Gabriel García Márquez: Liebe in den Zeiten der Cholera

Zu unserer Hochzeit bekamen wir ein Buch geschenkt, das nicht den charmantesten Titel trägt: Die Liebe in den Zeiten der Cholera. Autor: Der Kolumbianische Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez. Der Schenkende war Mitarbeiter am Romanischen Seminar und ist schon lang Professor für Romanistik. Er ist einer meiner lieben „alten“ Freunde geblieben. In den 80er Jahren arbeitete mein sehr verehrter Doktorvater an einem Buch mit dem vielsagenden Titel: Der literarische Titel. Ich war also gewohnt, Titel erst einmal auf alle möglichen Untersuchungskriterien hin abzuklopfen. Liebe in den Zeiten der Cholera: erst dachte ich: wird schwierig, da so eine Seuche ja alles an Normalität hinrafft, dann dachte ich: das wird ein trauriges Buch, wie soll in solchen Zeiten Liebe möglich sein? Dann dachte ich, nein, García Márquez ist Autor von 100 Jahre Einsamkeit, Meister der Perspektivänderung, für ihn ist das Magische real und das Reale wird in Frage gestellt. García Márquez schreibt kein Buch, das herunterzieht. Der Titel des Romans machte mich neugierig, er war so rätselhaft. Ich las den Roman, wechselte irgendwann zur spanischen Ausgabe und lese ihn seitdem immer wieder. Dieser Roman ließ mich alles um mich vergessen, er war Schuld daran, dass sich mein Spanisch sprunghaft verbesserte. García Márquez hat nicht nur ein großes Sittengemälde in der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Lateinamerika gestaltet und eine berührende Liebesgeschichte erzählt, sondern auch Fragen thematisiert, die gerade in Zeiten wie unserer jetzigen, in der Bedrohung von außen den Menschen geradezu auffrisst und er sich fragt, was für ihn Leben ausmacht, an Bedeutung gewinnen. Es ist ein Buch, das in meinen Lesekreisen keine Chance hätte, (leider) einige Seiten zu lang geraten…Und es ist ein Buch, bei dem eine Neuübersetzung so sehr wünschenswert wäre.

51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage wartet Florentino Ariza auf Fermina Daza, in die er sich blutjung und mittellos verliebt. Fermina erwidert seine Liebe, ihr Vater will die Verbindung nicht und unternimmt mit Fermina eine Reise des Vergessens in der Hoffnung, dass Florentino nur eine Episode bleibt. Schließlich heiratet Fermina Dr. Juvenal Urbino, einen angesehenen Arzt. So leidenschaftlich Florentino, so rational Dr. Ubino. Fermina bleibt über 50 Jahre verheiratet und findet sich zurecht in einem Leben als Gattin, Schwiegertochter, Mutter und Dame der Gesellschaft. Dr. Urbino stirbt auf tragikkomische Weise beim Versuch, seinen Lieblingspapagei aus einem Mangobaum einzufangen. Florentino Ariza wird wohlhabender Direktor der karibischen Flußschiffahrtsgesellschaft und fulminanter Schürzenjäger, hält aber seine Sehnsucht nach Fermina wach. Nach dem Tod von Dr. Ubino ist seine Stunde gekommen. Auf die hat er über 50 Jahre lang gewartet. Wieder beteuert er Fermina gegenüber seine Liebe, Monate vergehen, bis sie sich ihm endlich zuwendet. Florentino, der in all den Jahren Femina viele Briefe geschrieben hat, fängt wieder an, ihr zu schreiben, diesmal schickt er die Briefe los. Sie handeln vom Leben, den Verhältnissen der Menschen zueinander, den Entwicklungen der Welt. Sie helfen Fermina zurück ins Leben zu kommen, sie trifft sich mit Florentino, ihre Kinder machen ihr deswegen Vorwürfe. Sie will aber keine Bevormundung mehr und nimmt die Einladung Florentinos zu einer Schiffsreise an. Gemeinsam besteigen sie eines seiner Schiffe, hissen, um ungestört sein zu können, die Choleraflagge und fahren den Rio Magdalena rauf und runter. Sie wollen nicht mehr an Land, weil sie wissen, was sie dort erwartet: „das Grauen des wirklichen Lebens“ und beschließen, bis an ihr Lebensende zusammen zu treiben.

