ersten Tagen der Seuche, in einem Augenblick, da es die Wachen natürlich fanden, einem Gefühl des Mitleids nachzugeben. Als jedoch nach einiger Zeit diese gleichen Wachen fest vom Ernst der Lage überzeugt waren, weigerten sie sich, eine Verantwortung zu übernehmen, deren Tragweite sie nicht absehen konnten. Die Ferngespräche, die anfänglich erlaubt waren, hatten eine solche Überlastung der Leitungen und der öffentlichen Sprechstellen zur Folge, daß sie nach einigen Tagen gänzlich verboten und nachher streng auf die sogenannten dringlichen Fälle wie Tod, Geburt und Hochzeit beschränkt wurden. Die Telegramme blieben nun unser einziger Ausweg. Menschen, die geistig, seelisch und körperlich verbunden waren, mußten die Zeichen dieser alten Gemeinschaft in den Druckbuchstaben einer Depesche von zehn Worten zusammensuchen. Und da die Wendungen, die in einem Telegramm zu gebrauchen sind, schnell erschöpft werden, verdichteten sich lange, gemeinsam durchlebte Jahre oder schmerzliche Leidenschaften rasch zu einem regelmäßigen Austausch stehender Redensarten wie: «Bin gesund. Denke an Dich. Alles Liebe.» (56)

Es kommt zu drastischen Maßnahmen, die Stadt wird abgeriegelt, keiner kommt mehr rein, keiner mehr heraus. Familien werden getrennt, Liebende können sich nicht mehr sehen, Dr. Rieux selbst ist von seiner Frau getrennt. Die Behörden bleiben hart, es werden keine Ausnahmen gemacht. Bis dato gültige Hierarchien sind außer Kraft gesetzt. Die Wörter «verhandeln», «Gunst», «Ausnahme» haben ihren Sinn verloren. Der Briefverkehr ist eingestellt. Die Netze sind überlastet. Die Einschränkungen erreichen auch die sprachlichen Mitteilungen, alles ist auf ein Minimum reduziert.

Camus führt alles vor Augen, was wir derzeit durchmachen: das Herunterfahren des öffentlichen Lebens, die Trennung von Familien, die Einschränkung von Freiheit in allen möglichen Bereichen, Verbote hier, Verbote dort, der Kampf der Medizin, die Überforderung aller, die im Gesundheitswesen und auch in vielen anderen Bereichen beschäftigt sind. Alle sind betroffen, jeden kann es treffen. Und es ist ein absurder Kampf, der da geführt wird, das weiß allen voran Dr. Rieux. Trotzdem kämpft er weiter wie Sisyphos, der später in einem anderen Text von Camus zentrale Figur wird. Camus glaubt nicht an Gott und leugnet auch, dass das Leben einen Sinn hat. Aber er ist nicht bereit zur Resignation sondern fordert, dass sich der Mensch mit allen Mitteln für Humanität und Solidarität, für Freundschaft und Liebe einsetzen solle. Er sucht keine Logik, die es nicht gibt, er sucht auch nicht nach Schuldigen, wo es keine Schuldigen zu finden gibt. Fragen danach bringen keinen Deut weiter.

Auch in Camus Roman ist sehr oft wunderschönes Wetter und strahlend blauer Himmel, wie wir ihn in den vergangenen Wochen hatten. Es dauert zehn Monate, bis die Seuche ausgerottet ist. Die Erleichterung danach ist groß, es wird gefeiert. Dr. Rieux kann sich aber nicht mit allen freuen, die den Sieg über die Pest bejubeln. Er weiß, dass sie nur „schlummert“, um irgendwann wiederzukommen, dann in veränderter Form.

Denn er wußte, was dieser frohen Menge unbekannt war und was in den Büchern zu lesen steht: daß der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann, daß er in den Zimmern, den Kellern, den Koffern, den Taschentüchern und den Bündeln alter Papiere geduldig wartet und daß vielleicht der Tag kommen wird, an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben.