Die Geschichte kommt in Fahrt als Dr. Ubino stirbt. Fermina verabschiedet die Besucher bei dessen Beerdigung. Einer von ihnen ist Florentino, den sie über 50 Jahre nicht mehr gesehen hat. Und der wagt das Unerhörte, geradezu Unverschämte:

Doch bevor sie ihm für seinen Besuch danken konnte, legte er sich die Hand, in der er den Hut hielt, auf die Seite des Herzens und ließ bewegt und würdevoll den Abszeß aufplatzen, der ihn am Leben gehalten hatte.

Femina“, sagte er zu ihr: „Auf diese Gelegenheit habe ich über ein halbes Jahrhundert gewartet, um Ihnen erneut ewige Treue und stete Liebe zu schwören“.

(…) Ihr unmittelbarer Impuls war, ihn wegen der Entweihung des Hauses zu verfluchen, in diesem Moment, da die Leiche ihres Mannes im Grab noch warm war. Doch daran hinderte sie die Würde des Zorns. „Hau ab“, sagte sie. „Und lass dich nicht wieder blicken, solange Du lebst.“. Sie öffnete erneut weit die Eingangstür, die sie gerade hatte schließen wollen…“

(Seite 80)

Sehr pathetisch und selbstsicher dieser Auftritt von Florentino. Wie ein Casanova tritt er der Witwe gegenüber. Da ist kein Anstand, keine Einfühlung sichtbar. Femina hingegen hat sich im Griff, die „Würde des Zorns“ hindert sie, Florentino zu verfluchen. Die Szene zeigt, dass er in ihrem Leben all die Jahre ihrer Ehe keine Rolle gespielt hat. Das ist bei Florentino offensichtlich völlig anders.

Florentino Ariza hingegen hatte nicht einen Augenblick aufgehört, an Famina Daza zu denken, seit sie ihn nach einer langen und angefeindeten Liebe endgültig abgewiesen hatte. Das war vor einundfünfzig Jahren, neun Monaten und vier Tagen gewesen. Er hatte nicht täglich eine Kerbe in die Kerkermauer ritzen müssen, um über das Vergessen Buch zu führen, denn kein Tag verging, an dem nicht irgendetwas geschah, was ihn an sie erinnert hätte.

(S.83)

Seine Liebe lodert nach wie vor, sie war geradezu Antrieb für all sein Tun. Unzählige Briefe sind in all den Jahre an Famina entstanden, keinen einzigen hat er ihr geschickt. Vielleicht war Florentino ein großer Romantiker, der in seiner Welt lebte, vielleicht war er aber auch unbeirrbar in seinem Glauben, dass der Tag X kommen würde, an dem Femina für ihn frei sein würde.

Florentino Ariza hatte vorgehabt, ihr die siebzig Briefbogen zu bringen, die er vom vielen Durchlesen schon auswendig aufsagen konnte, entschied sich dann jedoch für ein einseitig beschriebenes Billet, das nüchtern und klar sein sollte und in dem er nur das Wesentliche versprach; seine unbedingte Treue und seine ewige Liebe.

(S. 94)

Nach dem Tod Dr. Ubinos beginnt er wieder Briefe zu schreiben, diesmal schickt er sie ab. Auch jetzt braucht er noch einen sehr langen Atem, Famina schweigt. Er kann nicht wissen, dass er ihr durch seine Briefe die Rückkehr ins Leben, einen Neubeginn nach 50 Jahren Gewohnheit ermöglicht. In diesen Briefen ist er alles andere als Schürzenjäger. Da ist er der Mensch, der versteht, der Themen anspricht, die existentiell wichtig sind.

Denn sie hatte die Briefe nicht nur erhalten, sondern auch mit großer Anteilnahme gelesen und darin bemerkenswerte Gründe zum Weiterleben gefunden. (…) Es waren Betrachtungen über das Leben, die Liebe, das Alter, den Tod: Gedanken, die oft mit dem Flügelschlag von Nachtvögeln über ihren Kopf hinweggezogen und, wenn sie versuchte, sie festzuhalten, in Federwolken zerstoben waren. Hier waren sie wieder, genau und einfach, so, wie sie sie gern ausgedrückt hätte, und erneut schmerzte es sie, dass ihr Mann nicht mehr am Leben war, um mit ihm darüber zu sprechen, wie sie vor dem Schlafengehen über bestimmte Ereignisse des Tages zu reden pflegten. Auf diese Weise offenbarte sich ihr ein unbekannter Florentino Ariza, der über eine Hellsicht verfügte, die weder zu den fiebrigen Botschaften seiner Jugend noch zu dem düsteren Benehmen in seinem restlichen Leben passte.

(S.437)

Femina verändern die Briefe. Im gesamten ersten Witwenjahr bekommt sie wöchentlich drei bis vier von ihnen. Anfangs überlegt sie sich, ihm diese zurück zu geben, allmählich aber begreift sie, dass er das nur als Kränkung auffassen konnte.

Dieses erste Jahr hatte ihr genügt, die Witwenschaft anzunehmen. Die geläuterte Erinnerung an den Ehemann beeinträchtigte sie nicht mehr bei den alltäglichen Verrichtungen, bei ihren innersten Gedanken, bei den einfachsten Vorhaben, sondern gewann für sie eine wachsame Gegenwärtigkeit, die sie leitete, ohne ihr im Weg zu sein. (…) Sie verstand ihn nun besser als zu der Zeit, als er noch lebte, sie verstand seinen Liebeshunger, sein dringendes Bedürfnis, in ihr die Sicherheit zu finden, die sein öffentliches Auftreten bestimmte und die er in Wirklichkeit nie gehabt hatte. Eines Tages hatte sie ihn auf dem Gipfel der Verzweiflung angeschrien: „Merkst Du denn gar nicht, wie unglücklich ich bin!“ Er hatte, ohne sich aufzuregen, mit einer für ihn typischen Bewegung die Brille abgenommen, seine Frau mit dem klaren Wasser seiner kindlichen Augen überschwemmt und ihr mit einem einzigen Satz die ganze Last seines unerträglichen Wissens aufgehalst: „Du musst immer daran denken, dass nicht Glück, sondern Beständigkeit entscheidend für eine gute Ehe ist.“ In ihrer ersten Einsamkeit als Witwe wurde ihr klar, dass jener Satz nicht die kleinliche Drohung enthielt, die sie damals herausgehört hatte, sondern der Stein der Weisen war, der ihnen beiden so viele glückliche Stunden ermöglicht hatte.

(S. 439)

Famina liest nun Forentinos Briefe und beschäftigt sich damit, das eigene Leben zu verstehen, zu überlegen, was ihr wichtig ist und was nicht (mehr) in ihre Lebenswirklichkeit gehört.

Sie beginnt, sich mit Forentino zu treffen, er tut ihr gut. Gleichzeitig merkt sie den Argwohn ihrer Kinder ihm gegenüber und sie kommt zum Schluss:

Wenn wir Witwen einen Vorteil haben, dann doch den, dass uns niemand mehr kommandieren kann.

(S. 474)

Sie beginnt, sich zu ihrer „jungen Liebe“ zu stellen und sagt:

Am liebsten würde ich aus diesem Haus verschwinden, einfach weglaufen, geradeaus, immer geradeaus, und nie mehr zurückkommen.