Die Textpassagen habe ich aus dem Internet genommen: https://epdf.pub/die-pest.html (Eingesehen am 31.3.2020, wer den Text übersetzt hat, wird nicht genannt)

Markus Werner: Die eheliche Stufenleiter

Der Schweizer Autor Markus Werner liefert in seinem preisgekrönten Buch Am Hang die perfekte Navigationspassage zum Liebesglück. Euphorie kommt auf, Palmsonntagsstimmung. Natürlich nur ironisch, mitunter auch zynisch, manchmal auch plump. Mit großer Freude am erzählerischen Detail und Gespür für den vielfach doppelten sprachlichen Boden lotet Werner die Technik der Suspense bis zum Äußerten aus, so dass beim Lesen zeitweise der Eindruck entsteht, einem Verbrechen auf der Spur zu sein. Die Suspense ist ein Mittel der Spannungserzeugung. Kein Schocker aber das beklemmend langsame Hochschrauben von Erwartungen. Ich bin beim Lesen auf der Hut und befürchte, dass irgendetwas passiert. Im Hang, durchaus ein mehrdeutiger Titel, kommt etwas ins Rutschen. Nicht nur meine Vorstellungen von Liebe, aber um die geht es mir heute.

Zwei Männer, Clarin, ca 30 Jahre jung und Scheidungsanwalt und der ca 50 jährige Loos, Altphilologe, treffen sich zufällig (?) in Montagnola. Nein, es geht nicht um Hermann Hesses Montagnola, aber Hesse ist in vielen Anspielungen präsent. Beide wollen dort das Pfingstwochenende verbringen. Beim Abendessen im Hotel kommen sie ins Gespräch. Schnell entwickelt sich Tiefsinn. Es geht u.a. um Liebe. Und um die unterschiedlichen Auffassungen dazu. Der junge Anwalt erläutert seine Auffassung von Liebe in Anlehnung an die mosaische Himmelsleiter, der ältere Gesprächspartner kontert mit seiner. Zuerst Clarin:

Ich sagte, dass ich, wie schon erwähnt, kein Junggeselle wider Willen sei, mein Status sei gewollt und mir gemäß. Auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu verzichten, sei undenkbar für mich und um so weniger nötig, als man als Ungebundener die Freuden, die das Leben biete, viel unbekümmerter genießen könne. Den Vorwurf, ich scheute mich davor, Verantwortung zu übernehmen, müsse ich von mir weisen, schon darum, weil ihn stets jene erhöben, die unter ihr ächzten. (…) Natürlich komme es manchmal zu Tränen, sagte ich, wenn ich einer Frau gegenüber, die mehr von mir erwarte, als ich investieren könne, ehrlich sei und ihr die Trennung nahelege, doch solche Tränen seien Petitessen verglichen mit jeder Art Ehe-Elend. Meistens sei ja die Sache auch bald verschmerzt, ich hätte mich zum Beispiel heute, auf dieser Terrasse, an eine Freundin erinnert, mit der ich hier vor längerem ein letztes Mal zusammengewesen sei, und auch für sie sei keine Welt eingestürzt. So sei es meistens: Die lockere Beziehung verhindere Tragödien und biete zudem Schutz vor einem traurigen und herkömmlichen Paare selten verschonenden Schicksal. (…) Ich habe es schon angedeutet, ich rede von der ehelichen Stufenleiter, die vom Begehren über das Mögen über die liebe Gewohnheit über die Lustlosigkeit hinabführt bis zur Abneigung, womöglich bis zum Haß, und dann kommt die Stunde der diplomierten und undiplomierten Berater, und vielleicht sorgt ein durchsichtiges Negligé oder ein verzweifelter Tanga für ein paar letzte Funken, und dann kommt die Stunde des Anwalts.

(S. 20 f.)

Peng. Hier spricht der Womenizer, der von Affäre zu Affäre jongliert und Liebe klar von Ehe trennt und in der Liebe vorrangig die Variationsfülle schätzt und die Freiheit, jederzeit auszusteigen. Es wird abgewogen zwischen Erwartungen und Investitionsvermögen und es wird scharf abgegrenzt von jeder „Art Ehe-Elend“ und eindeutig für die lockere Beziehung votiert. Die eheliche Stufenleiter beginnt für Clarin im Himmel und rutscht rasant ab über die Stationen „Begehren“, „Mögen“, „liebe Gewohnheit“, „Lustlosigkeit“ bis zur „Abneigung“ und zum Haß“. Im Grunde also wird die Ehe hier als Einstieg zur Hölle beschrieben. Er zeigt sich als kühler Kalkulator, utilitaristisch gestrickt, was schon allein das Wort „investieren“ zeigt und schiebt Verantwortung von sich, wenn er „ihr die Trennung nahelegt“.

Und dem nicht genug: Werner verweist dann auf die darauf folgende Stunde der „diplomierten oder undiplomierten Berater“, des „durchsichtigen Negligés“ oder des „verzweifelten Tangas für ein paar letzte Funken“ und dann „die Stunde beim Anwalt“.