Steig auf ein Schiff“, sagte Florentino Ariza.

Fermina Daza sah ihn nachdenklich an.

Das wäre gar nicht so dumm“, sagte sie.

(S. 475)

Forentino und Famina besteigen tatsächlich ein Schiff, merken, dass sie dort eine Wirklichkeit finden, die ihr Leben ist und wollen gar nicht mehr ins andere Leben zurück. Sie fragen den Kapitän, welche Möglichkeiten es gäbe und der hat eine fatale Idee:

Mal rein hypothetisch gesprochen“, sage er, „wäre es denn denkbar, eine direkte Fahrt zu machen, ohne Fracht, ohne Passagier, ohne einen Hafen anzulaufen, ohne alles?“ Über all das könne man sich nur hinwegsetzen, wenn ein Pestfall an Bord sei. Dann werde das Schiff nämlich mit Quarantäne belegt, die gelbe Fahne aufgezogen, und es herrschte der Ausnahmezustand.

(S. 501)

Die Cholerafahne wird gehisst. Dadurch ist sicher, dass sie nirgendwo an Land gelassen werden, dass keiner an ihr Schiff herankommen möchte. Man lässt sie in Ruhe und sie finden zu einem Leben, das sie sich so gestalten, wie sie es wollen. Das „Drinnenbleiben“, wie ich es mal salopp nenne, wird hier zur Chance.

Sie fühlten sich nicht (…) als frisch verliebtes Ehepaar und schon gar nicht als späte Liebende. Es war, als hätten sie den harten Leidensweg des Ehelebens übersprungen, um ohne Umweg zum Kern der Liebe vorzudringen. Sie lebten dahin wie zwei alte, durchs Leben klug gewordene Eheleute, jenseits der Fallen der Leidenschaft, jenseits des grausamen Hohns der Hoffnungen und der Trugbilder der Enttäuschungen: jenseits der Liebe. Denn sie hatten genug zusammen erlebt, um zu erkennen, dass die Liebe zu jeder Zeit und an jedem Ort Liebe war, jedoch mit der Nähe zum Tod an Dichte gewann.

(S. 505)

Am Ende des Buches fragt der Kapitän:

Und was glauben Sie, wie lange wir dieses Scheiß-Hin und -Zurück durchhalten können?“

Florentino Ariza war seit dreiundfünfzig Jahren, sieben Monaten und elf Tagen und Nächten auf die Frage vorbereitet:

Das ganze Leben“, sagte er.

(S. 509)

Mit diesem wunderschönen Satz endet der Roman. Gewonnen hat die Erkenntnis, 

dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt. (S. 508)

García Márquez mutet dem Leser einiges zu. Es ist ein wortgewaltiges Buch mit einer wunderbaren Poetik. Die Geschichte beginnt mit dem Tod Dr. Ubinos und wird in Rückblenden erzählt, erst am Ende des Buches wird die Gegenwart erreicht.: wie auch in 100 Jahre Einsamkeit vermischt García Márquez immer wieder die Grenze zwischen Realität und Phantasie und ermöglichen so, Wirklichkeit neu zu interpretieren. Wer pragmatisch an diesen Roman geht, der muss scheitern. Meine ersten Überlegungen zum Titel musste ich revidieren: Liebe in Zeiten der Cholera heißt: es geht hier um tiefe Liebe, die keine Seuche erreicht und die den Menschen stärkt.

El amor en los tiempos del cólera, der Originaltitel des Buchs ist ein unübersetzbares Wortspiel, denn „cólera“ kann im kolumbianischen Spanisch auch so viel bedeuten wie Hitze, Leidenschaft, diese Bedeutung geht in der deutschen Übersetzung verloren. Aber mit dieser Mehrdeutigkeit spielt García Márquez im Buch. Florentino ist all die Jahre alles andere als prüde, er liebt geradezu cholerisch, mitunter auch auf Kosten de Frauen. García Márquez hat viele Autoren inspiriert, möglicherweise auch Robert Seethaler, der einen wunderbaren Roman nach dem letzten Satz von García Márquez genannt hat: Das ganze Leben

Die Seitenangaben beziehen sich auf folgende Ausgabe:

Gabriel García Márquez: Liebe in den Zeiten der Cholera, aus dem kolumbianischen Spanisch übersetzt von Dagmar Ploetz, Köln (Kipenheuer & Witsch) 1987

Friedrich Hölderlin: Heidelberg

Lange lieb' ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
 Mutter nennen, und dir schenken ein kunstlos Lied,
  Du, der Vaterlandsstädte
   Ländlichschönste, so viel ich sah.

Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
 Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
  Leicht und kräftig die Brücke,
   Die von Wagen und Menschen tönt.

Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst
 Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging,
  Und herein in die Berge
   Mir die reizende Ferne schien,

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
 Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
  Liebend unterzugehen,
   In die Fluten der Zeit sich wirft.

Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
 Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
  All' ihm nach, und es bebte
   Aus den Wellen ihr lieblich Bild.

Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
 Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund,
  Von den Wettern zerrissen;
   Doch die ewige Sonne goß

Ihr verjüngendes Licht über das alternde
 Riesenbild, und umher grünte lebendiger
  Efeu; freundliche Wälder
   Rauschten über die Burg herab.

Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
 An den Hügel gelehnt, oder dem Ufer hold,
  Deine fröhlichen Gassen
   Unter duftenden Gärten ruhn.

Heute vor 250 Jahren ist er geboren, in Lauffen am Neckar und keiner, er am wenigsten, konnte ahnen, dass er große Teile seines Lebens in einem Turm verbringen würde, unverstanden von der Welt und die Welt nicht verstehend. Friedrich Hölderlin, einer der ganz wichtigen Romantiker, in seiner bürgerlichen Existenz gescheitert, „verrückt“ in eine andere Welt und dementsprechend außer der Norm. Wie ist er mit all den Einschränkungen seines Alltags zurechtgekommen? Wie hat er jeden Tag in der Einsamkeit verbracht? Wir wissen es nicht. Man interessierte sich Jahrhunderte kaum für ihn. Erst im 20. Jahrhundert begann man zu verstehen, was das für ein großartiger Dichter gewesen ist. Seine Texte gelten als schwer zugänglich. Eigentlich wäre jetzt die Zeit überreif für eine Neubewertung seines Werkes.

Gerade 30 Jahre jung, schreibt er 1800 seine berühmte Heidelberg-Ode: Lang lieb ich Dich schon… mit der die Verherrlichung der Stadt in der Romantik beginnt. Was für eine Begeisterung spricht aus diesem Gedicht! Seit seinem ersten Besuch 1788 fühlt er sich der Stadt heimatlich verbunden. Die Alte Brücke ist zu der Zeit gerade fertig gestellt, sie ist Mittelpunkt des Gedichts. Heute finden sich noch an vier Orten die Spuren Hölderlins: das Hölderlin-Gymnasium in der Plöck, die Gedenktafel am Philosophenweg und die Schrift über dem Eingang zur Neuen Universität. Dort ist Pallas Athene als Verkörperung der humanistischen Tradition angebracht, und unter ihr steht: Dem lebendigen Geist. Diese Widmung ist ein Hölderlin-Zitat aus dem Tod des Empedokles. Seit 2012 gibt es noch einen Ort in Heidelberg, die Friedenskirche in Handschuhsheim, auf deren Treppenstufen sich ein Zitat Hölderlins findet, kryptisch, rätselhaft und zum Nachdenken einladend.

Hölderlin ist Meister der Erfindung zusammengesetzter Wörter: ,„Vaterlandsstädte“, „ländlichschönste“, da geht die Suche nach dem treffenden Wort mit ihm durch. Diese zusammengesetzten Wörter zeigen seine Herzenslust mit Sprache zu spielen.