Sein Gesprächspartner, der abgeklärte Altphilologe Loos hört gut zu, zuckt zusammen, als das Wort „investieren“ in Zusammenhang mit Liebe fällt, entschuldigt sich nach Clarins Ausführungen erst einmal, kommt aber bald zurück zum Tisch und nimmt das Gespräch auf.

Aber eigentlich habe ich oben im Badezimmer über die eheliche Stufenleiter nachgedacht, von der Sie berichtet haben und die für Sie vom Himmel in die Hölle führt. Die spannende Beziehung aber, ich habe zwölf Jahre Erfahrung, bietet ein anderes Bild, warten Sie, ich zeichne es Ihnen auf. – (…)

(Er) zeichnete mit leichter Hand eine Leiter, deren Fuß von Flammen umlodert war, um die zwei gehörnte Teufelchen tanzten, und deren oberes Ende sich an eine Wolke lehnte, auf der ein Engel saß. Mag sein, sagte Loos, dass man gemeinsam auf der obersten Sprosse beginnt, knapp unterhalb des siebenten Himmels. Verliebtheit, Leidenschaft, Trieb. Mag sein, dass man gemeinsam auf der untersten Sprosse endet, knapp oberhalb des Höllenfeuers. Abneigung, dégout, Haß. Ich sage mag sein, denn nicht einmal das ist gewiss. Vor allem aber scheint mir Ihre Vorstellung verfehlt, dass Paare zeitgleich und quasi gefühlskongruent von Sprosse zu Sprosse hinunter steigen, gemächlich die einen, die anderen rasant, aber immer Schulter an Schulter. So mechanistisch, fast hätte ich gesagt:harmonisch, geht es nicht her und zu auf dieser Leiter, da herrscht ein reger Betrieb und kein geordneter Einbahnverkehr mit Zielort Hölle, denn beide Teile steigen auf und ab, sie kreuzen sich dabei und sitzen vielleicht dann und wann ein Weilchen auf der gleichen Sprosse, wenn möglich auf einer hohen, wo sie Vertrauen und Gefühle der Nähe erleben, was sie dazu befähigt, einander wieder fern zu sein, einander zuzuwinken auch über diverse Sprossen hinweg. Im Glücksfall dauert das dynamische Geschehen auf dieser Leiter lebenslang, und im Ernstfall wird man sogar die Erfahrung machen, dass Hass nicht töten muss, im Gegenteil.

(S. 24f)

Wieder Peng! Hier spricht der Moralist, der sich über die Beziehungsarmut einer Genration echauffiert, die von der Jagd nach Erfolg getrieben ist und mit großem Theater seine Sicht der Dinge erläutert. Er kritisiert vehement den Zeitgeist, weiß genau, warum die Welt den Bach hinunter geht, haut mit allen Mitteln auf die Dekadenz und fordert ein Zurück zu einem Weltbild, das offensichtlich nicht mehr gelebt wird.

Die Loos‘sche Leiter beginnt in der Hölle, sie wird „von Flammen umlodert, um die zwei gehörnte Teufelchen tanzen“. Das Liebespaar im Strudel der Begierde, der Lust, des Verliebtseins, der alle klare Gedanken aussetzt. Ihr oberstes Ende verschwindet im Himmel, nur was bedeutet Himmel? Der siebte Himmel, die virtuelle Welt, die Fiktion, die Hirngespinste, die am Anfang jeder Ehe stehen? In diese entschwindet ein Engel. Es herrscht Betrieb auf der Leiter, keinesfalls immer gleichgetaktet, es ist ein „dynamisches Geschehen“, alles andere als ein „gefühlskongruentes von Sprosse zu Sprosse“ steigen. Und Loos setzt noch einen drauf:

es kann geschehen, dass man erst recht, vielleicht erst richtig lieben kann, wenn man gehasst hat.

(S. 26)

Haß als Vorbedingung der Liebe. Was liegt hier denn für eine Vorstellung von Liebe vor? Nein, wer glaubt, Loos habe den Verstand verloren, irrt. Er analysiert glasklar und nimmt die Leser mit in seine Rätsel und Gedankenexperimente. Und er ringt und dieses Ringen führt direkt in den Kern der Frage der Liebe.