Er möchte „Heidelberg“ Mutter nennen, – kann man sich eine schönere Liebeserklärung vorstellen? Auf der Brücke stehend, ins Wasser schauend und dabei sich mütterlich verbunden fühlend mit seiner Geburtsstadt am Neckar. Und Heidelberg ist ihm so nah wie die Mutter!

Diese Brücke spiegelt ihm Gegensätze: „Leicht, wie ein Vogel des Waldes fliegt“ „schwingt“ sie sich über den Fluss und „kräftig“ tönt sie „von Wagen und von Menschen“. Und er, Hölderlin steht mitten in diesem Gegensatz, mitten im Dazwischen, zwischen zwei Welten, geprägt vom Schweren wie vom Leichten.

In Strophe drei fühlt er sich wie von einem „Götterzauber“ an die Brücke „gefesselt“ und zugleich reizt ihn die Ferne der Berge. In Strophe vier ist er „traurigfroh“ , anscheinend möchte er er bleiben und weiterziehen. Und in Strophe fünf wird klar, dass der Fluss wohltut und sich in ihm das liebliche Bild der Stadt spiegelt.

All diese Spannungen sind Teil eines Satzes, der sich über drei Strophen zieht.

Endlich, in Strophe sechs kommt das berühmte Hölderlinsche „Aber“. Schon 1800 ist das Schloss eine Ruine, „schicksalskundig“, „von Wettern zerrissen“. Welch wuchtige Bilder! Am Schicksal kommt keiner vorbei, selbst so ein prächtiges Schloss nicht. Hier sind wir dem Kern Hölderlinschen Denkens ganz ganz nah. Die Macht des Schicksals, das für Hölderlin zur Tradition der Tragödie gehört, wird hier klar angesprochen. Eigentlich ist es ja eine Tragödie, dass so ein Prachtbau derart zerfällt.

Aber diesem Zerfall widmet Hölderlin nur drei Zeilen, noch in der vierten Zeile der Strophe schafft er den Umschwung zum Sonnenlicht, das dann das „alternde Riesenbild“ „verjüngt“. Es „grünt“ , es ist „freundlich“ und die Wälder „rauschen“…, im Enjambement geht die sechste in die siebente Strophe über.

In der letzten Strophe findet Hölderlin zurück zur Stadt mit ihren „fröhlichen Gassen“ und „duftenden Gärten“. Zurück ins pralle Leben, das er sich so sehr wünscht. (Wir heute nicht auch?)

Auf dieser Alten Brücke, die Hölderlin so inspiriert hat, sollte am Wochenende das große Hölderlin Opening stattfinden. Abgesagt. Wie so viele anderen Veranstaltungen wo auch immer auch.

Statt dessen ein Hinweis aufs Fernsehen:

Friedrich Hölderlin. Dichter sein.Unbedingt (Dokumentation, 90 Min.)

arte, 25.3.2020, 22.15 Uhr oder SWR 29.3.2020, 20.15 Uhr

Ob in der „Musik zur Marktzeit“ in der Friedenskirche in Heidelberg-Handschuhsheim am 9.5.2020 der Textauszug aus Hölderlins Friedensfeier, den Johannes Michel vertont hat von der Kantorei uraufgeführt wird, steht derzeit wohl in den Sternen. Dazu mehr dann in der Tagespresse.

Theodor Fontane: Es kribbelt und wibbelt weiter

Die Flut steigt bis an den Ararat,
Und es hilft keine Rettungsleiter,

Da bringt die Taube Zweig und Blatt –
Und es kribbelt und wibbelt weiter.

Es sicheln und mähen von Ost nach West
Die apokalyptischen Reiter,
Aber ob Hunger, ob Krieg, ob Pest,
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Ein Gott wird gekreuzigt auf Golgatha,
Es brennen Millionen Scheiter,
Märtyrer hier und Hexen da,
Doch es kribbelt und wibbelt weiter.