Lassen wir die beiden Männer unter sich, sie sind weit mehr verstrickt, als man zu diesem Zeitpunkt im Roman glauben mag. Nehmen wir das Bild der ehelichen Stufenleiter, das Markus Werner gelungen in Szene gesetzt hat. Eine Metapher mit unterschiedlicher Länge und Stabilität. Spannend. Über die Stufenleiter habe ich schon viele gute Gespräche mit Freunden geführt. Wie gefällt mir das Bild? Könnte ich mich darauf wieder finden? Gibt es vielleicht fehlende Sprossen oder solche, von denen ich gar nicht weg möchte? Wofür stehen denn die Sprossen, Halteinseln? Orientierungspunkte? Wie stabil sind sie? Oder ist das alles einfach überhaupt nicht verwertbar für eine Auffassung von Liebe? Clarin lässt Werner in der indirekten Rede, Loos in der direkten Rede sprechen. Mag das ein Hinweis sein, hinter wem Markus Werner steht? Beide sind (erst einmal) von ihren Darstellungen überzeugt; sie wirken natürlich holzschnittartig, aber bieten vielleicht gerade deswegen jede Menge Möglichkeiten der Variation.

Markus Werner hat eine stille Prosa geschrieben, die bewegt, so sein Schweizer Kollege Urs Widmer, auch ein wunderbarer Autor. Sie regt zur Sinnsuche an, spielt mit Lebenskonzepten und propagiert letztlich klar eine Verlangsamung der Meinungsfindung zugunsten der Klarheit. Schnelle Lösungen sind nicht sein Ding. Er erwartet Dialogbereitschaft von seinen Lesern. Und überall sehe ich sein Augenzwinkern.

Die Angaben beziehen sich auf: Markus Werner: Am Hang, Frankfurt (Fischer TB) 2009

Erich Kästner: Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

In: Erich Kästner: Bei Durchsicht meiner Bücher, Stuttgart (Rowohlt) 1946 (Ich habe tatsächlich eine so frühe Ausgabe!)

Schon der Titel lässt aufhorchen: Er vereint Gegensätzliches: eine Romanze, die sachlich ist. Dieses Oxymoron gibt den Grundton des Gedichtes an. Unvereinbares steht nebeneinander, ja bedingt sich vielleicht gegenseitig, das Zerrissene der Form ist ein Spiegel des zerrissenen Menschen.

Was ist eine Romanze? Da gibt es mehrere Bedeutungen:

  • eine lyrische Verserzählung aus Spanien
  • eine höfische Musikgattung, sehr verbreitet im romanischen Mittelalter
  • das Synonym für Liebeserlebnisse

hier also bereits Mehrdeutigkeit

Was ist sachlich?

Eine auf pragmatische Erklärung ausgerichtete Beschreibung oder Tätigkeit, ohne Gefühl.

Also ein Wort, das nicht primär mit Liebeslyrik in Verbindung gebracht wird.

Erich Kästner trennt sich 1926 von seiner Jugendliebe Ilse Julius, die er seit 1919 kennt. Es ist kein schmerzloser Abschied, Ilse muss zum Zug und davor ringen beide noch stundenlang miteinander. Der Mut zum schnellen Abschied fehlt. Die ganze Dramatik einer zu Ende gegangener Liebe beschäftigt Kästner derart, dass dadurch sein Verhältnis zu Frauen im Grunde lebenslang beeinflusst ist.

Das Gedicht ist sicher vielen bekannt. Wir haben in unzähligen Literaturkreisen nach Herzenslust darüber diskutiert, und nicht immer waren wir einer Meinung. Über dieses Gedicht sind lange, sehr lange Interpretationen geschrieben worden. Die beste für mich hat unsere jüngste Tochter geliefert in einem Mannheimer Café bei einem Einkaufsbummel. „Mama, hier sitzen viele sachliche Romantiker!“ Ich schaute mich um und sah tatsächlich viele Paare, die sich gegenüber saßen und stumm in ihren Tassen rührten. Die damals Vierzehnjährige hat das Gedicht verstanden, sie hat verstanden, worum es eigentlich geht, um die Sprachlosigkeit zwischen Menschen. Wenn ich heute ein Café betrete, denke ich unwillkürlich erst einmal an Kästner und an die „sachlichen Romantiker“ unserer Tochter.

Ja, es geht hier um ein Phänomen, das verallgemeinert werden kann. Ein Beleg dafür, dass der rein biographische Zugang auf Literatur einfach viel zu eng ist. Kästner hat sicher viel von eigenen Erfahrungen hineingelegt, darüber hinaus aber ein Thema gestaltet, das weiß Gott nicht nur er kennt. Er verzichtet auf Namensnennung, er lässt uns völlig im Unklaren, wie alt die beiden sind. Und er legt geradezu eine Steilvorlage zur Übertragung.