So banne dein Ich in dich zurück
Und ergib dich und sei heiter,
Was liegt an dir und deinem Glück?
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Ein Altersgedicht von Fontane, der ja jetzt immer noch 200 Jahre alt ist, auch wenn der Hype um seinen Geburtstag am 31.12.2019 inzwischen abebbt (Hölderlin ist dran…)

Was mache ich mit dem Gedicht?

Es weist viele Auffälligkeiten auf:
In jeder Strophe ist die letzte Zeile fast gleich, einmal gibt es ein „und“ und einmal ein „doch“. Das heißt: Die Unruhe ist Ergebnis jeder Strophe. Unruhe aber nicht negativ gesehen sondern eher in dem Sinn: Die Welt geht nicht unter.

Was bedeutet das?

„Es“ kribbelt und wibbelt weiter. Wer ist das „Es“? Wohl die Menschheit, die hier wie ein Ameisenhaufen dargestellt ist. Man mag sich gleich anfangen zu jucken oder man spürt die Unruhe oder man merkt: Da will ich eigentlich gar nicht mitmachen. Jeder nach seinem Gusto.

In der ersten Strophe der Hinweis auf die Arche Noah, die Taube, die Zweig und Blatt bringt, eindeutige Hoffnungszeichen. Heute morgen bei mir nach dem Joggen der Blick in unseren Tulpenbaum, wo eine Meise ihr Nest fürs Frühjahr gefunden hat. Wie schön!

In der zweiten Strophe reiten uns dann die apokalyptischen Reiter entgegen. Und dagegen kommt keiner an. Die sicheln alles um, aber offensichtlich nicht komplett, denn: Es kribbelt und wibbelt weiter.

In der dritten Strophe fliegt Fontane durch Altertum und Mittelalter, die große dunkle Zeit, in der so viel geschah, was aus unseren heutigen Augen völlig unverständlich ist. Aber auch all das hat das Kribbeln nicht abgehalten, weiter zu machen.

Bis hierher nur beschreibt Fontane ja eigentlich nur Katastrophen, und die erzeugen Lähmung, Pessimismus. Da ist entweder zu viel Fatalismus in der Luft oder zu viel Weisheit, dass ich allein die Welt in ihrem Trott nun mal nicht aufhalten kann.

Und dann endlich in der vierten Strophe, ein „Du“ eine Ansprache,ein Individuum und das gleich mehrfach: „Dein Ich in Dich“. Und Fontane meint, ich möchte mich in mich zurück bannen. Was heißt denn das? Und dann soll ich mich auch noch ergeben. Worein denn? Und gleichzeitig heiter sein. Viele Forderungen, die mir wohl auferlegen, genau zu gucken, was Wert für mich hat und was nicht. Daher dann die rhetorische Frage: „Was liegt an Dir und Deinem Glück?“ Dem „Es“ liegt daran mit Sicherheit nichts. Das macht auch weiter ohne mich. Und das hat Fontane am eigenen Leib mehr als genug erfahren. Der Einzelne geht unter, wenn er nur mit kribbelt und wibbelt. Aber wenn er das Unabänderliche akzeptiert, dann kann sogar so etwas wie Heiterkeit entstehen.

Fontane tröstet nicht mit einem Hinweis auf metaphysische Mächte. Dafür war er zu märkisch. Er gibt die Frage an mich als Leserin weiter und da halte ich es mit einer sehr optimistischen Antwort: Der Welt liegt sicher viel an mir und meinem Glück, sonst würden nicht so viele Maßnahmen ergriffen werden, das zu schützen. Aber letztlich bin ich diejenige, die sich über die Konsequenzen dessen, was die Welt als „Glück“ ansieht für mich im Klaren sein muss. Vielleicht habe ich ja eine ganz andere Vorstellung vom Glück.

Von daher stelle ich bald wohl mal ein Glücksgedicht ein.