Was ist das Besondere an Kästners Gedicht? Die vier Strophen kommen sprachlich locker und leicht daher. Man glaubt sich in einer sachlichen Beschreibung. Aber genau darin liegt der Kniff: Die betonte Sachlichkeit überdeckt das Brodeln der inneren Gefühlswelt. Da sitzen sich zwei Menschen gegenüber, die schlicht Angst davor haben, ihre Beziehung zu beenden. Kästner greift tief in stilistische Möglichkeiten: Die Liebe kam „plötzlich“ abhanden „wie anderen Leuten Stock oder Hut“. Hier vergleicht er „Liebe“ mit „Stock oder Hut“. Wir sind im Jahr 1929. Da gehörte der Stock oder Hut wesentlich zum Leben hinzu. Das war etwas Wertvolles, das einem nicht „plötzlich abhanden“ kam. Das „plötzlich“ lässt aufhorchen, ein Paradoxon: Es passt überhaupt nicht zur Liebe. Verlieben geht plötzlich, entlieben nun einmal nicht. Hier knirscht es. Und es knirscht noch weiter. Der Kreuzreim verstärkt die Spannung zwischen Innen und Außen und auch er wird, wie das Oxymoron, konstant im Gedicht durchgehalten.

Die zweite Strophe offenbart die ganze Hilflosigkeit der Beiden. Sie spüren, dass sie nicht mehr wie gewohnt weitermachen können, halten aber gleichzeitig fest am Gewohnten. Eigentlich belügen sie sich. Gerade durch die mehrfache Wiederholung des „und“ wird diese Wirkung verstärkt. Das verbindende „und“ wird hier zum trennenden „und“. Sie weint und er lässt sie mit ihren Tränen allein.

Die dritte Strophe ist Höhepunkt der Jargonverschränkung, eine typische Kästnerstrophe. Er beschreibt darin Äußerlichkeiten. Alles, was jetzt eigentlich wesentlich wäre, wird ausgeklammert. Die Welt geht ihren gewohnten Gang, sie ist völlig abgekoppelt von dem, was die beiden so intensiv beschäftigt. Jegliche Psyche wird überspielt. Von außen betrachtet könnte man meinen: hier ist ein Paar eigentlich gut aufeinander eingespielt. Sie schauen den Schiffen nach, wohlgemerkt eine Metapher für Sehnsucht, sie suchen das Ritual (sie trinken offensichtlich oft nachmittags gemeinsam Kaffee) und sie nehmen das Hintergrundgeräusch wahr. Ein Mensch „übt“ Klavier, wohlgemerkt, er spielt nicht, er übt. Das kann mitunter auch nerven. In Ausnahmesituationen, dann wenn Menschen völlig überfordert sind und nicht mehr weiter wissen, kann äußere Wahrnehmung noch funktionieren, eine Orientierung im Strudel. Wenn die beiden Hals über Kopf verliebt gewesen wären, hätten sie die Zeit vergessen, ihnen wären die Schiffe und auch der Klavier übende Mensch wahrscheinlich gar nicht aufgefallen.

Die vierte Strophe hat eine Zeile mehr. Die braucht Kästner für das unausweichliche Ende. Er führt uns aber zuerst mit ins „kleinste Café am Ort“. Da ist es eigentlich intim, da herrscht Nähe, da geht es normalerweise nicht anonym zu, eigentlich also ein perfekter Ort für ein ungestörtes Gespräch. Sie gehen bewusst weg aus der häuslichen Atmosphäre, in der vielleicht zu viel stören könnte. Aber was machen sie? „Sie „rührten in ihren Tassen“. Da ist kein Blick erwähnt, da herrscht Sprachlosigkeit, Einsamkeit eine ganz andere als die von Forentino und Femina bei García Márquez. Die Endzeile zeigt die ganze Tragik: „Sie konnten es einfach nicht fassen“. Ungläubiges Erstaunen, Resignation, Traurigkeit, Fassungslosigkeit und vor allem eben Hilflosigkeit. Ohne Gefühlsdusselei hat Kästner hier sehr viel über Gefühle geschrieben und uns vor Augen geführt, wie der Mensch abstumpft, wenn er nicht mehr weiter weiß und wie viel er meisterhaft verdrängt, indem er einfach so weiter macht wie bisher.